E-Book, Deutsch, 213 Seiten
Skowronnek Schweigen im Walde
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3629-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 213 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3629-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein humoristischer Roman um den Zwist innerhalb eines ostpreußischen Adelsgeschlechts. Der Wald behält schweigend für sich, was in seinem Schatten an alten Dokumenten vergraben, an Familienstreitigkeiten und und verliebtem Hass ausgetragen, an heimlichen Küssen gewechselt wird ...
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Viertes Kapitel
Der lange Hans Heinrich in Mechowen hatte gerade seinen Morgenrundgang durch Hof und Ställe beendigt, steckte sich die erste Zigarre an und überlegte zum so und so viel hundertstenmal in den abgelaufenen vierzehn Tagen, ob er bei dem bevorstehenden gemeinschaftlichen Frühstück nicht endlich das entscheidende Wort sprechen sollte: Liebe Mama, sei so gut, zieh dir heute mittag das Schwarzseidene an und fahr für mich nach Groß-Lipinsken auf die Freite. Frag die Elsbeth, ob sie mich haben will, und sie soll ja oder nein sagen, denn dieses Herumgezerge hab' ich jetzt satt. Tagelang existiert man kaum für sie, kommt sich vor wie ein Stück Luft, und ein andermal wiederum sieht sie einen so merkwürdig freundlich an, daß man sich einbildet, man braucht' nur die Hand auszustrecken: Na, Elsbeth, wie ist das nun mit uns beiden, und wann soll die Hochzeit sein? ... Also sie soll endlich sagen, wie sie gesonnen ist, denn vor lauter Grübeln und Nachdenken fang' ich schon an, meine eigne Wirtschaft zu versäumen. Hoffentlich wird sie einsehen, daß für einen ausgewachsenen Menschen das auf die Dauer ein unhaltbarer Zustand ist!...
Wenn er sich allein den gestrigen Abend vergegenwärtigte – das war so recht ein Musterbeispiel für dieses Aprilwetter jählings umspringender Launen gewesen! Zuerst, nachdem sie dem armen Kerl von Maler den Laufpaß gegeben hatte – Gott allein mochte wissen, weshalb, denn der gute Professor tat doch keinem was zu leide – saß sie mit zusammengezogenen Augenbrauen da, sprach kein Wort und hatte seinen Gruß kaum erwidert. Dann mit einem Male schien sie bemerkt zu haben, daß er ein herzlich unglückliches Gesicht machte, wurde plötzlich ganz lebhaft, fing mit ihm zu plaudern an, wie nur je in ihren freundlichsten Stunden, erkundigte sich nach dem Befinden seiner Mutter, wie weit er mit der Frühjahrsbestellung wäre und dergleichen. Und er glaubte sich nicht zu täuschen, wenn er aus allen diesen Fragen ein ganz besonders herzliches Interesse heraushörte und zugleich den Grund ihrer Fragen erriet: Wer sich mit dem Gedanken trug, einmal in Mechowen zu wohnen, der hatte natürlich auch ein Interesse daran, wie dort der Wirtschaftbetrieb ging! Da schickte er sich schon an zu sagen: Ja, liebe Elsbeth, dann kommen Sie doch mal nachmittags zu einer Tasse Kaffee herüber. Meine Mutter bangt sich schon ordentlich nach Ihnen, ich aber laß anspannen, zeig' Ihnen die Felder, und Sie werden Ihre Freude daran haben, wie gut alles durch den Winter gekommen ist. Meinetwegen können Sie dann auch gegen Abend meinen besten Rehbock abschießen, er ist jetzt noch so vertraut, daß man mit der Mütz' nach ihm schmeißen kann, wenn man vorbeifährt! Und zu dieser Einladung gedachte er sich zu versteigen, obwohl ihm innerlich Elsbeths unweibliche Jagdpassion gar nicht gefiel und er mit seinen Böcken sonst recht geizig war. Weil sie jedoch so ausnahmsweise freundlich zu ihm war, wollte er mal auch in dieser Hinsicht ein übriges tun! Während er sich aber die außergewöhnlich lange Ansprache im Kopfe zurechtlegte, geriet das bis dahin so lebhafte Gespräch ins Stocken, und als er gerade fertig war und loslegen wollte, ließ sich der Verwalter Wisotzki anmelden. Da stand sie plötzlich auf, verabschiedete sich mit flüchtigem Gruß und ging in ihr Schreibzimmer hinüber ...
