E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Lübbe
Simon Und dann kam das Glück
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2113-4
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die kleine Straße in Belleville. Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7517-2113-4
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In der Rue de la Chance wartet das Glück
Die schüchterne Floristin Chloé hat eine ganz besondere Beziehung zu Blumen, was man ihrem gut laufenden Blumenladen in der Rue de la Chance im Pariser Künstlerviertel Belleville sofort anmerkt. Alles könnte so schön sein, wenn da nicht dieser penetrante Baulärm von nebenan wäre, der die wundervolle Atmosphäre ihrer Blumenwelt zerstört und die Kunden vergrault. Doch jedes Mal, wenn Chloé auf den charmanten Vorarbeiter Ben trifft, vergisst sie sofort, sich über den Lärm zu beschweren. Ihre besten Freunde wollen Chloé zu ihrem Glück verhelfen, richten dabei aber mehr Chaos an als geplant. Doch in der Rue de la Chance werden trotz aller Widerstände immer wieder Träume wahr ...
Clara Simon ist ein Pseudonym von Ann-Kathrin Karschnick, geboren 1985, die als "Frau im grünen Kleid" in der Phantastik-Szene bekannt ist. Sie veröffentlichte bereits zahlreiche phantastische Romane bei verschiedenen Verlagen und wurde für Phoenix - Tochter der Asche 2014 mit dem Deutschen Phantastikpreis ausgezeichnet. Als Violet Thomas schreibt sie seit 2020 Happy-Tears-Romane bei Bastei Lübbe.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
»Möchten Sie den Rosenstrauß verschenken oder soll ich ihn nur in Papier einschlagen?«, fragte ich Madame Petit, die schon seit der Eröffnung meines Blumenladens zu den Stammkunden gehörte. Immer wenn sie bei jemandem eingeladen war oder ihren Mann auf dem Friedhof besuchen wollte, kam sie vorher zu mir ins Rose Rouge und ließ sich einen Strauß Blumen oder ein Gesteck der Jahreszeit entsprechend zusammenstellen.
»Was sagst du, Chloé?« Madame Petit runzelte die Stirn und deutete aus dem Fenster neben der Tür. »Ich verstehe dich nicht, wenn es so laut ist.«
Ich seufzte, nickte und erwiderte etwas lauter: »Der Baulärm ist hoffentlich bald vorbei.«
Obwohl ich den Kunden das stets sagte, glaubte ich kaum noch daran. Seit nun schon drei Wochen wurde im Nachbarhaus von morgens bis abends gehämmert, gesägt und gebohrt. Es war vor einem halben Jahr verkauft worden. Monsieur Chan, der ehemalige Besitzer, hatte dort einen Antiquitätenladen betrieben, den er schweren Herzens aufgeben musste, da es nicht mehr so gut lief wie früher. Zuerst hatte er mir das Haus zum Kauf angeboten, aber das ließen meine Finanzen nicht zu, sosehr ich mir auch eine Ladenvergrößerung wünschte. Allerdings wünschte ich mir nun, ich hätte damals irgendwie das Geld aufgetrieben, dann würde das Sägen jetzt nicht Madame Petit und, was noch viel wichtiger war, meine Blumen stören.
»Ich wollte nur wissen, ob Sie den Strauß als Geschenk verpackt haben möchten«, sagte ich, als der Krach für einen Moment aufhörte und wohltuende Stille herrschte.
»Ach so, ja, das wäre nett von dir. Ich bin zum neunzigsten Geburtstag einer langjährigen Freundin eingeladen.« Sie deutete auf den Apothekerschrank hinter mir, in dessen zahllosen Schubladen ich die Dekorationen aufbewahrte. »Du musst dir aber nicht viel Mühe machen, sie sieht nämlich nicht mehr so gut.«
Ich schmunzelte. »Dann gebe ich mir die größte Mühe, es nicht zu hübsch zu gestalten.«
»Das klappt bei dir sowieso nicht, Kindchen.« Madame Petit lachte leise. »Dafür liebst du deine Blumen zu sehr.«
Wie recht Madame Petit damit hatte. Pflanzen begleiteten mich schon mein ganzes Leben lang. Sie waren immer für mich da, auch dann, wenn die Welt um mich herum mal wieder zu laut war.
