Slade | Lassiter 2115 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2115, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

Slade Lassiter 2115

Verwehte Spuren
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8387-2646-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Verwehte Spuren

E-Book, Deutsch, Band 2115, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

ISBN: 978-3-8387-2646-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Morgensonne stieg über die Dächer und weckte Dinah aus dem Schlaf. Nach kurzem Dahindämmern warf sie die Decke ab und stieg aus dem Bett. Barfuß tappte sie zur Waschkommode und schaute in den Spiegel an der Wand. Hübsch, dachte sie. Ich sehe aus wie Mom, als sie so alt war wie ich.

Es klopfte. 'Es ist Punkt acht Uhr', sagte der Hoteldiener durch die Tür. 'Sind Sie wach, Miss Rodgers?'

'Ja, danke.' Dinah goss aus der Kanne Wasser in die Schüssel. Während sie sich wusch, freute sie sich schon auf das Treffen mit ihrem Vater. Er hatte versprochen, mit ihr zum Gold Canyon zu reiten. Dad war Frühaufsteher; bestimmt saß er bereits unten im Foyer und wartete ungeduldig.

Fünf Minuten später erkannte Dinah Rodgers, dass sie sich grausam geirrt hatte...

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Bis auf den Portier war niemand in der Halle zu sehen.

Dinah erkundigte sich, ob heute Morgen schon jemand nach ihr gefragt hatte. Der Mann am Pult schüttelte bedauernd den Kopf. Dinah setzte sich auf den dick gepolsterten Stuhl neben dem Eingang zur Frühstücksstube und wartete.

Aus der Küche kam der Geruch von Kaffee und gebratenen Zwiebeln. Dinah lief das Wasser im Mund zusammen. Wie jeden Morgen hatte sie einen Bärenhunger.

Nach einer Weile wurde sie ungeduldig. Immer wieder wanderten ihre Augen zur Vordertür.

Dad, wo bleibst du bloß?

Nach und nach füllte sich das Foyer des Washoe Hotels. Der Portier empfing neue Gäste und verabschiedete Abreisende. Livrierte Pagen mit Schirmmützen schleppten Koffer. Zimmermädchen mit sauberen weißen Schürzen flitzten mit Besen, Eimern und Wäschesäcken über die Flure, von denen die Gästezimmer abgingen. Auf der Straße pendelten Kutschen vom Hotel zur Bahnstation.

Vornehm gekleidete Damen und Herren gingen an Dinah vorbei in das Frühstückslokal. Hin und wieder streifte sie ein verwunderter Blick.

Auch Dinah wunderte sich.

Sie sah zur Uhr über der Rezeption. Halb neun. Mittlerweile hockte sie schon eine halbe Stunde hier. Und noch immer keine Spur von ihrem Vater.

Das verstand sie nicht. Er nahm es mit der Pünktlichkeit doch so genau. Bummelei war ihm ein Gräuel. Warum ließ er sie warten?

Dinah wurde immer unruhiger, die wildesten Fantasien geisterten durch ihren Kopf. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. Sie musste endlich wissen, was los war.

Mit einem Ruck stand sie auf, strich ihren Rock glatt und ging zur Pendeltür.

Als sie vor das Hotel trat, gab es irgendwo in den Bergen eine Explosion. Der Boden unter ihren Füßen vibrierte wie bei einem Erdbeben.

Keiner der Passanten kümmerte sich um die Erschütterungen. Den Leuten aus der Bergarbeiterstadt waren die andauernden Sprengungen im Umfeld schon in Fleisch und Blut übergegangen.

Dinah eilte die Straße entlang.

Jack Rodgers wohnte in der Nähe des Comstock Lodge Hotels, ungefähr eine Meile von ihrer Unterkunft entfernt.

Dinah war noch ein kleines Mädchen gewesen, als der Vater sie verlassen hatte. Wie Tausende andere Glücksritter war er dem Ruf des Goldes nach Nevada gefolgt.

Viel zu lange ließ er seine Familie allein.