Danach aber kam er sich ganz vereinsamt und verlassen vor. Die beiden alten Tanten hatten sich in eine Ecke zurückgezogen und zankten sich dort, anscheinend um den Maler, denn es war von der Zeichnung die Rede, die Elsbeth, ohne sie jemand zu zeigen, zerknittert und in ihre Rocktasche geschoben hatte; Klein-Fränze aber, die sich sonst seiner anzunehmen pflegte, saß mit aufgestützten Armen am Tische und las in einem Roman. Da fragte er schüchtern, ob sie nicht vielleicht so gut sein wollte, ihm sein Lieblingsstück "La Paloma" auf dem Klavier vorzuspielen, erhielt aber die unfreundliche Antwort, sie wäre nicht in der Stimmung. Als jedoch eine Viertelstunde später der Wisotzkische Hauslehrer den Kopf zur Tür hereinsteckte, wahrscheinlich um erst nachzusehen, ob nicht etwa der Ostrokoller Pastor da wäre, sprang sie freudig auf, begrüßte ihn ganz besonders herzlich und machte ihm Vorwürfe, daß er sich so selten sehen ließe. Und als dieser geschniegelte Bengel mit zärtlichem Augenaufschlag erwiderte, er wäre nur wegen des Pastors ausgeblieben, heute aber wäre die Sehnsucht nach ein bißchen guter Musik doch zu mächtig gewesen, da war sie auf einmal "in der Stimmung"! Setzte sich, ohne erst noch eine weitere Bitte abzuwarten, ans Klavier und spielte fünf, sechs Musikstücke, aber " La Paloma" war nicht darunter! Lauter langweiliges Zeug, das er nicht leiden mochte, Walkürenritt, Feuerzauber und dergleichen, wobei kein vernünftiger Mensch eine Melodie herausfinden konnte. Da fragte er sich wieder einmal, woran wohl ihre früher so dicke Freundschaft in die Brüche gegangen sein mochte, aber konnte trotz allem Grübeln auf seiner Seite keine Schuld entdecken. Nur, daß Fränze ihn ärgern wollte, wurde ihm klar, denn sie kannte ja seine Ansicht über diese Art von Musik, die ihm Unbehagen verursachte und der er jede Berechtigung absprach, weil erst ein jahrelanges Fachstudium nötig wäre, um ihre angeblichen Schönheiten erkennen zu können. Der Wisotzkische Hauslehrer natürlich tat so, als wäre er ein Obersachverständiger, blätterte die Noten um, und bei einzelnen Passagen, die jedem andern direkt unangenehm in den Ohren klingen mußten, verdrehte er die Augen vor Entzücken und vollführte mit der Rechten allerhand seltsame Bewegungen in der Luft ... auch natürlich nur, um ihn zu ärgern, aber den Gefallen tat er dem Bengel nicht, hatte, weiß Gott, andre Sachen zu denken! Elsbeth hätte doch schon längst an der Konferenz mit dem Verwalter Wisotzki genug haben und an den Teetisch zurückkehren können, damit er seine geplante Einladung, die er sich mittlerweile zweimal überhört hatte, endlich glücklich anbringen durfte!... Aber dieser ölige Kerl redete und redete, als könnte er kein Ende finden, und Elsbeth hörte ihm mit einer Spannung zu, als handelte es sich um die interessantesten Fragen der Welt, während der ganze Vortrag sich vielleicht um irgend einen der Nebenprozesse mit dem Klein-Lipinsker oder ähnliche Bagatellen drehte... Leute, die um Nichtigkeiten ein ganzes Brimborium von Worten zu machen verstanden, waren ihm überhaupt unsympathisch, und wenn er erst einmal hier zu befehlen hatte, wollte er sich's doch noch gründlich überlegen, ob er diesen Herrn Wisotzki hier am Ruder ließ. Ein tüchtiger Landwirt war er ja, aber manchmal wollte es ihm fast scheinen, als wenn unter seinem Regime nicht die ganzen Erträgnisse in die Hauptwirtschaftskasse flössen, als wenn das Rohr an irgend einer Stelle gründlich angezapft wäre. Was verstand denn so ein junges Mädel von dem komplizierten Rechnungswesen eines großen Wirtschaftsbetriebes? Es sah im Hauptbuche nach, ob rechts und links unten die Zahlen stimmten und basta! ...
