Sloan | Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Sloan Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-09323-5
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-641-09323-5
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Clay Jannon seinen Job als Webdesigner verliert, meldet er sich auf eine Stellenanzeige hin bei Mr. Penumbra, der in San Francisco eine alte, verstaubte Buchhandlung betreibt, die rund um die Uhr geöffnet ist. Clay übernimmt die Nachtschicht, und bald ist ihm klar, dass hier irgendetwas nicht stimmt: Die Kunden kaufen nichts, sondern leihen die Bücher nur aus, drei Stockwerke hohe Regale beherbergen riesige Folianten, die keine Texte beinhalten, sondern nur ellenlange Reihen aus Buchstaben. Nach und nach findet Clay heraus, dass Mr. Penumbra und seine Kunden einem uralten Geheimnis auf der Spur sind. Mit der Unterstützung seiner Freundin Kat und seines ältesten Kumpels Neel, sowie der Weisheit von Mr. Penumbra, macht sich Clay daran, dieses Geheimnis zu lüften. Ein Geheimnis, das bis in die Anfangszeiten des Buchdrucks zurückreicht.

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra ist ein spannendes literarisches Rätsel und ein inspirierendes und philosophisches Buch voller einzigartiger Charaktere und visionärer Ideen.

Robin Sloan wurde 1979 in der Nähe von Detroit geboren, hat an der Michigan State University Wirtschaftswissenschaften studiert und anschließend für Twitter und verschiedene andere Onlineplattformen gearbeitet. Sein Debüt »Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra«erschien 2015 im Blessing Verlag. Robin Sloan lebt in San Francisco.

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MANTELKNÖPFE

Das war alles vor einem Monat. Inzwischen bin ich Penumbras Verkäufer für die Nachtschicht und klettere die Leitern wie ein Äffchen rauf und runter. Dafür gibt es regelrecht eine Technik. Man schiebt die Leiter an die gewünschte Stelle und lässt die Rollen einrasten, dann geht man in die Hocke und springt gleich auf die dritte oder vierte Sprosse. Man zieht sich mit den Armen hoch, um den Schwung mitzunehmen, und schon hängt man anderthalb Meter in der Luft. Beim Klettern schaut man direkt geradeaus, nicht nach oben, nicht nach unten; man konzentriert sich auf einen Punkt etwa dreißig Zentimeter vor dem Gesicht und lässt die Wälzer in einem Wirbel aus bunten Buchrücken an sich vorbeirauschen. Dann zählt man stumm die Sprossen, und hat man endlich die richtige Ebene erreicht und greift nach dem gesuchten Buch … na, dann streckt man sich natürlich.

Beruflich betrachtet, ist das möglicherweise keine ganz so marktfähige Qualifikation wie Webdesign, aber es macht wahrscheinlich mehr Spaß, und im Moment nehme ich alles, was ich kriegen kann.

Ich wünschte nur, meine neuen Fähigkeiten kämen öfter zum Einsatz. Mr. Penumbras Laden operiert nicht aufgrund eines überwältigend großen Andrangs von Kunden rund um die Uhr. Tatsächlich gibt es kaum welche, und manchmal komme ich mir eher wie ein Nachtwächter vor als wie ein Verkäufer.

Penumbra verkauft gebrauchte Bücher, die aber durch die Bank in einem so ausgezeichneten Zustand sind, dass sie ebenso gut neu sein könnten. Er macht seine Neuerwebungen tagsüber – man kann sie nur dem Mann verkaufen, dessen Name auf dem Schaufenster steht –, und offenbar ist er kein einfacher Kunde. Die Bestsellerlisten scheinen ihn nicht groß zu kümmern. Sein Lagerbestand ist eklektisch; es gibt keinerlei Hinweise auf irgendwelche Standards oder Kriterien außer seinen eigenen Vorlieben, schätze ich mal. Jugendliche Zauberer oder Vampir-Cops wird man also hier vergeblich suchen. Was schade ist, denn es ist genau so ein Laden, in dem man sofort ein Buch über einen jugendlichen Zauberer kaufen will. Es ist ein Laden, in dem man ein jugendlicher Zauberer sein will.

