E-Book, Deutsch, 380 Seiten
Simons Ein feines Gespür für Schönheit
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95890-181-0
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 380 Seiten
ISBN: 978-3-95890-181-0
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
J. David Simons, Jahrgang 1953, zählt zu den herausragenden Autoren Schottlands. Der gelernte Rechtsanwalt lebte in den 70er-Jahren in einem Kibbuz in Israel und arbeitete später als Dozent an der Kei? University in Japan. Er ist Autor zahlreicher Romane, Kurzgeschichten und Essays. Mit seinem Debütroman 'The Credit Draper' gelang ihm 2009 der Sprung auf die Shortlist des renommierten McKitterick Prize. Im kommenden Jahr wird sein neuester Roman 'A Woman of Integrity' im Europa Verlag erscheinen. J. David Simons lebt und schreibt in Glasgow.
Autoren/Hrsg.
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KAPITEL EINS
HAKONE, JAPAN · 2003
»Am liebsten ist einem die Jahreszeit, in die man hineingeboren wurde«, hatte seine Mutter, ein düsteres Winterkind, oft zu ihm gesagt. Daran musste Edward, der im Oktober geboren war, denken, als sie im Taxi den Hang hinauffuhren und er den Herbstwald vorbeirauschen sah. Dieses gelb-braune Defilee von Lackbäumen, Pappeln und Ulmen, das seine Reise in die Vergangenheit begleitete, Stamm für Stamm in rascher Folge. Früher hatte er diese Jahreszeit geliebt. Doch jetzt führte ihm sein Geburtstag im Herbst nur noch den nahen Tod vor Augen. Das Welken, Verdorren, Abfallen, Verwesen.
»Wie lange noch?«, fragte Enid.
Er beugte sich vor und klopfte mit dem Stock an die halb offene Trennwand. »Nan-pun kakarimasu ka?«
»Go-fun gurai«, brummte der Fahrer und hielt die fünf Finger seiner weiß behandschuhten Hand hoch.
»Etwa fünf Minuten«, sagte Edward und ließ sich in die Lederpolster zurücksinken. Er fühlte sich immer noch etwas benommen, spürte den Jetlag und rang im Nebel der verzerrten Zeit um Klarheit, war halb hier, halb anderswo. Doch eigentlich konnte er sich nicht beklagen. Der Flug von London hatte nur vierzehn Stunden gedauert. Ein Wunder, verglichen mit seiner ersten Reise, einem frühen Flug auf der Polarroute, der sich fast zwei Tage hingezogen hatte. Um einen Blick auf den Nordpol zu erhaschen, waren alle Passagiere zur einen Seite gestürzt, und der Pilot hatte sie auffordern müssen, zurück auf ihre Plätze zu gehen, damit das Flugzeug nicht kippte.
»Es muss merkwürdig sein, wieder herzukommen«, sagte Enid.
»Ach, ich weiß nicht. Es ist jetzt ein ganz anderes Land.« Er sah sie an. Ihre ringlosen Finger spielten mit dem Verschluss ihrer Handtasche, sie blickte starr nach vorn, die Lippen zusammengepresst, der Teint blasser als sonst. »Danke, dass Sie mitgekommen sind«, sagte er mit einer Stimme, die von den vielen Stunden in der Luft noch ganz rau klang.
»Das ist mein Job.«
»Ja, aber Sie reisen doch nicht gern.« Am liebsten hätte er ihr die Hand getätschelt, damit sie sich entspannte. Als der Wagen schließlich langsamer wurde, spürte Edward, wie Panikwellen durch seinen Körper liefen. Er umklammerte den Griff seines Gehstocks.
