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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Sinclair Der Dschungel
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-293-31107-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-293-31107-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Upton Beall Sinclair, geboren 1878 in Baltimore, Maryland, war ein sozialkritischer Schriftsteller, der in den USA und dem deutschsprachigen Raum populär war. Er wurde in dreißig Sprachen übersetzt, engagierte sich zeitlebens politisch und gilt als einer der Wegbereiter des Enthüllungsjournalismus. Upton Sinclair starb 1968 in Bound Brook, New Jersey.
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1. Kapitel
Um vier Uhr war der festliche Akt vorüber, und die Wagen rollten an. Den ganzen Weg war ein Schwarm von Menschen mitgelaufen, und zwar dank dem überschwänglichen Temperament von Marija Berczynskas. Das große Ereignis lastete schwer auf Marijas breiten Schultern. Ihr oblag die Sorge dafür, dass alles nach Brauch und bester Sitte zuging wie in der alten Heimat. So schoss sie bald hierhin, bald dorthin, stieß jedermann aus dem Weg, schalt und ermahnte in einem fort mit ihrer gewaltigen Stimme und war so eifrig darauf bedacht, den andern Manieren beizubringen, dass sie darüber die eigenen vergaß. Sie hatte die Kirche als Letzte verlassen, wollte im Saal aber als Erste ankommen und hatte deshalb dem Kutscher befohlen, schneller zu fahren. Als dieser jedoch in der Sache einen eigenen Willen bekundete, da hatte Marija das Wagenfenster aufgerissen, sich hinausgelehnt und angefangen, ihm die Meinung zu sagen – zuerst auf Litauisch, was er nicht verstehen konnte, und dann auf Polnisch, was er sehr wohl verstand. Der Kutscher, der vom hohen Bock herab ihr gegenüber im Vorteil war, hatte jedoch nicht nachgegeben und sogar zu widersprechen gewagt. Das Ergebnis war ein hitziger Wortwechsel, der sich über eine halbe Meile hinzog und an jeder Kreuzung der Ashland Avenue ihr Gefolge um einen weiteren Trupp von Straßenjungen vergrößerte.
Das traf sich unglücklich, denn vor der Tür gab es ohnehin schon einen Auflauf. Die Musik hatte eingesetzt, und einen halben Häuserblock weit konnte man bereits das dumpfe Schrummschrumm eines Cellos und das Quietschen zweier Fiedeln hören, die in kunstreicher Höhenakrobatik miteinander wetteiferten. Als Marija den Auflauf gewahrte, brach sie den Disput über die Ahnenreihe ihres Kutschers unvermittelt ab, sprang aus dem fahrenden Wagen mitten in die Menge und bahnte sich einen Weg zum Saal. Einmal drinnen, machte sie kehrt und stieß und schob in entgegengesetzter Richtung. Dabei donnerte sie: »Eik? Eik! Uzdaryk-durisl«, in einer Lautstärke, dass der Orchesterlärm sich daneben wie Sphärenmusik ausnahm.
»Z. Graiczunas, Pasilinksminimams darzas. Vynas. Sznapsas. Weine und Spirituosen. Gewerkschaftsleitung«, stand auf den Firmenschildern. Dem Leser, der sich vielleicht noch nicht oft in der Sprache des fernen Litauens verständigt hat, wird die Erläuterung willkommen sein, dass die Lokalität das Hinterzimmer einer Kneipe in dem Teil von Chicago war, der einfach »Hinter den Schlachthöfen« genannt wurde. Diese Angabe ist genau und treffend in Bezug auf die äußeren Umstände, doch wie lachhaft unzulänglich wäre sie jedem vorgekommen, der wusste, dass es außerdem um das größte Ereignis im Leben eines der liebenswertesten Geschöpfe Gottes ging: die Hochzeitsfeier und Freuden-Verklärung der kleinen Ona Lukoszaite!
