Smith | Fliegen lernen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 408 Seiten

Smith Fliegen lernen


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-5046-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 408 Seiten

ISBN: 978-3-6951-5046-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die beiden Frankfurter Abiturienten David und Lu lernen sich auf einer Busreise nach Rom kennen. Während der 19-Jährige seinen Vater Raul und seinen blinden Onkel Ray bei deren Suche nach einer vermissten jungen Frau begleitet, ist die 17-jährige Bratschistin mit ihrem Ensemble zu einem Gastspiel auf einem renommierten Nachwuchsfestival unterwegs. Außer ihrer Leidenschaft für Superhelden, scheint es, verbindet die beiden nicht viel. David, der sich nach dem unverletzlichen X-Man Wolverine selbst Logan nennt, ist ein lässiger Träumer, der gerne unnahbare Frauen aufreißt, die Zahl Drei verklärt und Angst davor hat, auf Gullydeckeln oder zwischen Zebrastreifen einzubrechen. Lu, eine hochbegabte und ehrgeizige junge Frau mit ausgeprägtem Ordnungssinn, überlässt nichts dem Zufall und hat selbst ihre Defloration und Entjungferung minutiös geplant. Bald entdecken die beiden jenseits aller Gegensätze Gemeinsamkeiten und kommen sich im Laufe ihrer Reise immer näher. Bis sie einander ihre eigentlichen Geheimnisse offenbaren: Logan ist nur mit nach Rom gereist, um seiner Mutter nachzuspüren, die vor 13 Jahren unter rätselhaften Umständen verschwand, wogegen Lu sich aus der erdrückenden Umklammerung von M, wie sie ihre Mutter nennt, verzweifelt zu befreien versucht. Dem ersten Kuss folgen erste Missverständnisse, zumal beide in Rom unterschiedliche Wege gehen. Während Lu ein umjubelter Auftritt gelingt, erkennt Logan, dass es Menschen gibt, die nicht gefunden werden wollen. Zurück in Frankfurt, bereiten sich die beiden auf ihre mündlichen Prüfungen vor. Um das bestandene Abitur gemeinsam zu feiern, haben sie sich in einem Club verabredet, wo Lu jedoch vergebens auf Logan wartet. Den Grund erfährt sie am nächsten Morgen: Logans Onkel Ray liegt aufgrund einer vermeintlichen Medikamentenverwechslung im Krankenhaus; sein Zustand ist so ernst, dass ihn die Ärzte ins künstliche Koma versetzen mussten. Lu verbringt fortan mehr Zeit an Rays Krankenbett als daheim bei ihrer Familie, worauf sie mit ihrer Mutter in einen heftigen Streit gerät, in dessen Folge sie von daheim flieht und in einer Pension im Frankfurter Bahnhofsviertel unterkommt. Als Logan sie dort aufsucht, verbringen sie einen wunderbaren Tag miteinander, an dessen Ende Lu die letzten beiden Punkte ihrer Bucket-List abhaken kann. Ein atemberaubender, witziger und wendungsreicher Coming-of-Age-Roadtrip um das Streben nach Freiheit, das Bedürfnis nach Sicherheit und die Suche nach Nähe.

Pete Smith wurde 1960 als Sohn einer Spanierin und eines Engländers im westfälischen Soest geboren. An der Universität Münster studierte er Germanistik, Philosophie, Publizistik und Kunstgeschichte. Nach seinem Magister-Examen arbeitete er zunächst als Kulturredakteur an einer Zeitung, bevor er sich als freier Schriftsteller niederließ. Er schreibt Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Essays sowie Kinder- und Jugendbücher. Mehrere seiner Romane wurden in andere Sprachen übertragen. Für sein Romanprojekt "Endspiel" (erschienen 2015) erhielt er den Robert-Gernhardt-Preis des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. Pete Smith lebt in Offenbach am Main.
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1.


Eisiger Wind wehte ihn an. Am Eingang stand ein Kunde. Blaugetönte Brille, Bart, Anzug, schwarzer Trench. Hielt die Tür auf. Wartete. Auf wen auch immer.

„Rein oder raus?“

Der Alte am Eck wedelte mit seiner Zeitung. Gespräche verstummten. Eine Frau am Müttertisch schlug ihre Strickjacke um ihr Baby.

„Es ziehieht!“

„Tür zu!“

„Hallo?“

Mara trat hinter der Theke hervor. Da der Bärtige nicht reagierte, stellte sie ihr Tablett ab und lief auf ihn zu. Er wandte den Kopf. Kniff seine Lippen zusammen.

