Simmel | Essays und Schriften, Band 4 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 135 Seiten

Simmel Essays und Schriften, Band 4


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1745-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 135 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1745-5
Verlag: Jazzybee Verlag
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Dieser Band beinhaltet die folgenden Werke Simmels: Studien zur Philosophie der Kunst, besonders der Rembrandtschen Über die Grundfrage des Pessimismus in methodischer Hinsicht Über eine Beziehung der Selektionslehre zur Erkenntnistheorie Über Geiz, Verschwendung und Armut Zu einer Theorie des Pessimismus Zur Soziologie des Adels - Fragment aus einer Formenlehre der Gesellschaft Vom Heil der Seele

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II.


Denken wir uns ein allwissendes Wesen nach Art des Laplaceschen Universalgeistes, welches die gesamten Lustempfindungen und die gesamten Leidempfindungen der Welt überblickt und durch passende mathematische Operationen feststellen kann, wieviel von dem einen und dem andern im Durchschnitt auf jedes empfindende Individuum kommt. Ein solcher lediglich beobachtender Geist würde von seinem objektiv-realistischen Standpunkt aus nur von denjenigen Individuen, deren thatsächliches Empfindungsquantum ein Minus von Lust gegenüber diesem Durchschnitt zeigt, behaupten, daß ihre Lustbilanz negativ sei; wer den genauen Durchschnitt aufweist, dessen Leben hätte genau soviel Lust, wie seiner Unlust äquivalent ist, etc. Da er keinen idealen Maßstab besitzt, aus dem sich a priori ergäbe, wieviel Lust da sein müßte, um das Leidquantum auszugleichen, so ist für ihn die Behauptung ganz sinnlos, daß es mehr Leid als Lust auf Erden gäbe. Da sich Lust und Leid nicht unmittelbar aneinander messen, da es ferner keinen dritten formalen Maßstab für sie giebt - wie er für Körpergrößen der verschiedensten Art der Meterstock ist -, so ist für ihn keine Schätzung der relativen Werte der Leid- und Lustquanta denkbar, als eine solche, die sich am Vergleich des einzelnen eudämonistischen Schicksals mit dem Durchschnitt ergiebt. Diesen Durchschnitt selbst groß oder klein zu finden, hätte für ihn keine andre logische Berechtigung als das Urteil, daß der Durchschnitt der Menschen in körperlicher Beziehung groß oder klein ist; der einzelne Mensch kann wohl groß oder klein sein, aber das heißt eben, daß er über oder unter dem Durchschnitt steht; dieser selbst ist weder groß noch klein, weil er dasjenige ist, an dem überhaupt erst Größe oder Kleinheit bestimmt werden kann. Die Erfahrungen, von denen wir am Schlusse von I. gesprochen haben, sind für diesen Geist also beschlossen in dem Wissen des wirklichen Verhältnisses zwischen Lust und Leid im Ganzen der Welt; so daß jede Lust genau soviel Schmerz aufwiegt, wie im Durchschnitt thatsächlich auf sie kommt und nur diejenige Lust zu teuer bezahlt ist, für die das erlittne Unlustquantum unter jenem realen Durchschnitt bleibt. Wir wollen nun untersuchen, ob der Axiolog, der über das Verhältnis von Lust und Leid für den Menschen überhaupt meditirt, mit Recht einen andern Maßstab annimmt, als ihn dieser Geist in absoluter Vollendung besitzt.

III.


Die ganze Frage nach dem Quantitätsverhältnis von Lust und Leid, das erforderlich wäre um sie sich gegenseitig ausgleichen zu lassen, kann man betrachten unter dem Bilde des Kaufes eines bestimmten Wertgegenstandes gegen ein bestimmtes dafür zu bringendes Opfer; nicht als ob dies ein bloßes Gleichnis und deshalb ohne stringente Beziehung wäre, sondern es drückt vielmehr das allgemeine Verhältnis aus, von dem jene Abwägung ein Spezialfall ist und dessen Gesetze und Bestimmungen deshalb auch für diesen bindend sind. Wir fingiren den absoluten Durchschnittsmenschen (dem eudämonistischen Schicksal nach), dem die Gesamtfreudensumme seines Lebens zum Kauf angeboten wird für die bestimmte Leidsumme, die er dafür zu übernehmen hat; der Pessimist sagt ihm nun: "Wenn du dies Geschäft machst, so kommst du nicht auf deine Kosten; du müßtest ein viel größeres Lustquantum erhalten, damit die Bilanz stimmt; die Freuden, die dir angeboten werden, sind mit dem geforderten Preis an Leiden zu teuer bezahlt."

