Sittmann | Ein fatales Alibi | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Sittmann Ein fatales Alibi

Kriminalroman
15001. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95819-051-1
Verlag: Ullstein Midnight
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-95819-051-1
Verlag: Ullstein Midnight
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie viel Schuld nimmst du auf dich, um deine Liebe zu schützen? Paris in den Siebzigern. Wie jeden Tag geht der junge Künstler Quentin ins Café, um seine Schicht hinterm Tresen zu beginnen. Da wird er von der Gendarmerie verhaftet: Er habe in der vergangenen Nacht einen eiskalten Mord begangen. Quentin zögert, den Ermittlern zu verraten, wo er sich zur Tatzeit aufgehalten hat - er würde damit seine große Liebe, die verheiratete Marie, in Bredouille bringen. Das Fatale daran: Marie ist die Frau seines besten Freundes. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt von seiner Täterschaft, sieht Quentin dem Mörder doch zum Verwechseln ähnlich. Einzig Kommissar Beaufort zweifelt an seiner Schuld. Während Quentin die Guillotine droht, hat Kommissar Beaufort die Fährte nach Trier aufgenommen. Doch die Zeit läuft ihm davon und der eigentliche Mörder ist geschickt darin, seine Tat zu vertuschen. Ein wunderbar atmosphärischer Kriminalroman für Liebhaber von Frankreichkrimis.

Ansgar Sittmann, 1965 in Trier geboren, lebt und arbeitet seit Sommer 2013 in Berlin, nachdem er zuvor 9 Jahre im Ausland tätig war. Als. passionierter Leser von franko-belgischen Comics sowie Krimis aller Art gilt seine Leidenschaft dem Schreiben. Bisher sind 4 Kriminalromane um den Berliner Privatdetektiv Castor L. Dennings erschienen, außerdem 2 Kurzgeschichten in Anthologien. Ansgar Sittmann ist verheiratet, hat 2 Kinder und 2 Katzen.
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Kapitel 2


Paris, Rue de Lappe, 16. März 1978.

Quentin streichelte Maries Rücken. Mit dem Zeigefinger fuhr er langsam die Wirbelsäule entlang und machte erst bei ihrem Po halt. Marie kicherte: »Angst?«

Sachte drehte er sie um. Nun lag sie vor ihm mit herausforderndem Blick. Fast automatisch griff er an ihre feste Brust.

»Nein, keine Angst«, antwortete er. »Ich dachte, du bist vielleicht müde.« Es war ein Uhr nachts, ihr Liebesspiel hatte nach dem gemeinsamen Abendessen und den Nachrichten um halb neun begonnen. Immer wieder hatten sie den Höhepunkt hinaus gezögert, fest umschlungen den natürlichen Drang unterdrückt, bis sie nicht mehr konnten. Kurz vor Mitternacht ließen sie voneinander ab, um erschöpft, aber glücklich, die Augen zu schließen.

Marie räkelte sich, verschränkte die Arme hinter ihrem Kopf und öffnete leicht ihren Mund. Ohne weiter nachzudenken, nahm Quentin das verheißungsvolle Angebot an. Ihre Zungen spielten miteinander, langsam schob er ihre Beine auseinander, die sie bereitwillig öffnete, dann fest um ihn schlang. Quentin wunderte sich über sein Durchhaltevermögen, hatte er doch einen anstrengenden Tag hinter sich. Aber es lag an Marie, ihren Reizen, denen er nicht widerstehen konnte, ihrer Wärme und ihrem Charme. Immer wieder hatte er sich gefragt, was ihm am meisten gefiel. Natürlich auch ihr Körper, vielmehr jedoch diese Aura des Unnahbaren, diese weibliche Eleganz, die Begierde und Ehrfurcht zugleich weckte. Wie Marlène Jobert, hatte er zu ihr gesagt. »Wirklich? Aber ich sehe doch ganz anders aus.« Das war richtig, sie sah anders aus, aber das gleiche zurückhaltende Lächeln, die feinen Lachfältchen und die ausdrucksstarken blauen Augen erinnerten Quentin an die schöne Schauspielerin.

Quentin bediente im Café le Malakoff, eine von Touristen gern besuchte Brasserie am Trocadéro, Ecke Avenue Raymond Poincaré. Im Gegensatz zu den kleinen Bistros, in denen vornehmlich Einheimische einkehrten, zeigten sich die Besucher des Malakoff bei den Trinkgeldern spendierfreudiger, Deutsche, Briten oder Amerikaner mit ihren harten Währungen ganz besonders. Der Aufenthalt in der Stadt der Liebe, die Aussicht auf das Palais de Chaillot und den alles überragenden majestätischen Eiffelturm bewirkten bei den Besuchern eine sonderbare Verklärung, die ihnen für den Augenblick eines Sandwichs oder Saucisse Frites den Sinn für das Materielle raubten. Die deftigen Preise wurden anstandslos akzeptiert, garniert mit einem stattlichen Trinkgeld. An diesem Tag hatte Quentin zwei Schichten hintereinander gearbeitet, einer seiner Kollegen hatte sich eine hartnäckige Erkältung eingefangen und war kurzfristig ausgefallen. Seine Füße schmerzten, als er Marie in der Nähe der Champs Elysées abgeholt hatte, in sicherer Entfernung zum Friseurladen, in dem sie arbeitete. Man musste sie ja nicht unbedingt zusammen sehen.

