Sligar Alles, was zu ihr gehört
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-446-26747-3
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Reihe: hanserblau
ISBN: 978-3-446-26747-3
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die junge Archivarin Kate soll den riesigen Nachlass der Künstlerin Miranda Brand sortieren. Auftraggeber ist Theo, Mirandas Sohn. Der Mittdreißiger ist schön, kühl, wohlhabend. Und übt eine gefährliche Anziehung auf Kate aus. Immer tiefer verstrickt sie sich in das Leben der Brands, liest heimlich das Tagebuch der Künstlerin. Die Beschäftigung mit Mirandas Tod wird ihr zur verhängnisvollen Obsession. Wurde die Fotografin ermordet? Was weiß Theo darüber? In atemberaubenden Bildern und glasklarer Sprache dringt Sara Sligar ein in die Geheimnisse und Lügen zweier magnetischer Frauen, die mehr verbindet, als sie ahnen.
Sara Sligar lehrt Englisch und Kreatives Schreiben an der University of Southern California. Sie promovierte über den Zusammenhang zwischen Literatur und modernem Strafrecht und veröffentlichte Kurzgeschichten. Sie lebt mit ihrem Hund Wilkie in Los Angeles.
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1.
Kate
Juni 2017
Kalifornien offenbarte sich unter ihr als eine Reihe von Flecken, nicht unähnlich einem Rubbellos, in den Löchern der Wolkendecke zeigten sich zunächst waldige Hügel, während das Flugzeug langsam an Höhe verlor. Die Landschaft war wie aufgeteilt: die lila Berge, das lange Oval der Bucht. Als die letzte Wolke verschwand, streifte eine Böe das Flugzeug und presste die Passagiere in ihre Gurte, sodass in dem Moment, in dem sich unter Kate der Blick auf das gesamte Panorama öffnete, ihr die Angst wie ein Kloß in der Kehle saß. Das Flugzeug fing sich schnell, und sie ärgerte sich über die Turbulenzen, weil sie sich um einen ungetrübten ersten Eindruck betrogen fühlte. Der Mann neben ihr bekreuzigte sich.
»Ich hasse Landungen«, sagte er und steckte sich einen Cracker in den Mund. »Heutzutage scheint niemand mehr zu wissen, wie man so ein Ding fliegt.«
Kate fiel auf, dass sie sich an die Armlehne klammerte. Nur an die linke, denn der Mann hatte die zwischen ihnen liegende irgendwo über Colorado in Beschlag genommen. Kate entspannte bewusst die Hand. Ihre Wimpern klebten aneinander, und auf der Zunge hatte sie den Geschmack von Spülwasser. Der Morgen — übermüdet und verkatert auf den verspäteten Flieger warten; unüberlegt eine Flughafenbrezel bei der Zwischenlandung essen — wirkte schon sehr weit weg, überlagert von allem ekligen Übel, das eine Reise ans andere Ende des Landes so mit sich bringt.
»War das mal angenehmer?«, fragte sie den Mann. Nicht, weil sie sonderlich an einer Antwort interessiert war, sondern, weil sie nicht anders konnte. Das Fragen war ihr schon immer leichtgefallen. Als sie im Grundschulalter war, hatten ihre Eltern aufgehört, sie zum Einkaufen mitzunehmen, denn Kate hatte sie gnadenlos gelöchert, wie die Einkaufswagen gefertigt wurden oder wie das Befeuchtungssystem der Gemüseauslage funktionierte. Im College wurde ihr gesagt, sie hätte ein Talent für die Sokratische Methode.
»Oh, absolut«, sagte der Crackertyp. »Ich fliege beruflich seit dreiunddreißig Jahren. Schlecht wird mir bei der Landung erst seit vielleicht zehn Jahren. Man sollte meinen, dass der technische Fortschritt die Reise angenehmer machen würde, aber schlussendlich liegt es wohl an der Ausbildung.« Er nahm sich einen weiteren Cracker. »Kommen Sie aus San Francisco?«
»New York. Ich fange hier einen neuen Job an.«
»Ach, ja? Was machen Sie denn?«
»Ich bin Archivarin.« Das Wort fühlte sich fremd an, sie rollte es auf der Zunge herum wie eine Murmel. Weil ihr Sitznachbar so gar keine Reaktion zeigte, fügte sie hinzu: »Ich arbeite mit alten Dokumenten.«
»Und das ist ein echter Beruf?«
»Ja.«
»Machen Sie das schon immer?«
»Nein, ich habe zuletzt bei einer Zeitung gearbeitet.«
Sein Gesichtsausdruck gewann an Härte. »Sie sind Journalistin?«
»Copy Editor.«
»Dann überprüfen Sie Kommas?«
»Ja. Und auch Fakten, all so was hab ich gemacht.« Die Vergangenheitsform tat weh.
»Mir war gar nicht klar, dass heutzutage tatsächlich noch Fakten geprüft werden«, sagte er. »Ich hole mir meine Informationen nur noch von Leuten, die ich kenne — von meiner Frau, meinen Freunden. Zu denen hab ich einen direkten Draht. Ich zapfe gerne unmittelbar die Quelle an.«
Kate presste die Lippen aufeinander. Sie bereute längst, auf das Gespräch eingegangen zu sein, wusste aber nicht, wie sie es höflich beenden konnte. Es gab schließlich Regeln. Sei zuvorkommend. Heuchle Interesse. Gib ihnen, was sie wollen. Du willst es doch auch. Er lächelte sie an und trommelte mit dem Finger auf die Armlehne, verstreute Crackerkrümel.
