E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Sinha Kalkutta
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96054-011-3
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-96054-011-3
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Shumona Sinha, geboren 1973 in Kalkutta, lebt seit 2001 in Paris. An der Sorbonne schloss sie ihren Magister in Literaturwissenschaft ab. Von 2001 bis 2008 arbeitete Sinha als Lehrerin für Englisch an weiterführenden Schulen; ab 2009 war sie als Dolmetscherin für Asylsuchende tätig. Nach der Veröffentlichung von Erschlagt die Armen! 2011 verlor sie ihre Arbeit bei der französischen Migrationsbehörde. Ende 2013 erschien ihr dritter Roman Calcutta, ebenfalls vielfach ausgezeichnet. Sie veröffentlichte mehrere Gedichtbände auf Französisch und Bengalisch. 2008 erschien ihr erster Roman Fenêtre sur l'?Abîme. Für ihren Roman 'Erschlagt die Armen' wurden Shumona Sinha und ihre Übersetzerin Lena Müller mit dem Internationalen Literaturpreis 2016 ausgezeichnet.
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Am Schluss schiebt jemand die Asche mit einem Stock auseinander und zeigt mir eine Blume, verdorrt, runzelig, hautfarben. Man sagt mir, dass es sich um den Bauchnabel meines Vaters handelt. Sie darf nicht gepflückt werden, sie muss in der Asche bleiben, mit ihrem kurzen Stiel und ihrer bizarren Blütenkrone.
Einige Stunden zuvor habe ich die weitläufigen Hallen und die nach Krankenhaus riechenden Gänge des Flughafens durchquert. Derselbe Geruch von Desinfektionsmitteln, derselbe unangenehme Eindruck von Sauberkeit. Große Tonfresken mit Szenen aus dem zieren die Wände. In den Schaufenstern der Duty-Free-Shops sind kleine Figuren aus Elfenbein und Sandelholz aufgereiht. Hier und da gießen Statuetten von Tänzerinnen mit beeindruckenden Rundungen Kunstblumen. Eine Menschenmenge wartet am Ausgang. Wie tausend flinke Fischchen im schwarzen Wasser tauchen begierige Augen aus der undurchdringlichen Menge auf. Es ist nicht klar, ob die Leute auf ihre Familien, ihre Bekannten, ihre Freunde oder auf potenzielle Kunden für ihr Taxi oder Hotel warten. Sie klammern sich an die Metallgeländer, die wie Barrikaden zwischen ihnen und dem Flughafen errichtet wurden. Verstört und von der glühenden Sonne verbrannt, recken sie sich den Ankommenden entgegen, ihresgleichen, die müde und benommen von sonstwo zurückkehren. Vielleicht beneiden sie sie um ihre Müdigkeit und ihre Benommenheit, die sie geheimnisvoll erscheinen lassen. Sie haben eine Art Aura um sich, aus Staub, aus Schweiß, aus einer anderen Zeit, anderen Städten, anderen Ländern, anderen Kontinenten.
Meine Freundinnen aus der Kindheit holen mich ab. Kalkutta schmilzt in der Sonne wie ein schmutziges Eis. Auf der Straße sind nur die unterwegs, die offensichtlich keine andere Wahl haben. Sie lungern herum, rennen, schreien und schimpfen. Das Leben ist auf dem Gehsteig ausgebreitet. Die Bäume scheinen den Atem anzuhalten. Die Schnellrestaurants vor dem Flughafen haben die Rollläden heruntergelassen. Auf den weiten Feldern entlang der Autobahn reihen sich Neubauten wie aus Lego in endloser Folge aneinander. Aus dem sumpfigen Boden ragen riesige Tafeln, die unterschiedslos für Mobiltelefone, Computer, das Durga-Fest und Aidsprävention werben … Das weiße Auto, der alte Ambassador, gleitet durch den Verkehr. Zu meinem Vater, zu seinem Bambusbett, zu seiner Asche.
