Simon | Die Geschichte eines schönen Mädchens | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Simon Die Geschichte eines schönen Mädchens

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8412-0555-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-8412-0555-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein geheimes Versprechen und eine außergewöhnliche Liebe.

Amerika im Jahr 1968: Die Witwe Martha lebt in ihrem abgelegenen Haus ein einsames Leben. Nur an Weihnachten erhält sie von ehemaligen Schülern Besuch. Dann jedoch stehen zwei wildfremde, verzweifelte Menschen vor ihrer Tür: das Mädchen Lynnie und Homan, ein tauber Afroamerikaner. Beide sind aus einer nahen Anstalt geflohen. Wenig später tauchen ihre erbarmungslosen Wächter auf. Während Homan über den reißenden Fluß entkommen kann, wird Lynnie in ihr trostloses Dasein zurückgebracht. Doch was ihre Häscher nicht wissen: Lynnie hat kurz vor ihrer Flucht ein Mädchen geboren und in dem Haus der Witwe verstecken können. In einem geheimen Augenblick verspricht Martha sich um den Säugling zu kümmern. Eine große epische Reise beginnt, die über vierzig Jahre währt ...



Rachel Simon, 1959 geboren, hat in den USA mehrere Romane geschrieben, doch der Durchbruch gelang ihr mit 'Die Geschichte eines schönen Mädchens'. Die Vorlage für dieses Buch lieferte ihr das Leben ihrer behinderten Schwester. Sie lebt mit ihrem Mann, einem Architekten, in Delaware.

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1968


Am Weihnachtstag brachten sie Lynnie endlich zurück.

Damit hatte sie nicht gerechnet. Nach allem, was sie wusste – »Die Angeklagte Nein-Nein muss ihre Schuld sühnen«, hatte ihr Clarence mit falschem Mitgefühl erklärt –, sollte ihre Bestrafung für immer sein. Fünf lange Wochen hatte sie in Q-1 gelebt und gearbeitet. Q-1 war das Quartier für Insassen, die nicht allein zurechtkamen oder als besonders widerspenstig angesehen wurden. Einige wurden sogar auch tagsüber in Gitterbetten gehalten, und ein Arbeitsmädchen wie Lynnie musste diese Betten in den Aufenthaltsraum mit dem Fernseher schieben. Clarence und sein Kumpel Smokes kamen am Morgen nach Lynnies Festnahme und begleiteten sie zu Q-1. Sie waren auch diejenigen gewesen, die ihr Fesseln angelegt hatten, während sie noch schlief – »damit du nicht wieder weglaufen kannst«, meinte Smokes, während er die Riemen aufschnallte. Er hatte einen Zahnstocher im Mund und kaute darauf. Lynnie wusste, dass die Fesseln dazu da waren, sie an Ort und Stelle zu halten, dennoch wand sie sich heulend und knirschte mit den Zähnen.

Die Demütigungen beschränkten sich nicht auf die Lederriemen. Nachdem Clarence und Smokes sie in das Q-1-Cottage geführt hatten, verkündete Smokes: »Du wirst ab jetzt in einem Gitterbett schlafen, weil du ein großes Baby bist.« Dann wechselte er einen Blick mit Clarence und brach in Gelächter aus. Danach zeigte ihr Janice ihr vergittertes Bett, und Bull schloss ihre spärlichen Habseligkeiten weg. Sie drückten ihr eine Art Schrubber in die Hand – den Blocker, wie sie es nannten, mit dem schweren Klotz am Ende, um den man ein Tuch wickeln musste, wenn man die Böden bohnern sollte, die bereits gebohnert waren. Am liebsten hätte sie ihnen das Ding zurückgeschleudert. Aber Lynnie zwang sich zur Fügsamkeit und achtete darauf, immer so zu stehen, dass sie zu einem Fenster aufschauen konnte. Sie dachte: Buddy ist unter demselben Himmel, und er wird zurückkommen. Sie stellte sich vor, wie er hinter der Scheibe auftauchte und ihr mit seinen Händen sagte, dass sie noch einmal durchbrennen würden. Sie hatte gesehen, wie Männer über die unterirdischen Gänge zur Mauer liefen, und in Autos stiegen, um zu der alten Dame zurückzufahren … Würde die Lady ihnen zeigen, wo sie das Baby versteckt hatte?

