E-Book, Deutsch, Band 1, 306 Seiten
Reihe: Jason Harper
Smith Am Anfang allein
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-6358-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jason Harper - Band 1
E-Book, Deutsch, Band 1, 306 Seiten
Reihe: Jason Harper
ISBN: 978-3-7543-6358-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Schmidt, geboren 1978, sesshaft im Süden Hamburgs, lebt allein und hat eine Tochter. Im beruflichen Alltag als Spezialist im Zoll- u. Steuerrecht studierte er nebenberuflich BWL. So staubtrocken sein Beruf ist, so abwechslungsreich sind seine weiteren Betätigungen: Kampfsport, Live-Rollenspieler und das Besuchen verlassener Orte liefern ihm Inspiration und Anregungen für seine Werke. Die spannendste Reise bisher führte ihn in die Sperrzone um Tschernobyl. Seit seiner frühen Kindheit begeistern ihn Geschichten jedweder Form. Seine große Liebe ist bis heute ein gutes Buch. Über Klassiker bis zu den modernen Werken ist ihm nichts entkommen. Persönlich schreibt er bevorzugt im Grusel- und Horror-Genre. Aktuell arbeitet er an seiner Serie um den Geisterjäger Jason Harper. Begonnen als Kurzgeschichte, in der er neue Techniken ausprobierte, mauserte sich die Begeisterung für den fluchenden Kettenraucher zu einer Buchreihe. Mit Disziplin, der Freude an neuem Wissen und Begeisterung widmet er einen großen Teil seiner Freizeit dem Schreiben.
Autoren/Hrsg.
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Second Cut – Rettung im letzten Atemzug
Einige Monate zuvor.
Das Lied des Lebens. Das sanfte Rauschen des Meeres, Kinderlachen und der Wind in den Blättern der Palmen. Nur eine Note stimmte in dieser Symphonie nicht.
Miamis Strandpromenade briet in der Sonne. Ein leichter Wind wehte vom Meer, gerade genug, um ein wenig Erfrischung zu bringen. Doch trieb er auch etwas anderes, Unsichtbares vor sich her.
Es war Mittagszeit und die Straßen waren belebt. Irgendwo spielte ein Musiker gegen den Lärm der Stadt an. Die Strandpromenade war gut besucht. Familien nutzten das schöne Wetter, um ihre Kinder zu beschäftigen, Geschäftsleute schwitzten in ihren Anzügen und durchtrainierte Sportfreaks zeigten ihre Körper.
Unterhalb der Promenade befand sich die Hauptstraße, und der Fußweg führte im Schatten einer Betonwand entlang. Zigarettenstummel lagen neben leeren Kaffeebechern aus Pappe. Zwischen den vergessenen, liegen gelassenen Abfällen stand er, im Dunkeln, wo die meisten das Licht der Sonne suchten.
Eine junge, gepflegte Frau im Businessoutfit kam an ihm vorbei. Sie betrachtete ihn abschätzend und verzog das Gesicht, als er an der Zigarette zog. Nur an den auffallend blauen Augen blieb sie kurz hängen. Dann war sie vorbei und der Bursche mit seiner Zigarette schon aus ihrem Kopf verschwunden, als ihr Handy aufdringlich laut klingelte.
Jason drückte die Kippe mit seinem schwarzen Stiefel aus und entließ das letzte bisschen Rauch aus seiner Lunge. Er blickte der wandelnden Kaufhauspuppe hinterher, die ihn eben mit ihrem Ich-binja-so-wichtig-Blick taxiert hatte. Genervt schob er die Hände in die Taschen seiner verwaschenen, einstmals schwarzen Cargopants. So stand er einen Moment reglos da und beobachtete die vorbeifahrenden Autos. Dann nahm er eine Hand aus der Tasche und begann, mit dem Amulett zu spielen, das um seinen Hals hing. Es war ein grün schimmernder Stein, der in leicht angelaufener Bronze gefasst an einer Lederschnur hing. Jason krempelte die Ärmel seines ausgeleierten Shirts hoch und entblößte die Tattoos auf seinen Armen. Dabei lauschte er mit halb geschlossenen Augen in das Treiben um sich herum hinein.