Mom hatte einen anderen Mann kennengelernt, und schon bald wurden die beiden ein Paar. Sie kauften sich ein Haus unweit der Hafenstadt Baltimore. Von Dinahs Vater kam jahrelang kein Lebenszeichen. Weder Besuche, noch Briefe, rein gar nichts. Dabei hatte Dinah ihm so oft geschrieben. Alles umsonst. Eine Antwort kam nie. Irgendwann gab sie ihre Bemühungen auf und vergaß, dass sie überhaupt einen Vater hatte.

Dann, nach etlichen Jahren, die Überraschung: Ein Brief mit dem Poststempel von Virginia City flatterte ins Haus. Der Vater lud Dinah nach Nevada ein.

Ein Scheck für die sündhaft teure Eisenbahnfahrt lag im Briefkuvert. Wie sich später herausstellte, hatte Dad einen Pinkerton-Detektiv angeheuert, der nach ihrem Verbleib geforscht hatte.

Am Anfang hatte Dinah kein Interesse gezeigt, die weite Reise quer durch die Vereinigten Staaten zu unternehmen. Und überhaupt: Eine halbe Ewigkeit hatte ihr Vater es nicht für nötig befunden, ihre Post zu beantworten, und jetzt auf einmal sollte sie eine Reise über viele Tausend Meilen antreten, um ihm die Hand zu schütteln?

Dinah entschied, die Einladung zu ignorieren.

Die Zeit verging und der Brief aus Nevada geriet in Vergessenheit.

Eines Tages aber wurde die Sache wieder aktuell.

Das war, als sie im Schuppen hinter dem Wohnhaus einen Karton mit vergilbten Briefen aufstöberte, allesamt mit dem gleichen Absender: Jack Rodgers.

Auf einmal fiel es Dinah wie Schuppen von den Augen: Ihre Mutter hatte dafür gesorgt, dass sie nie eine Nachricht des Vaters zu Gesicht bekommen hatte. Nur den Brief mit der Einladung hatte sie nicht abfangen können; der Postbote hatte ihn persönlich an Dinah übergeben.

Nach dieser Erkenntnis hatte es einen Mordskrach zwischen Mutter und Tochter gegeben. Und bald darauf war Dinah nach Nevada gereist …

»Passen Sie doch auf!«

Dinah fuhr der Schreck in die Glieder. Um ein Haar wäre sie unter die Räder eines Gespanns geraten. Zum Glück war dem Fahrer in letzter Sekunde ein Ausweichmanöver gelungen.

Dinah lehnte sich an einen dicken Mast, an dessen Spitze die US-Flagge gehisst war. Mit klopfendem Herzen sah sie dem Silbererz-Transporter hinterher. Es dauerte eine Weile, bis sie sich von dem Schreck erholt hatte.

Sie passierte das weitläufige Gelände des Comstock Lodge-Hotels, umrundete einen Bretterzaun und stand kurz darauf vor der Tür eines einstöckigen Blockhauses mit Schindeldach und zugehängten Fenstern.

Sie klopfte laut.

Beim Warten legte sie sich schon die Worte zurecht, mit denen sie ihren Vater zurechtweisen wollte. Er sollte nicht glauben, dass er mit ihr umspringen konnte, wie es ihm gefiel. Sie hatten eine Vereinbarung, und sie erwartete, dass er sich an die Regeln hielt.

Kein Laut drang aus dem Haus.

Dinah klopfte wieder. »He, Dad, mach auf! Ich bin’s, Dinah!«

Keine Antwort.

Seltsam. Sie hielt den Atem an und legte ein Ohr an die Tür. Von drinnen war nicht das geringste Geräusch zu hören, aber es roch unangenehm, irgendwie verfault.

Dinah spähte durch das Fenster neben der Tür. Dunkle Vorhänge versperrten die Sicht. Es gab nicht den kleinsten Schlitz.

»Dad?« Sie hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür. »Vater! Vater!«

Ihre Rufe verhallten ungehört. Niemand öffnete, und Dinah umrundete das Haus, um durch das hintere Fenster zu spähen. Wieder waren es dunkle Vorhänge, die den Blick ins Innere verwehrten.

Ob Dad etwas zugestoßen ist? Dinah verspürte aufsteigende Übelkeit. Der Vater war kein Jüngling mehr, der Zahn der Zeit hatte kräftig an ihm genagt. Ende nächsten Jahres würde er seinen sechzigsten Geburtstag feiern.

