E-Book, Deutsch, Band 2137, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
Slade Lassiter 2137
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8387-4691-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Schwur des Lakota
E-Book, Deutsch, Band 2137, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-8387-4691-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Frau hatte böse Absichten. White Cloud sah es in ihren Augen, und er konnte es an ihrer Körpersprache ablesen. Natürlich hatte sie das Recht, in sein Zimmer kommen, wann immer sie wollte. Das Haus gehörte ihr und er war nur Gast. Trotzdem stimmte nichts an ihrer Freundlichkeit und ihrem verführerischen Lächeln. Er war ein alter Mann verglichen mit ihr, noch dazu ein Indianer. Selbst die Tatsache, dass er ein Häuptling der Lakota war, zählte bei den meisten Weißen nichts.
Die Hausherrin trug einen Morgenmantel aus roter Seide. Mit wiegenden Schritten kam sie näher. Ihr Lächeln und ihr Augenaufschlag hätten manchen Mann um den Verstand gebracht. White Cloud dagegen vermochte bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken, wo er ihre wahre Absicht erkannte. Mit einem Satz war er bei ihr, schlug blitzschnell die kühle Seide auseinander. Und noch bevor sie einen Schrei ausstoßen konnte, riss er das Messer aus ihrem Strumpfband...
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Mit der Linken packte er ihr Handgelenk. Das Messer in seiner Rechten streckte er weit von sich weg, während er sie nur mit dem eisenharten Griff und der Muskelkraft seines linken Arms auf das Bett warf. Sie landete auf dem Rücken. Das Holz der einfachen Lagerstatt knarrte und ächzte. Sie wagte nicht, zu schreien. Geweitet und voller Angst wölbten sich ihre Augen hervor, auf das Messer in seiner Hand gerichtet – ihr Messer. Für ihn war sie war eine wunderschöne weiße Frau. Der Seidenmantel hatte sich ohne ihr Zutun geöffnet und gab preis, dass sie nichts darunter trug. Unfreiwillig nun offenbarte sie, wie sie sich ihm hatte zeigen wollen, um ihn von ihrem eigentlichen Vorhaben abzulenken. Doch ihr Plan war fehlgeschlagen. Es war nichts Verführerisches mehr an ihr. Als heimtückische Attentäterin entlarvt, wirkte sie nur noch schuldbewusst und kleinlaut.
»Tu mir nichts!«, flehte sie. »Bitte – lass mich am Leben!« Ihr Gesicht war verzerrt. Selbst die kleinste Bewegung, die sie riskierte, erzeugte einen neuen stechenden Schmerz. Von dort, wo seine Eisenfaust ihr Handgelenk umschlossen hielt, raste das Stechen durch ihren gesamten Körper und ließ sie erzittern wie unter Krämpfen.
Häuptling White Cloud lockerte seinen Griff um keinen Deut. Mitleidlos blickte er auf die nackte Frau hinab. Ihr Körper war straff und wohlgerundet; selbst in ihrer Rückenlage ragten die großen Brüste fest und wie Halbkugeln empor. Sie vermochte kein Verlangen in ihm zu erwecken, schon gar nicht unter diesen Umständen. Überdies war er bestimmt dreißig Jahre älter als sie, und er konnte keiner Frau Gewalt antun. Selbst als junger und ungestümer Krieger hatte er nie eine Frau mit Gewalt genommen. Und ganz abgesehen davon, dass er ein Indianer war, gehörte er ohnehin nicht zu der noblen Kategorie von Männern, mit denen sie sich wahrscheinlich einließ. Trotz des hohen Ranges, den er in seinem eigenen Volk bekleidete, bevorzugte er ein einfaches, der Natur verbundenes Leben.
