Simmel | Essays und Schriften, Band 5 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 139 Seiten

Simmel Essays und Schriften, Band 5


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1759-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 139 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1759-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieser Band beinhaltet die folgenden Werke Simmels: Vom Wesen der Kultur Vom Wesen der Philosophie Zum Verständnis Nietzsches Zur Erkenntnistheorie der Religion Zur Psychologie der Mode Zur Psychologie des Geldes Zur Soziologie der Familie Zur Soziologie der Religion

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I


Die fromm-gläubige Stimmung hegt oft den unklaren Begriff von Religion, als habe diese die Existenz Gottes oder die objektive Realität der Heilstatsachen unmittelbar in oder an sich.

Man braucht die Gültigkeit der religiösen Behauptungen, die Inspiration ihrer Gründer, die Wirklichkeit ihrer Gegenstände und des Verkehrs mit Gott keineswegs in Abrede zu stellen und muss dennoch daran festhalten, dass Religion als solche ein Vorgang im menschlichen Bewusstsein und weiter nichts ist.

Zugegeben, dass ein Verhältnis zwischen Gott und der einzelnen Seele besteht, so ist uns doch nur die in der letzteren belegene Seite desselben gegeben.

Religion ist nicht dieses Verhältnis als ein Ganzes gedacht, als die Einheit, welche seine Elemente zusammenschliesst.

Wenn etwa das Vertragsverhältnis des alten Testamentes oder das Kindschaftsverhältnis des neuen oder ein mystisches Verschmelzen zwischen Gott und Mensch vorliegt, so ist dies eine einheitliche, aus zwei Beziehungsrichtungen zusammengesetzte Tatsache, ein metaphysisches Geschehen, das wohl Religion begründet oder einschliesst, aber doch nicht die Religion ist - so wenig wie die Rechtlichkeit, als Form des individuellen Handelns, mit dem Recht, als einer objektiven Einungsart zwischen Menschen zusammenfällt.

Religion ist vielmehr nur das subjektive Verhalten des Menschen, durch welches er eine Seite jenes Beziehungsganzen bildet, oder vielleicht die subjektive Reaktion auf die Wirklichkeit desselben; sie ist durchaus ein menschliches Fühlen, Glauben, Handeln oder wie man sonst die Funktion einreihen mag, die unsern Anteil an dem Verhältnis zwischen Gott und uns ausmacht oder ausdrückt und die uns nur als ein Zustand oder Ereignis in unsrer Seele gegeben ist.

Um zu einer wissenschaftlichen Analyse des religiösen Wesens zu kommen, muss man von diesem Selbstverständlichen und doch so oft unklar Bleibenden ausgehen: die Tatsache, dass ein Gott die Welt geschaffen hat und lenkt, dass er mit Lohn und Strafe Gerechtigkeit übt, dass von ihm Erlösung und Heiligung ausgeht - das alles ist nicht Religion, wenn es auch der Inhalt ist, den wir religiös fühlen, behandeln, glauben.

Wie wir die objektive Welt, die den Inhalt des Denkprozesses bildet, von diesem Prozesse selbst zu unterscheiden haben, so den religiösen Inhalt, in seinem objektiven Bestande und Gültigkeit, von der Religion als subjektiv-menschlichem Prozesse.

Diese Scheidung ermöglicht die Einreihung der Religiosität unter einen weitausgreifenden erkenntnistheoretischen Gesichtspunkt.

Die grossen Kategorien unseres inneren Lebens: das Sein wie das Sollen, die Möglichkeit wie die Notwendigkeit, das Wollen wie das Fürchten, bilden eine Reihe, durch welche die Sachgehalte des Bewusstseins, die logisch fixierbaren, begrifflichen Bedeutungen der Dinge hindurchpassieren; man kann sie mit den verschiedenen Aggregatzuständen vergleichen, welche ein und derselbe chemische Stoff anzunehmen vermag, oder mit der Vielheit musikalischer Instrumente, auf denen eine und dieselbe Melodie, jedesmal aber mit einer besonderen Klangfarbe, gespielt werden kann.

Vielleicht sind es nur verschiedene begleitende Gefühle, die uns den gleichen sachlichen Inhalt bald als seiend, bald als nicht-seiend, bald als gesollt, bald als erhofft anzeigen, oder richtiger: die es bedeuten, dass er bald das eine, bald das andere ist.

Je nach ihrer Gesamtlage antwortet unsere Seele auf denselben Vorstellungsinhalt mit einem ganz verschiedenen Verhalten und rückt ihn eben damit in ganz verschiedene Bedeutungen für uns.

Es scheint nur nun, dass die Religiosität zu diesen grundlegenden formalen Kategorien gehört und so mit dem ihr eigenen Ton gewisse Vorstellungsinhalte ausstattet, welche aber in anderen Fällen auch die Anwendung anderer Kategorien auf sich gestatten.

