E-Book, Deutsch, Band 6, 862 Seiten
Reihe: Die Courtney-Saga
Smith Das Vermächtnis der Savanne
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-476-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Courtney-Saga 6: Die Courtneys - Welt im Wandel | Ein neues Kapitel in der Familiensaga wird aufgeschlagen ...
E-Book, Deutsch, Band 6, 862 Seiten
Reihe: Die Courtney-Saga
ISBN: 978-3-98952-476-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wilbur Smith (1933-2021) wurde in Zentralafrika geboren und gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Gegenwart. Der Debütroman seiner Jahrhunderte umspannenden Südafrika-Saga um die Familie Courtney, begründete seinen Welterfolg als Schriftsteller. Seitdem hat er über 50 Romane geschrieben, die allesamt Bestseller wurden, und in denen er seine Erfahrungen aus verschiedenen Expeditionen in die ganze Welt verarbeitete. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt. Wilbur Smith starb 2021 in Kapstadt im Kreise seiner Familie. Die Website des Autors: www.wilbursmithbooks.com/ Der Autor bei Facebook: www.facebook.com/WilburSmith/ Der Autor auf Instagram: www.instagram.com/thewilbursmith/ Die große Courtney-Saga des Autors um die gleichnamige südafrikanische Familie erscheint bei dotbooks im eBook. Der Reihenauftakt »Das Brüllen des Löwen« ist auch als Hörbuch bei SAGA Egmont erhältlich. Die große Ägypten-Saga über den Eunuchen Taita ist bei dotbooks als eBook erhältlich. Der Reihenauftakt »Die Tage des Pharao« ist auch als Hörbuch bei SAGA Egmont erhältlich. Außerdem bei dotbooks erschienen der Abenteuerroman »Der Sonnenvogel« sowie die Action-Thriller »Greed - Der Ruf des Goldes«, »Blood Diamond - Tödliche Jagd«, »Black Sun - Die Kongo-Operation«, »Das Elfenbein-Kartell« und »Atlas - Die Stunde der Entscheidung«. Weitere Bände in Vorbereitung.
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Kapitel 1
Tara Courtney hatte seit ihrem Hochzeitstag nicht mehr Weiß getragen. Ihre Lieblingsfarbe war Grün, weil das am besten zu ihrem dichten haselnußbraunen Haar paßte.
Aber in dem weißen Kleid, das sie an diesem Tag trug, fühlte sie sich wieder wie eine Braut – nervös und ein wenig ängstlich, aber voll eines tiefen Gefühls der Freude und Hingabe. Sie hatte ihr Haar gebürstet, es leuchtete rubinrot in der hellen Kapsonne, und ihre Wangen waren vor Aufregung gerötet. Obwohl sie vier Kinder zur Welt gebracht hatte, war ihre Taille mädchenhaft schlank. Daher stellte die düstere schwarze Schärpe, die sie über der Schulter trug, einen umso stärkeren Kontrast dar: Jugend und Schönheit, geschmückt mit den Symbolen der Trauer. Trotz des Aufruhrs ihrer Gefühle stand sie, die Hände gefaltet und den Kopf gebeugt, völlig unbewegt und schweigend da.
Sie war nur eine von etwa fünfzig Frauen, die, alle weiß gekleidet und mit schwarzen Schärpen, in derselben Trauerhaltung in genau bemessenen Abständen den Gehsteig gegenüber dem Haupteingang des Parlamentsgebäudes der Union von Südafrika säumten.
Fast alle waren sie junge Damen aus Taras Gesellschaftsschicht – wohlhabend, privilegiert und gelangweilt vom unbefriedigenden Verlauf ihres unausgefüllten Lebens. Viele von ihnen hatten sich der Demonstration nur deshalb angeschlossen, weil sie es aufregend fanden, der etablierten Autorität zu trotzen und ihresgleichen zu schockieren. Manche versuchten damit auch die Aufmerksamkeit ihrer Ehemänner zurückzugewinnen, die sich im Trott der ersten Ehejahre von ihnen abgewendet hatte und nun mehr auf das Geschäft, das Golfspiel und andere außereheliche Aktivitäten gerichtet war. Es gab jedoch einen harten Kern in der Bewegung, der hauptsächlich aus älteren Frauen bestand, zu dem aber auch ein paar jüngere wie Tara und Molly Broadhurst gehörten. Bei diesen waren einzige Abscheu und Unrecht Triebfedern ihres Handelns. Tara hatte versucht, ihren Gefühlen auf der Pressekonferenz an diesem Morgen Ausdruck zu geben, als eine Reporterin vom »Cape Argus« von ihr wissen wollte: »Warum tun Sie das, Mrs. Courtney?« Sie hatte erwidert: »Weil ich Tyrannen hasse und Betrüger hasse.« Damit sah sie ihre Haltung gerechtfertigt.