Er war mittelgroß und grauhaarig, trug einen schlichten dunkelgrauen Anzug und ein weißes Hemd. Der Bronzeton seiner Hautfarbe ließ die Furchen seines Gesichts wie gemeißelt erscheinen. Ein Leben, das sich zum größten Teil unter freiem Himmel abspielte, hatte seiner Haut ein lederartiges Aussehen gegeben. Seine leicht hakenförmige Nase stand zwischen schmalen Lippen und zu Schlitzen verengten Augen. Es war das Gesicht eines nur äußerlich alten Mannes, gezeichnet vom tragischen Schicksal seines Stammes, der sich vergeblich gegen die weißen Eindringlinge aufgelehnt hatte. Zugleich aber spiegelten White Clouds Züge jene eherne Entschlossenheit und unnachgiebige Härte, die ihn überleben ließen. Nach der Zeitrechnung der Bleichgesichter lebte er seit mehr als sechs Jahrzehnten, und er hatte jeden einzelnen Tag davon im Land seines Volks verbracht. Jetzt hatten sie es ihm endgültig genommen, obwohl es seinen Vorfahren schon zu Urzeiten gehört hatte.
Die Frau wimmerte. Ihr Zittern nahm umso mehr zu, je länger sie gezwungen war, zu ihrem Bezwinger aufzublicken und in dieser völligen Bewegungslosigkeit auszuharren.
»Charmaine de Martin«, sagte White Cloud. Seine Stimme war dunkel und rau, seine Aussprache von einem kehligen Akzent geprägt. »Ich weiß, das ist dein Name, und du bist die Eigentümerin dieses Hauses. Obwohl ich mich unter deinem Dach aufhalte, sind wir uns noch nicht begegnet. Du weißt, warum. Lassiter, der mich bei Nacht und Nebel herbrachte, hat es dir gesagt. Sein Auftrag, mich nach Washington zu begleiten, ist streng geheim. Deshalb sollten alle in diesem Haus über meine Anwesenheit Stillschweigen bewahren. Aber du hast dich als Einzige nicht daran gehalten.«
»Nein!«, rief Charmaine mit bebender Stimme. »Das ist nicht wahr!«
White Cloud lächelte, und ein fast väterlicher Ausdruck trat in sein Gesicht. »Du bist eine schlechte Lügnerin, Charmaine. Ich sehe dir an, dass du mit gespaltener Zunge sprichst. Außerdem musst du sehr genau gewusst haben, an wen du dich wenden musstest, um Lassiter und mich zu verraten. Schließlich hast du sofort den Auftrag erhalten, mich zu töten.«
»Nein!«, beteuerte Charmaine. »So war es nicht! Ich schwöre es!«
»Ihr Bleichgesichter seid schnell damit bei der Hand, etwas zu schwören. Und meist bemüht ihr auch noch euren Gott als Zeugen.« Er beugte sich vor und schmunzelte. »Sag mir einfach, wer dich mit dem Messer zu mir geschickt hat. Dann bleibt dir Lassiters Zorn erspart.«
»Mich hat niemand geschickt«, schluchzte sie. »Ich bin aus freien Stücken hergekommen. Ich wollte mich nur nach deinem Wohlbefinden erkundigen.«
»Natürlich.« White Cloud nickte scheinbar geduldig. Ein spöttisches Lächeln formte sich in seinen Mundwinkeln. »Jetzt musst du mir nur noch weismachen wollen, dass du gar nicht vorhattest, das Messer zu benutzen. Dass du es nur zu deinem Schutz bei dir trägst.«
»Ja, so war es! So ist es!«, rief Charmaine und wirkte wie eine Ertrinkende, die sich an einen unverhofft auftauchenden Strohhalm klammerte. »In meinem Haus geht zwar alles seinen geordneten Gang, aber man weiß ja nie …«
»Schweig!«, herrschte White Cloud sie an. »Es ist unter unser beider Würde, solche dummen Geschichten zu erfinden.« Er ließ sie los und stieß ihren Arm von sich. Gemächlich richtete er sich auf und schob ihr Messer unter seinen Hosenbund. Mit bloßen Händen würde sie ihn nicht angreifen, denn sie wusste inzwischen, dass sie keine Chance gegen ihn hatte. Obwohl er doppelt so alt war wie sie, war er ihr immer noch um ein Vielfaches überlegen.
