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E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Skowronnek Sturmzeichen


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3630-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3630-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In den ersten Maitagen 1914 hat die 'Berliner Illustrirte Zeitung' den Abdruck dieses Romans begonnen. Als es Hochsommer war, kam die österreichische Note an Serbien, die Mobilmachung Rußlands und an dem denkwürdigen vorletzten Julitag die Erklärung des Kriegszustandes für das deutsche Reichsgebiet. Seitdem hat sich in all seiner großartigen Wucht das gewaltige Drama verwirklicht, der europäische Krieg, dessen Nahen die 'Sturmzeichen' ankündigten. Aus der deutsch-russischen Spannung, die die Volkskämpfe am Balkan hervorriefen, ist die Idee dieses Romans geboren.

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Der nachmittags von Königsberg abgegangene Personenzug bummelte gemächlich nach Südosten, der russischen Grenze zu. Eintönig klang das Läutewerk der Lokomotive, die mit Aechzen und Stöhnen etwa vier Meilen in der Stunde zurücklegen mochte. Ein schnelleres Tempo hätte zu viel Kohlen gekostet bei dem wenig lohnenden Betrieb.

Die brütende Julihitze ließ den sechs oder sieben Reisenden, die am Südbahnhofe eingestiegen waren, die Fahrt noch langsamer erscheinen, als sie in Wirklichkeit war. Der leichte Sommerwind, der ein wenig Kühlung gebracht hatte, war drückender Gewitterschwüle gewichen. Die Schwalben flogen dicht über dem Boden beim Nahrungsfang für die ewig hungrige Brut, und flimmernd, gleich durcheinanderschwingenden Silberfäden, zitterte die sonnendurchglühte Luft über der erntebereiten Erde.

Gaston von Foucar hatte die am Bahnhofe gekauften Berliner Zeitungen gelesen, es stand nichts Neues darin. Eine Erörterung darüber, ob auch Deutschland fechten müßte, wenn sein österreichischer Bundesgenosse von Rußland angegriffen würde. Das war doch selbstverständlich. Alles übrige, wie weit in diesem Falle die Bündnisklausel zuträfe, leeres Geschwätz. Es ging dabei ums eigene Leben. Und töricht wäre es doch gewesen, die äußersten Bastionen aufzugeben, wenn sie mit verhältnismäßig geringen Opfern zu halten waren. Viel wichtiger erschien ihm, daß man auch hier, im Osten des Vaterlandes, auf Posten war. An jeder kleinen Brücke standen Wachen. Das war sehr verständig. Bei dem mangelhaften, noch aus der Zeit der "ewigen russischen Freundschaft" stammenden Ausbau der zur Grenze führenden Bahnen hätten ein paar Sprengpatronen genügt, um den strategischen Aufmarsch um Tage zu verzögern ...

Der Vormittag in der alten Handelsstadt hatte Gaston wohlgetan. Es gab vieles zu sehen, was ihm neu war. Das Leben am Hafen, in dem neben leichten Segelschiffen auch stattliche Dampfer lagen. Krane schwenkten sich mit schwerer Last vom steinernen Kai zu den Schiffen, Ketten rasselten, und Maschinen stöhnten. Dazwischen ein emsiges Getriebe von Menschen, die in allerhand Sprachen durcheinanderschrien, Deutsch, Russisch, Englisch. Ueber dem allen ein undefinierbarer Duft von Wasser und Teer, der unwillkürlich in die Ferne lockte.