In den ersten Tagen, als die Milch in Lynnies Brüsten versiegte und ihre Arme vor Sehnsucht schmerzten, das Baby zu halten, überwog die Freude in ihren Fantasien den Zorn über die Bestrafung. Doch am Ende der ersten Woche begann sie, sich Sorgen zu machen. War Buddy etwas passiert? Was, wenn er zurückkehrte und nicht wusste, dass sie in Q-1 festgehalten wurde? Oder wenn er sich bei der Suche nach ihr in den unterirdischen Gängen verirrte? Oder wenn ihn jemand, der annahm, er wüsste über die Vorgänge in der Kammer Bescheid, aufgespürt hatte?

Nur gut, dass die Bewohner von Q-1 so lustig waren. Gina brüllte vor Lachen, wenn die Benson & Hedges-Werbung im Fernsehen lief – den Rauchern passierte immer etwas, wobei ihre Zigaretten in zwei Hälften zerbrachen. Tammy wiegte sich neben dem Wäscheschrank vor und zurück, und wenn Bull ihn aufschloss, schnappte sie sich ein Handtuch und lief davon. Aus dem Handtuch machte sie ein Spielzeug, mit dem sie sich stundenlang amüsieren konnte. Marion äffte das Pflegepersonal und vor allem Onkel Luke nach, manchmal direkt hinter dem Rücken des Betreffenden. Doch Lynnie war entsetzt, wie sehr die Pfleger die Bewohner von Q-1 vernachlässigten. Sie beachteten es gar nicht, wenn Tammy mit dem Kopf gegen die Wand schlug, bis ihre Stirn blutete, oder ließen Gina den ganzen Tag in ihren Exkrementen liegen. Und Lynnie hasste es, dass sie wegen ihrer Arbeit, die der des Personals ähnelte, auch hin und wieder zur Zielscheibe für Marions Spott wurde.

Das Beste an ihrem Aufenthalt in Q-1 war, dass sie nicht mehr in Clarence’ und Smokes’ Nähe kam. Fünf Wochen lang, in denen sie aus den Fenstern spähte und auf Buddys Rückkehr vorbereitet war, beobachtete sie, wie Clarence und Smokes – die eigentlich für die zweite Schicht eingeteilt, aber, da sie auf dem Gelände wohnten, ständig präsent waren – Tag und Nacht um die Cottages der Jungs herumschlichen. Die Quartiere der Jungs waren nicht weit weg von A-3, doch Q-1 befand sich am Fuß des Hügels.

Janice und Bull hatten tagsüber Dienst, Ruthanne in den Nächten. Alle drei waren groß und kräftig wie die meisten Pfleger in den Häusern mit den schwierigeren Patienten. Allerdings waren sie nicht gemein zu ihren Schützlingen, dafür sträflich nachlässig.

Wenn Lynnie von Janice und Bull geweckt wurde, brauchte sie nicht auf der Hut zu sein, trotzdem begrüßte sie den neuen Tag nie mit Freuden. Das war in A-3 ganz anders. Dort hörte sie, noch ehe sie die Augen aufschlug, wie Doreen drauflosplapperte und ihre Fantasieunterwäsche beschrieb, die sie gleich anziehen würden. Während sie ihre schäbige Anstaltskleidung anlegten, taten sie so, als wären sie Filmstars. Und sie sahen Kate, die mit ihrem bunt bestickten Kittel und dem aufgetürmten roten Haar hereinkam, um die Morgenschicht zu übernehmen.

Aber die Traurigkeit beim Aufwachen war gerade gut, wie sich Lynnie jeden Morgen ins Gedächtnis rief. Sie würde weglaufen, und da das die schlimmste Regelverletzung kurz vor einer Gewalttat war, musste ihr das Wenige, was sie glücklich machte, versagt bleiben: Doreen, die Wäscherei, die Besuche in Kates Büro. Wann immer sie an all das dachte, biss sie die Zähne zusammen. Insgeheim war sie froh, dass niemand wusste, welch viel größeren Verlust sie noch erlitten hatte. Allerdings hätten sie es ahnen können, wenn ihnen aufgefallen wäre, dass Lynnies Bewegungen mit jedem Tag schwerfälliger wurden, und der Trotz, der sie zur Flucht über die Mauer veranlasst hatte, purer Resignation wich.

Aber nun, am Weihnachtsmorgen, entdeckte Lynnie, während sie träger denn je den Boden im Schlafsaal blank wienerte, etwas Rotes im Flur.

