E-Book, Deutsch, Band 2, 208 Seiten
Reihe: Rebecca Schwartz
Smith Die Sauerteigmafia
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-625-0
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 2, 208 Seiten
Reihe: Rebecca Schwartz
ISBN: 978-3-95530-625-0
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Nicht ganz unschuldig fühlen sich Rebecca Schwartz und ihre Freunde an den Todesfällen, die der erbitterte Streit um die geheime Backmischung für San Franciscos berühmtes Sauerteigbrot zur Folge hat. Um dem neuen Freund ihrer Anwaltskollegin Chris finanziell zu helfen, kommen sie in beschwipster Runde auf die Idee, eine Auktion zu veranstalten, auf der Peter Martinelli, Sproß einer alteingesessenen Bäckerfamilie, Gelegenheit bekommen soll, sein Erbe, den eingefrorenen »Anstellsauerteig«, an den Meistbietenden zu versteigern. San Franciscos führende Bäckereien und sogar ein Lebensmittelkonzern von der Ostküste kündigen ihr Interesse an - und lösen damit eine Serie von Drohanrufen aus. Doch noch bevor es zu der Auktion kommt, finden Rebecca und Rob Bums, Reporter beim San Francisco Chronicles, Peters Leiche... Spannend, witzig, kultig: ein Kriminalroman aus der legendären Serie um die Anwältin Rebecca Schwartz - von Edgar-Allan-Poe-Preisträgerin Julie Smith!
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1
Chris Nicholson, meine Partnerin in der Anwaltskanzlei, hatte am Montag um neun Uhr einen Termin bei Gericht. Als sie gegen elf Uhr zerstreut zur Tür hereinkam, begrüßte unser Sekretär sie mit seiner unnachahmlichen Höflichkeit: »Wieder jemanden hinter Gitter gebracht?«
Sekretäre sind heutzutage so ziemlich der Hit. Viele Karrierefrauen sind begeistert von männlichen Sekretären. Sie tragen schicke schmale Krawatten und Button-down-Hemden, tippen hunderttausend Anschläge in der Minute, können Steno, wischen Staub, kochen phantastischen Kaffee, und ihre Vorzimmer laufen wie geschmiert. So habe ich das jedenfalls von einigen Freundinnen gehört.
Unserer zog sich schlampig an, kochte lausigen Kaffee, konnte kein Steno, tippte ungefähr eine Zeile pro Minute und vergaß immer auszurichten, wer angerufen hatte. Er hieß Alan Kruzick und war der Freund meiner Schwester. Außerdem Schauspieler ohne Gage.
Mom hatte uns überredet, ihn einzustellen, nachdem Mickey ihr Studium abgeschlossen und eine Stelle beim Institut für Familienplanung angetreten hatte. Um die viele Fahrerei zu vermeiden, waren Mickey und Kruzick von Berkeley in die Stadt gezogen, und ihre Miete hatte sich verdoppelt. Die ganze Familie Schwartz war dagegen, daß Mickey Alan unterstützte, und Mom hielt ihren Vorschlag für die perfekte Lösung.
Soweit es mich betraf, ich fand nicht, daß er sich bezahlt machte, aber für Chris war seine superschlaue Art noch neu. Im übrigen hatte sie an diesem Montagmorgen besonders gute Laune, also antwortete sie auf seine Frage: »Worauf du wetten kannst, Baby.« Dann huschte sie in mein Büro und setzte sich.
»Äußerst geschäftsfördernd«, meinte ich.
»Was soll’s. Ist doch keiner da.«
»Wie war dein Wochenende?«
»Ich war mit Peter Martinelli zusammen. Ich glaube, ich bin verliebt.«
»Oh, Gott. Wie oft mußtest du dir ›Revanche‹ antun?«
»Ich habe mir während der Vorstellungen die Haare gewaschen.«
»Sehr praktisch. Wann heiratet ihr?«
»Erst kommt die Versteigerung. Dann machen wir uns über die Hochzeit Gedanken.«
»Welche Versteigerung?«
»Wir werden den Anstellsauer versteigern – wie Alan vorgeschlagen hat.«
Am vergangenen Freitag waren Chris und ich zusammen mit Mickey und meinem Freund Rob Burns im Stadttheater gewesen und hatten uns Alan als Milo Tindle in ›Revanche‹ angesehen. Andrew Wyke, den betrogenen Ehemann, der auf Rache sann, spielte der elegante Peter Martinelli, Sproß einer ehemals berühmten Sauerteig-Dynastie. Nach der Vorstellung begleiteten uns Alan und Peter auf ein paar Drinks.
