Simon | Und dann kam die Liebe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten

Reihe: Rue de la Chance-Reihe

Simon Und dann kam die Liebe

Die kleine Straße in Belleville
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2818-8
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die kleine Straße in Belleville

E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten

Reihe: Rue de la Chance-Reihe

ISBN: 978-3-7517-2818-8
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In der Rue de la Chance wartet die Liebe

Seit Patissière Bernadette vor zehn Jahren von ihrem Verlobten Noel kurz vor der Hochzeit sitzen gelassen wurde, glaubt sie nicht mehr an die Liebe. Eines Tages steht sie dann bei einem Charity-Backwettbewerb niemand anderem als Noel gegenüber, der zu allem Überfluss auch noch ihr härtester Konkurrent ist. Trotzdem kommen die beiden sich während des Wettbewerbs wieder ein bisschen näher. Aber Bernadette ist fest entschlossen, dass nichts ihr Leben als glücklicher Single stören wird, auch Noel nicht. Doch sie hat die Rechnung ohne ihre Freunde aus der Rue de la Chance gemacht. Denn Chloé, Kim, Pierre und Lilou setzen alles daran, dass auch Bernadette endlich ihre große Liebe findet.



Clara Simon ist ein Pseudonym von Ann-Kathrin Karschnick, geboren 1985, die als "Frau im grünen Kleid" in der Phantastik-Szene bekannt ist. Sie veröffentlichte bereits zahlreiche phantastische Romane bei verschiedenen Verlagen und wurde für PHOENIX - TOCHTER DER ASCHE 2014 mit dem DEUTSCHEN PHANTASTIKPREIS ausgezeichnet. Als Violet Thomas schreibt sie seit 2020 Happy-Tears-Romane bei Bastei Lübbe.
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Kapitel 1


»Drei Stücke von der Lemontarte bitte!« Alice, die junge Frau auf der anderen Seite des Verkaufstresens, ließ ihren Blick über die Auslage schweifen. »Und was ist das hier?« Sie deutete auf die Brandteigkugeln mit dem Schokoladenüberzug, die ich am Morgen zubereitet hatte.

»Das sind Zitronen-Profiteroles mit Schoko-Ganache«, erklärte ich und zog eine hervor. »Möchten Sie einmal probieren?«

Es war erst früher Vormittag, doch das hielt meine Kundschaft nicht davon ab, von den Köstlichkeiten zu naschen.

»Da fragen Sie noch, Bernadette?« Alice lachte hell und klar, streckte sofort ihre Hand aus und wartete darauf, dass ich ihr ein Stück reichte.

Statt jedoch in den gekühlten Bereich meines Tresens zu greifen, öffnete ich den kleinen Kühlschrank darunter, den ich vor einigen Jahren hatte einbauen lassen. Er diente nur einem Zweck: das Gebäck zu beherbergen, das nicht perfekt geworden war. Manch andere Pâtissière mochte diese Stücke wegwerfen oder verschenken. Ich nutzte sie für meine Kundschaft. Beim Probieren ging es nur um den Geschmack, um die Sinnlichkeit des Genusses. Die Optik spielte dabei keine Rolle.

»Aber bedenken Sie, Alice«, begann ich und hob spielerisch den Zeigefinger, ehe ich mit der Gebäckzange ein Stück Profiterole griff und es ihr über die Theke reichte.

Sie nickte und vervollständigte meinen Satz: »Genießen statt schlingen. Ich komme schon länger her, als Sie den Laden führen, Bernadette.« Lachend nahm sie die Gebäckkugel. »Und alles, was Sie herstellen, kann man nur genießen. Aber probieren kann nie schaden.« Damit biss sie von der Profiterole ab und schloss die Augen. Sie seufzte zufrieden, und ein zauberhaftes Lächeln erschien auf ihren Lippen. »Das ist köstlich, Bernadette. Wie immer. Ach, Mist, dann muss ich noch mal umplanen. Also doch lieber fünf von diesen hier«, sagte sie und schluckte die erste Hälfte herunter. »Und zwei von den Zimt-Eclairs bitte. Dann sollte ich es haben. Die anderen im Büro werden sich freuen, da bin ich mir sicher.«

»Soll ich wieder alles auf eine Rechnung setzen oder möchten Sie das aufteilen?«

Alice war eine Stammkundin. Jeden Montag kaufte sie für die Anwaltskanzlei, in der sie arbeitete, eine kleine Auswahl meiner Waren. Sie nannte es ihre »Montagsmotivation«, und es schien zu funktionieren. Ihre Angestellten kamen montags gern zur Arbeit. Zumindest hatte laut ihrer Aussage in den letzten Jahren kaum eine Person blaugemacht.