Ich habe meinen Freunden von Penumbras Laden erzählt, und ein paar sind auch vorbeigekommen und haben die Regale in Augenschein genommen und mir beim Erklimmen der staubigen Höhen zugesehen. Normalerweise beschwatze ich sie, irgendwas zu kaufen: einen Roman von Steinbeck, Erzählungen von Borges, einen dicken Tolkien-Wälzer – für all diese Autoren hat Penumbra eindeutig ein Faible, weil er von jedem das Gesamtwerk führt. Wenn gar nichts geht, schicke ich meine Freunde wenigstens mit einer Postkarte nach Hause. Auf dem Schreibtisch vorn liegt ein ganzer Stapel. Darauf ist eine Außenansicht des Ladens abgebildet – eine zarte Federzeichnung, die so alt und uncool ist, dass sie schon wieder cool aussieht –, und Penumbra verkauft sie für einen Dollar das Stück.

Aber von einem Dollar alle paar Stunden kann man nicht mein Gehalt bezahlen. Es ist mir ein Rätsel, wovon mein Gehalt bezahlt wird. Ohnehin ist mir ein Rätsel, wie diese Buchhandlung überleben kann.

Eine Kundin habe ich jetzt schon zweimal gesehen, eine Frau, von der ich mir ziemlich sicher bin, dass sie nebenan bei Booty’s arbeitet. Ich bin mir darum ziemlich sicher, weil sie beide Male waschbärmäßige Schatten aus Mascara um die Augen hatte und nach Rauch roch. Sie hat ein strahlendes Lächeln und matt-dunkelblondes Haar. Ihr Alter lässt sich schwer schätzen – sie könnte eine verlebte Dreiundzwanzigjähre oder eine umwerfende Einunddreißigjährige sein –, und ich weiß auch nicht, wie sie heißt, aber ich weiß, dass sie Biografien mag.

Bei ihrem ersten Besuch hat sie sich in den Regalen im vorderen Bereich umgesehen, hat sie schleppend umrundet, hat sich ab und an geistesabwesend gerekelt und ist dann zu mir an den Schreibtisch neben der Tür gekommen. »Haben Sie die über Steve Jobs?«, fragte sie. Sie trug eine bauschige North-Face-Jacke über einem rosa Tanktop und Jeans, und ihr Tonfall war ein wenig dialektgefärbt.

Ich runzelte die Stirn und sagte: »Wahrscheinlich nicht. Aber schauen wir mal nach.« Penumbra hat eine Datenbank, die auf einem altersschwachen beigefarbenem MacPlus läuft. Ich hämmerte den Namen des Verfassers in die Tastatur und der Mac plingte leise – Treffer. Sie hatte Glück.

Wie bückten uns und durchsuchten die BIOGRAFIE-Abteilung, und da war es: ein einziges Exemplar, das glänzte wie neu. Vielleicht war es einmal als Weihnachtsgeschenk für einen Vater gedacht, der Hightech-Manager war und eigentlich keine Bücher las. Oder Tech-Dad hatte es lieber auf seinem Kindle lesen wollen. Auf jeden Fall hatte es jemand hier verkauft, und es hatte Penumbras Ansprüchen genügt. Ein Wunder.

»Er sah wahnsinnig gut aus«, sagte North Face und betrachtete das Buch, das sie auf Armeslänge vor sich hielt. Steve Jobs schaute uns aus dem weißen Cover entgegen, die Hand am Kinn, auf der Nase eine runde Brille, die ein bisschen der von Penumbra ähnelte.

Eine Woche später kam sie zur Tür hereingehüpft, grinsend und lautlos in die Hände klatschend – was sie eher wie eine Dreiundzwanzigjähre als wie eine Einunddreißigjährige aussehen ließ –, und sagte: »Oh, es war einfach großartig! Aber wissen Sie was« – hier wurde sie ernst –, »er hat noch eins geschrieben, über Einstein.« Sie zeigte mir ihr Handy, das eine Amazon-Produktseite mit Walter Isaacsons Biografie über Albert Einstein zeigte. »Ich hab’s im Internet gefunden, aber ich dachte, ich kauf’s lieber hier?«

So viel ist klar: Es war unglaublich. Der Traum eines jeden Buchhändlers. Eine Stripperin, die sich dem Lauf der Geschichte entgegenstellte und Stopp! schrie – aber als wir unsere Köpfe hoffnungsvoll über den Computer neigten, mussten wir feststellen, dass Penumbras BIOGRAFIE-Abteilung über kein Exemplar von Einstein: His Life and Universe verfügte. Es gab fünf verschiedene Bücher über Richard Feynman, aber rein gar nichts über Einstein. Also sprach Penumbra.

