E-Book, Deutsch, Band 2462, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
Slade Lassiter 2462
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-8734-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Witwe von San Marcos
E-Book, Deutsch, Band 2462, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-7325-8734-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Witwe von San Marcos
Tilbury trat ins Badehaus, und sofort verstummte jedes Gespräch darin. Er tippte sich an die Hutkrempe und nickte nach allen Seiten. In sechs Zubern badeten Männer, in den für ihn bestimmten goss ein schwarzes Mädchen gerade einen Eimer heißes Wasser. Vier Badende senkten den Blick, ohne Tilburys Gruß zu erwidern, die anderen beiden nickten flüchtig.
Tilbury ging zu seinem Zuber und begann sich auszuziehen. Wenn er eines gelernt hatte nach dieser ersten Woche in San Marcos, dann dies: Einen US-Marshal sah man hier nicht besonders gern. Er legte seine Kleider auf den Hocker neben dem Zuber und seinen Waffengurt neben den Hocker. Dann stieg er ins warme Bad und streckte sich darin aus. Das Mädchen kam mit dem letzten Eimer Wasser, leerte ihn in den Zuber und flüsterte: 'Sie sind in Lebensgefahr, Mister.'
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Die Achtzehnjährige tauchte ihre Hand in den Zuber, als wollte sie die Wassertemperatur prüfen, während sie flüsterte: »Man hat einen Gunman beauftragt, Sie zu erschießen.« Im Blick ihrer großen dunklen Augen entdeckte Tilbury einen Schrecken, der ihn augenblicklich davon überzeugte, dass sie die Wahrheit sagte.
Wer hat den Gunman beauftragt, wollte er fragen, doch da presste das Mädchen sich schon den leeren Eimer gegen die Brust und eilte das Mädchen aus dem Badehaus. »Ich brauche eine Bürste!«, rief Tilbury ihm hinterher. Er schielte auf seinen Waffengurt zwischen Zuber und Hocker und vergewisserte sich, dass der auch wirklich in Reichweite lag.
Die Warnung der jungen Frau konnte ihn nicht sonderlich erschüttern, denn schon seit seiner Ankunft in San Marcos rechnete Tilbury mit Schwierigkeiten. Doch er war auf der Hut – noch nicht einmal ein Jahr zuvor hatte man einen Kollegen von ihm keine zehn Meilen von der Stadt entfernt im Weideland gefunden. Mit drei Kugeln in der Brust.
»Warum so schweigsam heute, Gentlemen?« Er grinste in die Runde der anderen Männer. »Ihr seid ja stumm wie die Fische. Laufen denn die Geschäfte so schlecht?« Der erste stieg aus dem Zuber und begann sich abzutrocknen. »Oder ist es mein Marshalstern, der euch die Sprache verschlägt?«
Der Pferdejunge kam mit der Bürste herein. Tilbury war enttäuscht, denn er hatte gehofft, das schwarze Mädchen würde die Bürste bringen und er sie nach dem Auftraggeber des Revolvermanns fragen können, den man angeblich auf ihn angesetzt hatte.
Der Pferdejunge, ein dürrer Halbwüchsiger mit rotem Lockenkopf kam zu ihm, und Tilbury beugte sich ein wenig nach vorn, damit er ihm den Rücken bürsten konnte. Unterdessen stieg der nächste Badende aus dem Zuber und trocknete sich ab.
»Oder ist es womöglich das schlechte Gewissen, das euch so stumm macht?«, fragte Tilbury mit bissigem Unterton. Daraufhin beendeten gleich zwei Männer auf einmal ihr Bad und erhoben sich. Sie schienen es plötzlich eilig zu haben.
»Es nützt euch gar nichts, euch nun zu verdrücken«, sagte Tilbury. »Ich weiß, dass ihr mit den Kerlen unter einer Decke steckt, die den Indianern Waffen liefern. Und ich werde es dem Richter beweisen, darauf könnt ihr Gift nehmen.« Er wandte sich an den Halbwüchsigen hinter sich. »Danke, Sammy.«
Zwei frisch Gebadete hatten sich bereits angezogen und liefen nun hinter dem Jungen her, um mit ihm das Badehaus zu verlassen. »Ich würde natürlich ein gutes Wort beim Richter für euch einlegen!«, Tilbury erhob seine Stimme. »Ein gutes Wort für jeden von euch, der mir Namen nennt!«
Die beiden Männer taten, als hörten sie ihn nicht – sie stapften in den Hof hinaus und warfen die Tür hinter sich zu.
