E-Book, Deutsch, 466 Seiten
Skram Die Leute vom Hellemyr, Band 4
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-945370-71-1
Verlag: Guggolz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die nächste Generation
E-Book, Deutsch, 466 Seiten
ISBN: 978-3-945370-71-1
Verlag: Guggolz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Amalie Skram (1846-1905) lebte, was sie in ihren Büchern propagierte, und schrieb über das, was sie erlebte. 1846 wird sie im norwegischen Bergen geboren. Ihre Eltern besitzen einen kleinen Landwarenhandel, der Konkurs geht, als Amalie siebzehn Jahre alt ist. Ihr Vater setzt sich daraufhin in die USA ab und lässt die Mutter mit den fünf Kindern allein zurück. Mit achtzehn Jahren heiratet Amalie Skram einen Kapitän und begleitet ihn auf seinen Reisen um die Welt. 1877 lässt sie sich nach dreizehn Ehejahren und der Geburt zweier Söhne scheiden. Sie zieht nach Oslo und lebt fortan - für eine Frau zu der damaligen Zeit sehr ungewöhnlich - allein von ihrer schriftstellerischen Arbeit. Ihr größter Erfolg wird die Romantrilogie »Die Leute vom Hellemyr«. In Osloer Literatenkreisen lernt sie den dänischen Schriftsteller Erik Skram kennen. Sie heiraten und bekommen eine Tochter. 1899 lässt Amalie Skram sich von ihm scheiden. Die psychischen Belastungen dieses Lebens gegen alle Konventionen führen dazu, dass sie sich in die Psychiatrie einweisen lässt, wo sie einige Monate - z. T. auch gegen ihren Willen - verbringen muss. Diese schmerzliche und demütigende Erfahrung ist die Grundlage von »Professor Hieronimus«.
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I
»Wag das ja nicht, du Musterstängel«, flüsterte in der Lateinstunde der Banknachbar Severin Myre zu, einem dunkelhaarigen Jungen, dünn und schmächtig und mit selbstgenähter Kleidung. Lehrer Petersen hatte Severins lateinische Übersetzung gelobt und gesagt, er erwarte für das nächste Mal einen vollständig fehlerfreien Text. Severin saß mit rotem Gesicht bedrückt da, und die Jungen bedachten ihn mit verachtungsvollen Blicken.
Nach dieser Stunde hatte die Klasse eine Pause. Der Lehrer erhob sich, und die Jungen stürmten aus dem Klassenzimmer.
Severin stieg langsam die breite Granittreppe hinab in die Vorhalle, von der aus es auf den Pausenhof hinausging. Er erhielt Stöße in den Rücken und Schläge auf den Kopf von den Fäusten der Jungen, die an ihm vorbeirannten, während Schimpfwörter und Spottnamen ihn wie Hagelkörner umstoben. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, hielt er sich am Geländer fest und ging ruhig weiter. In Gedanken hörte er immer wieder die Worte des Lehrers, und dann dachte er daran, dass der Lehrer sein Buch mit den korrekten Übersetzungen vergessen hatte. Er hatte es deutlich vor Augen, wie es rechts auf dem Pult lag. Wenn er nun die Gelegenheit nutzte? Wenn er schnell und entschlossen vorginge, könnte er das in einer Minute hinter sich bringen. Es würde großartig sein, einen fehlerfreien Text abzugeben. Er konnte auch eigentlich gut genug Latein, um das allein zu schaffen. Das Problem war nur, dass er so oft vor sich hin träumte. Es wäre also durchaus kein Betrug. Und was für eine Vorstellung: Sicher zu sein, dass seinText fehlerfrei war!