»Echt?«, sagte North Face und machte einen Schmollmund. »Mist. Naja, dann kauf ich’s im Internet, schätze ich. Danke.« Sie ging wieder in die Nacht hinaus und ist seither nicht zurückgekehrt.

Ich will mal ganz ehrlich sein. Wenn ich eine an meinen Erfahrungen beim Bücherkauf gemessene Rangliste nach den Kriterien Bequemlichkeit, Zugänglichkeit und Zufriedenheit aufstellen müsste, würde sie folgendermaßen aussehen:

  1. Die perfekte unabhängige Buchhandlung, wie z. B. das Pygmalion in Berkely.
  2. Ein großer, heller Barnes & Noble. Ich weiß, es ist eine Kette, aber seien wir ehrlich – in diesen Läden fühlt man sich wohl. Besonders in denen mit den großen Sofas.
  3. Der Gang mit den Büchern bei Walmart (gleich neben der Blumenerde).
  4. Die Bordbibliothek der U. S. S. West Virginia, eines Atom-U-Boots tief unter der Wasseroberfläche des Pazifiks.
  5. Buchhandlung Penumbra – durchgehend geöffnet.

Also nahm ich mir vor, das Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Nein, ich verstehe nichts vom Management einer Buchhandlung. Nein, ich habe nicht mein Ohr am Puls der Stripklub-Klientel nach Feierabend. Nein, ich habe noch nie irgendwelche Schiffe auf Kurs gebracht, außer einmal, damals, als ich den Fechtklub der Rhode Island School of Design vor dem Bankrott bewahrte, indem ich einen vierundzwanzig Stunden langen Errol-Flynn-Filmmarathon organisierte, falls das zählt. Aber ich weiß genau, welche Dinge Penumbra offensichtlich falsch macht – nämlich Dinge, die er gar nicht macht.

Zum Beispiel Marketing.

Ich habe einen Plan. Zuerst werde ich mich mit ein paar kleinen Erfolgen bewähren, dann um ein Budget bitten, mit dem ich Anzeigen drucken kann, ein paar Poster ins Schaufenster hängen, vielleicht sogar mit einem Werbebanner in der Bushaltestelle draußen, nur ein paar Schritte weiter, groß herauskommen: WARTEN SIE AUF DEN BUS? KOMMEN SIE REIN UND WARTEN SIE BEI UNS! Auf meinem Laptop lasse ich die Seite mit dem Busfahrplan geöffnet, damit ich den Kunden Bescheid sagen kann, dass der nächste in fünf Minuten kommt. Das wird genial.

Aber ich muss klein anfangen, und weil keine Kunden kommen, um mich abzulenken, stürze ich mich in die Arbeit. Als Erstes wähle ich mich über den nicht gesicherten Wi-Fi-Anschluss nebenan, der bootynet heißt, ins Netz ein. Dann nehme ich mir nacheinander die Seiten mit Empfehlungen in der Nachbarschaft vor und schreibe glühende Besprechungen über dieses verborgene Kleinod. Ich schicke freundliche E-Mails mit zwinkernden Emoticons an Blogs aus dem Viertel. Ich gründe eine Facebook-Gruppe mit nur einem Mitglied. Ich melde mich bei Googles mega-umstrittenem Kleinanzeigen-Programm an – dasselbe, das wir bei NewBagel verwendet haben –, mit dem man seine Zielgruppe geradezu abartig präzise einkreisen kann. Ich verwende Merkmale aus dem umfangreichen Formular von Google:

  • lebt in San...


Sloan, Robin
Robin Sloan wurde 1979 in der Nähe von Detroit geboren, hat an der Michigan State University Wirtschaftswissenschaften studiert und anschließend für Twitter und verschiedene andere Onlineplattformen gearbeitet. Sein Debüt »Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra« erschien 2015 im Blessing Verlag. Robin Sloan lebt in San Francisco.



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