Eigentlich war Quentin Künstler, Zeichner, um genau zu sein. Er hatte einige Zeit an der Hochschule der Schönen Künste studiert, in einer, wie er fand, der schönsten Viertel der Stadt, die der Kreativität Flügel verliehen. Seine Professoren bescheinigten ihm eine ausgeprägte Begabung. Nur wenige ahnten, dass sein Herz für Comics brannte, für die neunte Kunst. Immerhin konnte er eine Veröffentlichung bei einem kleinen Verlag vorweisen, ein Achtungserfolg, der längst nicht genug Tantiemen abwarf, um davon leben zu können. Irgendwann, ja irgendwann würde bestimmt einer der großen Verlage auf ihn aufmerksam werden. Spätestens dann würde er sich ein schönes Appartement im 16. Arrondissement anmieten oder gar kaufen. Mindestens zwei Zimmer, eine moderne Küche und ein schickes Bamit Bidet – vor allen Dingen aber ein eigenes, t gleich im Eingangsbereich, keine Gemeinschaftstoilette auf dem Flur wie in der Rue de Lappe.

Marie drückte ihn immer fester an sich. Dieses Mal zögerten sie nicht lange, ihre Ausdauer war ausreichend strapaziert, und mit einem Lustschrei gefolgt von einem erleichterten Seufzer beendeten Marie und Quentin das feurige Liebesspiel.

Erschöpft und stumm lagen sie nebeneinander. Dann griff Quentin nach den Zigaretten, die er auf den Boden neben das Bett gelegt hatte.

»Stört es dich?«, fragte er.

»Nein, nein, ist schon okay, Quentin. Ihr Männer raucht doch gerne danach.«

Verschämt zündete Quentin seine Marlboro an.

»Und weißt du was? Eigentlich rieche ich es ganz gerne«, fügte sie hinzu.

»Pascal …«, hob er an. »Raucht er auch danach?«

Marie war plötzlich hellwach und richtete sich auf. Mit dem Laken bedeckte sie ihre Brüste.

»Warum fragst du das? Jetzt?«

»Weil ich gerade an ihn denken muss«, antwortete Quentin ruhig. »Du weißt, er ist … mein Freund. Mehr als das, er ist wie ein Bruder.«

»Bitte!«, unterbrach ihn Marie. »Das hatten wir doch schon, oder?« Sie stand auf, ging zu der kleinen Küchenzeile und holte sich ein Glas Wasser. »Quentin, ich weiß sehr genau, was wir machen«, sagte sie, bestimmt. »Ich bin eine Ehebrecherin, und du betrügst deinen besten Freund. Das ist widerlich, ja! Und es bricht mir das Herz! Ich liebe Pascal, und ich liebe dich, jeden von euch anders, aber beide mit ganzem Herzen.«

Wieder hielt sie ihr Glas unter den Wasserhahn, um nachzufüllen. Quentin staunte, wie wenig Schlucke sie brauchte, das Glas zu leeren. Vor einer Viertelstunde noch todmüde, war er nun hellwach. Er zog seine Hose und ein Unterhemd an und gesellte sich zu Marie an die Spüle. Nach der Zigarette hatte auch er einen fürchterlichen Durst.

»Und wir machen so weiter?«

»Hast du eine bessere Idee, Quentin?« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Seine Angstzustände werden schlimmer, er schluckt Antidepressiva wie andere Erdnüsse. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht sagt, dass ich der einzige, der letzte Grund sei, dass sein Leben noch irgendeinen Sinn macht. Und du, Quentin. Wenn er von dir spricht, hellt sich sein Gesicht auf. Du bist immer präsent. In seinen Gedanken, und in meinen.« Marie schluckte und wischte mit ihrer Hand eine Träne von der Wange. »Eins kommt zum anderen. Er ist doch schon so labil, und jetzt kann er nicht einmal im Bett … Quentin. Es ist fürchterlich, ich könnte weinen, wenn ich sein Gesicht sehe, wie er sich müht.«

»Das war mir nicht bewusst«, sagte Quentin kleinlaut.

»Und wenn schon. Was würde es ändern, ob er mit mir schlafen kann oder nicht. Du würdest mich doch trotzdem lieben, oder?«

»Ja.« Er nahm sie in den Arm. »Wie lange bleibt Pascal noch bei seiner Mutter in Cabourg?«

Ihr Schluchzen brach Quentin das Herz.