»Nervt es dich nicht?« Madame Petit drehte sich zu mir, schob die grün-gelbe Blumenvase mit der schneeweißen Calla ein Stück beiseite und stieß dabei gegen den Klebefilmabroller, der immer bereitstand, um die Sträuße zu verpacken.
Ich lächelte sie an, während ich zu der Schnittschere griff, um die Blumenstiele zu kürzen. »Es geht schon«, erwiderte ich nur, obwohl mich der Lärm in den Wahnsinn trieb.
Am liebsten hätte ich dem Bauleiter gesagt, wie sehr es mich störte, aber bereits bei dem Gedanken an eine Konfrontation wurde mir übel. Im Gegensatz zu meinem besten Freund Pierre, der eine wunderschöne Kerzenmanufaktur schräg gegenüber besaß, war ich nicht so mutig, einfach rüberzugehen.
Doch wenn ich ehrlich war, musste ich mir eingestehen, dass der eigentliche Grund für meine Scheu der Bauleiter war. Ben. Zumindest nannten ihn seine Mitarbeiter so, als er vor ein paar Tagen draußen die Renovierung der Fassade beaufsichtigte. Er war groß, hatte dunkelblonde Haare und ein umwerfendes Lachen. Jedes Mal, wenn ich es hörte, schien es den Baulärm in meinen Ohren kurz zu übertönen. Fast, als ob es nur ihn gab und nichts anderes. Doch dann gewannen die Bohrer und Sägen wieder die Oberhand, und es war vorbei mit dem spontanen Ausflug in meine Traumwelt. Dabei hätte ich dort gerne länger verweilt.
Ich wusste nicht, wie ich reagieren würde, wenn ich direkt vor ihm stand und er lachte. Vermutlich würde ich wie ein Teenager kichern und rot anlaufen.
»Chloé?« Madame Petit sah mich verwirrt an.
Hatte sie etwas gesagt? »Ja? Entschuldigen Sie bitte. Möchten Sie vielleicht noch eine Grußkarte haben? Lilou hat neue gemacht.« Meine Freundin, die einen gemütlichen Buchladen am Anfang der Rue de la Chance hatte, fertigte für ihr Leben gern alles Mögliche aus Papier an wie zum Beispiel Karten zu bestimmten Anlässen, die sie in ihrem Geschäft verkaufte. Ich nahm ihr regelmäßig einige Karten ab, die sie liebevoll per Hand letterte und mit selbst gemalten Bildchen oder Stickern verzierte. Ich zog eine der hellbraunen Geburtstagskarten mit dem bunten aufgeklebten Konfetti aus dem schmalen Verkaufsdisplay auf dem Tresen, auf der in geschwungenen Buchstaben Herzlichen Glückwunsch stand.
»Von Lilou? Dann sehr gerne. Zu ihr muss ich auch gleich noch, um ein Buch abzuholen, das ich bestellt habe.«
»Dann grüßen Sie Lilou von mir«, sagte ich und reichte ihr die Karte, damit Madame Petit sie begutachten konnte. »Möchten Sie sonst noch etwas?«, fragte ich zur Sicherheit. Nicht dass ich bei meiner Tagträumerei einen weiteren Wunsch überhört hatte.
»Das war es schon, Kindchen, hab wie immer vielen Dank.« Sie steckte die Karte in ihre Handtasche und holte das Portemonnaie heraus.
Mit den Blumen in der Hand drehte ich mich vom Tresen weg nach rechts, wo ich vor dem Schaufenster eine kleine Arbeitsfläche hatte. Dort lag alles bereit, was ich brauchte, wie Blumendraht, um Gestecke zu befestigen, und diverse Scheren. Rechts an der Wand neben mir waren eine Halterung für die Papierrolle und diverse Schnüre zum Zusammenbinden der Sträuße angebracht. Da ich in handwerklichen Dingen eher ungeschickt war, hatte ich für den Innenausbau eine Firma beauftragt, doch diese Holzplatte hatte ich selbst installiert. Worauf ich sehr stolz war.
»Weißt du denn schon, wer nebenan einzieht?«, fragte Madame Petit neugierig.
»Bisher nicht. Pierre vermutet ja eine Kaffeerösterei, aber ich glaube, dass da der Wunsch Vater des Gedankens ist.« Mein bester Freund konnte nicht ohne Kaffee leben. Andere Menschen hatten Blut in ihren Adern, Pierre Koffein.
