E-Book, Deutsch, Band 1, 176 Seiten
Reihe: Ein Fall für Paul Gertsch
Simon Die geschenkte Leiche
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7152-7573-4
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Gertsch-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 1, 176 Seiten
Reihe: Ein Fall für Paul Gertsch
ISBN: 978-3-7152-7573-4
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Wer nimmt, dem wird gegeben.« Das ist das Motto von Paul Gertsch. Der Fünfzigjährige betreibt einen Trödelladen in Bern. In der Regel kommen Leute mit der Absicht, ihren alten Kram in Zahlung zu geben. Nicht selten gehen sie mit neuem Kram. Weniger oft kommen Leute, die Gertsch einen besonderen Auftrag erteilen wollen, einen Auftrag, der im Flüsterton geäußert wird und für den eine Anzahlung getätigt werden muss: Bargeld in unbeschrifteten Kuverts. So räumt Gertsch gemeinsam mit seiner Tochter etwa ein gut überwachtes Luxuschalet in Gstaad aus – die Art Familienausflug, die sie beide schätzen – oder macht seinen Auftraggeber durch einen fingierten Raubüberfall zum Helden eines Theaterabends und verhilft ihm so zur Beförderung. Als Gertsch die Leiche eines landesweit bekannten Unternehmers untergeschoben wird, muss er all seine Fähigkeiten aufbieten, um sich die Polizei vom Leib zu halten. Aus dem Dieb wird ein Detektiv, und bei der Aufklärung des Falls sind ihm nicht nur legale Mittel recht.
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Gertsch hatte Alina vor ihrer Bleibe abgesetzt, hatte dieBeute an einen sicheren Ort gebracht, er hatte vier Stunden geschlafen, und jetzt wischte er frühmorgens den Bereich vor seinem Trödelladen am Seidenweg, einer unspektakulären Seitenstraße im Norden Berns.
Einem aufmerksamen Beobachter wäre vielleicht die Müdigkeit in Gertschs Augen aufgefallen oder sein vom Muskelkater erschwerter Gang. Verdammte Mauerkletterei. Gertsch legte Wert auf eine saubere Erscheinung, was man an der tadellosen schwarzen Jeanshose und dem frischen T-Shirt sofort erkannt hätte. Aber niemand der Passantinnen und Passanten kümmerte sich um ihn, an einem grauen Montagmorgen wie diesem waren alle mit sich selbst beschäftigt.
– der Name des Trödelladens versprach vielleicht mehr Eleganz und Romantik, als er halten konnte. Der Laden lag im Parterre eines mehrstöckigen Gebäudes, eingezwängt zwischen zwei Barbershops. – eine Boutique, ein Trödelladen, eine kleine Brockenstube. In Zürich oder Basel hießen solche Läden , oder , oder kokett: .
An Laufkundschaft hatte der Trödelladen die Anwohnerinnen und Anwohner und die Leute, die aus dem Bus an der Mittelstrasse ausstiegen, um sich am Eck in der Metzgerei mit Bio-Grillgut einzudecken oder in der Kindertagesstätte ein Kind abzuliefern. Studierende eilten die Mittelstrasse hinauf zu ihren Vorlesungen in den verschiedenen Universitätsgebäuden und würdigten das überladene Schaufenster von mit seinem Angebot an Kleidern, Geräten, Möbeln, Instrumenten, Schmuck, Geschirr, Spielzeug und Plunder mit einem kurzen, verträumten Blick.
Gertsch stützte sich auf den Besen und sah hoch zum bedeckten Himmel über Bern. Wie so oft. Gertsch konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als jeden Morgen aufzustehen, vor die Tür zu gehen und in einen blauen Himmel zu blicken. Den Rest seines Lebens würde er gern so verbringen: in einen blauen Himmel blickend. Gertsch war fünfzig. Er ging davon aus, dass der Rest des Lebens längst angebrochen war. Die Boutique warf nicht viel ab. Mit Aufträgen wie dem, der ihn und Alina letzte Nacht ins Saanenland geführt hatte, hielt er sich über Wasser. Mit der abgeschlossenen Theaterschule Accademia Teatro Dimitri waren hoffentlich die teuersten Unterhaltsjahre seiner Tochter überstanden.