Auf der untersten Treppenstufe blieb er stehen und schaute sich um. Alle waren verschwunden, keiner zu sehen oder zu hören. Rasch lief er wieder nach oben, blieb im Gang stehen, hielt Ausschau und horchte, dann schlüpfte er ins Klassenzimmer und zog vorsichtig die Tür hinter sich zu. Er schnappte sich ein Stück Papier und einen Bleistift, griff nach dem Buch und lief zum Fenster, wo er mit zitternden Fingern die Aufgaben durchging, das Gesuchte fand und mit dem Abschreiben begann. Als er fast fertig war, hörte er im benachbarten Klassenzimmer Lehrer Petersens knirschende Stiefelschritte. Für einen Moment erstarrte er vor Angst. Blitzschnell schlug er das Buch zu und zerknüllte das Papier in seiner Hand zu einem Ball. Im selben Moment wurde die Tür zum Nachbarraum geöffnet, Severin drehte sich um und sah Petersen dort stehen. Vor seinen Augen tanzte alles, und er fühlte sich für Zeit und Ewigkeit verloren. Am liebsten hätte er sich dem Lehrer zu Füßen geworfen und um Gnade gefleht.
»Was stehst du denn hier herum, Junge? Geh jetzt gefälligst nach unten, frische Luft schnappen!«
Augenblicklich begriff Severin, dass Rettung möglich war, und sofort sah in seinem Inneren wieder alles anders aus.
Er blickte den Lehrer mit einem ehrerbietigen Lächeln an, das seine großen dunklen Augen aufleuchten ließ, und lief zur Tür.
»Hast du vielleicht ein Buch gesehen, das ich in der Stunde benutzt habe?«, rief Petersen hinter ihm her.
»Das liegt auf einer Fensterbank«, war Severins fröhliche Antwort, und dann schlüpfte er durch die Tür, leicht und munter und erfüllt von einer tiefen Dankbarkeit dem Lehrer gegenüber. Dass dem nicht einmal der kleinste Verdacht gekommen war, rührte Severin dermaßen, dass ihm Tränen in die Augen traten. Lehrer Petersen war wirklich ein edler Mensch! Und den nannten sie Luzifer! – Was waren die anderen Jungen doch für ein Pack! Severin würde diesen Namen nie und nimmer in den Mund nehmen. Er würde sich dagegen alle Mühe geben, die gute Meinung des Lehrers zu verdienen. Das mit dem Buch sollte sein letzter Streich gewesen sein.
Diese Betrachtungen hatten ihn inzwischen hinaus auf den Pausenhof geführt. Dort standen die meisten anderen aus der Klasse und steckten die Köpfe zusammen. Er hörte die Wörter: »Musterstängel!« und »Luzifer!« und »ein Exempel statuieren«. Aber sowie sie Severin entdeckten, starrten sie mit gleichgültigen Mienen vor sich hin.
»Wir kommen also am Sonntag zum Ball zu dir, Henrik, ja?« Das hatte Mikkel Mejer gefragt, er war groß und verfressen, und er hatte ein seltsam kahles Gesicht und schöne blaue Tuchkleider.
»Richtig«, antwortete Henrik, der hochgewachsen und weißblond war, er war der Sohn des reichen Konsuls Smith in der Strandgate. »Aber ihr bekommt alle noch eine Einladung. Wir werden dreißig Paare, vierzehn hier aus der Klasse, wenn ich mich dazuzähle.«
»Vierzehn hier aus der Klasse.« Severin rechnete und rechnete und kam, wenn er die abzog, die unmöglich infrage kommen konnten, auf nicht mehr als dreizehn, falls er nicht selbst der vierzehnte war. Aber warum hatte Henrik dann nichts gesagt? Er zerbrach sich den restlichen Vormittag über den Kopf und hoffte nach jeder Stunde, dass es jetzt so weit wäre. Als er in Deutsch abgehört wurde, stammelte er und machte Fehler beim Übersetzen, und immer wieder wanderte sein Blick hinüber zu Henrik, in dessen Gesicht er zu lesen versuchte. Wenn Henrik aufgerufen wird, werde ich eingeladen, dachte er, wenn nicht, dann nicht.
