E-Book, Deutsch, Band 4, 664 Seiten
Reihe: Die Courtney-Saga
Smith Das Erbe der Steppe
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-472-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Courtney-Saga 4: Die Courtneys - Stürme der Zeit | Die große Südafrika-Saga
E-Book, Deutsch, Band 4, 664 Seiten
Reihe: Die Courtney-Saga
ISBN: 978-3-98952-472-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wilbur Smith (1933-2021) wurde in Zentralafrika geboren und gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Gegenwart. Der Debütroman seiner Jahrhunderte umspannenden Südafrika-Saga um die Familie Courtney, begründete seinen Welterfolg als Schriftsteller. Seitdem hat er über 50 Romane geschrieben, die allesamt Bestseller wurden, und in denen er seine Erfahrungen aus verschiedenen Expeditionen in die ganze Welt verarbeitete. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt. Wilbur Smith starb 2021 in Kapstadt im Kreise seiner Familie. Die Website des Autors: www.wilbursmithbooks.com/ Der Autor bei Facebook: www.facebook.com/WilburSmith/ Der Autor auf Instagram: www.instagram.com/thewilbursmith/ Die große Courtney-Saga des Autors um die gleichnamige südafrikanische Familie erscheint bei dotbooks im eBook. Der Reihenauftakt »Das Brüllen des Löwen« ist auch als Hörbuch bei SAGA Egmont erhältlich. Die große Ägypten-Saga über den Eunuchen Taita ist bei dotbooks als eBook erhältlich. Der Reihenauftakt »Die Tage des Pharao« ist auch als Hörbuch bei SAGA Egmont erhältlich. Außerdem bei dotbooks erschienen der Abenteuerroman »Der Sonnenvogel« sowie die Action-Thriller »Greed - Der Ruf des Goldes«, »Blood Diamond - Tödliche Jagd«, »Black Sun - Die Kongo-Operation«, »Das Elfenbein-Kartell« und »Atlas - Die Stunde der Entscheidung«. Weitere Bände in Vorbereitung.
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Kapitel 1
Michael erwachte vom wütenden Donnern der Kanonen. Es war ein widerliches Ritual, mit dem die Artillerieverbände zu beiden Seiten der Hügelketten vor der Dämmerung den Kriegsgöttern ihre wilde Huldigung darbrachten.
Michael lag unter dem Gewicht von sechs Wolldecken in der Dunkelheit und sah das Artilleriefeuer wie ein schreckliches Nordlicht durch das Zeltdach flackern. Die Decken fühlten sich so kalt und klamm an wie die Haut eines Toten, und leichter Regen trommelte auf die Zeltleinwand. Die Kälte drang durch das Bettzeug, und dennoch empfand er einen Funken Hoffnung. Bei diesem Wetter konnten sie nicht fliegen.
Doch diese falsche Hoffnung verflüchtigte sich rasch, denn als Michael abermals und diesmal aufmerksamer den Geschützen lauschte, erkannte er am Klang des Sperrfeuers, aus welcher Richtung der Wind kam. Der Wind hatte sich wieder nach Südwesten gedreht, so daß er den Kanonendonner verstärkte; Michael schauderte und zog die Decken bis unter das Kinn. Wie um seine Vermutung zu bestätigen, ließ die leichte Brise plötzlich nach. Das Trommeln der Regentropfen auf dem Zeltdach wurde leiser und verstummte schließlich ganz. In der Stille hörte er die Tropfen von den Bäumen im Obstgarten fallen — dann kam ein plötzlicher Windstoß, so daß sich die Äste schüttelten wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt, und schwere Tropfen auf das Zeltdach fallen ließen.
Er beschloß, nicht nach seiner goldenen Taschenuhr zu greifen, die auf der als Nachttisch dienenden Packkiste lag. Es würde nur allzu bald Zeit sein. Also vergrub er sich in die Dekken und dachte über seine Angst nach. Alle litten unter dieser Angst, doch die strengen Regeln, unter denen sie lebten, flogen und starben, verboten es ihnen, darüber zu sprechen; verboten es ihnen, auch nur mit verstecktesten Andeutungen darauf hinzuweisen.