Sie hielt inne. Konnte das Kates roter Haarschopf sein? Kate war in all den Wochen nur einmal hier gewesen. Auch wenn sie Oberschwester war, musste sie sich doch an die Regeln halten. Anders als Clarence und Smokes, die sogar mit ihren Hunden überall herumstreunen durften – schließlich war Smokes Onkel Lukes Bruder –, war Kate auf die ihr zugeteilten Cottages beschränkt. Andererseits brach Kate oft die Regeln.

Und es war Kate! Sie stand auf der Schwelle zum Schlafsaal!

Lynnie rührte sich nicht, als Kate eine volle Minute dastand und sie mit gequältem Blick ansah. Lynnie hätte um ein Haar Buddys Geste für Komm her gemacht. Sie hörte selbst, wie sie leise ächzte.

Endlich klärte sich Kates Miene, und sie sah aus wie immer. Sie räusperte sich und sagte mit rauerer Stimme als sonst: »Hi, Süße. Ich hole dich zurück in die A-3.«

Lynnie ließ den Schrubber fallen und rannte quietschend und mit ausgebreiteten Armen an der Reihe der Gitterbetten entlang. Kate hatte auch die Arme ausgestreckt, und Lynnie warf sich ihr an den Hals.

Wie wunderbar! Kate roch noch nach Kate – nach Zigaretten, Gardenienseife und ihrem natürlichen Duft –, und ihre Wangen waren weich, die Brüste groß und tröstlich. Lynnie wusste, dass sie selbst stank wie alles in diesem Cottage, aber Kate hielt sie trotzdem fest.

Wenn Kate zurückkommen kann, dachte Lynnie, dann kann es Buddy auch.

Sie lösten sich voneinander. Kates kleineres Selbst spähte aus ihren Augen, und Lynnie registrierte, dass es kleiner denn je war. Trotzdem lächelte sie, wenn ihr Lächeln auch von Traurigkeit gezeichnet war. Lynnie spürte, dass sie auf dieselbe Art lächelte.

»Komm, wir holen deine Sachen«, schlug Kate vor und deutete auf die Schachtel, die sie neben die Tür gestellt hatte. »Ich soll dich noch vor dem Mittagessen zurückbringen.«

Lynnie konnte gehen! Gleich sofort! Sie ließ den Kopf kreisen – nicht, um dem Hier und Jetzt zu entfliehen, sondern um eine Erinnerung an Buddy zu finden, damit sie diesen Augenblick mit ihm teilen konnte. Sie brauchte nur einen einzigen Kreis zu vollziehen und sah ihn vor sich, wie er sie durch ein Maisfeld führte und lachte, weil niemand sie zwischen den hohen Halmen sehen konnte. Dann drehte er sich zu ihr, nahm sie in die Arme und küsste sie. Sie gab sich dem Kuss hin, und die ganze Welt um sie herum versank ins Nichts. Der Kuss dauerte ewig, und als sich ihre Lippen trennten, schwebte eine rote Feder vom Himmel herab und landete zwischen ihnen. Lynnie sah Buddy an und er sie, da geschah etwas mit ihr, was sie sich nie hätte vorstellen können.

Lynnie folgte Kate durch den Gang zwischen den Gitterbetten zum Schrank, doch obschon ihr leichter ums Herz war als in den ganzen letzten Wochen, waren ihre Schritte nicht beschwingt. Als sie zu ihrem Bett kamen, sagte Kate: »Willst du mir nur beim Packen zusehen?«

Lynnie nickte.

Kate drückte das seitliche Gitter herunter, so dass sich Lynnie auf das Bett setzen konnte, und holte einen Schlüsselbund aus ihrer Tasche. Jemand tut etwas für mich, dachte Lynnie. Doch das Glücksgefühl, das ihr dieser Gedanke schenkte, konnte die große Trauer nicht vertreiben.

Die Schranktür war so verbeult, dass sie klemmte. Kate hatte Mühe sie aufzubringen, doch als es ihr endlich gelang, warf Lynnie einen Blick in die Fächer. In einem lagen ihre ganzen Schätze. Lynnie schnappte nach Luft, als Kate einen nach dem anderen aufs Bett legte. Als Erstes das weiße Kleid von der alten Lady – der Stoff war so fein und zart wie...



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