Nach der Schule, als sich die Jungen zum Gehen bereit machten, blieb Severin in Henriks Nähe, tat aber so, als wäre er mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Auf der Treppe ging er dicht hinter Henrik her, und als sie in der Vorhalle ihre Mäntel anzogen, ließ er den anderen nicht für eine Sekunde aus den Augen. Jedes Mal, wenn Henrik den Mund öffnete, um etwas zu sagen, hämmerte Severins Herz los, und alle seine Sinne sammelten sich zu konzentriertem Lauschen. Draußen auf der Straße versuchte Severin, mit Henrik zusammen zu gehen, aber der wurde langsamer und hakte sich bei Mikkel Mejer ein. Dann lief Severin davon. Er schämte sich unbeschreiblich und brannte darauf, nach Hause zu kommen, wo wenigstens niemand etwas von dem Ball wusste.
Als er die Ecke der Domkirkegate erreichte, rannte er los, aber dann fiel ihm ein, dass Mikkel Mejer dort wohnte und Henrik also gleich allein sein würde. Er verlangsamte seine Schritte wieder, und im selben Moment rief Henrik seinen Namen. Heiß durchfuhr ihn die Freude, und vor seinen Augen verschwamm alles. Er drehte eilig um und lief zurück.
»Ach, gib mir doch mal eben dein Messer«, bat Henrik, der in der geschlossenen Hand eine Zigarre hielt. Die Spitze lugte zwischen Daumen und Zeigefinger heraus.
»Stell dich vor mich, während ich sie anzünde«, sagte Henrik dann, nachdem er das ihm von Severin gereichte Messer benutzt hatte.
Mit eifriger Dienstwilligkeit riss sich Severin die Mütze vom Kopf und hielt sie vor Henrik hin, der schaute sich suchend um, ehe er sich Feuer gab. Dann gingen sie einige Schritte weiter. Severin brachte kein Wort heraus. Henrik schaute sich immer wieder um.
»Tod und Pest, Luzifer!«, rief er plötzlich – dann bog er eilig nach rechts ab und lief die Skostrede hinab. Severin drehte sich um. Dort kam Lehrer Petersen mit der Brille auf der Nase und schwenkte seinen Spazierstock.
Severin ging mit einem brennenden Gefühl in der Brust weiter. Er dachte immer wieder, wenn Henrik nur den kurzen Satz gesagt hätte: »Übrigens, Severin, ich hab ja ganz vergessen, dich für Sonntag einzuladen!«, dann könnte er jetzt glücklich sein, und sein Herz wäre leicht. Er wiederholte in Gedanken so oft, bis er deutlich Henriks Stimme und seine eigene Antwort hörte: »Tausend Dank, aber ich bin leider schon anderweitig eingeladen.« Das wollte er nämlich unbedingt sagen. Hinzugehen käme nicht infrage. Er konnte gar nicht tanzen, aber seine Schulkameraden wussten das nicht, und es würde ihm auch nie im Leben erlaubt werden. Tanz sei ein sündhaftes Vergnügen, meinten seine Eltern. Ihre Kinder würden sich niemals an so etwas beteiligen. Aber dennoch, eingeladen werden wollte er, es war so verletzend, immer übergangen zu werden.
Und jetzt dieser Henrik, dem er einen Gefallen nach dem anderen getan hatte. Würde der ihn jetzt auch noch im Stich lassen? Smiths hätten bestimmt nichts dagegen, wenn er eingeladen würde. Jedenfalls nicht der Konsul. Sein Vater hatte immer so viel mit dem Konsul zu tun gehabt – und außerdem: Henrik durfte schließlich alles, was er wollte.
Sein Schmerz nahm schließlich dermaßen überhand, dass er schon mit dem Gedanken spielte, Henrik sein Herz auszuschütten. Ihn geradezu um eine Einladung anzubetteln. Doch dabei würde er sicher losheulen, und das wäre dann doch zu peinlich. Ja, aber das half nun nichts. Alles wäre besser als so leiden zu müssen.
An der Ecke der Strandgate blieb er stehen und schaute Henrik hinterher. Der musste von der Skostrede her den Markt überqueren. Und da tauchte er auch schon auf, unten bei der Börse, er paffte...