Da stand sie im Eingang, geleitet von ihrer Cousine Marija, noch ganz atemlos – denn sie hatte sich den Weg durch die Menge erkämpfen müssen – und so strahlend vor Glück, dass ihr Anblick fast wehtat. In ihren Augen schimmerte ein Staunen, ihre Lider zitterten, und ihr sonst so blasses Gesicht glühte. Sie trug ein strahlend weißes Musselinkleid und dazu einen steifen kleinen Schleier, der ihr bis auf die Schultern reichte. Fünf rosa Papierrosen waren in den Schleier geflochten und elf leuchtend grüne Rosenblätter. Sie hatte neue weiße Baumwollhandschuhe an den Händen, die sie aufgeregt ineinanderkrampfte, als sie nun dastand und umherblickte. Es war fast zu viel für sie – man konnte die Qual zu großer Erregung an ihrem Gesicht und am Beben ihrer Gestalt ablesen. Sie war so jung – noch nicht ganz 16 – und klein für ihr Alter, eigentlich noch ein Kind; und in dieser Stunde hatte sie geheiratet – ihren Jurgis geheiratet, Jurgis Rudkus, ihn, mit der weißen Blume im Knopfloch seines neuen schwarzen Anzugs, ihn, mit den mächtigen Schultern und den riesigen Händen.
Ona war blauäugig und blond, Jurgis dagegen hatte große schwarze Augen mit buschigen Brauen und dichtes schwarzes Haar, das sich hinter den Ohren kräuselte – kurz gesagt, sie waren eins von jenen ungleichen und gar nicht möglichen Ehepaaren, mit denen Mutter Natur so häufig alle Propheten, die vorher und die nachher, Lügen zu strafen beliebt. Jurgis konnte ein 250 Pfund schweres Rinderviertel aufheben und in einen Wagen tragen, ohne dass er wankte oder dass es ihm überhaupt irgendetwas ausmachte; jetzt aber stand er abseits in einer Ecke, verängstigt wie ein gejagtes Wild, und musste sich jedes Mal erst mit der Zunge die Lippen anfeuchten, ehe er auf die Glückwünsche seiner Freunde antworten konnte.
Allmählich gelang es, Gaffer und Gäste zu trennen – oder sie jedenfalls so weit zu trennen, dass es für praktische Zwecke ausreichte. Die Eingänge und Ecken waren während des nun beginnenden Festes nie ohne Publikum, und wenn einer dieser Zaungäste nahe genug herankam oder auch nur hungrig genug aussah, bot man ihm einen Stuhl an und lud ihn ein mitzufeiern. Es gehörte zu den Gesetzen der Veselija, dass keiner hungrig ausgehen soll; und wenn sich auch ein Brauch, der in Litauens Wäldern aufgekommen ist, nur schwer auf den Schlachthofbezirk von Chicago mit seiner Viertelmillion Einwohner übertragen lässt, so tat man doch sein Bestes, und die Kinder, die von der Straße hereinkamen, und sogar die Hunde gingen glücklicher wieder hinaus. Das Besondere an dieser Feier war die reizende Zwanglosigkeit. Die Männer behielten den Hut auf oder legten ihn auch ab, wenn sie wollten, und die Jacke vielleicht gleich mit; sie aßen, wann und wo es ihnen gefiel, und wechselten den Platz, sooft sie Lust hatten. Reden und Gesang mussten sein, aber niemand brauchte hinzuhören, wenn ihm nichts daran gelegen war; wollte er indessen selber singen oder eine Rede halten, stand ihm auch das völlig frei. Der dadurch verursachte Lärm störte niemand, ausgenommen vielleicht die Säuglinge, von denen haargenau so viele anwesend waren, wie sämtliche geladenen Gäste zusammen besaßen. Anderswo konnten die Säuglinge ja nicht bleiben; daher hatte es zu den Festvorbereitungen gehört, eine Batterie von Wagen und Wiegen in einer Ecke aufzustellen. In ihnen schliefen die Babys zu dritt oder zu viert oder wachten zusammen, je nachdem. Die Größeren, die schon auf die Tische reichen konnten, stolzierten umher und kauten schmatzend und zufrieden an einem Fleischknochen oder einem Würstchen.