»Der Hotelmanager heißt Takahashi«, sagte Enid. »Er hat mir bei den Vorbereitungen sehr geholfen. Bitte versuchen Sie, sich den Namen einzuprägen. Man vergisst manchmal, wie gut es Menschen tut, wenn man sich an sie erinnert. Vor allem, wenn Sie es sind.«
Das Taxi bog von der Straße ab, fuhr langsam die Zufahrt hinauf und kam auf dem Vorplatz zum Stehen. Sofort wurde die Tür auf Edwards Seite aufgerissen, kalte Luft strömte in den Fond, und eine behandschuhte Hand erschien. Edward lehnte die Hilfe des livrierten Portiers ab und kletterte mühsam aus dem Auto. Während er sich, auf seinen Stock gestützt, allmählich aufrichtete, schienen sich seine schmerzenden Gelenke einzeln zurechtzurücken, bevor er seine Umgebung in sich aufzunehmen vermochte. Ihn überkamen Freude und Dankbarkeit. Das Hotel sah genauso aus, wie er es in Erinnerung hatte. Ein verwunschenes, mittelalterliches japanisches Schloss. Die Kaskaden abgestufter grauer Dächer am Hang. Die rostroten Balkone. Die Laternen.
»Sir Edward, Sir Edward!« Ein eleganter Herr in dunklem Jackett und Nadelstreifenhose kam näher und verbeugte sich tief. »Wie schön, Sie nach so langer Zeit wieder hier begrüßen zu dürfen.« Der Hotelmanager richtete sich eilig auf und reichte ihm die Hand.
»Ah, Takahashi-san«, erwiderte Edward. »Es ist schön, wieder hier zu sein.« Er ergriff die ausgestreckte Hand. »Das ist meine persönliche Assistentin, Ms Enid Blythe.«
Takahashi trat einen Schritt zurück, schlug die Hacken zusammen und verbeugte sich erneut.
»Was für ein schönes Gebäude«, sagte Enid.
Takahashi strahlte. »Kommen Sie, ich begleite Sie hinein. Meine Angestellten kümmern sich um das Taxi und um Ihr Gepäck.« Mit einem Fingerschnippen rief er einen Portier herbei.
Edward ging auf die Drehtür zu, er seufzte vor Aufregung und Erschöpfung und spürte, dass sein Gehstock ihn erdete.
»Sie brauchen sich nicht anzumelden«, sagte Takahashi, als sie die Stufen zum Eingang erklommen hatten, und bedeutete dem Mitarbeiter am Empfang, dass seine Dienste nicht erforderlich waren. »Sie werden sehen, Sir Edward, hier hat sich kaum etwas verändert. Wir haben versucht, den ursprünglichen Stil so weit wie möglich beizubehalten.«
Edward sah sich um. Dem weitläufigen Salon mit seinem Parkettboden, der Teakholztäfelung und den Mattledersesseln haftete noch immer das vertraute Flair eines Herrenclubs an. Sogar das angrenzende Magische Zimmer schien unverändert und erinnerte ihn an Abende mit Gastauftritten von Trickkünstlern und chinesischen Zauberern.
»Und mein Zimmer?«, fragte er.
»Sie bekommen die Fuji-Suite, wie gewünscht. Sie hat sich ebenfalls kaum verändert. Ms Blythe hat die entsprechenden Räumlichkeiten im Stockwerk darüber.«
»Und gibt es auch ein Büro?«, fragte Enid.
»In unserem Business-Bereich haben Sie einen eigenen Schreibtisch und Telefon. Natürlich auch Highspeed-Internetzugang. Kopiergerät auf Anfrage.«
»Perfekt, Mr Takahashi.« Kaum dass dieser ihre Lieblingsaccessoires aufgezählt hatte, nahmen ihre Wangen wieder Farbe an. »Darf ich Sie jedoch noch einmal daran erinnern, dass dies in erster Linie ein privater Besuch ist?«
»Diskretion wird in unserem Hotel großgeschrieben, Ms Blythe«, erwiderte Takahashi leicht verschnupft.
»Hauptsache, Sir Edwards Aufenthalt wird nicht publik.«
»Das Personal weiß Bescheid. Darf ich Ihnen nun Ihre Zimmer zeigen? Zuerst Ihnen, Sir Edward.«
Während Enid an der Rezeption wartete, folgte Edward Takahashi durch einen Flur, der viel länger und vornehmer war, als er ihn in Erinnerung hatte. Die Tür zu seinem Zimmer stand offen. Sein Gepäck war bereits hineingebracht worden.