Über ihm flanierten die Spaziergänger. Fleißige Jogger rannten schwitzend an Fast-Food mampfenden Touristen vorbei. Leute in Businessanzügen eilten dazwischen dahin, immer auf der Jagd nach dem nächsten Geschäftsabschluss. Kinder tobten um ihre Eltern und bettelten nach Eis oder einem neuen Handy. Jason hörte ein besonders aufdringliches Kind immer wieder auf seine Eltern einreden, so laut, dass er problemlos jedes Wort verstand.
„Alle in der Klasse haben eins! Das neueste! Nur ich nicht. Das geht nicht, verstehst du, Honey.“
„Nenn deine Mom nicht so!“, blaffte jemand dazwischen, wohl der Vater.
„Du hast mir gar nichts zu sagen, Nicht-Dad!“, keifte der Junge zurück. Anscheinend doch nicht der Vater.
„Ich mag es nicht, wenn ihr beiden so schreit. Reißt euch gefälligst zusammen! Was sollen denn die Leute denken? Benimm dich, Shawn. Du hast gerade letzte Woche ein neues Smartphone bekommen.“
Sie entfernten sich und mit ihnen ihre hohle Unterhaltung.
Nicht Jasons Welt. Nicht mal im Ansatz.
Er hörte das Meeresrauschen, das klagende Kreischen der Möwen und die Gespräche der Passanten. Jene Leute, die ebenfalls unterhalb der Promenade an der Straße entlanggingen, übersahen Jason geflissentlich. Das alles interessierte ihn nicht. Er lauschte nach etwas anderem, wartete auf etwas, von dem er ahnte, dass es bald passieren musste.
Ein paar Schritte neben ihm führte eine Treppe hinauf in die Welt aus Sonne und Lachen, weißem Sandstrand und lebendigen Menschen. Ein junges Paar kam gerade vorbei. Der Mann hatte sein Handy in der Hand. Die beiden gingen weiter, ohne einen Blick für den seltsamen Burschen, der da so lässig an der Wand lehnte, übrig zu haben. Jason sah ihnen kurz nach, ehe er sich wieder konzentrierte.
Er lauschte hinein in das Lied des Lebens, hörte den Klang des Meeres auf eine Art, die dem Rest der Menschheit verwehrt blieb. In dem sanften Rauschen vermischt mit dem Dröhnen der Großstadt erklang eine falsche Note.
Jason stieß sich von der Wand ab, verstaute das Amulett unter seinem Shirt und ging zügig die Treppe hoch. Er blinzelte, als er in die Sonne trat. Einige Leute betrachteten ihn skeptisch. Jason ignorierte sie und verließ den breiten Streifen aus Beton in Richtung Wasser. Der Rest der Welt war ihm so egal, dass ein Skateboarder ihm gerade noch ausweichen konnte.
„Ey, du beschissener Freak!“, schnauzte Boarderboy Jason an. Der ging einfach weiter. Sein Blick war ganz auf das Ufer konzentriert.
Seine Stiefel sackten in den weißen Sand ein und machten jeden Schritt mühsam. Irgendein Typ spottete hinter ihm her: „Manson, verzieh dich wieder in deinen Keller, sonst zerfällst du noch zu Staub!“
Als Antwort hob Jason kurz den rechten Arm, ballte eine Faust und streckte den Mittelfinger.
„Du Penner!“, grölte der Mann hinter ihm her. Jason ignorierte ihn und ließ den Arm wieder sinken.
Überall lagen Menschen auf ihren Handtüchern oder mitgebrachten Liegen und ließen sich von der Sonne bräunen. Kinder tobten umher und spielten. Ein Sonnyboy warf eine Frisbee und sein Hund jagte freudig hinter der bunten Scheibe her. Jason behielt nur das Wasser und die Badenden im Auge. Er stapfte weiter auf das blaue Meer zu. Eine leichte Brandung spülte harmlose Wellen an den Strand. Ideal für kleine Kinder.