„Die Tür.“

„Ja?“

„Es zieht.“

Der Bärtige nickte, drehte sich aber wieder um und spähte hinaus, als juckten ihn weder Mara noch die Babys noch die schwelende Wut des Alten.

„Tüüür zu!“

„Geht’s noch?“

„Das darf doch nicht wahr sein!“

Der Alte stemmte sich hoch und knallte seine Zeitung auf den Tisch. „Da könnt ich schon wieder ausrasten!“

Die Küchentür schwang auf. Maras Kollege, doppelt so groß wie sie und dreimal so schwer, baute sich vor dem Bärtigen auf.

„Entweder Sie kommen jetzt rein, oder Sie gehen wieder! Aber machen Sie die Tür zu. Jetzt!“

Offenbar brauchte der Vogel klare Ansagen. Achselzuckend trat er ein. Während hinter ihm die Tür ins Schloss schnappte, sah er sich um. Der Alte sackte zurück auf seinen Stuhl, Maras Kollege verschwand in der Küche.

Logan wandte sich wieder den Stichworten auf seinem Arbeitsblatt zu. . Er zählte die Wörter. Drei plus zwei plus drei plus vier geteilt durch vier gleich drei. Nebenan klirrten Gläser. Offenbar hatte eines der Mädel Geburtstag. Aus einer spontanen Idee heraus schloss er das Minimikro an sein Smartphone und startete eine Aufnahme. Ray liebte Feiern. Und vor allem liebte er das Gelächter junger Frauen.

Logan sah zum Eingang. Bunte Tragetaschen, blonder Zopf und schwarzes Kostüm. Da die Tür aufschwang, jagte erneut ein Windstoß durch das Café. Servietten wirbelten auf, und die Hälfte seiner Arbeitsblätter fegte es vom Tisch. Er sprang hinterher und sammelte sie auf. Einige waren bis vor die Füße der Blondine geflattert. Als Logan sich bückte, trat sie zurück. Schwarze Pumps mit blauen Absätzen. Er nickte ihr zu, doch sie reagierte nicht. Hellblaue Knöpfe am schwarzen Blazer, darunter eine schneeweiße, kragenlose, bis oben zugeknöpfte Bluse. Er fing einen Blick des Bärtigen auf, der, seinen Trench überm Arm, am Tresen stand und ihm zusah. Das Hemd unter dem Sakko spannte, auch seine Hose war zwei Nummern zu eng.

„Der Tisch da vorn ist reserviert“, erklärte Mara den beiden und deutete zur Fensternische. „Ansonsten können Sie sich gern einen Platz aussuchen.“

Der Bärtige setzte sich in Bewegung und ließ sich in der hintersten Ecke auf ein Sofa fallen, während die Blonde zunächst unschlüssig zwischen Theke und Tür verharrte, einmal tief Luft holte und ihm langsam folgte.

Logan setzte sich wieder. Eine Weile versuchte er, die Arbeitsblätter zu ordnen, gab es aber auf. Bis gestern hatte er nicht daran gezweifelt, die fürs Abi nötigen fünf Punkte in Deutsch zu ergattern – doch jetzt ... Sein Blick streifte das zuoberst liegende Blatt. Zwei Gedichte, ein Titel. . Er las die Anfänge. Was sollte das? In seinem Rücken schrie ein Baby. Logan wandte sich um. Eine Frau wiegte ihr Kind. Weiter hinten räkelte sich der Bärtige ins Polster, während die Blonde unbeteiligt zum Fenster hinaussah. In Gedanken skizzierte Logan ihr Profil, den Schwung der Brauen, ihre mandelförmigen Augen, die doppelte Steilfalte auf ihrer Stirn. Mara zückte ihren Block, um die Bestellung der beiden entgegenzunehmen. Der Kunde nickte grinsend und schob seine blaugetönte Brille ins schüttere Haar. Da Mara sich seiner Freundin zuwandte, stand er auf, streifte sein Jackett ab und lockerte seine Krawatte. Unter seinen Achseln klafften dunkle Flecken. Die Blonde senkte den Blick. Logan hatte das Gefühl, dass sie ihn von der Seite ansah. Ihre Lippen bewegten sich. Während die beiden aufeinander einredeten, schüttelte sie wieder und wieder den Kopf, wogegen der Bärtige in einem fort nickte. Ihre Finger zupften an ihrer Kette. Wenig später brachte Mara ihre Getränke. Aperol und Prosecco. Der Bärtige fummelte eine grüne Geldbörse aus seinem Trench. Offenbar hatte er nicht vor, lange zu bleiben.

