Simonis | Hüter der Nacht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 240 Seiten

Reihe: Das Lied Aymurins

Simonis Hüter der Nacht

Das Lied Aymurins
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7245-2444-1
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das Lied Aymurins

E-Book, Deutsch, Band 2, 240 Seiten

Reihe: Das Lied Aymurins

ISBN: 978-3-7245-2444-1
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Hüter der Nacht um den alten Pukh Son führen ein eintöniges Leben. Daher ist die Aufregung gross, als sie nicht weit vom Oberen Tor auf dem Alten Pass einen Wanderer aus der Menschenwelt finden. Doch der anfänglichen Neugier folgen schnell Misstrauen und Ablehnung, als der Fremde sich als Feh zu erkennen gibt. Wer gibt schon gerne Verrätern Unterschlupf? Als aber der überlebenswichtige Nachschubtrupp aus dem Inneren Khuums ausbleibt, müssen die ungleichen Gefährten ein Zweckbündnis eingehen. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg in den Mutterbau. Die Bedrohung der Welt der Pukh durch die Kämpfer Bachaals gibt den Kontrahenten die Chance, die Gegensätze zu überwinden. Werden sie sie nutzen, um auch den alles entscheidenden Kampf in den Feuern Khuums zu bestehen? Im zweiten Band von 'Das Lied Aymurins' steht Tann im Mittelpunkt eines Geschehens, dessen Wurzeln in 'Stillerthal', dem gleichnamigen ersten Band der Fantasy-Reihe, liegen. Ist sein Schicksal vorbestimmt? Wird er sich der Dämonen entledigen können, auf seiner Suche nach dem noch fehlenden Teil des Amuletts?...

artina Simonis, 1964 geboren, ist als Übersetzerin und in der Erwachsenenbildung tätig. Die Autorin hat bereits eine Kurzgeschichtensammlung 'Cara Calla' und einen Roman 'Wo wir uns finden' veröffentlicht.
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Die Hüter der Nacht


Das leise Blubbern der Glimmflechtsuppe und das gelegentliche Kratzen des Kochlöffels waren die einzigen Geräusche, die den Höhlenraum füllten. Der schwere Topf, der an einem Dreibein über der Feuerstelle hing, schimmerte matt in dem gedämpften Lichtkegel, der durch den kleinen Spalt, der als Rauchabzug diente, ins Innere der Höhle fiel. Das übrige Felsgewölbe lag im grüntrüben Halbdunkel der Glimmflechtmalereien.

Joril hockte vor dem Kessel und sah zu, wie sich der warme Dampf seines Atems mit dem dünnen Qualmfaden des Feuers vereinigte und durch den Rauchfang in das Weiß des Himmels entschwand. Mit dem Dampf ließ er seine Gedanken aufsteigen, weit über die Wolken. Leicht wie Fledermausflaum schwebte er im endlosen Blau des Himmels und ließ den Blick über die wabernde Wolkendecke unter sich schweifen. Irgendwo dort unten lag es verborgen: Kjell, das verheißene Land.

Wäre ich doch wie Ygdrasil, dachte er. Ygdrasil würde nicht tatenlos dem Verrinnen der Zeit zusehen. Er würde sein Bündel schnüren und aufbrechen. Würde sich durch das unbewohnte Innere des Berges wagen und nie gesehene Höhlen erforschen. Und am Ende den verborgenen Ausgang finden, an dessen Fuße Kjell lag.

Aber Joril war nicht Ygdrasil, er war ein Hüter der Nacht und hatte darauf zu achten, dass das, was draußen war, draußen blieb, nicht umgekehrt. Und wer hätte einen buckligen Ygdrasil mit verkrüppelten Händen schon ernst genommen.

Verdrossen nahm Joril den Kochlöffel und rührte die Glimmflechtsuppe um. Als jüngster Pukh seiner Korja war er für den Küchendienst verantwortlich. Dazu gehörten die Überwachung der Vorräte, das Hegen der Glimmflechtzucht, das Säubern des Geschirrs und die Zubereitung des Mahls, das die Wachzeit beschloss. Mittlerweile konnte er im Handumdrehen ein Feuer entfachen und wusste, wie er die Krokstücke schichten musste, damit sie sauber und fast ohne Qualm abbrannten.