Am Ende der Reise: das Feuer. Kleine Flammen. Große Flammen. Hungrige, gierige und dennoch ruhige Flammen. Als wüssten sie, dass es unwiderruflich ist, unabänderlich. Als wüssten sie, dass unter ihrer Berührung nichts ist und nichts sein kann, dass unter ihrer Berührung der Körper zu Asche zerfällt. Die Rippen werden ihre Form behalten, krumm wie ein Geisterschiff, aber bei der ersten Berührung werden auch sie zu Staub zerfallen, Staub zu Staub, der Wind wird ihn davontragen. Nach dem Tod meines Vaters wird mir auch die Erinnerung an meinen Vater genommen werden, die Erinnerung an seinen unversehrten Körper, jede Vorstellung von seinem Leben wird mir genommen werden. Der Priester des Krematoriums wird meinen toten Vater noch einmal töten, seinen Körper auslöschen, ihn rauben, ihn plündern, ihn verschwinden lassen. Ich werde mich aufrecht halten, vor meinen Füßen mein Vater, Asche, Staub, Nichts.
Ich sitze im alten weißen Ambassador zwischen meinen beiden Freundinnen aus der Kindheit und antworte auf ihre gut gemeinten Fragen. Das Beruhigungsmittel, das ich im Flugzeug genommen habe, zieht mir den Boden unter den Füßen weg, ich fühle mich, als schwebte ich in der Luft, von allem abgeschnitten, wie in Luftpolsterfolie und Watte gepackt. Ich sehe die Welt durch dichte Filter, ich sehe, wie ich rede, handele, atme, ja atme und weiterlebe.
Der Körper meines Vaters liegt auf einem Bett aus Bambus. Ich gieße ein wenig zerstoßenen Reis mit Milch in seinen violetten, schmerzverzerrten Mund. Ich gieße Wasser hinterher. Sein Körper in einem neuen weißen Gewand aus billigem Stoff, sein Körper unter einer Decke aus weißen Blüten nimmt die Wassertropfen auf, im langsamen, gellenden Rhythmus der Mantras des Priesters verfliegt der Duft von Sandelholz auf seiner Brust. Ich verneige mich und beuge meinen Oberkörper waagerecht nach vorne. Ich begegne seinem starren Blick unter den schweren Augenlidern, ein blau-schwarzer, verdichteter, versteinerter Blick, als hätte man seine Augen mit Tinte versiegelt. Sein Tintenblick, sein Kummerblick verfolgt mich. Ich versuche zu erraten, ob er bis zuletzt Schmerzen hatte, ob es ihn schmerzte, uns zu verlassen, ob er an mich dachte, ob es ihn schmerzte, zu sterben, ohne mich wiederzusehen. Ob es ihn geschmerzt hätte zu sehen, wie an ihm jene religiösen Riten vollzogen werden, die er sein ganzes Leben lang abgelehnt hat. Seine Genossen, ein paar Bezirksvorsitzende sind gekommen. Niemand stört sich an dem Priester und seinen Mantras, seinen Räucherstäbchen mit dem schweren Duft und seinen mit bedeckten Tongefäßen. Niemand hat mich um meine Meinung zur Erweisung der letzten Ehre gebeten, ich bin zwei Tage nach seinem Tod angekommen, schon während der Trauerfeierlichkeiten, organisiert von unseren treuen Nachbarn, die aus Rücksicht auf mich auch seinen Leichnam auf einen Block Eis gelegt hatten.
Diese Augen wie die eines toten Vogels, diese tintenblauen Augen werden mich den ganzen Tag verfolgen. In der Luft, in der Leere werden tausend Augen auftauchen, tausend Tintenflecken werden den weißen Sommertag überziehen.
Aber zunächst umkreise ich seinen Leichnam im Rhythmus der Mantras, umkreise die Geschichte eines Lebens, das meines Vaters. Dann wird eine Fackel angezündet. Das Feuer muss an seinen Mund geführt werden, zum Ursprung der Dinge und der Worte, bevor der Körper ganz in die Brennkammer geschoben und der eiserne Vorhang hinuntergelassen wird.