Lange hatte er gestanden und dem Treiben zugesehen. Die Menschen hasteten an ihm vorüber, keiner kannte ihn, keiner gab auf ihn acht, alle rannten sie emsig hinter ihrer Arbeit her, die einem einzigen Ganzen diente. Einen Unfall sah er mit an. Ein Arbeiter mit dem schweren Getreidesack auf der Schulter glitt auf schmaler Planke aus, stürzte rücklings ins Wasser. Es gab eine kurze Stockung, bis der Mann, der mit einem Notizbuch in der Hand die Zahl der in den Schiffsbauch wandernden Säcke zählte, sich durch einen flüchtigen Blick überzeugt hatte, daß man dem ins Wasser Gestürzten von Bord aus ein Tau zuwarf. Danach schloß sich wieder die Kette der lasttragenden Arbeiter, zog in ständiger Reihe von dem hohen Speicher ins Schiff, von dem Schiff auf schmaler Planke zurück in den Speicher.

Etwas von der Unbeträchtlichkeit eines Einzelschicksals verspürte er. So wäre es auch ihm gegangen, wenn er in diesen letzten Tagen gestrauchelt wäre. Das Leben ringsum ging seinen Gang, nur wenige hätten den Kopf nach ihm gewandt, wenn er in Gewissensbedrängnis den kurzen Schritt ins Dunkle getan hätte. Ein Mann über Bord ... Geschah ihm recht, das Schiff ging weiter.

Und merkwürdig, wie anders die Dinge aussahen, wenn man sie aus einiger Entfernung betrachtete. Wie geringfügig da die ungeheuren Wichtigkeiten erschienen, mit denen man sich geplagt hatte.

Eine kurze Episode war das, die hinter ihm lag. Er hatte jetzt an anderes zu denken, an Pflichten, die einen ganzen Mann erforderten.

Eine Melodie summte ihm im Kopfe, die er am frühen Morgen gehört hatte, als er zum Hotelfenster hinausblickte. Die Königsberger Kürassiere kamen in langer Schlangenlinie zu vieren nebeneinander die krumme Straße entlanggeritten. Grell schien die Sonne auf die schwarz-weißen Fähnlein und die blanken Helme. Die Trompeten bliesen die Melodie, und ein paar halbwüchsige Jungen, die mitmarschierten, sangen mit heller Stimme den Text:

"An der Grenze fern im Osten
Hält ein Reiter still auf Posten,
Späht hinaus ins weite Feld.
Drüben fahren auf Kanonen,
Sammeln sich Schwadronen,
In dem weiten, weiten Feld."

Ein Zwischenspiel kam danach, Musik und Gesang zogen weiter, aber die Worte waren ihm haften geblieben: "An der Grenze fern im Osten hält ein Reiter still auf Posten." Zu dem Dienst war er berufen neben vielen anderen, und hoffentlich blieb es nicht nur bei dem Postenstehen. Hier, näher an der Grenze, war auch die Erregung größer als in dem gleichgültigen Berlin. Ueberall auf der Straße, wenn er still hinhörte, klangen zwei Worte an sein Ohr: Rußland und Krieg. Aber eine gewisse Entschlossenheit lag in diesen Menschen, die einen seltsam breiten Dialekt sprachen. Es sollte endlich einmal losgehen! Das ewige "Hin- und Hergezodder" hatte man satt.

Gaston blickte zum Fenster hinaus. Zwischen goldgelb leuchtenden Roggen- und Weizenfeldern führte der Zug dahin, an schier endlosen Kartoffelschlägen vorüber, auf denen das Kraut noch üppig im Safte stand, und nur in weiten Zwischenräumen lugten die roten Ziegeldächer der Gutshöfe hinter grünen Baumgruppen hervor. Das typische Landschaftsbild des Großgrundbesitzes. Wenig Menschen auf den Feldern, dafür um so mehr Vieh aller Art. Wimmelnde Schafherden auf vorjährigem Brachland, weidende Edelfohlen in eingezäunten Koppeln und gewaltige Scharen weißbunter Kühe, die auf grünen Triften in träger Verdauungsruhe lagerten. Und dann wieder, so weit das Auge reichte, ein in starrer Ruhe stehendes Heer von gelben Halmen, die auf die Sense des Schnitters warteten. In ein paar Wochen vielleicht schon schwang hier ein anderer die Sense, aber nicht Halme lagen auf seinem Schwad ...