Die so ausgesprochene Behauptung, man müsse die Freuden des Lebens mit mehr Schmerzen bezahlen als sie wert sind, ist also methodologisch ebenso zu behandeln wie die Klage, man sei mit einem gekauften Gegenstand überteuert worden. Offenbar aber habe ich zu dieser nur dann das Recht, wenn ich denselben Gegenstand von einem andern Verkäufer billiger bekommen kann; a priori und rein sachlich existirt nicht der geringste Zusammenhang zwischen dem gekauften Gegenstand und irgend einem Preise, sondern ganz allein die Konvention samt den auf sie einwirkenden äußern Bedingungen bestimmt einen Preis als den richtigen, als den, den die Sache wert ist; man kann deshalb - weder vom Standpunkt des Kaufmanns noch von dem des Konsumenten - von ihr sagen, sie sei mehr oder weniger wert, als durchschnittlich unter den bestimmten Umständen für sie bezahlt wird oder etwa aus der Analogie mit andern gleichfalls konventionell fixirten Warenpreisen zu erschließen ist. Es ist also nie eine Sache schlechthin billig oder teuer, sondern nur durch den Vergleich mit dem Preise, für den sie durchschnittlich zu bekommen ist; weder ist ein Diamant für 5000 Mark teuer, wenn er eben nirgends billiger zu haben ist, noch ein Kommißbrod für 10 Pfennige billig, wenn es überall so geliefert wird; andre Preise als die so real fixirten, resp. nach realen Analogieen zu fixirenden sich auszudenken und für die "richtigen" zu halten, ist eitel Phantasterei. Demgemäß ist die Klage, daß man die Freuden des Lebens mit zu vielen Schmerzen, also zu teuer, bezahlen müsse, nur dann gerechtfertigt, wenn dieselben Freuden allgemein und im Durchschnitt billiger zu haben sind; dieser Durchschnitt selbst ist aber weder teuer noch billig, weil er vielmehr das ist, woran die Teuerkeit oder Billigkeit des einzelnen Falles erst gemessen wird. Wie wir also - um bei dem in II. angeführten Beispiele zu bleiben - erst dann sagen dürften, der Durchschnittsmensch sei klein, wenn wir etwa von größern Menschenwesen auf andern Planeten wüßten, so können wir mit objektivem und logischem Recht erst dann sagen, der Mensch habe im Durchschnitt zu wenig Freuden im Verhältnis zu seinen Leiden, wenn dasselbe Freudenquantum irgendwo für ein geringeres Leidensquantum zu haben wäre. Aber ein solches darf nicht blos gedacht werden, sondern muß "mögliche Erfahrung" sein; andernfalls ist jene Behauptung eine bloße Erdichtung und zerstört völlig den Begriff des Wertes als einer an objektivem Maaßstab festzustellenden Größe. Der Satz: es gebe mehr Schmerzen in der Welt, als durch die in ihr vorhandnen Freuden aufgewogen würde, gleicht mit einer leicht vorzunehmenden mutatio mutandorum dem: es gebe mehr Diamanten in der Welt, als je bezahlt werden könnten. Der Preis der Diamanten richtet sich ja eben nach der Quantität, in der er existirt; und das Urteil, daß es - im Ganzen der Welt und unter Vernachlässigung der durch äußern Zufall entstehenden Ausnahmen - immer so viel kaufendes Geld gibt wie es zu kaufende Ware gibt, ist ein analytischer, weil der Preis überhaupt nichts ist als der analytische Ausdruck für das Verhältnis zwischen vorhandenem Geld und vorhandener Ware. Sowie der Schmerz in Abwägung gegen die Lust tritt, sowie nur ein einziges Mal zugegeben ist, daß ein gewisser Grad, von ihm durch irgend einen Grad von Lust aufgewogen werden könne - so unterliegen beide den allgemeinen methodologischen Grundsätzen und Bestimmungen über das Verhältnis einander ausgleichender Werte.

IV.


Die folgende Möglichkeit indeß scheint sich noch darzubieten, um die Negativität der Lustbilanz im Ganzen und Durchschnitt des Erdenlebens aufrecht zu erhalten. Man könnte den Lustwert des Lebens ungenügend finden gegenüber einem bestimmten Ideal, das das Leben erst lebenswert machte, wie man die vorhandne Sittlichkeit unzureichend findet gegenüber dem ethischen Ideal, das die Welt überhaupt erst zu einer wirklich wertvollen machen würde; so wenig der ideale Ethiker an dem Durchschnitt der menschlichen Handlungen den positiven oder negativen Wert einer Handlung ermißt, so wenig brauche es der Axiolog. Allein mit diesem Gleichnis begibt man sich der Möglichkeit, überhaupt je irgend einen Grad von Schmerz durch irgend einen Grad von Lust ausgleichen zu lassen. Denn vom Standpunkt des Ideals aus kann eine Unsittlichkeit nie "ausgeglichen" werden, das ethische Ideal kennt nicht jenen "Bauhorizont", den Hartmann für die eudämonistische Axiologie annimmt, über den ein solches Herausschreiten möglich ist, daß das Zurückbleiben unter ihm dadurch ausgeglichen wird. Wollten wir dies in das ethische Gleichnis einführen, wollten wir so das Vorkommen von etwas, was schlechthin nicht sein sollte, durch etwas, was schlechthin sein soll, ausgleichen lassen, so würden wir damit zu jener sittlich rohen Vorstellung greifen, als gäbe es überverdienstliche Handlungen, deren über das zu verlangende Maaß hinausreichende Sittlichkeit anderweitige Unsittlichkeit kompensiren könne. Jede reinere Sittenlehre weiß, daß noch mit dem höchsten, was der Mensch thut, er nicht über seine einfache Pflicht und Schuldigkeit hinausgeht und daß auch das Ideal des Handelns nichts andres bezeichnet als das, was wir wirklich sollen und können. Es gibt keinen Grad der Sittlichkeit, der eine unter der idealen Anforderung gebliebene Handlung wieder gutmachen könne, weil es keine gibt, welche über diese Anforderung etwa um denselben Grad hinausragte, um den jene hinter ihm zurückstand. Am Ideal gemessen, ist demnach jeder Kompromiß unmöglich. Und doch findet empirisch so etwas statt; wir haben die Vorstellung, als könne jemand durch eine ungewöhnlich edle That eine vorhergegangene unsittliche auslöschen. Hier ist also offenbar nicht mehr das Ideal der Maßstab, sondern die empirische Beobachtung, das durchschnittliche sittliche Wesen des Menschen; dieses ist dann als Nullpunkt gesetzt, über den hinaus zu gehen allerdings es ausgleichen mag, daß man ein anderes...



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