Die beiden am Klavier hatten sich nebeneinander gesetzt, spielten ein neues Stück, vierhändig, und fast wollte es ihm scheinen, als wenn Herr Wellhausen, der Wisotzkische Hauslehrer, öfter über Fränzes Linke nach rechts hinübergriff, als nötig war, sich zuweilen mit der Schulter an sie lehnte und überhaupt seinen Sessel viel zu nahe an den ihrigen gerückt hatte. Da packte ihn ein gewaltiger Ingrimm, und nicht viel hätte gefehlt, so wäre er aufgestanden, um den widerwärtigen Burschen am Kragen zu packen: Verehrtester, wenn Sie mit der Baroneß von Linde vierhändig spielen wollen, setzen Sie sich mal erst anständig hin und nehmen Sie sich nicht solche Vertraulichkeiten heraus! Ordentlich an sich halten mußte er, um der plötzlichen Regung nicht nachzugeben, unterließ es nur, weil er ja hier noch nichts zu sagen hatte! Aber später!.. Und vorläufig wollte er mal Tante Lieschen oder besser noch Tante Amalie darauf aufmerksam machen, welche Unzuträglichkeiten aus diesem Vierhändigspielen entstehen konnten. Klein-Fränze natürlich war noch ein dummes Gör, dachte sich nichts darunter, dieser mit allen Hunden gehetzte Großstädter aber bildete sich womöglich ein, er könnte sich hier so mit Musikschwärmen und Verseschmieden die jüngere Baroneß Linde angeln! ... Aber auch die beiden alten Damen kümmerten sich nicht um ihn, waren so vereifert, daß sie alles um sich her vergaßen, nur ihre Debatte paßten sie der Musik an: Beim Piano flüsterten sie, beim Fortissimo aber erhoben sie ihre Stimmen. Und Elsbeth kam nicht und kam nicht, die Konferenz nahm kein Ende. Da schob er seinen Stuhl zurück, stand auf und sagte kurz adieu!
Elsbeth winkte ihm aus dem Schreibzimmer nur mit der Hand, Fränze wandte während des Spielens kaum den Kopf nach ihm, sagte nicht einmal auf Wiedersehen, auch Tante Amalie, sonst seine eifrigste Gönnerin, schien so angeärgert, daß sie von ihrem langen Strickstrumpfe nicht aufstand. Nur Tante Lieschen erhob sich, um ihm auf die Freitreppe hinaus das Geleite zu geben ... gerade Tante Lieschen, deren Klein-Lipinsker Gesinnungen doch sozusagen gerichtsnotorisch waren; wahrscheinlich hatte sie mit ihm in seiner Vereinsamung Mitleid empfunden. Ehe er sich in den Sattel schwang, schüttelte sie ihm die Hand.
"Hast recht, mein Junge, reit nach Hause, es ist ungemütlich geworden in Groß-Lipinsken. Und ein rechter Kuddelmuddel! Aber der muß noch viel, viel größer werden, sonst gibt's hier keine Klarheit!"
Und er ritt in die dunkle Frühlingsnacht hinaus, in ganz andrer Stimmung als vor vierzehn Tagen, als ringsum im Mondschein der weiße Schnee auf den...