Um etwas Spannung in seinen Alltag zu bringen, hatte er ein Spiel erfunden. Er holte immer nur so viel Krok von der Darre, wie er zum Kochen brauchte. War die Suppe mit dem letzten verbrannten Krok fertig, hatte er gewonnen. War noch Krok übrig, ging die Sache unentschieden aus. Musste er ein weiteres Mal Krok holen gehen, hatte das Feuer gewonnen.

Heute sah es nicht gut für ihn aus. Ärgerlich betrachtete er die züngelnden Flammen, die das Krok, das er nachgelegt hatte, schon zur Hälfte aufgezehrt hatten. Das Feuer schien es seinem Magen gleichzutun, es war heute besonders hungrig. Dabei schimmerte die Glimmflechtsuppe noch immer grünlich weiß und weigerte sich, gar zu werden. Er würde um einen zweiten Gang zur Krokdarre nicht herumkommen. Ein einziges Mal hatte er – um zu gewinnen – die Suppe nicht lange genug gekocht, sie glomm noch leicht, als er sie seiner Korja servierte. Alle hatten furchtbare Bauchschmerzen bekommen, und das Krok war so dünnflüssig, dass es nicht zu gebrauchen war. Noch einmal würde er diesen Fehler nicht machen.

«Verloren!», brummte er unwillig und legte das letzte Stück Krok nach. Gierig verbiss sich das Feuer in dem länglichen Stück und ließ seine Flammen höher lodern.

Der alte Son, der in seiner Nische saß und Haargarn drehte, hob den Kopf. Er schnalzte kurz mit der Zunge und räusperte sich, wie immer, wenn er etwas sagen wollte.

«Probleme?», fragte er.

Joril blickte zu dem Weißrücken hinüber. Sons Schlafnische war als einzige unbemalt. In der ansonsten reich verzierten Höhle wirkte sie wie ein großes schwarzes Auge. Unergründlich und irritierend wie das schwarze Muttermal, das mitten auf Sons Stirn prangte, sodass man nie recht wusste, in welches Auge man blicken sollte. Joril schüttelte eilig den Kopf. Um nichts in der Welt hätte er den anderen von seinem geheimen Spiel erzählt, am allerwenigsten Son.

«Ich muss nur noch mal hoch, Krok holen, das ist alles.»

Sons seltsam blicklose Augen bohrten sich durch Joril hindurch, als wäre er Glas. Wie immer, wenn Son ihn ansah, fühlte sich Joril seltsam ertappt, auch wenn er gar nichts angestellt hatte. Außerdem hatte Son ein magisches Gespür für Unausgesprochenes. Joril fand es gespenstig, wie Son zielsicher zum Kern verheimlichter Probleme fand.

«Was gibt es heute?»

«Glimmflechtsuppe.»

«Wieder ohne Beilagen?»

«Wieder ohne Beilagen», gestand Joril. Son sagte nichts dazu, aber sein bohrender Blick war nicht zu missdeuten.

«Insektenmehl ist alle», erklärte Joril. «Pukhkraut haben wir noch für jeden eine Ration, die gibt es morgen früh. Dann ist auch das alle. Aber der Nachschubtrupp kommt sicher bald.»

Joril bemühte sich, zuversichtlich zu klingen, doch Son ließ sich nicht täuschen. Er nickte nachdenklich.

«Das heißt ab übermorgen nur noch Glimmflechtsuppe zum Früh- und Spätmahl? Da werden Fox und Burin nicht zufrieden sein.»

«Nein, werden sie nicht», seufzte Joril. Wenn der Nachschubtrupp nicht bald kam, war schlechte Laune unabwendbar.

«Und wie sieht es mit den Glimmflechten aus? Haben wir davon noch genug?»

«Sie wachsen und gedeihen», sagte Joril nicht ohne Stolz. «Aber wenn es nur noch Glimmflechtsuppe gibt, könnte es knapp werden.»