Das Stück inspirierte uns zu S. Holmes, Esq. (besser bekannt unter »The Sherlock Holmes Pub«), einer verschrobenen Kneipe in der obersten Etage des Holiday Inn von Sutter und Stockton. Noch verschrobener als die Kneipe sieht allerdings der Portier des Hotels aus, ein schwerfälliger, älterer Schwarzer in Pelerinenmantel und Jagdmütze.
Die Inneneinrichtung des Pubs besteht aus Plüschsofas und -sesseln, in Vitrinen sind Dutzende von Meerschaumpfeifen ausgestellt, dazu eine sehr gute Reproduktion von der Wohnung des großen Detektivs in der Baker Street. Trotz dieser hinreißenden Ausstattung herrscht dort selten Hochbetrieb. Der Grund dafür ist nicht allzu schwer zu erraten: Die Preise bei S. Holmes, Esq. sind astronomisch. Natürlich war es Kruzicks Idee, und natürlich wußte er, daß wir ihn einladen mußten, um seinen Triumph auf den Brettern zu feiern. So viel zu Kruzick.
Chris und Peter Martinelli saßen nebeneinander, und beide waren offensichtlich recht erfreut darüber. Beide sind groß und schlank, sie ein heller Typ, er dunkel. Ihn kannte ich überhaupt nicht, aber Chris war gerade dabei, sich nach dem Ende einer großen Romanze wieder langsam zu erholen.
Chris und ich nannten ihren ehemaligen Liebhaber immer »den perfekten Mann«. Larry war freundlich, sanft, konnte gut kochen, war ein erfolgreicher Architekt und sah gut aus – was konnte man noch verlangen? »Ein bißchen sehr solide«, sagte Chris nach der Trennung. »Er war so wohlsituiert.«
Larry war etwas älter als wir und wollte heiraten. Chris nicht, und sie dachte, wenn er wirklich perfekt wäre, hätte sie auch gewollt. Also schob sie ihn ab und sah sich nach dem Mann fürs Leben um. Im Moment konzentrierten sich ihre blauen Augen auf Peter Martinelli. Ich beschloß, ihr ein wenig zu helfen.
Ich sah ihn mir an. »Sagen Sie mal, junger Mann«, fragte ich, »sind Sie verheiratet?«
Er schüttelte den Kopf. »Nie gewesen.« Sein Blick fiel auf Chris. »Dabei bin ich eine gute Partie.«
»Kaum zu glauben!«
Er lachte. »Das war ein Witz. Alles, was Sie kriegen können, sitzt vor Ihnen. Ich besitze keinen Penny.«
»Das kannst du mir nicht erzählen«, meinte Kruzick. »Du mußt doch was geerbt haben?«
»Mit dem Namen Martinelli«, sagte Peter, »kriegt man heute noch nicht mal einen anständigen Tisch im Restaurant.«
Die berühmte Martinelli-Bäckerei, die älteste und bei weitem beste der alten Sauerteig-Bäckereien, hatte vor einigen Jahre schließen müssen. Die alte Geschichte. Ein kleines Familienunternehmen, man hatte zu schnell expandiert, kam in eine Wirtschaftsflaute und verschuldete sich zu hoch. Ein paar Jahre nach dem Bankrott kamen die alten Martinellis, Peters Eltern, bei einem Erdrutsch ums Leben. Ganz San Francisco kannte die Geschichte.
»Ach komm«, sagte Kruzick. »Es muß doch wenigstens ein Haus dagewesen sein. Oder Lagerbestände und Wertpapiere.«
»Keine Bestände, keine Wertpapiere. Das Haus hat meine Schwester geerbt.«
»Und du hast gar nichts bekommen?« Kruzick kann unglaublich penetrant sein, aber irgendwie kommt er damit durch.