»Zusammen bitte. Diesmal zahlt der Kunde, der heute zu Besuch kommt. Ihm hat es letztes Mal so gut geschmeckt, dass er gleich wieder was geordert hat. Irgendwann werden Sie noch jemanden einstellen müssen«, erklärte Alice und zwinkerte mir zu.

»Ach, dafür habe ich doch meine Familie. Wenn mal viel zu tun ist, frage ich meine Eltern. Die helfen gerne.«

Das war nicht einmal gelogen. Vor acht Jahren hatte ich die Pâtisserie des Rêves von ihnen übernommen, weil sie vorzeitig in den Ruhestand gegangen waren. Sie wollten etwas von der Welt sehen, ehe sie zu alt waren. Das hatten sie getan. Ein halbes Jahr lang, dann waren sie zurückgekommen und hatten mich unterstützt, wann immer sie Zeit hatten. Ich liebte sie dafür. Besonders jetzt in der Vorweihnachtszeit wüsste ich nicht, wie ich ohne sie auskommen sollte. Durch die vielen Vorbestellungen war es tatsächlich nicht allein händelbar. Aber Maman stand mir jederzeit zur Seite.

Ich hielt kurz inne, als ich das Gebäck in die Pappschachtel packte, und starrte auf die Zusammensetzung. Meine Eltern waren immer für mich da. Egal, was anstand. Das war schon vor zehn Jahren so gewesen. Bevor ich das Geschäft übernommen hatte. Als ich vollkommen andere Vorstellungen für mein Leben gehabt hatte.

»Werden Sie dieses Jahr wieder an den Adventstagen geöffnet haben?«, fragte Alice und kramte dabei ihr Portemonnaie aus ihrem Rucksack. Dafür, dass sie als Junior-Anwältin in einer Kanzlei arbeitete, war sie erstaunlich leger gekleidet. Sie trug zwar ein Kostüm unter dem enganliegenden Mantel und dem breitgefächerten Loop-Schal. Dazu hatte sie jedoch keine teure Hermes- oder Louis-Vuitton-Handtasche, sondern einen No-Name-Rucksack, der vermutlich bequemer zu tragen war als diese unhandlichen Henkeltaschen.

»Aber sicher doch. Das Geschäft lasse ich mir doch nicht entgehen«, entgegnete ich und schloss endlich die Schachtel vor mir. Den Gedanken, der mich abgelenkt hatte, verbarg ich in den Tiefen meines Herzens, wie schon so lange.

»Hätte mich auch gewundert. Vielen Dank, wie immer und bis nächste Woche«, verabschiedete sie sich, nachdem sie bezahlt hatte.

Chloé kam kurz vor Feierabend herein und winkte mir zu. »Hallo, Bernie.«

»Chloé, na, wie geht es dir? Vermisst du Ben schon?«

Die schüchterne Blumenverkäuferin, die ich seit über drei Jahren meine Nachbarin in der Rue de la Chance nennen durfte, war seit zwei Wochen Strohwitwe. Ihr Freund Ben hatte seine eigene Baufirma gegründet und musste für seinen ersten Auftrag mit seinen Angestellten für einen Monat nach Deutschland.

»Wir telefonieren jeden Abend, und er ist ja nicht lange weg, was ganz okay ist. Denke ich«, erwiderte sie zuversichtlich, obwohl ihr deutlich anzusehen war, dass sie ihn vermisste.

Ich kam hinter dem Tresen hervor, da gerade sonst niemand im Laden war, und nahm sie in den Arm. »Du weißt, dass wir dich jederzeit ablenken können.«

»Das weiß ich doch. Und vielleicht komme ich darauf noch mal zurück. Erst einmal bin ich aber hier, weil Lilou mich daran erinnert hat, dass wir noch etwas zur Adventsdeko beitragen sollen. Hast du eine Idee?«

»Du meinst, seit wir letzten Mittwoch beide verzweifelt dagesessen haben und keine Ahnung hatten, was wir dieses Jahr machen wollen?« Ich lachte. »Nein, leider ist mir keine zündende Idee gekommen, außer dass ich einen Kuchen backe, den hart werden lasse und ihn ins Schaufenster hänge.«

Chloé kicherte. »Das wäre wohl nicht in Lilous Sinne.«

Ein lautes Piepen mahnte mich, die nächste Ladung klassischer Macarons für den morgigen Tag aus dem Backofen zu ziehen. »Oh, warte kurz, ich muss die rausholen, bevor sie zu dunkel werden.«