Michael überlegte, ob es ein Trost gewesen wäre, wenn er am vorangegangenen Abend, als er zusammen mit Andrew eine Flasche Whisky leerte und den Auftrag für diesen Morgen besprach, imstande gewesen wäre zu sagen: »Andrew, ich habe ein entsetzlich flaues Gefühl bei dem Gedanken an das, was wir vorhaben.«
Er grinste in die Dunkelheit, als er sich Andrews Verlegenheit vorstellte, doch er wußte, daß Andrew ebenso empfand. Das zeigte sich in seinen Augen und in der Art, wie ein kleiner Muskel in seiner Wange zuckte und hüpfte, so daß er ihn fortwährend mit den Fingerspitzen berühren mußte, um ihn zu beruhigen. Alle altgedienten Piloten hatten ihre Schrullen; bei Andrew waren es der zuckende Wangenmuskel und die leere Zigarettenspitze, an der er saugte wie an einem Schnuller. Dafür knirschte Michael im Schlaf so laut mit den Zähnen, daß er selbst davon aufwachte; außerdem zerkaute er den Nagel seines linken Daumens bis aufs Fleisch und blies alle paar Minuten über die Finger seiner rechten Hand, als hätte er heiße Kohlen berührt.
Die Angst machte sie alle ein wenig verrückt und trieb sie dazu, viel zuviel zu trinken — jedenfalls genug, um die normalen Reflexe normaler Männer zu zerstören. Aber sie waren keine normalen Männer, und der Alkohol schien sie nicht zu beeinträchtigen, er trübte weder ihre Sehkraft noch hemmte er die Reaktionsgeschwindigkeit ihrer Füße auf den Seitenrudern. Normale Männer starben in den ersten drei Wochen, ihre Maschinen stürzten brennend ab, wie Tannenbäume bei einem Waldbrand, oder sie zerschellten auf dem weichen, zerwühlten Boden, und zwar mit einer Wucht, die ihre Knochen total zerschmetterte und ihnen die Splitter durch das Fleisch trieb.
Andrew hatte vierzehn Monate überlebt, und Michael elf, und da war ein Vielfaches der Lebensdauer, die die Kriegsgötter vielen Männern zuerkannten, die diese zerbrechlichen Apparate aus Draht, Holz und Segeltuch flogen. Und so zappelten und zuckten sie, zwinkerten und tranken zu viel Whisky, lachten in schrillen, lauten Tönen und scharrten verlegen mit den Füßen, und bei Tagesanbruch lagen sie starr vor Angst auf ihren Feldbetten und lauschten den Schritten.
Michael hörte die Schritte nun; es mußte später sein, als er angenommen hatte. Draußen vor dem Zelt stieß Biggs einen unterdrückten Fluch aus, als er unversehens in eine Pfütze trat, und seine Stiefel gaben bei jedem Schritt im Schlamm ein leises, unanständiges Geräusch von sich. Seine Blendlaterne leuchtete durch die Zeltleinwand, als er nach der Klappe tastete, und dann trat er gebückt ins Zelt.
»Guten Morgen, Sir —« Seine Stimme klang fröhlich, aber gedämpft, aus Rücksicht auf die Offiziere in den benachbarten Zelten, die an diesem Morgen nicht fliegen mußten, »— der Wind hat auf Süd-Süd-West gedreht, Sir, und es klart ganz wunderhübsch auf, wirklich. Über Cambrai leuchten noch Sterne —« Biggs stellte das Tablett, das er mitgebrach hatte, auf die Packkiste und machte sich eifrig daran, Michaels Kleidung aufzusammeln, die dieser am Vorabend einfach zu Boden hatte fallen lassen.
»Wie spät ist es?« Michael gab sich den Anschein, aus tiefem Schlaf zu erwachen, streckte sich und gähnte; Biggs sollte nichts von der angstvollen Stunde bemerken, die Legende nichts von ihrem Glanz einbüßen.
»Halb sechs, Sir.« Biggs faltete die Kleidungsstücke zusammen und kam dann zurück, um ihm den dicken Porzellanbecher mit Kakao zu reichen. »Und Lord Killigerran ist auf und befindet sich bereits im Kasino.«
»Der verdammte Kerl ist aus Eisen«, knurrte Michael. Biggs hob die leere Whiskyflasche auf, die unter dem Feldbett auf dem Boden lag, und stellte sie auf das Tablett.
Michael schlürfte den Kakao, während Biggs im Rasierkrug Schaum anrührte, und dann hielt Biggs den polierten Stahlspiegel und die Laterne, während sich Michael, die Decken um die Schultern gelegt und aufrecht auf dem Bett sitzend, mit dem Messer rasierte.
»Wie stehen die Wetten?« fragte Michael mit nasaler Stimme, da er sich gerade die Nasenlöcher zuhielt und die Nasenspitze hob, um sich über der Oberlippe zu rasieren.