»Und ihr?« Nacheinander schaute Tilbury den anderen Vieren in die Gesichter. Inzwischen waren alle damit beschäftigt, sich abzutrocknen oder anzuziehen. »Ich kenne den Richter gut, Gentlemen«, behauptete er. »Er wird bei jedem Gnade vor Recht ergehen lassen, der uns die Namen derer nennt, die hinter den Waffengeschäften mit den Apachen stecken.«
Schon an der Tür drehte sich einer der Männer noch einmal nach ihm um. »Wird der Richter uns auch vor der Rache dieser Leute beschützen?« Es war der Besitzer des Stores von San Marcos, der das fragte. Ohne die Antwort abzuwarten, verließ auch er das Badehaus. Die anderen machten Anstalten, ihm zu folgen.
»Schlappschwänze!«, rief Tilbury. Er richtete sich auf und fuchtelte mit der Faust. »Jedes zusätzliche Gewehr in den Händen eines Indianers könnte Soldaten der US-Kavallerie töten! Ist euch das denn nicht klar? Wer die Waffenhändler deckt, ist ein gottverdammter Verräter!«
Die Tür fiel krachend ins Schloss und Tilbury war allein im Badehaus.
Fluchend lehnte er sich gegen den hinteren Zuberrand und streckte sich aus. Die Leute von San Marcos hielten dicht, und sie hielten zusammen. »Verdammte Texaner!«, zischte Tilbury.
Sein Auftrag war schon zur Hälfte erledigt – er hatte die Ranch gefunden, von der aus die Winchestergewehre und Sharpkarabiner in die Siedlungen und Lager der feindlichen Apachen gelangt waren. Und er hatte drei Männer verhaftet und dem Sheriff übergeben, die den Transport der Waffen organisierten und durchführten.
Einige ihrer Komplizen kannte er bereits, hatte aber noch keine Beweise gegen sie in der Hand. Und vor allem brauchte er noch die Namen der beiden Bandenköpfe. Doch bisher war er in San Marcos auf eine Mauer des Schweigens gestoßen. Niemand wollte mit ihm reden, alle hatten sie die Hosen gestrichen voll.
Tilbury holte tief Luft und tauchte unter.
Als er wieder auftauchte stand ein Mann, den er noch nie in San Marcos gesehen hatte, in der offenen Tür des Badehauses. »Wer zum Teufel sind Sie?«, knurrte Tilbury. Der Mann, der eine auffällig krumme Nase, eine vernarbte Oberlippe und ein breites Gesicht hatte, antwortete nicht. In jeder Hand hielt er einen Revolver.
Als Tilbury sich das Wasser aus den Augen gewischt hatte, konnte er deutlich erkennen, dass die Revolverhähne gespannt waren. Sofort schlug ihm das Herz in den Schläfen und er richtete sich auf.
Der Mann kam auf ihn zu, hob die Waffen und zielte auf ihn. Blitzschnell langte Tilbury aus dem Zuber nach seinem Revolver. Doch er griff ins Leere, denn sein Waffengurt lag nicht mehr da, wo er ihn hingelegt hatte. Der Pferdejunge hatte ihn mit der Stiefelspitze mit sich geschleift, als er hinter den Zuber getreten war, um Tilbury den Rücken zu bürsten.
Der US-Marshal brüllte seine Wut und seine Verzweiflung hinaus und stemmte sich am Rand des Zubers hoch und wollte aus dem Wasser springen. Doch da ließ der Fremde schon seine Revolver sprechen.
Tilburys Gebrüll ging im Schusslärm unter und erstarb, als er neben dem Zuber in sein Blut stürzte.
?