Die Macht der Worte kennt keine Grenzen, keine Schwachstelle, sie beherrscht die Dinge, die Tatsachen, unsere Vorstellungen und unsere Gefühle. Manchmal aber dienen Worte auch dazu, das Schweigen hörbar zu machen, es einzufassen wie ein Mäuerchen einen Brunnen. In diesem umgrenzten Raum wird das Schweigen unendlich, unermesslich.
Nach der Einäscherung boten die Freundinnen mir an, bei ihnen zu übernachten. Ich weiß nicht mehr, aus welchem Grund, Müdigkeit oder Trägheit, ich ihre Einladung ausgeschlagen habe. Obwohl ich mich seit Jahren geweigert habe, in diese Stadt, in diese Wohnung zurückzukehren, überlasse ich mich ihr jetzt, wo ich dort bin, ganz und gar und verliere mich in ihrem Bauch. Ich ertrinke in ihrem Schweigen.
Auch wenn ich es mir nicht eingestehen will, hat es mir gutgetan, Paris zu verlassen. Der Tod meines Vaters hat mich aus dem Chaos gerettet, in das mein Leben in der letzten Zeit versunken ist. Der Mann, mit dem ich mich traf, war und blieb mir ein Rätsel. Ich wusste nicht, wo er wohnte, wo er arbeitete, ob er arbeitete, ob er alleine lebte oder mit jemandem zusammen war, ob er hin und wieder ausbrechen musste. Er wirkte auf mich wie ein Mann im freien Fall, der in mir die perfekte Verbündete gefunden hatte. Sein Sturz schien mir endlos. Mit ihm verstand ich, dass die Nacktheit nicht nackt ist, dass sie vielleicht der beste Weg ist, sich zu verstecken, zu verbergen, zu entziehen. Meine Liebe für ihn war anders als alles, was ich bis dahin gekannt hatte. Jede unserer Verabredungen ließ mich verstörter, durstiger, unsicherer zurück. Er weckte in mir einen unbekannten Zorn, einen ungekannten Rausch. Ich hatte den Eindruck, dass ich aus Liebe zu ihm scharfkantige Ringe tragen und in üblen Bars Leute zusammenschlagen könnte.
Der Tod meines Vaters hat mich aus diesem endlosen Tunnel geholt, und nun nehme ich die Welt um mich herum wieder wahr. Das leere Haus tut mir gut, jedes Möbelstück ist ein Grab aus Schweigen, in dessen feinen Rissen ich Tierchen vermute, die, von meinen Schritten überrascht, Reißaus nehmen.
Durch meine geschlossenen Augen sehe ich einen weißen Stapel. Blaue und weiße Zigarettenschachteln. Vater rauchte, und ich baute aus den leeren Schachteln Burgen. Ich sehe zu, wie milchiger Winternebel das Haus verschluckt. Durch seinen Schleier höre ich ein sanftes Läuten. Dann sehe ich, wie sich lange, spitze Hörner durch den Schleier bohren. Es ist eine dicke Kuh, sie hat eine schmale Schnauze und dünne Beine, aber ihr Rücken und ihr Hinterteil sind breit. Sie wiegt den Kopf, und die Glocke um ihren Hals rührt behutsam im morgendlichen Nebel. Vater und ich gehen auf die Benaresstraße und kaufen Gewürztee mit dickflüssiger Milch. Der Verkäufer gießt den mehrfach aufgekochten Sud von einem Kupferbecher in einen anderen und dann wieder zurück. Die Leute, die Arbeiter und Händler, hocken um ihn herum und schauen zu. Die von Benares riechen plötzlich nach Rauch.
Ich bin alleine auf dem Gehsteig, keine Kuh, kein Tee, keine Hörner, keine Glocke mehr. Ich bin allein mit einer verdorrten, runzeligen, hautfarbenen Blume in meiner Hand. Ich halte sie am Stiel und drehe sie. Kann sie denn tot sein, diese unzerstörbare Blume, die Illusion von Unendlichkeit, das unvergängliche Band mit dem Leben, mit mir?
Nachts im Schlaf spüre ich, wie Hitze...