»Er meinte noch eine Woche … sie brauche jetzt Hilfe, mit dem Garten, dem Haushalt …«

»Schon gut, Marie, mach dir keine Sorgen. Mit ihrem gebrochenen Bein kann sie wirklich nicht viel machen.«

Marie löste sich aus der Umarmung. »Aber seine Schwester lebt doch bei ihr! Sie macht doch sowieso alles für ihre Mutter! Und jetzt hat sie zwei Pflegefälle mit Pascal … und er verliert wieder seinen Job, Quentin, verstehst du das! Er könnte Karriere bei Renault machen, sein Chef in Boulogne-Billancourt mag ihn sehr. Wir könnten irgendwann ein Häuschen kaufen, draußen, wo es grün ist … bei Versailles, oder so …«

Jedes Wort schien ihm jetzt zu viel. Er ließ sie weinen, drückte sie nur an sich und streichelte ihr langes Haar. Ein guter, ordentlich bezahlter Job in Paris war nicht selbstverständlich, erst recht nicht als Pied-noir. Seine und Pascals Wurzeln lagen in Algerien. Ihre befreundeten Urgroßväter wanderten Ende des 19. Jahrhunderts aus, ließen Marseille hinter sich und gründeten eine neue Existenz in Algerien. Beide Familien zählten zu den angesehensten in Oran, sie hatten das gelobte Land gefunden, und letztlich war es ja auch ein Teil Frankreichs. Bis zu jenem Tag am 5. Juli 1962. Den Algerienkrieg hatten sie unbeschadet überstanden, mit der Unabhängigkeit würden sie problemlos leben können. Hier war ihr Zuhause, ihre Großväter, Väter und sie selbst waren hier geboren, Frankreich kannten sie nur von Bildern. La valise ou le cercueil, der Koffer oder der Sarg, die Aufforderung war unmissverständlich. Der aufgestaute Hass, die Wut gegen die Kolonialherren, die in den Jahren zuvor mit nie gesehener Härte gegen die algerischen Widerstandskämpfer vorgegangen waren, entlud sich mit der Wucht eines Orkans. Gehen oder Sterben. Warum? Wohin? Sie blieben, eine fatale Fehleinschätzung. Die Rue d’Alsace-Lorraine war leergefegt an jenem Tag, das muntere Treiben auf der Terrasse des Grand Café Riche erloschen. Sie waren Nachbarn, warfen an Sonntagen im nahegelegenen Parc d’Artillerie ihre Boule-Kugeln in den heißen Sand, an warmen Sommerabenden huldigten sie im Café Riche ihrer jahrzehntelangen Freundschaft bei einem schweren Rotwein und einem Salé aux Lentilles, Schweinefleisch mit Linsen, das Leibgericht von Pascals Vater.

Vorsichtshalber hatten sie ihre Waffen aus dem Keller geholt, zwei alte Schrotflinten, Erbstücke des Großvaters, mit Bajonett, ein Jagdmesser und eine Faustwaffe, die noch aus dem 1. Weltkrieg stammen musste. Quentin erinnerte sich genau, was sie damals gemeinsam gegessen hatten, nicht im Café Riche, sondern im Wohnzimmer seiner Eltern. Einen grünen Salat mit Walnüssen, Merguez, Kartoffelgratin und den berühmten Apfelkuchen seiner Mutter. Es war 20 Uhr, als die Männer einen letzten Calvados tranken und Pascals Familie sich anschließend verabschiedete.

»Das geht vorüber«, meinte Pascals Vater. »Wir müssen ein wenig Geduld haben, aber das geht...


Sittmann, Ansgar
Ansgar Sittmann, 1965 in Trier geboren, lebt und arbeitet seit Sommer 2013 in Berlin, nachdem er zuvor 9 Jahre im Ausland tätig war. Als. passionierter Leser von franko-belgischen Comics sowie Krimis aller Art gilt seine Leidenschaft dem Schreiben. Bisher sind 4 Kriminalromane um den Berliner Privatdetektiv Castor L. Dennings erschienen, außerdem 2 Kurzgeschichten in Anthologien. Ansgar Sittmann ist verheiratet, hat 2 Kinder und 2 Katzen.

Ansgar Sittmann, 1965 in Trier geboren, lebt und arbeitet seit Sommer 2013 in Berlin, nachdem er zuvor 9 Jahre im Ausland tätig war. Als passionierter Leser von franko-belgischen Comics sowie Krimis aller Art gilt seine Leidenschaft dem Schreiben. Bisher sind 4 Kriminalromane um den Berliner Privatdetektiv Castor L. Dennings erschienen, außerdem 2 Kurzgeschichten in Anthologien. Ansgar Sittmann ist verheiratet, hat 2 Kinder und 2 Katzen.



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