E-Book, Deutsch, 463 Seiten
Sloan Denn alle Sicherheit ist trügerisch
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-420-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 463 Seiten
ISBN: 978-3-96655-420-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Susan Sloan wurde in New York geboren und lebt heute im Nordwesten der USA, auf einer kleinen Insel vor Seattle. Neben ihrer Karriere als Romanautorin kümmert sich Susan Sloan in ihrer Freizeit um in Stich gelassene Haustiere. Ihre Spannungstitel wurden in mehrere Sprachen übersetzt und feierten weltweit Erfolge. Bei dotbooks veröffentlichte Susan Sloan ihre Romane »Eine Frage der Gerechtigkeit«, »Schuldlos schuldig«, »Was keiner wissen konnte« und »Denn alle Sicherheit ist trügerisch«
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Kapitel 4
Seward Island schimmerte auf der samtig blauen Fläche des Puget Sound wie ein kostbarer Diamant.
Die Insel war Ende des 18. Jahrhunderts von Commodore Nathaniel Seward entdeckt worden, den es im Gefolge von George Vancouver in diese Ecke der Welt verschlagen hatte. Er war von der Schönheit des Eilands so entzückt, daß er sofort an Land ging, sein Schiff zurück nach Portsmouth schickte und bis ins hohe Alter auf der Insel lebte.
Seward Island stand den tropischen Paradiesen, die der Commodore auf seinen Reisen gesehen hatte, in nichts nach. Überall boten sich dem Auge des Betrachters immergrüne Hügel, üppig mit Gras und Klee bewachsene Täler und eine atemberaubende Aussicht auf die zerklüfteten Olympic Mountains im Westen, die sanften Cascades im Osten, den harschen Mount Baker im Norden und den gen Himmel strebenden Mount Rainier im Süden. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurden jedoch viele Nachfahren des abgeschiedenen, wenngleich idyllischen Insellebens überdrüssig, verkauften ihr Land und zogen fort.
Engländer aus den Fabriken von Manchester und den Minen von Newcastle versuchten hier einen Neuanfang. Norweger, die sich auf Fischerei und Schiffbau verstanden, kamen zuhauf. Deutsche verließen aus Angst vor den drohenden Kriegen ihre Höfe in Elsaß-Lothringen und Schleswig-Holstein und siedelten sich auf Seward Island an. Und Iren, die zu Hause einer schlimmen Hungersnot entkommen waren, wollten sich hier eine neue Existenz aufbauen.
Warme Sonne im Sommer. milder Regen im Winter und fruchtbare Erde verwöhnten die Pflanzen. Blumen blühten üppig, und Obst und Gemüse gedieh bestens. Man holte sich Hühner vom Festland, so daß auf den Märkten frische Eier verkauft werden konnten. Auf den Wiesen im Cedar Valley grasten Pferde, und Kuhherden trotteten über die Hänge am Eagle Rock. Die Netze waren voll von Lachsen, die Strände mit Muscheln übersät, und es gab Krebse im Überfluß. Die Siedler gründeten Gewerbe, um mit allem versorgt zu sein, und eine kleine Werft entstand.
Schließlich wurde Seward zur eigenständigen Gemeinde und zur Hauptstadt von Puget County erklärt, einer Reihe kleiner Inseln, die man zusammengefaßt hatte. Die Anwohner wählten einen Bürgermeister und einen Stadtrat. Kurz darauf wurden Steuern erhoben, die Straßen gepflastert und Stromkabel gelegt. Man gründete Polizei und Feuerwehr, baute ein Krankenhaus und ermunterte kleine Industriebetriebe, sich dort niederzulassen.
Dennoch konnte sich die Insel im Nordwestpazifik ihren ländlichen Charme bewahren, weil sie nur auf dem Wasserweg zu erreichen war. Im Yachthafen an der Südseite von Grill Harbor lagen bis zu hundertfünfzig Schiffe, und einmal am Tag kam die Fähre.