Lustlos blätterte Logan um und las den ersten Satz der nächsten Seite. Er war Juri ja dankbar, dass er ihm seine Arbeitsblätter überlassen hatte, aber sein Gekritzel ging ihm zunehmend auf den Keks. Was sollte das jetzt wieder heißen? ? Nietzsche und Freud, das hatte er verstanden, nur was hatte das mit Darwin zu tun?

Mara kam an seinen Tisch. „Magst du noch eine Schorle?“

„Gern.“

Sie nickte zum Sofa, rollte die Augen und wischte sich theatralisch über die Stirn. Logan sah ihr nach. Er hätte die Rechnung bestellen sollen. Um anderswo weiter zu lernen. An einem ruhigeren Ort.

. 13 Buchstaben. Die Angst vor der Zahl 13 nannte man Ein Wort mit 17 Buchstaben. Ray zufolge verhieß in Italien nicht die 13 Unglück, sondern die 17.

Der Alte faltete seine Zeitung zusammen. Ein , dessen schlabbrige Jeans von einem Cowboygürtel und Hosenträgern gehalten wurde. Logan dachte an Henry Fonda in . „Wie soll ich einem Mann trauen, der noch nicht mal seiner eigenen Hose vertraut?“

Konzentrier dich! Juris Aufzeichnungen waren immerhin eine Chance auf die . Er blätterte weiter. Doch kaum, dass er sich der zuwandte, drangen erregte Stimmen herüber. Die Blonde gestikulierte mit beiden Händen, während sich der Bärtige, jetzt gar nicht mehr lässig, immerzu durchs Haar fuhr. Jäh sprang er auf, schnappte seine Sachen und ließ sich zwei Tische weiter nieder. Seine Freundin – oder seine Ex – streckte sich theatralisch. Dann federte sie hoch, packte ihre Tüten und stolzierte mit gerecktem Kinn zur Vitrine. Neugierige Blicke folgten ihr. Eine Ewigkeit begutachtete sie die Torten, Tartes und Petits Fours, legte den Kopf schief, bückte sich, wandte sich endlich um und steuerte direkt auf Logan zu.

„Ist hier noch frei?“

Er nahm den Rucksack vom Stuhl, zog den Stapel Arbeitsblätter auf seine Seite und ließ das Mikrophon verschwinden. Nachdem sie ihren Blazer abgestreift hatte, setzte sie sich über Eck, sodass sie das gesamte Café im Blick hatte. Gleich nebenan hätte sie einen Tisch für sich allein haben können. Warum er? Spielten die beiden ein Spiel? Am Ende war er der Antagonist ihrer Inszenierung.

Mara brachte seine Cranberry-Schorle. „Haben die Herrschaften noch einen Wunsch?“, fragte sie, ohne ihn anzusehen.

„Ja, bitte, die Mokkatorte.“ Die Blonde deutete zur Vitrine. „Die lacht mich ja schon die ganze Zeit so an. Nur ...“ Sie legte die Fingerspitzen an die Schläfe. „... die Stücke sind so riesig.“

„Wenn Sie lieber die Hälfte möchten ...“

„Oh ja, das wäre wunderbar. Und einen Latte Macchiato, bitte. Flavoured. Mit Karamell.“

Sie sprach schnell, als wolle sie nun, da sie sich endlich von dem Bärtigen losgesagt hatte, keine Zeit mehr verlieren. Sich zurücklehnend, spitzte sie die Lippen und atmete hörbar aus. Dabei rollte sie eine Haarsträhne um ihren Mittelfinger. Logan schätzte sie auf Mitte 20. Ein Ring an jeder Hand. Dazu der eine an ihrer Kette. !

„Ich hoffe, ich störe Sie nicht?“

Sie sah ihn an, als hätte sie ihn eben erst bemerkt. Ihre mandelförmigen Augen hatten die Farbe von Bernstein.

„Ganz und gar nicht.“

„Ich dachte nur wegen ...“ Sie deutete auf seine Arbeitsblätter.

Er sah an ihr vorbei zur Wanduhr. Minimum zwei Stunden könnte er ihr abtreten.

„Meine Freunde nennen mich Logan“, sagte er. „Aber eigentlich habe ich gar keine Freunde.“

Sie lachte so laut, dass die gerade erst wieder aufgenommene Unterhaltung am Nebentisch jäh abbrach, die Kaffeekranzfrauen herüber starrten und die Mädchen am Fenster die Köpfe zusammen steckten.

„Wie der Dacia Logan?“, fragte die Blonde.

„Wie Wolverine.“

„Ich versteh kein Wort.“

„Kennen Sie die ?“ Sie schüttelte den Kopf. „Eine Comicreihe...



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