Son nickte.

«Dann wollen wir hoffen, dass der Trupp bald kommt.»

Nachdenklich wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.

Zufrieden vor sich hin plappernd, kam Burin aus dem Gang, der zum Mutterbau führte, getapst. Er richtete seine zottige Gestalt zu voller Größe auf und streckte sich. Dann trat er zu Son und präsentierte stolz den leeren Pisseimer.

«Alles getränkt, wie du gesagt hast, Son. Hab nichts vergessen.»

Son nickte.

«Gut gemacht, Burin. Morgen noch die Wohnhöhle, dann sind wir durch für diesen Zyklus. Stell Eimer und Pinsel wieder in die Sammelhöhle, dann kannst du die Ruhzeit einläuten.»

Das Grinsen auf Burins Gesicht wurde noch breiter, seine kleinen knolligen Augen blinzelten vergnügt. Er gesellte sich zu Joril und ließ sich neben ihm nieder.

«Hast du gehört, Joril?», verkündete er stolz. «Son sagt, das hab ich gut gemacht!»

Joril nickte und lächelte. Er mochte Burin. Burin war zwar dumm wie Fledermauskrok, aber er war immer gut gelaunt und hilfsbereit. Burins Lächeln verflog allerdings, als er die leise vor sich hin simmernde Suppe sah.

«Glimmflechtsuppe», brummte er enttäuscht. «Ist das alles?»

«Für heute ja. Insektenmehl ist alle. Das gibt’s erst wieder, wenn der Nachschubtrupp da war.»

«Das ist schlimm!»

«Was ist schlimm?», fragte Fox, der gerade mit zwei Eimern Abraum aus dem Gang kam.

«Dass es nur Glimmflechtsuppe zu essen gibt.»

«Das nennst du schlimm?», schnaubte Fox. Krachend stellte er die Eimer ab und riss sich das Tuch aus feinem Haargewebe, das er sich vor Mund und Nase gebunden hatte, vom Gesicht. Sein rotes Fell war grau von Steinstaub, nur dort, wo er sich mit dem Tuch geschützt hatte, leuchtete es wie die Flammen unter Jorils Kessel. «Schlimm ist was ganz anderes. Der Fels in der neuen Lagerhöhle ist so brüchig, dass es staubt, als würde man Chalk hauen.»

Er trat neben Joril und warf einen skeptischen Blick in den Kessel.

«Gar sieht anders aus. Spät dran wie immer, was Joril? Hast mal wieder deine Krallen gewärmt anstatt zu kochen?» Laut schnaufend packte er die Eimer und hievte sie hoch. «So wie das glimmt, hab ich noch genug Zeit, um den Abraum wegzubringen und ne Runde kroken zu gehen. Drin sieht man sowieso kaum mehr die Hand vor den Augen, das muss sich erst setzen, bevor ich weitermachen kann.»

Joril rührte schnell die Suppe um und schichtete mit dem Schürhaken die glühenden Krokstücke auf, um zu zeigen, dass er nicht untätig war.

«Wenn du kroken gehst, kannst du was Krok aus der Darre mitbringen? Ich brauche noch ein paar Stücke.»

«Wieso sollte ich dir Krok mitbringen?», fauchte Fox. «Hol sie dir selbst, laufen kannst du ja.»

Joril zuckte zusammen. Dass Fox ständig schlecht gelaunt war und dass man es ihm nie recht machen konnte, damit hatte er sich abgefunden. Aber warum musste Fox ihn immer wieder spüren lassen, dass er ein Krüppel war?

«Ich habe nur Sorge, dass das Feuer ausgeht, während ich weg bin. Wenn ich es wieder neu anfachen muss, dauert es länger.»

«Und das wäre schlimm!», kam Burin ihm zu Hilfe. «Ich hab...


artina Simonis, 1964 geboren, ist als Übersetzerin und in der Erwachsenenbildung tätig. Die Autorin hat bereits eine Kurzgeschichtensammlung "Cara Calla" und einen Roman "Wo wir uns finden" veröffentlicht.



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