Ich eilte durch die Tür hinter dem Tresen in die Backstube, vorbei an der gewaltigen Arbeitsplatte in der Mitte. Seit der Gründung der Pâtisserie des Rêves hatte sich nichts an der Innenausstattung verändert. Abgesehen von einigen Gerätschaften, die ich hatte austauschen müssen. Aber alles stand noch genau so, wie meine Eltern es vor über dreißig Jahren entworfen hatten. Der Tisch, der von allen Seiten umrundet und bearbeitet werden konnte. Die Schränke darunter dienten als Stauraum für die Schüsseln, Schneebesen und Rührmaschinen. Die beiden Backöfen an der linken Wand blinkten beide gleichzeitig. Macarons waren das beliebteste Gebäck in der Pâtisserie des Rêves. Morgens musste ich mehrere Durchgänge backen und zum Nachmittag hin einen weiteren. Je nachdem. In der Vorweihnachtszeit konnten es sogar manchmal noch mehr sein, so wie heute, wo ich kurz vor Feierabend bereits für den Folgetag einige Bleche des Teigs vorbereitete.

»Sind wieder ein paar dabei, die nichts geworden sind?«, fragte Chloé, die bereits mit einem Fuß in der Backstube stand. »Also, ich frage nur, falls du jemanden brauchst, der sich opfert, sie zu essen. Wir könnten noch etwas für das Treffen gebrauchen.«

Ich lachte und griff nach den dicken Handschuhen, die mich vor der Hitze der Bleche schützten. »Du kannst dich gern an den Resten im Kühlschrank bedienen. Ich habe da eine Schale voll stehen. Hier werden sicher auch einige überschüssig sein.«

Die meisten Macarons sahen perfekt aus, und auch wenn ich diese morgen früh noch zusammenbauen musste, gefiel mir die rotgrün verschmierte Mischung der oberen und unteren Knusperstücke bereits jetzt. Ich atmete tief ein und fühlte mich sofort glücklich. Dieser Duft war eine meiner ältesten Erinnerungen. Ich hatte meine Kindheit quasi in diesen Räumlichkeiten verbracht. Kein Wunder also, dass ich mich nicht an etwas Visuelles erinnerte, sondern besonders an die Gerüche.

»Darf ich mir ein paar mitnehmen? Pierre wollte nachher noch vorbeischauen«, fragte sie und hatte offensichtlich schon von einem Macaron abgebissen.

»Klar. Was habt ihr noch vor?«

»Das ist eine gute Frage. Er erzählte was von neuem Kaffee und meinte, dass er mit mir über nächstes Jahr reden wolle.« Sie zuckte mit den Schultern. Von meiner Position aus konnte ich den Verkaufsraum bestens einsehen. Noch einer der Gründe, warum ich an der Aufteilung nichts veränderte. Egal wo ich an dem Arbeitstresen stand, ich behielt immer die Kasse im Blick.

»Nächstes Jahr? Steht da etwas Besonderes bei ihm an?« Ich schlug mir vor den Kopf. »Natürlich, er ist dann fünf Jahre in der Straße. Meinst du, er plant etwas Größeres?«

»Es ist Pierre«, sagte Chloé nur und schmunzelte. »Vermutlich wird die ganze Straße in bunten Farben und einer Menge Konfetti enden.«

»Das wäre ja nicht schlimm. Ich mag es bunt und wild und verrückt. Dass ich ausgerechnet zwischen euch beiden gegensätzlichen Charakteren meinen Laden habe, fasziniert mich immer wieder.«

»Du warst vor uns da. Vielleicht hast du uns angezogen«, sagte Chloé und winkte mir zum Abschied. »Willst du nachher noch vorbeikommen? Dann kannst du mitplanen.«

»Vielleicht«, erwiderte ich locker und stellte das letzte Blech auf der Arbeitsfläche ab. Ich hörte die Türklingel, sah Chloé aber nicht mehr nach. Ihre Worte klangen in mir nach, und ich konnte nicht anders, als mich zu fragen,...


Clara Simon ist ein Pseudonym von Ann-Kathrin Karschnick, geboren 1985, die als "Frau im grünen Kleid" in der Phantastik-Szene bekannt ist. Sie veröffentlichte bereits zahlreiche phantastische Romane bei verschiedenen Verlagen und wurde für PHOENIX - TOCHTER DER ASCHE 2014 mit dem DEUTSCHEN PHANTASTIKPREIS ausgezeichnet. Als Violet Thomas schreibt sie seit 2020 Happy-Tears-Romane bei Bastei Lübbe.



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