Sjögren / Gissy / Nylander | Schwedische Schuld | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 1817 Seiten

Sjögren / Gissy / Nylander Schwedische Schuld

Drei Thriller in einem eBook: »Die letzte Welle«, »Mord in Göteborg: So kalt die Nacht« und »Mittsommermörder«
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-110-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Drei Thriller in einem eBook: »Die letzte Welle«, »Mord in Göteborg: So kalt die Nacht« und »Mittsommermörder«

E-Book, Deutsch, 1817 Seiten

ISBN: 978-3-98952-110-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Drei düstere Schweden-Krimis für spannungsgeladene Lesestunden DIE LETZTE WELLE: Im Altenheim »Ömheten« geschehen seltsame Dinge: Ein mysteriöser Einbruch, gefolgt von einem Todesfall weckt den Verdacht des pensionierten Polizisten Tore Lindahl. Warum will das Pflegepersonal die Vorfälle geheim halten? Währenddessen hofft Journalistin Veronika Wiklund auf die große Story. Als sie von Tores Verdacht hört, ergreift sie ihre Chance und gemeinsam beginnen die beiden, zu ermitteln ... MORD IN GÖTEBORG: Zwei Kinder entdecken die akribisch gereinigte Leiche einer Frau. Der einzige Hinweis auf den Täter: eine abgerissene Spielkarte. Ratlos zieht die Göteborger Polizei die forensische Psychologin und Ex-Polizistin Michelle Mohlin zum Fall hinzu. Schon bald muss sich Michelle nicht nur einem gefährlichen Mörder, sondern auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit stellen. MITTSOMMERMÖRDER: Die rechte Rockband »Bad Revolution« sorgt in der abgelegenen Kleinstadt Östersund mit Hetzliedern für Unruhe. Als nach einem Konzert ein Polizist ermordet wird, ist es Kommissar Jonas Nyström, der den Fall lösen soll. Während er alles daransetzt, das Netzwerk der Neonazis zu durchbrechen, holt Nyström bald seine eigene dunkle Vergangenheit ein - und dann passiert ein weiterer Mord ... Packend, dramatisch, elektrisierend: Drei Fälle, die ihre ErmittlerInnen an den Rand des Wahnsinns treiben - jetzt in einem Sammelband vereint!

Cecilia Sjögren ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Autorin. Mit dem Schreiben von Spannungsromanen begann sie, als sie zum vierzigsten Geburtstag einen Krimikurs geschenkt bekam. Ihr Roman »Die letzte Welle« gewann 2022 den Krimiwettbewerb von SAGA Egmont. Ihr Kriminalroman »Die letzte Welle« ist als eBook bei dotbooks erhältlich und als Printausgabe sowie als Hörbuch bei SAGA Egmont.
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Prolog


Mallorca einen Monat zuvor

Irgendwie hatte sie wohl geahnt, dass es passieren würde. Dass die Wahrheit herauskäme und Dunkelheit verbreiten würde. Trotzdem hatte sie ihre Lüge gelebt – was niemand wissen durfte.

Die dichten Jahresringe des Lebens hatten ihr Geheimnis verborgen. Ein verräterisches Gefühl der Sicherheit. Sein Besuch gestern hatte alles verändert.

Señora Orjeda drückte die Zigarette direkt auf der Fensterbank aus und zog den fleckigen Malerkittel fester um ihren dünnen Körper. Unruhig spähte sie aus dem Fenster in den Garten. Hinter der selbst gebauten Trockenmauer voller Bougainvillea breiteten Pinien ihre riesigen Kronen aus. Stolze, gerade Bäume, die die schicke Aveguida de Rossegada einrahmten. Ein krasser Gegensatz zu den kauernden Krüppelkiefern ihrer Kindheit.

Der Gedanke an Zuhause ließ ihre Hand zittern. Ihre Finger glitten mechanisch durch das graue Haar, in dem Reste einer rotgoldenen Farbe vom Schöpfungsmorgen erzählten. Ihr Blick irrte umher.

Auf der anderen Seite lag das Mittelmeer und wogte im Frühlingsabend. Die Luft satt von Salz und Pinien. Sie liebte es, hier zu stehen und das zu betrachten, was ihr ein und alles geworden war. Zitrus- und Mandelbäume in der Mitte des Gartens, Hibiskus und Lavendel, die über die Kalksteinkante der Beete wucherten. Die weiße Villa mit ihrem geräumigen Patio, in der sie heute die Fensterläden zum Gewölbe hin geschlossen hatte, um die Hitze draußen zu halten.