Jason bewunderte für einen kurzen Moment das Meer. Es erschien endlos. Dann zwang er seine Konzentration wieder auf die Badenden. Er lauschte, suchte nach der Disharmonie im Lied des Lebens, im Song der Welt, versuchte, die Ursache der falschen Note zu finden. Der Klang führte seinen Blick auf das Wasser.
„Das ist es also“, murmelte er.
Inmitten der kleinen, friedlich plätschernden Wellen entdeckte er, wonach er gesucht hatte, und beschleunigte seine Schritte. Als er sah, wie es sich einem kleinen Mädchen näherte, stürmte er los.
Der Sand spritze unter seinen Stiefeln hoch, er taumelte, fing sich wieder und versuchte, schneller zu werden. Schweiß rann seinen Rücken hinab und sein Shirt klebte binnen Sekunden an seinem Körper. Er rannte weiter, ignorierte die wütenden Rufe der Leute, die er im Vorbeilaufen mit Sand bespritzte. Gemotze und Beschwerden folgten ihm, wie die Abdrücke, die seine Armeestiefel hinterließen.
Ein winziger Strudel bewegte sich quer zur Strömung und wogte schnell durch das seichte Wasser auf das vielleicht sechs oder sieben Jahre alte Mädchen zu. Jason schrie nicht, er ignorierte das Brennen in seinen Muskeln, den Schweiß, der ihm in die Augen rann, und das Rasseln in seiner Lunge. Er verschwendete keinen Gedanken an etwas anderes als das Mantra, das er immer und immer wieder in seinem Kopf wiederholte, seit er den Strudel entdeckt hatte:
Und immer so weiter. Er spürte, wie seine Beine lahm wurden. Er ballte die Hände zu Fäusten und rannte weiter. Er würde es nicht rechtzeitig schaffen. Er würde kämpfen müssen.
Das blonde Mädchen in dem bunten Badeanzug stand aufrecht im Wasser und füllte einen kleinen, roten Eimer. Der Strudel erreichte das Kind. Ruckartig wurde es von den Beinen gerissen und verschwand in den Wellen. Es wollte schreien, doch es reichte nur für ein abgehacktes: „Mo …!“
Die Hände des Mädchens zappelten kurz an der Oberfläche, doch niemand bemerkte es. Seine Mutter, die auf ihr Handy starrte und die ach so wichtigen Nachrichten in den sozialen Netzwerken las, sagte nur: „Nicht jetzt Schatz, Mommy ist beschäftigt.“
Der Eimer tanzte verspielt auf den Wellen.
Jason vergeudete keine Luft mit Schreien. Er erreichte die Grenze zwischen Strand und Meer, quälte sich einige mühsame Schritte weit ins Wasser und sprang unelegant in die Wellen. Er klatschte flach auf die Oberfläche und tauchte unter. Es war nicht kalt, aber das Salz brannte gnadenlos in seinen Augen. Er blickte sich hastig um. Die Kleine war vor ihm, und was auch immer es war, dass sie gepackt hatte, es zog sie weiter hinaus. Dorthin, wo es tiefer wurde.
So gut es mit Stiefeln und Klamotten ging, schwamm er auf das Mädchen zu. Binnen Sekunden war seine Kleidung vollgesogen und zog ihn nach unten. In seinem rechten Bein kündigte sich ein Krampf an. Aber Jason ließ nicht locker. In seinem Kopf donnerte das Mantra immer weiter.
In einer Endlosschleife wiederholte er es.
Vor ihm strampelte das Mädchen gegen das Wasser an. Ihre Augen waren panisch weit aufgerissen. Die Kleine reckte ihm ihre Hände entgegen. Jason sah das Ding, das sie gepackt hatte. Was von oben wie ein Strudel ausgesehen hatte, glich jetzt dem Antlitz eines entstellten Jungen, dessen Gesicht grausam verzerrt war.
Inmitten der blauen See schimmerte der Knabe in einem dunklen Grün, seine Haare wogten wie Seetang und die Augen glänzten rot.
Er, nein, es hatte das Mädchen...