Jene oben erwähnten Tatsachen: Gott und sein Verhältnis zur Welt, Offenbarung, Sünde und Erlösung können unter dem blossen Gesichtspunkte des Seins betrachtet werden, als metaphysische Tatsachen grösserer oder geringerer Beweisbarkeit; sie können unter die Kategorie des Zweifels geraten, jenes eigentümlichen inneren Oszillationszustandes, der aus dem Sein und dem Nichtsein eine neue spezifische Auffassungsform der Dinge bildet; gewisse von ihnen können unter die Kategorie des Sollens treten, so dass sie sozusagen als sittliche Anforderungen erscheinen, denen die Ordnung der Dinge und unsrer Seele zu genügen hat.

Und so nun, ohne dass ihr Inhalt sich im geringsten ändert, können sie religiöse Form besitzen - eine vielleicht ganz einheitliche Art ihres Fürunsseins, eine einheitliche Stimmung der Seele, die jenen Inhalten eine spezifische Bedeutsamkeit und Art des Daseins und Geltens leiht, die wir aber psychologisch nur als Komplex verschiedenartiger Gefühlsbestandteile beschreiben können- als Hingabe des Ich und gleichzeitiges Sich-Zurückempfangen, als demütige Bescheidenheit und leidenschaftliches Begehren, als Zusammenschmelzen mit dem höchsten Prinzip und Entferntsein von ihm, als sinnliche Unmittelbarkeit und unsinnliche Abstraktion unseres Vorstellens seiner.

Dass alle diese als einander widersprechend erscheinen, macht nur wahrscheinlich, dass das religiöse Phänomen nicht aus ihnen als einzelnen zusammengesetzt, sondern dass es eine innere Einheit sul generis ist, deren nachträgliche Konstruktion nur durch gegenseitig sich einschränkende psychologische Gegensatzpaare geschehen kann.

Wie im Äusserlich-Praktischen derselbe Gegenstand durch eine Reihe von Interessenprovinzen zirkulieren kann, deren jede ihn mit einer besonderen Wichtigkeit, einer besonderen Reaktion unserer Willenszentren auf ihn ausstattet- so werden jene transzendenten Begriffe bald von einem inneren Spannungszustand getragen, der ihre theoretische Bedeutung, nach Sein oder Nicht-Sein ausmacht, bald von einem, den wir etwa dichterisch nennen können, indem er, ganz jenseits der Realitätsfrage, nur die so erreichte Harmonie des Weltbildes formal-ästhetisch geniesst, bald von dem spezifisch religiösen, der vielleicht den erstgenannten voraussetzt, ihn vielleicht auch erst begründet, keinesfalls aber mit ihm zusammenfällt; er stellt vielmehr eine eigene und unverwechselbare Tonart dar, in der unsere Seele die Melodie jener Inhalte spielt.

Mit dieser Betrachtungsweise wird folgendes für die Theorie der Religion gewonnen.

Erstens wird die Religiosität als eine einheitliche und fundamentale Verfassung der Seele erkannt, so dass die Bedeutsamkeit und Geltungsart, welche sie den von ihr ergriffenen Inhalten mitteilt, in derselben Reihe steht wie die Kategorien des Seins, des Sollens, des Wollens etc. von Inhalten; dadurch bekommt die von ihr geschaffene Welt eine Selbständigkeit, die nun nicht mehr immer auf die Legitimation seitens der Welten jener Kategorien zu warten braucht, sondern diesen koordiniert ist.

Diese Kategorien verhalten sich zu einander, wie cogitatio und extensio bei Spinoza: jede drückt in der ihr eigenen Sprache das gesamte Sein aus und eben deshalb kann keine in die andere übergreifen.

Ist Religiosität eine von ihnen, ist sie wirklich das gesamte Sein, von einem besondern Standpunkt aus gesehen, so lehnt sie nicht nur jede Prüfung an den Weltbildern der Wirklichkeit oder des Wollens u.s.w. ab, sondern auch jede innere, sachliche Gemeinschaft und Verwehung mit diesen, so sehr alle diese im Leben des Individuums sich in "Gemengelage" darbieten mögen.

Zweitens hat die so vollbrachte begriffliche Lösung der Religiosität als solcher von ihrem mehr oder minder dogmatischen Einzelinhalt vielerlei wesentliche Konsequenzen.

Wenn die Religiosität eine Vergegenwärtigungsart bestimmter begrifflicher Inhalte ist, so wird begreiflich, dass bei allem Wechsel oder Entwicklung der letzteren die Innigkeit und subjektive Bedeutung der religiösen Stimmung selbst ganz die gleiche bleiben kann, gerade wie alle einander fremden oder widersprechenden Inhalte des Seins doch das eigentümliche Realitätsgefühl, das wir als ihr Sein objektivieren, in gleicher Art und Stärke besitzen und wie alle sich bekämpfenden Moralvorschriften die Form, die sie eben zu moralischen macht: das Sollen, mit einander teilen.

Ferner folgt aus eben diesem Umstand, dass weder die religiöse Stimmung irgend einen bestimmten Inhalt logisch notwendig macht, noch dass ein solcher in sich allein die logische Notwendigkeit, zur Religion zu werden, besitzt.

Auch aus dem Gefühl oder Begriff des Seins lässt sich kein konkreter Einzelinhalt herauspressen; erst wenn dieser aus anderweitigen Quellen geflossen ist, kann er, eine...



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