»Da kommt der große böse Wolf«, flüsterte die Frau, die fünf Schritte rechts von Tara stand. »Haltung, meine Damen!« Molly Broadhurst war eine der Gründerinnen der »Schwarzen Schärpe«, eine kleine, entschlossene Person Anfang der Dreißig. Tara bewunderte sie sehr und suchte ihr nachzueifern.
Ein schwarzer Chevrolet mit den Kennzeichentafeln der Regierung hielt an der Ecke des Parliament Square. Vier Männer stiegen aus. Einer von ihnen war ein Polizeifotograf, der sich sofort an die Arbeit machte und jede einzelne der weißgekleideten, schwarz dekorierten Frauen fotografierte. Ihm folgten zwei Herren mit gezückten Notizbüchern. Wenngleich sie dunkle, schlechtsitzende Zivilanzüge trugen, stammten ihre klobigen schwarzen Schuhe ohne Zweifel aus den Polizeibeständen, und ihr Verhalten war barsch und geschäftsmäßig, als sie nacheinander die Namen und Adressen der Demonstrantinnen notierten. Tara, die nun schon fast so etwas wie eine Expertin war, vermutete, daß sie Polizeisergeanten der Sonderabteilung waren. Nur den vierten Mann kannte sie, wie die meisten ihrer Genossinnen, namentlich.
Er trug einen hellgrauen Sommeranzug, braune Schuhe, eine dezente braune Krawatte und einen grauen Filzhut. Er verzog den Mund zu einem Lächeln, als er vor Molly den Hut lüftete.
»Guten Morgen, Mrs. Broadhurst. Sie sind früh dran. Der Konvoi wird erst in einer Stunde eintreffen.«
»Werden Sie uns heute wieder alle festnehmen, Inspektor?« fragte Molly scharf.
»Ich denke gar nicht daran.« Der Inspektor zog eine Augenbraue hoch. »Wir leben in einem freien Land, wie Sie wissen.«
»Was Sie nicht sagen!«
»Aber, aber, Mrs. Broadhurst!« Er schüttelte den Kopf. »Sie versuchen, mich zu provozieren.« Sein Englisch war ausgezeichnet, er sprach es nur mit einer Spur Afrikaanderakzent.
»Nein, Inspektor. Wir protestieren gegen die himmelschreiende Willkür der Wahlbezirkseinteilung von Seiten dieser verderbten Regierung, gegen die Unterwanderung der gesetzlichen Ordnung und dagegen, daß man der Mehrheit unserer südafrikanischen Mitbürger einzig aus Gründen der Hautfarbe die Grundrechte vorenthält.«
»Ich glaube, Mrs. Broadhurst, Sie wiederholen sich. Das alles haben Sie mir bereits bei unserem letzten Zusammentreffen erklärt.« Der Inspektor grinste. »Als nächstes verlangen Sie womöglich, daß ich Sie wieder festnehme. Wir wollen dieses große Ereignis doch nicht stören –«
»Die Eröffnung dieses Parlaments, das dem Unrecht und der Unterdrückung seine Hände leiht, ist ein Anlaß zur Trauer, nicht zum Feiern.«
Der Inspektor tippte kurz an die Hutkrempe, aber hinter seiner lockeren Haltung verbarg sich ehrlicher Respekt und vielleicht sogar ein wenig Bewunderung. »Machen Sie ruhig weiter, Mrs. Broadhurst«, murmelte er. »Ich bin sicher, wir sehen uns bald wieder.« Er schlenderte weiter, bis er vor Tara stand.
»Einen schönen guten Morgen, Mrs. Courtney.« Er hielt inne, und diesmal trat seine Bewunderung offen zutage. »Was hält Ihr berühmter Gatte von Ihrem verräterischen Verhalten?«
»Ist es Verrat, sich gegen die Übertretungen der National Party und ihre auf Rasse und Hautfarbe basierende Gesetzgebung aufzulehnen, Inspektor?«
Sein Blick senkte sich für einen Augenblick auf ihre Brüste, die sich füllig und fest unter der weißen Spitze abzeichneten, und kehrte dann zu ihrem Gesicht zurück. »Sie sind viel zu hübsch für diesen Unsinn«, sagte er. »Überlassen Sie das doch den grauhaarigen alten Schachteln. Gehen Sie nach Hause, wo Sie hingehören, und kümmern Sie sich um Ihre Kinder.«
»Ihr männlicher Chauvinismus ist unerträglich, Inspektor.« Sie wurde rot vor Ärger, nicht ahnend, daß dies sie nur noch reizvoller machte.