Im letzten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts wohnten in diesem friedlichen Paradies zwölftausend Menschen. und die Stadt oberhalb des Hafens wurde liebevoll in der Gestalt erhalten, in der sie der Commodore lind seine Nachfahren einst erbaut hatten.
Ein Drittel der Inselbewohner pendelte täglich mit der Fähre nach Seattle, und am Wochenende kamen die Touristen. Der Andrang war nicht ganz so heftig wie auf den benachbarten Inseln Bainbridge und Whidbey, doch die malerischen Läden auf der Commodore Street, die bezaubernden Tearooms am Seward Way, die kleinen Geschäfte, in denen man einheimische Marmeladen, Gelees und Limonenpaste erstehen konnte, und die Winzergenossenschaft hatten gute Einkünfte.
»Willkommen auf Seward Island« stand auf dem Holzschild, das die Besucher als erstes erblickten, wenn sie vom Schiff kamen. »Schön für einen Abstecher – ideal für Familien«.
Die Lokalzeitung hatte einmal angemerkt, daß mit diesem Spruch alles Wesentliche über die Insel gesagt sei. Man hatte hier die sauberste Luft der Region, eine der niedrigsten Verbrechensraten des gesamten Landes und eine Bevölkerung, die zu dreiundneunzig Prozent angelsächsischer, keltischer, deutscher und skandinavischer Herkunft war und sich nur zu sieben Prozent aus anderen Europäern, einer Handvoll Orientalen und einer kleinen Gruppe Asiaten zusammensetzte.
Ruben Martinez, der Polizeichef, fiel deshalb eindeutig aus dem Rahmen. Als zwei Monate altes Baby war er über die mexikanische Grenze geschmuggelt worden, dann schleiften ihn seine Eltern, die sich als Lohnarbeiter auf Farmen verdingten, quer durch Kalifornien, bis er schließlich mit zwölf zu einem Onkel nach Los Angeles geschickt wurde. Ruben hatte Glück, daß er seine Kindheit und Jugend überlebte. Er war vertraut mit Hunger und Entbehrungen aller Art.
Sein eiserner Wille und der Glaube daran, daß seine Eltern nicht wollten, daß er ein so erbärmliches Leben führte wie sie, ließen ihn den Barrios entkommen. Er besuchte die Polizeiakademie in Los Angeles und machte kraft seines scharfen Verstandes, seiner präzisen Auffassungsgabe und seiner Erfahrung mit dem Leben auf der Straße den drittbesten Abschluß seines Jahrgangs.
Ruben wollte in Südkalifornien bleiben und mit den Gangs aus dem Barrio arbeiten, die er so genau kannte, doch eine verirrte Kugel, die zu nahe bei seiner Wirbelsäule steckenblieb, machte seinem Einsatz auf der Straße ein Ende.
»Sie spielen Russisches Roulette, Sergeant«, teilte ihm der Arzt ohne Umschweife mit. »Wenn wir die Kugel nicht antasten, werden Sie Schmerzen haben und in Ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt sein. Wenn wir versuchen, sie zu entfernen, stehen die Chancen fünfzig zu fünfzig, daß Sie querschnittsgelähmt sind.«
Die Kugel blieb unberührt. Ruben bekam ein Stützkorsett und Schmerzmittel, die ihn benommen machten. Nach einer Woche spülte er die Pillen ins Klo.
Eine Zeitlang arbeitete er im Büro, aber seinem Rücken bekam das lange Sitzen nicht, und er wurde rastlos. Er zog in eine kleine kalifornische Stadt, wo es geruhsamer zuging. Danach sammelte er in anderen kleinen Städten Erfahrung und bildete sich weiter. Er heiratete. Seine Frau gebar ihm eine Tochter, bevor sie starb. Danach suchte er die Städte eher nach Lebensqualität und dem Ruf der Schulen aus denn nach der Größe des Polizeiapparats.
Ruben Martinez gelangte auf Umwegen nach Seward Island, doch er brachte erstklassige Referenzen mit und galt als ehrlich und tüchtig. Der Bürgermeister und der Stadtrat waren fast einhellig der Meinung, daß sie keinen besseren Polizeichef hätten finden können.