Señora Orjeda unterdrückte ein Gähnen. Sie war heute früh aufgestanden. Schon bevor die Sonne ihre Strahlen über den zackigen Kamm des Tramuntanagebirges geschickt hatte. Schlaflos hatte sie sich in die Türöffnung des Patios gestellt, um zu warten. Denn sie hatte sich entschieden zu bleiben, endlich alles zu erzählen. Wenn es überhaupt eine Entscheidung war, denn sie sah keinen anderen Ausweg.

Jetzt wurde es Abend, und er war immer noch nicht gekommen. Vielleicht hatte er seine Meinung geändert?

Señora Orjeda ließ den Blick zur Straße schweifen. Das Viertel lag ganz verlassen in seiner umwerfenden Schönheit.

Heute hatte sie die Nachbarn gar nicht gesehen. Vielleicht hatten sie sich vor der Hitze verzogen oder vielleicht waren sie einfach nicht da. Wohlhabende Ausländer, die nach Hause verschwanden, wenn die Hitze und die Touristen die Insel übernahmen. Eine Möglichkeit, dem auszuweichen, was ihnen nicht gefiel.

Nicht einmal Sergio, der ihr mit allem Praktischen im Haus half, hatte sich heute blicken lassen. Er hatte versprochen, die Mauer im Patio heute ganz freizulegen, aber offensichtlich war ihm etwas dazwischengekommen.

Verdammte Spanier, dachte sie.

Denn trotz ihrer sechzig Jahre auf der Insel fiel es ihr immer noch schwer, zu begreifen, dass eine abgesprochene Uhrzeit kein Versprechen war. Sie hätte seine Anwesenheit heute als Ablenkung gebraucht, um die Nervosität zu dämpfen, die sie nun innerlich auffraß. Langsam strich sie mit der Hand über das abgegriffene, von Ruß und dem Leben selbst ganz verfleckte Wachstuchheft. Darin stand die Geschichte, die sie heute erzählen wollte, wenn er kam.

Behutsam legte sie das Heft auf den alten Beistelltisch am Fenster. Die dünnen Finger folgten dem Mosaik auf der Tischplatte, Azurblau auf sandfarbener Terrakotta. Eine halbvolle Cavaflasche stand auf dem Tisch, deren Etikett sie dieses Jahr mit einem ihrer Werke hatte schmücken dürfen. Regionaler Wein, regionale Künstlerin. Der krönende Abschluss einer beeindruckenden Produktion. Mit 85 Jahren konnte sie sich immer noch finanziell mit ihrer Malerei über Wasser halten. Doch das, was sie heute Morgen gemalt hatte, würde sich nicht verkaufen lassen.

Mit zitternden Händen hatte sie die Farbe über die weiß gekalkte Wand fließen lassen. Für Uneingeweihte ein Plagiat eines der Größten der Insel: Miró. Für denjenigen, der verstand – ein angsterfüllter Ausdruck des Unterdrückten, von dem sie geglaubt hatte, sie hätte es nur mit den Toten und dem Meer geteilt.

Erreicht man jemals einen Punkt, an dem man das Recht hat, wieder zu leben, fragte sie sich. An dem das, was man aus seinem Leben verbannt hat, als Bezahlung gilt? Vielleicht war es trotz allem möglich, überlegte sie weiter und ließ den Blick noch einmal über die Nachbarschaft streifen.

Auf der anderen Straßenseite flankierten gepflegte Beete den Weg zu den verschiedenen Bauten des Hotels Bendinat.

Ein leises Motorengeräusch hörte man von der Straße. Langsam, aber sicher wurde es lauter. Sie hielt den Atem an. Das Mittelmeer lag wie eine Fata Morgana in der zitternden Hitze. Der Duft des Lavendels wurde immer schwerer.

Das Auto hielt am Tor. Der Motor lief weiter. Das anhaltende Geräusch drang durchs Fenster. Señora Orjeda trat einen Schritt näher und stieß dabei die Flasche auf dem Tisch um. Die Bläschen des Cava schäumten auf dem Stein. Er floss weiter und machte das Heft nass. Erschrocken hob sie es hoch und trocknete das Wachstuch am Malerkittel.

Der Sekt floss weiter über die Tischkante und tropfte auf den Steinboden, zu ihren Füßen bildete er eine kleine Pfütze. Ein Duft nach Birne und Zitrone erfüllte den Patio.

Durch das Fenster sah sie, wie das Auto auf den Hotelparkplatz gegenüber fuhr. Der Motor wurde ausgeschaltet. Er, auf den sie den ganzen Tag gewartet hatte, stieg aus und blieb auf dem Parkplatz stehen, den wässrigen Blick auf das Gebäude geheftet. Mit einer verärgerten Bewegung strich er sich das Haar aus der Stirn.

In der Ferne, am Horizont, sank die Sonne in die Stille des Meeres.