»Zwei US-Marshals, Mr. Lassiter!« William Hamilton war ein dürrer, hochgewachsener Mann von etwa fünfzig Jahren. »Beide waren treue Diener des Gesetzes und aufrechte Bürger der Vereinigten Staaten, und beide wurden aus dem Hinterhalt erschossen.«
Hamilton wirkte ernsthaft erschüttert, während er vom Tod der beiden Sternträger berichtete. Lassiter hörte ihm aufmerksam zu, doch das war gar nicht so einfach, denn in einem Lehnstuhl an der Tür saß eine wunderschöne Frau. Aus dem Augenwinkel konnte er sie sehen, wenn er wollte. Tapfer versuchte er, es nicht zu wollen.
»US-Marshal Miller hat man im vorletzten Sommer im Grasland nördlich von San Marcos erschossen aufgefunden, US-Marshal Tilbury starb im letzten Herbst im Badehaus von San Marcos. Jemand hat ihn im Badezuber erschossen.«
Es war dunkel vor den Fenstern. Der Mann von der Brigade Sieben war erst nach Einbruch der Nacht in Austin eingetroffen. Hamilton wollte das so.
»Und man weiß nicht, wer der Schütze war?« Lassiter runzelte die Stirn – so ein Badehaus stand gewöhnlich im Hinterhof eines Saloons und ein Saloon lag gewöhnlich mitten in einer Stadt. Männer, die da ein und ausgingen, wurden von jedem beobachtet. Und bei Schusslärm lief gewöhnlich die halbe Stadt zusammen.
»Der Sheriff von San Marcos hat uns versichert, jeden Bürger der Stadt vernommen zu haben.« Hamilton, grauhaarig und weit über fünfzig Jahre alt, war Hotelier und Bürgermeister von Austin. Er trug einen braunen Frack und fuchtelte mit seiner Zigarre herum, um seine Worte zu unterstreichen. Der Tod der beiden Sternträger ging ihm gewaltig an die Nieren. »Doch niemand will etwas gesehen oder gehört haben.«
Lassiter spürte die Blicke der brünetten Schönen an der Tür. Er hätte sie gern erwidert, doch er beherrschte sich und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf den Mittelsmann der Brigade Sieben. »Und haben Sie eine Idee, warum man die beiden erschossen hat, Sir?«, fragte er ihn.
»Miller und Tilbury haben in San Marcos wegen verbotenem Waffenhandel ermittelt«, antwortete Hamilton.
»Waffenhandel mit Mexiko?«
»Schlimmer – mit Indianern.« Der Bürgermeister schenkte sich und Lassiter Kaffee nach. »Wie Sie wissen, Lassiter, befinden sich die Vereinigten Staaten im Krieg mit den Apachen. Niemand darf Gewehre an Gegner unserer Kavallerie verkaufen, wie jedermann weiß.«
»Um welche Waffen geht es genau?«, wollte Lassiter wissen.
»Um Sharpkarabiner und Gewehre von Winchester.«
»Und welche Apachenstämme hat man damit beliefert? Lassiter nahm seinen Kaffeebecher. »Die in der Prärie oder die Siedlungen an der mexikanischen Grenze?« Der dampfende Kaffee war so dünn, dass man den Becherboden sehen konnte.
»Unsere Kavallerie-Schwadrone haben Waffen dieser Modelle sowohl bei Prärie-Apachen als auch bei Pueblo-Apachen am Rio Grande gefunden.« Der Zorn verzerrte Hamiltons Gesicht. »Dutzende unserer Soldaten sind schon mit diesen Waffen getötet oder verletzt worden. Wir müssen den Waffenhändlern endlich das Handwerk legen!«
»Das scheinen ja gefährliche Männer sein, wenn sie nicht einmal vor Morden an US-Marshals zurückschrecken.« Lassiter löffelte Zucker in seinen Kaffee.
»Sie sagen es, Lassiter!«
»Und ich soll nun nach San Marcos reiten und diese Leute ausfindig und unschädlich machen, wenn ich Sie richtig verstehe, Sir.« Aus dem Augenwinkel wagte Lassiter nun doch einen Blick auf die Schöne im Lehnstuhl – die Lady schaute ihn schon wieder an und ihre Augen leuchteten ganz so, als hätte sie Gefallen an ihm gefunden.
»Wenn Sie dabei mithelfen könnten, wäre das natürlich hervorragend, Mr. Lassiter, doch das ist nicht Ihr vordringlichster und...