»Das würde sehr schön in eure kleine Straße passen. Hoffentlich sind die neuen Besitzer auch so nett wie ihr.« Madame Petit öffnete ihre Börse. »Wie viel bin ich dir schuldig, Chloé?«
»Mit der Karte wären es dann achtzehn Euro, Madame Petit.«
Sie legte das Geld auf den Tresen, während ich den Strauß umwickelte. Die gelben Rosen bezog ich von einer Gärtnerei am Stadtrand von Paris. Ich hatte mir extra sie als Lieferanten ausgesucht, weil sich die Besitzer ähnlich liebevoll wie ich um ihre Zöglinge kümmerten und zum Beispiel nur nachhaltigen Dünger verwendeten.
Ich reichte Madame Petit den Blumenstrauß, nahm das Geld und legte es in meine altmodische Registrierkasse.
Meine Mutter hatte sie auf dem Speicher gefunden, bevor ich den Laden eröffnet hatte. Sie meinte, dass die Kasse wohl meiner Urgroßmutter gehört habe, die ihren Lebensunterhalt als Schneiderin bestritten hatte. Zwar hatte ich meine Uroma nie kennengelernt, aber mir gefiel der Gedanke, etwas Familiäres im Rose Rouge zu haben.
Ich begleitete die alte Dame zur Tür und trat mit ihr auf die Straße. »Bis zum nächsten Mal, Madame Petit«, verabschiedete ich mich von ihr.
Sie winkte mir zu und ging dann langsam an dem Eiscafé von Kim vorbei zu Lilous Buchladen. Die Rue de la Chance war vermutlich die kürzeste Straße in ganz Paris, und ich liebte sie. Denn die Freundschaft, die ich hier gefunden hatte, war größer als die Champs-Élysées selbst.
Es gab nur sechs Geschäfte und Lokale in unserem Sträßchen. Die Häuser standen im Halbrund in der kleinen Sackgasse mit dem Wendehammer, waren ein- oder zweistöckig, für Paris eher untypisch, weshalb manche Leute auch das Gefühl hatten, sie seien mitten in der pulsierenden Großstadt in einem Dorf gelandet. Man gelangte durch eine schmale, überdachte Passage in die Straße, die nur von den Anliegern und Lieferanten befahren werden durfte. Linker Hand war als Erstes Lilous Buchladen Librairie Loufoque, dessen Front mit rotbraunen Backsteinen verklinkert war. Direkt daneben, in einem Haus mit cremeweißer Fassade, hatte Kim ihr Eiscafé La Petite Joie eingerichtet. Das Lokal grenzte wiederum an meinen Laden, der zwei Schaufenster hatte, die sich links und rechts der Eingangstür befanden. Mein Nachbar zur anderen Seite war einmal Monsieur Chan gewesen, und nun war es eine Baustelle. Gegenüber von Lilou hatte Pierre vor vier Jahren die Kerzenmanufaktur Lumière eröffnet, deren Schaufenster gelbe Holzrahmen hatten. Gleich daneben war schließlich Bernadettes Pâtisserie des Rêves, die an die Baustelle angrenzte.
Ein warmer, verführerischer Duft von frisch gebackenen Schokoladencroissants, einer Spezialität von Bernadette, zog von der anderen Straßenseite zu mir herüber. Sie hatte die Pâtisserie vor acht Jahren von ihren Eltern übernommen, die nun ihren Ruhestand genossen. Damals hatten die beiden als Erstes eine lange Reise unternommen. Zunächst in ihre Heimat Nigeria, um alle Verwandten zu besuchen, die sie jahrelang nicht gesehen hatten. Im Anschluss hatten sie auf jedem Kontinent ein Land bereist, ehe sie wieder nach Paris zurückgekehrt waren.
Ich atmete den Geruch tief ein und musste prompt husten, da der Baustaub, der in der Luft lag, meinen Rachen reizte. Mit zusammengezogenen Augenbrauen schnaubte ich und starrte zu der Baustelle neben mir. Von der wunderschönen Außenfassade des zweistöckigen Hauses sah man kaum noch etwas, weil ein Baugerüst davorstand.
Bernadette hatte gleich am ersten Tag gefragt, warum das denn gemacht werden müsste, aber der Bauarbeiter, der kein Französisch sprach, hatte nur mit den Schultern gezuckt...