»Doch, natürlich. Ich hab den Anstellsauer geerbt.«
»Was?«
»Als meine Familie die Bäckerei schließen mußte, hatten sie immer die Hoffnung, irgendwann wieder neu anfangen zu können. Also ließen sie den Anstellsauer einfrieren. Wißt ihr, was Kryogenik ist?«
»Na klar«, antwortete Kruzick. »Aus dem Film ›Der Schläfer‹, wo Woody Allan stirbt und sich einfrieren läßt. Und irgendwann hundert Jahre später wieder auftaut.«
Peter zuckte mit den Schultern. »Das haben sie auch mit dem Anstellsauer gemacht. Vorsichtshalber haben sie ihn von einer Spezialfirma für Kryogenik einfrieren lassen. Zu der Zeit hatten sie noch Lagerbestände und Wertpapiere. Dad dachte, er könnte sie verkaufen und etwas Geld auftreiben, suchte nach Investoren ...« Er zuckte erneut mit den Schultern. »Aber er hat’s nie geschafft.«
»Also hast du den Anstellsauer geerbt.«
»Ja.«
»Und was ist das?« Kruzick kommt aus New York und hat von nichts eine Ahnung.
»Anstellsauer braucht man für den Sauerteig«, erklärte Rob. »San Franciscos berühmtes Sauerteig-Weizenbrot ist Stoff für Mythen und Legenden. Das Martinelli-Brot, innen weich und aromatisch, mit seiner wohlbekannten dicken, dunklen Kruste, der anerkannte Stolz der Bäckereien von San Francisco, ist nun selbst zur Legende geworden.«
»Hey«, unterbrach Peter, »das kenne ich doch! Das stand im ›Chronicle‹, als die Bäckerei geschlossen wurde.«
»Ich weiß. Den Artikel habe ich geschrieben.«
»Aber was ist das, Anstellsauer?« fragte Kruzick wieder.
Rob zitierte weiter aus seinem Artikel: »Die Geschichte des Sauerteigs beginnt in der Zeit des Goldrausches von achtzehnhundertneunundvierzig. Möglicherweise haben die Neunundvierziger ihn mitgebracht, vielleicht haben sie ihn auch hier erfunden. Niemand weiß das genau. Manche Leute behaupten, durch den weichen Nebel der Stadt bekäme das Brot seinen sauren Geschmack, andere sagen, eine spezielle Hefe sei dafür verantwortlich, die sich nur in San Francisco entwickele. Eines ist allerdings sicher – von nichts kommt nichts. Wenn man einen Sauerteig machen will, braucht man Sauerteig.«
»Ich glaube«, sagte Kruzick, »ich kapier’s langsam.«
Rob nickte. »Eine Mischung aus Mehl und Wasser, genannt Anstellsauer oder Grundsauer, ist die Basis für den Brotteig. Jede Bäckerei ›führt‹ ihren Grundsauer mehrmals am Tag, indem sie zu einem Teil des Teigs Wasser und Mehl hinzufügt, dann muß das Ganze gehen und wieder gehen. Dieser Vorgang dauert jeweils sieben Stunden. Und dann kommen die Laibe in den Ofen.«
»Und was ist an diesem Teigklumpen so Besonderes?«
»Es ist einfach dieses undefinierbare Etwas«, sagte Mickey. So wurde sie normalerweise mit Kruzick fertig, indem sie sich so ausdrückte, daß er nichts kapierte.
»Das stimmt tatsächlich«, bestätigte Rob. »Das Brot kann nur so gut werden wie der Anstellsauer.«
»Also es eine spezielle Hefe?« fragte Mickey. »Oder was ist es?«
»Die Legende berichtet, daß die Bäcker die Laibe früher in ihrer Achselhöhle geformt haben«, erzählte Rob. »Dadurch entstand das spezielle Aroma.«
»Hör auf, Märchen zu erzählen.«
»Na ja, es eine spezielle Hefe.« Er wurde wieder ernsthaft. »Man nennt sie aber die findet man häufig. Die Italiener zum Beispiel verwenden sie für ihre Panettone. Wegen dieser Hefe muß das Brot so lange gehen. Die Wissenschaftler nennen das eine langsame Gärung.«
»Wenn es das auch in Italien gibt«, fragte Chris, »warum bekommt man den Sauerteig dann nur in San Francisco?«
»Weil man außerdem bestimmte Bakterien braucht, die man wirklich nur hier findet. Das ist der Während der...