»Wie dem auch sei«, sagte er, »klingt jedenfalls nach einer guten Entscheidung, die Branche zu wechseln.«
Dieser Typ. Er erinnerte sie an Leonard Webb, obwohl Leonard das sicher nicht gern gehört hätte. Er hätte den dicken Bauch dieses Typen gehasst, das karierte Hemd und das Näseln, das auf eine Herkunft aus dem mittleren Westen hindeutete. Und Kate hasste den Typen dafür, dass er sie überhaupt an Leonard erinnerte.
Das Flugzeug machte noch einen Satz. Hinter ihnen schrie jemand. Das Anschnalllämpchen über ihnen erlosch, was keine Absicht sein konnte. Die noch unvertraute Skyline vor dem ovalen Fenster kippte, und Kates Magen rebellierte.
Der Typ wartete auf die Gegenfrage, also gehorchte sie, wenn auch widerwillig. »Und was machen Sie?«
»Versicherung. Für die Landwirte. Ich stelle sicher, dass sie ihr Land nicht unter Wert ansetzen. Bin viel unterwegs.«
»Dann überprüfen Sie also auch Fakten, im weitesten Sinn.«
Er schaute sie an, als wäre sie verrückt. »Nein.«
Das Flugzeug setzte zum Landeanflug an, sie waren direkt über dem Meer. Die Oberfläche wirkte so nah, dass Kate überzeugt war, sie würden gleich hineinstürzen. Sie stellte sich vor, wie die Wellen über ihr zusammenschlugen. Wäre das eine Erleichterung? Bevor sie eine Antwort gefunden hatte, erschien fester Boden unter ihnen, ein Wunder aus Asphalt, und die Räder setzten auf.
Gepäckausgabe. Kate wartete mit den anderen müden Fluggästen, während die Koffer sie umkreisten wie Alligatoren. Das Gepäckband zog endlos oft an ihr vorbei, die Menge lichtete sich, weil mehr und mehr Leute mit ihren Gepäckstücken wiedervereinigt wurden, nur Kates Tasche tauchte nicht auf. Sie fing an zu schwitzen. Drei Monate waren eine lange Zeit, und sie hatte nur diese eine Tasche gepackt und mitgebracht. Wenn ihre Kleidung jetzt verschwand, wäre sie komplett allein. Nicht mal ein Outlet-Pullover, der ihr Gesellschaft leisten konnte.
Als nur noch sie und ein nervöser Student am Gepäckband standen, kullerte ihre ausgefranste rote Reisetasche die Rampe herunter. Vor Erleichterung wurde ihr schwindelig, als würde sich ihr Kopf mit Helium füllen.
Vor dem Ankunftsterminal sah Kate sich nach ihrer Tante um. Die Straße war völlig verstopft von hupenden Autos, in denen hektische Fahrer über ihren Lenkrädern hingen. Kate entdeckte ihre Tante schließlich, die ihr aus einem frisch gewachsten Volvo zuwinkte. Louise ließ den Wagen einfach auf der mittleren Spur stehen, wofür sie ein paar schrille Pfiffe vom Ordner erntete, die sie aber geflissentlich ignorierte. Sie umarmte Kate, und dann griff sie nach ihren Schultern, obwohl Kate sicher fünfzehn Zentimeter größer war als sie, und musterte sie eindringlich.
Auch Kate machte eine Bestandsaufnahme. Sie hatte ihre Tante seit drei Jahren nicht gesehen, aber Louise sah immer noch genauso aus wie früher. Sie war nur gebräunter. Wie eine Holzterrasse, der ein frischer, aber unwirklicher Braunton verpasst worden war. Sie war zierlich — sie hatte einen Stoffwechsel, der selbst Schweinefett sofort in sehnige Muskeln verwandelte —, und auf ihrem Kopf thronte eine kleingelockte Mähne, die immer ein bisschen feucht wirkte. Louise war eine härtere, glänzendere Version von Kates Mutter, als wäre sie in Lack getunkt und zum Trocknen rausgestellt worden. Wenn Kate sich richtig erinnerte, dann war Louise neugierig und nervtötend, weshalb sie hoffte, dass ihre Tante sich geändert hatte oder sie selbst geduldiger geworden war. Oder aber dass sie sich schlichtweg falsch erinnerte.
Irgendwann ließ Louise endlich die Hände sinken und verkündete: »Du siehst erschöpft aus.«
Kate brachte ein Lächeln zustande. »War ein langer Tag.«
»Ja, drei Zwischenlandungen! Du hättest einen Direktflug buchen sollen.« Louise griff nach ihrer Reisetasche und wuchtete sie, trotz Kates Protest, in den Kofferraum. »Ich habe eine tolle Creme für dich, die hilft sofort gegen deine Augenringe. Hast du schon was gegessen? Wir haben eine Menge zu Hause. Oh, ich sollte Frank anrufen, damit er die Steaks zum Auftauen rauslegt.«
Wenn Louise eine aufgefrischte Terrasse war, glich Kate einer schlecht verputzten Wand kurz vorm Abriss. Teile von ihr bröselten in die milde Luft Kaliforniens. »Ich kann ihm eine SMS von unterwegs schicken, wenn du magst.«
»Ach ja.« Louise nickte, als hätte Kate sie an eine Stadt erinnert, in der sie vor vielen Jahren mal gewesen war. »SMS.«
Louise redete permanent, während sie sich durch sämtliche Über- und Unterführungen San Franciscos fädelten, Wörter sprudelten aus ihr wie aus einem geplatzten Feuerhydranten. Sie erzählte, dass sie das Gästezimmer hergerichtet hatten, dass sie sich auf Kates Besuch freuten, dass sie sich schon eine Menge Ausflüge überlegt hätten. Sie überquerten die Golden Gate Bridge...