Dinah sah sich nach allen Seiten um. Vielleicht hatte er irgendwo auf dem Hof einen Zweitschlüssel versteckt? Sie nahm den Platz hinter dem Haus genauestens unter die Lupe, doch ihre Suche blieb ohne Resultat.

Aber vielleicht Dad ja schon in aller Herrgottsfrühe aus dem Haus gegangen und unterwegs aufgehalten worden.

Hinter Dinahs Stirn tanzten die Fragezeichen.

Es wurde noch rätselhafter, als ein Mann in steingrauer Manchesterhose erschien. Sein Gesicht war voller schlecht verheilter Pockennarben und es erinnerte Dinah an einen auf frischer Tat ertappten Fassadenkletterer aus Baltimore, den der wütende Mob durch die Straßen geprügelt hatte, bevor die Constables eingreifen konnten.

»Ich suche meinen Vater«, sagte Dinah und wies auf Dads Haus. »Ich dachte, er sei daheim. Aber er meldet sich nicht. Haben Sie ihn weggehen sehen?«

Der Mann blinzelte gegen die tief stehende Sonne. »Wer sind Sie, und wer zum Geier soll denn Ihr Vater sein, kleine Miss?«

»Ich bin Dinah Rodgers und mein Vater heißt Jack. Jack Rodgers.«

»Jack Rodgers, sagen Sie?«

Dinah nahm sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Dad wohnt schon seit über zwanzig Jahren in Virginia City. Er gehörte zu den ersten Diggern, die sich einen Claim am Gold Hill absteckten.«

»Einen Claim am Gold Hill, sagen Sie?«

»Und er kennt Mark Twain persönlich, aus der Zeit, als der hier noch als Lokalreporter arbeitete.«

»So, so, Mark Twain, den Dichter, kennt er auch, Ihr Herr Vater?«

»Ja, das sagte ich.« Dinah lächelte dünn. In der Stimme des Pockennarbigen schwang Argwohn mit. Der Mann schien ihr kein Wort zu glauben. Sie ärgerte sich über seine Ignoranz. »Mister, wer Sie auch sein mögen, bitte helfen Sie mir, meinen Dad zu finden. Wir waren heute Morgen verabredet, und langsam fange ich an, mir ernsthafte Sorgen zu machen.«

Der Mann schob seinen Hut höher und kratzte sich an der Stirn.

Mit gemischten Gefühlen fixierte Dinah ihn. Sie hatte plötzlich das Gefühl, dass gleich etwas Schreckliches passieren würde. Die Angst schlang sich wie ein nasses Tuch um ihren Leib. Ihre Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt.

Der Mann holte tief Luft. »Ich bin Nat Jordan«, sagte er gedehnt, »und ich wohne seit dreiundzwanzig Jahren in der Stadt. Mein Gehöft ist gleich da vorn.« Er wies auf eine Hütte mit Teerdach, höchstens dreißig Schritte entfernt.

»Dann müssen Sie meinen Vater doch kennen«, platzte es aus Dinah heraus.

Leise murmelte Jordan den Namen vor sich hin. Es klang, als hätte er ihn noch nie gehört.

»Ja, Jack Rodgers.« Dinah trat einen Schritt vor. Am liebsten hätte sie den Mann am Kragen gepackt und kräftig durchgeschüttelt. »Dad mag Trapperkleidung. Er trägt Leggins aus Rohhaut, ein wildledernes Jagdhemd mit eingenähten Glasperlen und diese leichten Schuhe, wie Indianer sie anhaben.«

»Mokassins.«

»Ja, Mokassins.« Sie atmete ein wenig auf. »Dad fühlt sich in dieser Kluft am wohlsten. Sie haben ihn heute Morgen also doch gesehen, nicht wahr?«

Nat Jordan schüttelte den Kopf, er blieb stumm.

Dinah wurde aus seinem zögerlichen Verhalten nicht schlau. Ihre innere Stimme meldete sich. Sie wollte ihr weismachen, dass Jordan sich scheute, ihr die Wahrheit zu sagen. Wollte er sie schonen? War das, was er ihr vorenthielt, so schlimm, dass es ihm nicht über die Lippen...



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