Der Saal misst etwa zehn Meter im Geviert und hat weiß getünchte Wände, die kahl sind bis auf einen Kalender, das Bild eines Rennpferds und einen goldgerahmten Stammbaum. Rechter Hand ist die Tür zur Kneipe, in der ein paar Neugierige herumstehen, in der Ecke dahinter eine Bar mit einem kommandierenden Geist in angeschmutztem Weiß, der seinen schwarzen Schnurrbart steif gewichst und eine sorgsam pomadisierte Locke seitlich an die Stirn geklatscht hat. In der gegenüberliegenden Ecke nehmen zwei Tische mit Schüsseln und kaltem Braten ein Drittel des Raums ein, und ein paar besonders hungrige Gäste kauen bereits. Am Kopf der Tafel, wo die Braut sitzt, prangt eine schneeweiße Torte mit einem wahren Eiffelturm von Zuckerguss, gekrönt von Zuckerrosen und zwei Engeln und üppig besät mit rosa, grünen und gelben Bonbons. Dahinter führt eine Tür zur Küche und gibt bisweilen kurz den Blick frei auf einen dampfumwölkten Kochherd und viele Frauen, alte und junge, die geschäftig umhereilen. In der Ecke zur Linken sind die drei Musikanten auf einem kleinen Podium heldenhaft darum bemüht, sich irgendwie gegen das Stimmengewirr durchzusetzen, ferner die Babys, die das gleiche Ziel verfolgen, und schließlich noch ein offenes Fenster, von dem aus das breite Publikum den Anblick, den Trubel und die Wohlgerüche mitgenießt.
Plötzlich schiebt sich aus dem Dampf eine Wolke näher, und bei genauerem Hinsehen kann man Onas Stiefmutter, Tante Elizabeth, ausmachen – Teta Elzbieta wird sie gerufen –, die eine gewaltige Platte mit Entenbraten hoch in den Händen trägt. Ihr folgt mit vorsichtigen Schritten Kotrina, unter ähnlicher Last wankend, und eine halbe Minute später erscheint Großmutter Majauszkiene mit einer großen gelben Schüssel voll dampfender Kartoffeln, die beinahe so umfangreich ist wie sie selber. So nimmt Zug um Zug das Fest Gestalt an. Schinken gibt es und Sauerkraut, gekochten Reis, Makkaroni, Brühwürste, Berge von Korinthenbrötchen, Schüsseln mit Milch und überschäumende Henkelkrüge voll Bier. Außerdem hat man ja keine zwei Meter hinter sich auch noch die Bar, wo man bestellen kann, was man will, und nichts zu bezahlen braucht. »Eiksz! Graicziau!«, schrillt Marija Berczynskas und langt ebenfalls zu, denn drinnen auf dem Herd steht noch mehr und verdirbt nur, wenn es nicht aufgegessen wird.
Unter Lachen und unaufhörlichen Zurufen, Späßen und Neckereien nehmen so die Gäste ihre Plätze ein. Die jungen Männer, die sich größtenteils an der Tür herumgedrückt haben, raffen sich auf und treten näher, und der verschüchterte Jurgis wird von den Älteren geknufft und ausgezankt, bis er sich schließlich folgsam auf seinem Platz zur Rechten der Braut niederlässt. Die beiden Brautjungfern, die als Zeichen ihrer Würde Papierkränze tragen, setzen sich daneben, und dann folgen alle übrigen Gäste, Alt und Jung, Burschen und Mädchen. Die Feststimmung greift über auf den stattlichen Barmann, der sich zu einem Teller Entenbraten herablässt, und sogar der dicke Polizist – dessen Aufgabe es später am Abend sein wird, den Raufereien ein Ende zu machen – zieht sich einen Stuhl ans untere Tischende. Und die Kinder toben, und die Babys brüllen, und alles lacht und...