Señora Orjeda umklammerte das Heft. Die Wahrheit war ihr immer zu schwierig gewesen. Der Weg der Lüge war so viel leichter. Es hätte so weitergehen können, wäre er nicht gekommen. Schon jetzt machte die bevorstehende Lüge ihren Mund trocken. Ihr Besucher lenkte den Blick zur Straße und ging auf das Haus zu. Sie verfolgte seine Bewegungen durch das Tor und über den ordentlich geharkten Weg. Der Garten ruhte still im Sonnenuntergang.

Er klopfte an die Tür.

Señora Orjeda stand wie festgewachsen im Cava. Der Mut verließ sie, und sie konnte die Tür nicht öffnen.

Es klopfte noch einmal und der Riegel klackte. Im schwachen Licht des Patios sah sie ihn die Türschwelle überschreiten.

»Hallo? Bist du zu Hause?« Sein Blick fiel auf die Wandmalerei von heute Morgen.

Sie schluckte. »Du bist also zurückgekommen«, sagte sie. Schweiß floss aus ihren Achseln den Malerkittel entlang.

Er drehte sich um. »Ja, so hatten wir es ja beschlossen.«

»So hatten wir es beschlossen«, wiederholte sie.

Es lag ein Schatten auf seinem Gesicht.

»Komm, setzen wir uns in den Salon und trinken Kaffee«, sagte sie mit leicht zittriger Stimme.

»Nein danke.« Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos.

»Es ist eine lange Geschichte«, begann sie zögernd. »Die kann man nicht mal eben erzählen.«

»Ich bin nicht gekommen, um mir deine Lügen anzuhören.« Er trat einen Schritt näher.

»Wieso bist du dann gekommen?«, fragte sie und umklammerte das Heft.

»Um dich vor Angst gelähmt zu sehen.«

»Du bist gekommen, um das Glas zu leeren?«

»Nenn es wie du willst.«

Sie machte einen Schritt zurück und erkannte zu spät, dass sie sich dadurch den Fluchtweg abschnitt. Hinter ihr lag die weiß gekalkte Mauer, dick und undurchdringlich.

»Hast du wirklich geglaubt, dass du davonkommst?«, fragte er, und ihr fiel auf, dass er zum ersten Mal lächelte.

»Es muss eine Zeit geben, in der Vergebung möglich ist«, sagte sie. Die Angst stieg in ihre Brust.

»Zeit.« Er schnaubte. »Das Einzige, das die Zeit bei dieser Geschichte geleistet hat, ist, dass du dummdreist geworden bist. Du hast Spuren hinterlassen. Deine Sphäre wurde zu eng. Keine Überraschung, denn du hast immer mehr gewollt, als das Leben dir bot.«

»Du weißt nichts über mich«, sagte sie unsicher. Die Stimme klang fremd.

»Mehr, als du glaubst«, erwiderte er. »Deine Werke verbreiten sich durch die Touristen. In unserer Zeit kann man sich vor niemandem verstecken. Ein Bild von Mallorca hängt plötzlich an einer Wand in Roslagen. Das Versteckte und Vergessene erwacht zum Leben.«

Roslagen. Vor ihrem inneren Auge sah sie die dichten Kronen der Kiefern. Sah sich selbst durchs Gestrüpp laufen, in die vermoderte Schwärze des Waldes hinein.

Sie war weitergelaufen, ohne sich umzusehen. Denn sie wusste, dass sie durch einen Blick zurück weich würde. Die Angst pochte in ihren Schläfen, in einem anderen Takt als ihr Puls.

Büsche und Sträucher hatten ihr Arme und Beine zerkratzt. Die Handtasche presste sie fest an den Körper. Darin befanden sich die Tickets, der Schlüssel zu ihrem neuen Leben. Das Schreckliche tief im Meer begraben.

All die Jahre hatte sie sich eingeredet, dass es so gewesen war. Bis die Briefe kamen. Sie hätte damals viel kraftvoller handeln sollen, das erkannte sie jetzt.

Durch die Erinnerung verließ sie alle Stärke. Aus der Angst war eine unüberwindliche Müdigkeit geworden. Sie war es müde, alle an der Nase herumzuführen. Eine verbitterte Lügnerin mit einer Lebensgeschichte aus lauter Geheimnissen und Leerräumen.

»Hast du je an das gedacht, was du hinter dir gelassen hast?«, fragte er und trat einen Schritt näher.

»Jeden Tag«, sagte sie. »Du hast keine Ahnung.«

»Trotzdem hast du nichts dagegen getan?«

»Nein«, flüsterte sie und faltete die zitternden Hände. Mit schwacher, eintöniger Stimme betete sie den Rosenkranz:

»Herr erbarme dich. Christus erbarme dich. Herr erbarme dich. Christus höre uns. Christus erhöre uns ...«

»Für Gebete ist es...



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