***
Sie krümmte sich auf dem Bett, presste sich das schmerzende Handgelenk mit der gesunden Hand in den Leib. Sie wagte kein Widerwort mehr, wagte nicht einmal mehr zu ihm aufzublicken. Unterdessen musterte White Cloud sie, als könnte er allein durch ihren Anblick ergründen, was sie ihm verschwieg. Sie war eine reiche Frau, so viel hatte er von Lassiter erfahren. Zwar haftete ihrem Reichtum ein fragwürdiger Ruf an, denn sie hatte ihr Geld mit käuflicher Liebe verdient. Doch eine gewisse gesellschaftliche Anerkennung genoss sie trotzdem. Von der einfachen Prostituierten bis zur Bordellbesitzerin hatte sie es gebracht, und das war eine Leistung, die man im Goldsucherland immerhin zu würdigen wusste. Hier herrschten raue Sitten, hier galten die moralischen Maßstäbe des weißen Mannes nur andeutungsweise. Die weiße Villa und die Nebengebäude auf dem Hügel außerhalb von Deadwood waren ein imposanter Gebäudekomplex. Fremde mochten das Anwesen für ein hochherrschaftliches Anwesen halten, mit einem reichen Geschäftsmann als Eigentümer. In eingeweihten Kreisen war die weiße Villa indessen als »Paradiso« bekannt. Gentlemen scheuten selbst größere Entfernungen nicht, um die paradiesischen Freuden zu genießen, die Charmaine de Martin und ihre Ladys in dem weißen Prachtbau boten. Für jene Eingeweihten war das »Paradiso« mittlerweile zu einem regelrechten Wahrzeichen Deadwoods und der Black Hills geworden. Niemand würde in der Dachkammer dieses imposanten Gebäudes einen Lakota-Häuptling vermuten, der hier von einem Agenten der Regierung vorübergehend versteckt gehalten wurde.
Es tat White Clouds Seele mehr denn je weh, dieses Land, das einst seine Heimat gewesen war, für alle Zeiten verloren zu haben. Er selbst bezeichnete es ja schon ungewollt als Goldsucherland. Von seinen roten Brüdern und Schwestern wusste er, dass es ihnen nicht anders erging. Auch in ihrem Unterbewusstsein hatten sie sich die Niederlage endgültig eingestanden. Die wenigen Überlebenden hatten resigniert und sich in den Reservationen einsperren lassen. Jene grausamen Bleichgesichter, die das Land brutal und rücksichtslos besetzt hatten, konnten ihrer hemmungslosen Gier nach Gold längst freien Lauf lassen. Sie nannten das Land die Black Hills von Dakota, und Deadwood war ihre Stadt, die sie in dem einst idyllischen Hügelland aus dem Boden gestampft hatten. Ein Sündenpfuhl, sagten rechtschaffene Weiße, und nicht wenige von ihnen nannten diesen Ort die Ausgeburt der Hölle. Für die große Mehrheit der Einwohner war Deadwood allerdings der Himmel auf Erden. Denn die große Mehrheit liebte das Laster und die Verderbtheit. Das A und O der Sinnesfreuden waren Alkohol und Opium; beide zusammen brachten so manchen Mann um seinen Verstand. Damit nicht genug, brachten ihn Glücksspiel und Prostitution um sein mühsam erworbenes Vermögen.
Trotz des Schicksals der Lakota hatte White Cloud die Entwicklung der Dinge in den Black Hills ohne Schadenfreude beobachtet. Es war alles andere als ein Musterbeispiel für das, was die Bleichgesichter Zivilisation nannten. Der Anteil der bösen Menschen dort richtete sich selbst zugrunde. Der Häuptling der Lakota kannte den weißen Mann lange genug, um zu wissen, dass das Gute auch in ihm letztlich überwog. Lassiter, den er kennen und schätzen gelernt hatte, war ein herausragendes Beispiel dafür. Er verkörperte Recht und Gesetz, und er setzte beides mit eiserner Entschlossenheit durch. Vor dem Gesetz, das hatte der große Mann ihm versichert, waren alle Menschen gleich. So stand es in der Verfassung der Vereinigten Staaten, und Lassiter, hatte einen Eid auf diese Verfassung geleistet. So war es für ihn eine selbstverständliche Pflicht, sich für die Lakota einzusetzen und ihn, White Cloud, als den wichtigen Zeugen, der er war, sicher nach Washington zu bringen.
Die Anwälte der Lakota hatten eine geheime Botschaft an das Justizministerium übermittelt. Es war eine einfache, aber umso bedeutungsvollere Nachricht. Sie lautete: »Häuptling White Cloud vom Stamm der Lakota ist bereit, als Zeuge im Belle-Fourche-Prozess auszusagen.« Die Angeklagten in...