»Seine Laufbahn ist mustergültig«, sagte einer.
»Schon fast zu perfekt«, stimmte ein anderer zu.
»Er wird Eindruck machen«, meinte ein Dritter.
»Aber er ist keiner von uns«, wandte ein Vierter ein.
»Er ist genau der Richtige«, verkündete Albert Hoch, der wohlbeleibte, birnenförmige Bürgermeister.
Man stellte Ruben ein adrettes Holzhäuschen am Stadtrand zur Verfügung, von dem aus das Polizeirevier und die Seward-High-School, die seine Tochter seit zwei Jahren besuchte, leicht zu erreichen waren.
Die fünfzehnjährige Stacey Martinez stand im Mittelpunkt von Rubens Leben – ein zartes Mädchen, das von seiner Mutter das helle Haar und die feinen Gesichtszüge und von seinem Vater die olivbraune Haut und die dunklen Augen geerbt hatte. Er hatte allein für sie gesorgt, bis sie zehn wurde; danach hatte sie angefangen, für ihn zu sorgen. Ihre Lebensform war vermutlich der Grund dafür, warum er nie wieder geheiratet hatte. Er sah Stacey und sich als Team, sie brauchten niemand anderen.
Er wußte natürlich, daß dieser Zustand nicht ewig anhalten konnte. Nicht mehr lange, dann würde sie ihn verlassen, und er würde seine Situation überdenken müssen. Doch darüber wollte er sich nicht vorzeitig den Kopf zerbrechen.
In seinen drei Jahren als Polizeichef auf Seward Island hatte Ruben es mit diversen Fällen von Sachbeschädigung, einer beunruhigenden Zunahme von Drogenkriminalität, ab und zu einem Fall von Trunkenheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses, mehreren Einbrüchen, einem bewaffneten Raubüberfall, zwei Vergewaltigungen und drei Unfällen mit Todesfolge zu tun gehabt. Niemand konnte sich erinnern, daß es je einen Mord auf der Insel gegeben hätte.
Ruben mußte zwar offiziell immer erreichbar sein, doch meist arbeitete er Montag bis Freitag, blieb samstags in Rufweite für Notfälle und verbrachte seine Sonntage ungestört mit Stacey. Deshalb war er ziemlich überrascht, als am zweiten Sonntag im Oktober um Viertel vor acht das Telefon klingelte und Detective Ginger Earley sich meldete.
»Tut mir leid, daß ich in deinen Sonntag platzen muß«, sagte sie. Ihre Stimme klang merkwürdig gepreßt. »Aber ich bin am Madrona Point, und ich denke, du solltest sofort herkommen.«
Sie wirkte so angespannt, daß Ruben sogar auf die Dusche verzichtete. Er zog sich an, trank drei Schluck Orangensaft aus einem Glas, das Stacey ihm eingegossen hatte, und stürzte zur Garage.
Eine Viertelstunde später hielt er mit seinem Dienstwagen. einem schwarzen Blazer, neben Gingers Streifenwagen auf dem Parkplatz am Madrona Point.
»Was ist los?« fragte er, als er ausstieg.
»So etwas habe ich noch nie gesehen«, sagte die Achtundzwanzigjährige, die in neun Jahren Polizeiarbeit einige Leichen in gräßlichem Zustand zu Gesicht bekommen hatte, mit einem Schaudern. »Es ist grauenhaft, sage ich dir.«
Ihr sonst rosiges, sommersprossiges Gesicht hatte einen grünlichen Farbton angenommen, der Ruben aus seinen Einsätzen in Los Angeles wohlvertraut war. Sie geleitete ihn zu dem Container und ging vor ihm die Treppe hinauf. Es war inzwischen hell geworden, und es gab keinen Zweifel mehr daran, was dort auf dem blutdurchtränkten Teppich lag. Ruben näherte sich der Leiche und bückte sich, um sie genauer zu betrachten.
Er schätzte, daß sie etwa zwölf Einstiche aufwies. Er sah sich die Farbe des Bluts...