»Drei zu eins, daß Sie und der Major die beiden ohne Gemetzel nehmen.«
Michael wischte das Rasiermesser ab, während er die Gewinnchancen überdachte. Der Sergeant, der die Wetten veranstaltete, hatte vor dem Krieg in Ascot und Aintree eigene Wettbüros betrieben. Er hatte sich ausgerechnet, daß die Chancen eins zu drei standen, daß entweder Andrew oder Michael oder beide zu Mittag bereits tot sein würden — kein Gemetzel, keine Verluste.
»Recht unverschämt, meinen Sie nicht auch, Biggs?« fragte Michael. »Ich meine, warum gleich beide, verdammt nochmal?«
»Habe einen Halben auf Sie gesetzt, Sir«, murmelte Biggs.
»Nett von Ihnen, Biggs, setzen Sie einen Fünfer für mich.« Er deutete auf die Geldbörse, die neben der Uhr lag, und Biggs nahm fünf Goldmünzen heraus und steckte sie in die Tasche. Michael setzte immer auf sich selbst. Es war eine sichere Sache: Wenn er die Wette verlor, würde ihn das auf keinen Fall schmerzen.
Biggs wärmte Michaels Kniehose über der Laterne an und hielt sie ihm hin, während Michael sich aus den Decken schälte. Er stopfte das Nachthemd in die Hose; Biggs fuhr mit der komplizierten Prozedur fort, die das Ankleiden eines Mannes darstellte, der bei dieser tödlichen Kälte in einem offenen Cockpit flog. Über das Nachthemd kamen eine seidene Weste, zwei gesteppte, wollene Strickjacken, dann eine Lederweste und zum Schluß ein Offiziersmantel, dessen Ärmel abgesehnitten waren, damit sie nicht an den Steuerungsvorrichtungen des Flugzeuges hängenblieben.
Nun war Michael so dick gepolstert, daß er sich nicht mehr bücken konnte, um in Socken und Stiefel zu schlüpfen. Biggs kniete vor ihm nieder und zog ihm seidene Untersocken über die bloßen Füße, darüber zwei Paar wollene Jägersocken, und schließlich die hohen Stiefel aus gegerbter Kuduhaut, die sich Michael in Afrika hatte anfertigen lassen. Durch ihre weichen, geschmeidigen Sohlen konnte Michael das Seitensteuer ausgezeichnet ertasten und fühlen. Als er aufstand, wirkte sein schlanker, muskulöser Körper unter der Last der Kleidung plump und unförmig, und seine Arme standen ab wie die Flügel eines Pinguins. Biggs hielt die Zeltklappe auf und ging mit der Laterne vor ihm her auf den Laufbrettern durch den Obstgarten zum Kasino.
Als sie an den anderen dunklen Zelten unter den Apfelbäumen vorbeikamen, hörte Michael hin und wieder leises Husten und Scharren. Sie waren alle wach, lauschten seinen Schritten, fürchteten sich mit ihm, und manche empfanden vielleicht Erleichterung darüber, daß nicht sie es waren, die an diesem Morgen aufsteigen mußten.
Als sie den Obstgarten verließen, blieb Michael einen Augenblick stehen und betrachtete den Himmel. Die dunklen Wolken trieben zurück nach Norden, und die Sterne, in der beginnenden Morgendämmerung schon ein wenig blaß, schimmerten durch. Diese Sterne waren Michael noch immer fremd; mittlerweile kannte er zwar endlich ihre Konstellationen, doch sie waren nicht wie seine geliebten Sterne des Südens — Alpha, Argus, das Kreuz des Südens, und all die anderen — er senkte den Blick und marschierte schwerfällig hinter Biggs und der schwankenden Laterne her.
Als Kasino der Fliegerstaffel diente eine Hütte, die sie requiriert und frisch gestrichen hatten und deren zerfetztes Strohdach mit Leinwand abgedeckt worden war, so daß es drinnen nun recht gemütlich und warm war.
Vor der Tür trat Biggs zur Seite. »Werde Ihren Gewinn von fünfzehn Pfund bereithalten, wenn Sie zurück sind, Sir«, murmelte er. Niemals hätte er Michael »viel Glück« gewünscht, denn das war das Schlimmste, was er ihm wünschen hätte können.
Im Herd prasselte ein Feuer, und Major Lord Andrew Killigerran saß, die Beine, in den hohen Stiefeln gekreuzt, auf dem Herdrand gelagert,...