Der alte Herr in grauem Spitzbart, der Gaston am Fenster gegenüber saß, schien die Gegend sehr genau zu kennen. Aufmerksamen Auges musterte er Felder und Herden und äußerte von Zeit zu Zeit eine wohlgefällige oder kritische Bemerkung, aus der hervorging, daß er sogar mit den Namen der an der Bahnstrecke liegenden Güter und ihrer Besitzer vertraut war.

Die neben ihm sitzende Tochter, ein schlankes junges Mädchen in geschmackvollem Reisekleid aus hellblauem Leinen, gab nur einsilbige Antworten. Sie las in einem durch sein großes Format recht unhandlichen Buche und schien so vereifert, daß sich ihre Stirn über dem geraden Näschen in krause Falten legte. Da flog um die bärtigen Lippen des alten Herrn ein schalkhaftes Lächeln.

"Annemarie," rief er plötzlich, "da in der Wiesenschlenke am Haferschlag steht ein kapitaler Rehbock!"

Das Buch fiel zu Boden, das junge Mädchen sprang auf und beugte sich hastig zum offenen Fenster hinaus.

"Wo, wo?"

"Ja, jetzt ist er wieder weg. Bist eben zu spät gekommen!"

"Ach, Unsinn! Hast mich bloß angeführt, Papa!"

Sie setzte sich mit enttäuschtem Gesicht auf ihren Platz zurück. Der alte Herr aber lachte herzlich auf. Ein seltsam innerliches Lachen war es, das seinen ganzen gewaltigen Körper und mit ihm die Polster des Wagens erschütterte.

"Na ja, mein Kind! Wenn Dein Vater Worte der Weisheit spricht und Du ihm nur mit halbem Ohr zuhörst!"

Gaston hatte das zu Boden geglittene Buch aufgehoben und überreichte es Annemarie mit leichter Verneigung. Während des Niederbeugens hatte er unwillkürlich den Titel gelesen. Ueber sein Gesicht huschte ein verwundertes Lächeln.

"Bismarcks ›Gedanken und Erinnerungen‹? Für eine junge Dame eine etwas ungewöhnliche Lektüre."

Annemarie nahm mit leichtem Erröten das Buch, sperrte es in die neben ihr auf dem Sitze stehende Handtasche und dankte mit kurzem Kopfnicken. Ihre Antwort klang feindseliger, als sie beabsichtigt hatte.

"Jeder liest, was ihn am meisten interessiert."

Ihr Vater hob begütigend die Hand.

"Na, na, Annemiechen, der Herr hat's doch nicht böse gemeint! Und gewiß ist es für ein junges Mädchen heutzutage ungewöhnlich, wenn es so ernste Bücher liest!" Zur Erklärung aber für den Mitreisenden fügte er hinzu: "Nämlich sie schwärmt für unseren Bismarck wie für einen Heiligen. Ihr ganzes Zimmer hat sie mit Bildern von ihm austapeziert, und das Buch da nebst seinen Briefen an Johanna führt sie auf allen Reisen bei sich. Wie fromme Leute das Gesangbuch oder die Bibel."

Gaston verneigte sich höflich.

"Es ist wohl überflüssig zu versichern, daß mir eine Respektlosigkeit vollkommen ferngelegen hat. Im übrigen stimme ich Ihnen aufrichtig bei. Das sind für jeden guten Deutschen ein paar wahre Erbauungsbücher. Sie müßten nur noch mehr gelesen werden."

Das kaum begonnene Gespräch geriet wieder ins Stocken, Annemarie hatte dabei aber Gelegenheit gefunden, den dem Vater gegenübersitzenden Herrn unauffällig ein wenig genauer anzusehen. Daß er über ihre beiden Lieblingsbücher so vernünftig urteilte, war ihr sympathisch. Und auch sonst gefiel er ihr wohl. Ueber breiten Schultern saß ein kluger Kopf,...



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