»Möchten Sie zu Mittag essen?«
»Ich denke, ich lege mich erst mal hin. Könnten Sie die Rezeption bitten, mich in zwei Stunden zu wecken?«
»Selbstverständlich. Dürfte ich Ihnen vielleicht einen Vorschlag unterbreiten, Sir Edward? Ich dachte, wir könnten uns zusammensetzen und über die alten Zeiten reden?«
»Ja, ja, natürlich. Die alten Zeiten. Aber nicht jetzt. Jetzt muss ich mich ausruhen.«
»Dann also später.« Takahashi verbeugte sich und ging.
Als er weg war, lehnte Edward sich von innen gegen die Tür. Ihm tat die Brust weh, und er schloss die Augen. In dem Moment sah er sie. Sumiko. Wie sie ihn strahlend auf den Blick ins Tal hinwies. Als er die Augen blinzelnd öffnete, erwartete er fast, dass sie in ihrem Kimono am Fenster stand und der goldene Stoff in der Sonne leuchtete. Er stieß sich von der Tür ab, lief im Zimmer umher. Er fühlte sich alt und hinfällig, wie ein General, der nach einem Pyrrhussieg über die Schlachtfelder schreitet, Leichen mit dem Fuß anstößt, die Verluste beklagt, den Preis für seinen Ehrgeiz ermisst. Er befühlte den kühlen Stoff der Tagesdecke, strich mit der Hand über die Mahagonioberfläche des Schreibtischs. War das vielleicht derselbe Tisch, an dem er vor so vielen Jahren Das Wasserrad geschrieben hatte? Der geräumige begehbare Kleiderschrank. Sumiko war so begeistert gewesen, wenn beim Öffnen und Schließen der Tür das Licht darin automatisch an- und ausging. »Zauberei«, hatte sie immer gesagt und dabei wieder sekundenlang die starre Pose der Assistentin des Zauberkünstlers eingenommen.
In Edwards Körper breitete sich eine tiefe Erschöpfung aus, die mit ihrem Versprechen unmittelbar bevorstehenden Schlafs fast tröstlich war. Er schaffte es noch, die Schuhe abzustreifen, und legte sich im Mantel auf das breite, angenehm weiche Bett. Als er in den Schlaf sank, der still und leise kam wie die verblassende Vergangenheit und schwindende Zukunft seiner bewussten Existenz, nahm er gerade noch das ferne Läuten von Tempelglocken wahr.
Er beschloss, auf das Mittagessen zu verzichten. Enid schlief anscheinend noch, und er hatte sowieso keinen Appetit auf eine Mahlzeit, die in seiner Zeitzone das Frühstück gewesen wäre. Stattdessen würde er im Garten spazieren gehen. Als er in der Empfangshalle darauf wartete, dass der Page ihm seinen Mantel brachte, fiel sein Blick auf eine große Glasvitrine, die es bei seinem ersten Besuch noch nicht gegeben hatte. Er ging hinüber, nahm seine Lesebrille aus dem Etui und musterte die Schwarz-Weiß-Fotos – sorgsam gehütete Zeugnisse aus der Glanzzeit des Hotels. Man sah Eisenhower und Nehru, Einstein und Helen Keller, Charlie Chaplin mit Tennisschläger. Es gab sogar eine Speisekarte mit dem Autogramm des Schauspielers William Holden. Überrascht entdeckte er ein Foto von sich selbst in jungen Jahren, unübersehbar in gestreiftem Blazer und weißer Hose inmitten einer steifen Gruppe Hotelangestellter auf dem Vorplatz. Neben ihm der damalige Manager, Name vergessen, aber in Erinnerung geblieben wegen seiner großen Brille. Edwards Augen wanderten über die letzte Reihe mit den Zimmermädchen, Pagen und Portiers, und da, in der hintersten Ecke, mit leicht geneigtem Kopf, stand Sumiko. Unter dem Bord mit dem Foto lag ein Exemplar seines Buches, auf der Titelseite aufgeschlagen. Daneben ein weißes Schildchen: »Das Wasserrad von Edward Strathairn. Geschrieben zwischen Juli 1957 und März 1958 in diesem Hotel [Exemplare in der Hotelbibliothek vorrätig].«
Die Geste überwältigte ihn irgendwie. Immerhin war man in dieser Gegend Japans an berühmte Schriftsteller gewöhnt, darunter Yasunari Kawabata, der...