In der Regel kamen Leute in den Laden mit der Absicht, ihren alten Kram zu verschenken oder in Zahlung zu geben. Nicht selten gingen sie mit neuem Kram wieder hinaus. Weniger oft kamen Leute in den Laden, die sich von Gertsch die Erledigung eines besonderen Auftrags erwünschten, eines Auftrags, der im Flüsterton geäußert und mit Bargeld in unbeschrifteten Kuverts angezahlt wurde. Gertsch war offen für alles, außer Auftragsmord, wofür man mit ein bisschen Werbung durchaus eine Nachfrage hätte schüren können, glaubte er in besonders pessimistischen Momenten. Er wünschte sich sehnlichst Aufträge, mit denen er sich rasch einen blauen Himmel ansparen konnte.
Zurück im Laden lehnte Gertsch den Besen an eine Schaufensterpuppe. Die Puppe steckte in einem elfenbeinfarbenen Brautkleid, das um die Taille zu locker saß. Trotzdem hatte sie einen wahrhaft zauberhaften Eindruck gemacht, bevor sie den Besen zu halten bekam. Die Schaufensterpuppe gehört ins Schaufenster, dachte Gertsch, aber ehe er sich darum kümmern würde, setzte er im Wasserkocher Wasser auf, füllte ein Tee-Ei mit getrockneten Pfefferminzblättern und hängte das Ei in die Kanne. Alles Aktionen, die seine volle Konzentration erforderten.
Als das Glöckchen über der Tür klingelte, goss Gertsch mit dem Rücken zur Tür das heiße Wasser in die Kanne. »Komme sofort«, sagte er, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen.
Er fragte sich, wer in den Laden gekommen war. Jemand, der etwas Bestimmtes suchte, oder jemand, der sich »nur mal etwas umsehen wollte«? Gertsch tippte auf jemanden aus der dritten Kategorie: Jemand, der ihm einen alten Toaster und weiteren Sperrmüll unterjubeln wollte, um sich die Entsorgungsgebühren zu sparen.
Aber es war niemand aus diesen drei Kategorien.
Er wandte sich um. »Tee?«, fragte er die Frau, deren Chalet in Gstaad er letzte Nacht mit Alinas tatkräftiger Unterstützung leer geräumt hatte.
»Haben Sie auch Kaffee?«, fragte die Informatikerin.
»Kaffee, sicher, einen Moment, Frau Hurni«, sagte er. Viel mehr als ihren Namen, ihren Beruf und ihr Wochenenddomizil kannte Gertsch nicht.
Die Frau sah sich um, während Gertsch neues Wasser kochte, in eine Tasse goss, zwei Löffel Nescafé einrührte und ihr die Tasse rüberschob.
»Die Stühle passen nicht zusammen.«
»Sie stehen zum Verkauf. Einzeln. Sie müssen nicht zusammenpassen.«
»Es wirkt ein bisschen traurig, finden Sie nicht?«
»Kaufen Sie sie, das hebt sofort die Stimmung. Lieferung frei Haus. Die Adresse kenne ich ja.«
»Deswegen bin ich hier. Wo sind meine Sachen?«
»Anderswo.«
»Da bin ich beruhigt, ich befürchtete schon, Sie verkauften sie im Laden.«
»Gestohlene Ware im Laden zu verkaufen wäre recht leichtsinnig. Egal, ob die Ware von mir gestohlen worden ist oder von jemand anderem.«
Die Frau kam zur Theke und richtete den Blick auf das trübe Getränk, ohne es anzufassen.