»Ich wünschte, alle Verräterinnen wären so hübsch wie Sie. Das würde meine Arbeit um einiges erträglicher machen. Danke, Mrs. Courtney.« Er lächelte aufreizend und ging weiter.
»Laß dich nicht nervös machen von ihm, meine Liebe«, sagte Molly leise. »Darin ist er Experte. Wir protestieren passiv. Denk an Mahatma Gandhi.«
Mühsam beherrschte Tara ihren Zorn und nahm wieder die Trauerhaltung ein. Auf dem Gehsteig hinter ihr wuchs allmählich die Zahl der Schaulustigen. Die Reihe der weißgekleideten Frauen war Objekt von Neugier und Gelächter; es gab Beifall, aber auch einige Ablehnung.
Tara biß sich auf die Lippen und zwang sich, trotz vermehrter spöttischer Bemerkungen, auch von Seiten einiger Schwarzer, ruhig und mit gesenktem Kopf stehenzubleiben.
Langsam wurde es heiß. Obwohl sich über dem großen, abgeflachten Bollwerk des Tafelberges Wolkenbänke türmten, die das Aufkommen des Südostwindes ankündigten, regte sich in der Stadt darunter noch kein Lüftchen. Inzwischen war die Zuschauermenge weiter angewachsen, und Tara wurde – vermutlich absichtlich – immer wieder angerempelt. Sie blieb gelassen und konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf die Vorgänge vor dem Gebäude gegenüber.
Das erwartungsvolle Gemurmel der Menge um sie herum riß sie schließlich aus ihren Gedanken.
»Da kommen sie«, rief Molly, und die wogende, drängende Menge brach in Beifall aus. Das Klappern von Pferdehufen auf Asphalt kam näher, und dann trabte die berittene Polizeieskorte mit fröhlich flatternden Fähnchen an den Spitzen ihrer Lanzen heran.
Dahinter kamen die offenen Kutschen gefahren. In der ersten saßen der Generalgouverneur und der Premierminister. Daniel Malan, der Führer der Afrikaander, mit seinen häßlichen, fast froschähnlichen Gesichtszügen, hatte nur ein erklärtes Ziel: sein »Volk« in Afrika ein Jahrtausend an der Macht zu halten. Dafür war ihm kein Preis zu hoch.
Tara starrte ihn mit augenfälligem Haß an, er verkörperte für sie all das, was sie an dieser Regierung, die nun in ihrem heißgeliebten Land das Sagen hatte, verabscheute. Als die Kutsche an ihr vorbeiratterte, trafen sich für einen flüchtigen Moment ihre Blicke, und Tara versuchte, die Kraft ihrer Gefühle in ihren Blick zu legen, aber er sah sie an, ohne sie zu erkennen und ohne daß sich auch nur eine Spur von Ärger in seinem nachdenklichen Gesicht gezeigt hätte. Er hatte sie angesehen und sie nicht einmal wahrgenommen. Und plötzlich mischte sich Verzweiflung in ihre Wut.
Was muß geschehen, um diese Leute dazu zu bringen, daß sie einem zuhören? fragte sie sich. Inzwischen waren die Würdenträger aus den Kutschen gestiegen und lauschten in strammer Haltung den Klängen der Nationalhymne. Tara ahnte noch nichts davon, aber dies war das letzte Mal, daß »The King« bei der Eröffnung eines südafrikanischen Parlaments gespielt wurde.
Die Musikkapelle schloß mit einer Trompetenfanfare, und die Kabinettsminister traten hinter dem Generalgouverneur und dem Premierminister durch das große wuchtige Eingangsportal. Dann folgten nacheinander die führenden Politiker der Opposition. Das war der Augenblick, vor dem Tara Angst hatte, denn in diesem Teil der Prozession befanden sich auch Angehörige ihrer Familie. Unmittelbar hinter dem Oppositionsführer schritt Taras Vater mit ihrer Stiefmutter. Sie waren das auffälligste Paar in der langen Reihe – ihr Vater, groß, würdevoll, patriarchalisch wie ein Löwe, Centaine de Thiry CourtneyMalcomess an seinem Arm, schlank und anmutig in ihrem gelben Seidenkleid. Sie trug einen flotten Hut ohne Krempe und schien um keinen Tag älter zu sein als Tara, obwohl jedermann wußte, daß sie deshalb Centaine hieß, weil sie am ersten Tag des...