»Wann bekomme ich die Sachen zurück?«
»Wollen Sie sie denn zurück?«
»Es sind Erbstücke. Emotionen.«
»Ich dachte, Sie hassten diesen ganzen – wie nannten Sie ihn? – Schrott. Sie haben mir erzählt, Ihr Vater sei Kunstliebhaber gewesen, und nun, da er gestorben sei, hätten Sie kein Interesse daran, alles regelmäßig abstauben zu lassen.«
»Wann bekomme ich die Sachen zurück?«
»Es ist ein großes Risiko, sie zurückzunehmen.«
»Ich werde sie nicht behalten.«
»Sie wollen doppelt kassieren? Erst die Versicherung und dann alles verscherbeln?«
»Warum nicht?«
»Nur weil ich Ihnen beim einen Betrug dienlich bin, heißt das nicht, dass ich Ihnen auch den zweiten raten würde.«
»Ich verkaufe sie anonym im Netz.«
»Nun.«
»Meine Angelegenheit, wollen Sie sagen?«
»Sie schulden mir übrigens noch die zweite Hälfte des Honorars.«
»Sie haben doch Handschuhe getragen?«
»Sie kennen sich aus, wie? Es lief alles wie geplant. Die Polizei wird genügend Spuren finden, um die Geschichte mit dem Einbruch zu bestätigen, aber nicht genug, um den Täter zu finden. Sie kassieren die Versicherung, ich kassiere mein Honorar, alle sind glücklich. Abgesehen vom Rechtsstaat.«
»Es könnte Sie jemand gesehen haben. Vielleicht waren Sie nicht so vorsichtig, wie Sie meinen. Was ist, wenn die Polizei Sie schnappt? Nur für den schlimmsten Fall. Ich würde es gern wissen.«
»Ich nehme das bittere Los des Freiheitsentzugs auf mich, Frau Hurni.«
»Sie könnten versucht sein, zu verraten, wer und was hinter dem Einbruch steckt.«
»Ich bin an guten Geschäftsbeziehungen interessiert. Könnte ich nicht schweigen, wäre es sofort vorbei mit meinen Geschäftsbeziehungen, vor allem mit den guten.«
»Vielleicht wäre es das Klügste, wenn ich Sie beseitigen ließe, damit ich vor Ihnen sicher bin?«
»Ich habe gewusst, dass Leute, die tagein, tagaus Computerprogramme schreiben, ein kaltes Herz haben.«
»Wissen Sie, wo ich jemanden finde, der Sie erledigt?«
»Googeln Sie.«
»Wahrscheinlich haben Sie irgendwo einen USB-Stick versteckt, den eine Vertrauensperson den Behörden übergibt, genau für den Fall, dass Ihnen etwas zustoßen sollte, stimmt’s?«
»Das Einfachste wird sein: Sie bezahlen die zweite Hälfte des Honorars, lassen sich die Versicherung auszahlen und erleichtern sich die lange Trennungszeit von Ihren Erbstücken mit einer kleinen Reise in die Karibik.«
»Nichts anderes hatte ich vor. Haben Sie etwas mit dem Feuer zu tun?«
»Mit welchem Feuer?«
»Die Alphütte.«
»Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«
»Schochs Alphütte ist abgebrannt. Am Hang gegenüber von meinem Chalet. Luftlinie zweitausend Meter. Es kam in allen Nachrichten heute.«
Gertsch erinnerte sich. Die Sirenen der Feuerwehr, die sie gehört hatten. Der Brand, den er über die Mauer des Chalets hinweg beobachtet hatte. »Sind Menschen gestorben?«
»Nein, glücklicherweise nicht.« Sie tippte auf ihrem Handy herum, bis sie die Nachrichtenseite fand, und zeigte Gertsch ein Video – auf stumm geschaltet. Lodernde Flammen an Hauswänden. Ein Mann, der ins Mikrophon eines Reporters spricht. Eine junge Frau im Hintergrund, die ungläubig in das Inferno schaut.
»Das ist Schoch. Ihm gehört die Hütte … gehörte die Hütte. Charles Schoch, der Architekt. Sie haben doch sicher schon von ihm gehört?«
Gertsch zuckte die Schultern.
»Haben Sie etwas damit zu tun?«
»Weshalb sollte ich damit etwas zu tun haben?«
»Vielleicht ein Ablenkungsmanöver?«
»Wenn Sie sich bei jemandem in den Computer hacken, sprengen Sie dann als Ablenkungsmanöver den Fahrradständer auf der gegenüberliegenden Straßenseite in die Luft?«
»Ich bin keine Hackerin. Oder versuchen Sie originell zu sein?«
» haben angefangen damit. Ablenkungsmanöver! Hören Sie, das ist alles furchtbar interessant, aber …«
»Oh, ich will Sie natürlich nicht aufhalten.« Sie blickte sich im leeren Laden um. »Sieht so aus, als führten Sie hier ein sehr erfolgreiches Geschäft.«
Gertsch schwieg.
»Wann...




