Smith Planet der Stürme
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-19256-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Novelle
E-Book, Deutsch, Band 24
Reihe: Die Instrumentalität der Menschheit
ISBN: 978-3-641-19256-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auf Henriada, dem Planeten der Stürme, trifft Casher O’Neill den Administrator, einen Exlord der Instrumentalität. Casher ist auf der Suche nach einer Waffe, mit der er Colonel Wedder, der auf Cashers Heimatwelt Mizzer die Macht an sich gerissen hat, besiegen kann. Der Administrator stellt Casher einen Großkreuzer zur Verfügung – wenn dieser ein Tiermädchen tötet. Casher muss eine Entscheidung treffen: Rache oder Gerechtigkeit?
Die Novelle „Planet der Stürme“ erscheint als exklusives eBook Only bei Heyne und ist zusammen mit weiteren Stories von Cordwainer Smith auch in dem Sammelband „Was aus den Menschen wurde“ enthalten. Sie umfasst ca. 106 Buchseiten.
Cordwainer Smith war das Pseudonym von Paul Linebarger. 1913 in Milwaukee, Wisconsin geboren, verbrachte Linebarger seine Kindheit in den unterschiedlichsten Ländern. Sein Vater war pensionierter Richter und politisch aktiv; unter anderem pflegte er Beziehungen zu dem chinesischen Politiker Sun Yat-sen, der Pauls Taufpate war. Linebarger studierte Politikwissenschaft und wurde später Professor für Internationale Politik. Er arbeitete für den militärischen Geheimdienst der USA als Asien-Experte und gehörte dem Beraterstab von Präsident John F. Kennedy an. Er verfasste ein Handbuch über psychologische Kriegsführung, das bis heute als Standardwerk gilt. Daneben schrieb er unter verschiedenen Pseudonymen Kurzgeschichten und Romane; für seine SF-Erzählungen wählte er Cordwainer Smith. »Cordwainer« ist eine veraltete Bezeichnung für Schuster, Smith bedeutet Schmied. Wie ein Handwerker baute Linebarger nach und nach sein Universum von der »Instrumentalität der Menschheit« auf, mit dem er in den Fünfziger- und Sechzigerjahren bekannt wurde. Er gilt als einer der intelligentesten und ungewöhnlichsten Science-Fiction-Autoren. Paul Linebarger starb im August 1966 und ist auf dem Nationalfriedhof in Arlington beerdigt.
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I
»Morgen früh um zwei Uhr fünfundsiebzig«, sagte der Administrator zu Casher O'Neill, »werden Sie dieses Mädchen mit einem Messer töten. Um zwei Uhr siebenundsiebzig wird Sie ein schneller Bodengleiter aufnehmen und hierher zurückbringen. Dann wird der Schnellkreuzer Ihnen gehören. Ist das ein Angebot?«
Er streckte seine Hand aus, als ob er wollte, dass Casher sie schütteln sollte, vermutlich als eine Art Schwur oder Vertrag.
Casher wollte den Mann nicht beleidigen, griff nach seinem Glas und sagte: »Lassen Sie uns zuerst auf das Geschäft anstoßen!«
Die schnellen, ruhelosen, hin und her schießenden Augen des Administrators musterten Casher misstrauisch von oben bis unten. Warme, feuchte Seeluft wehte durch den Raum. Der Administrator schien kriegerisch, argwöhnisch, wachsam zu sein, aber unter der dünnen Maske aus Feindseligkeit verbarg sich ein anderes Gefühl, von dem Casher nur einen Hauch wahrnehmen konnte. Müdigkeit, wurzelnd in abgrundtiefer Verzweiflung; Verzweiflung, deren Ursprung allumfassende Müdigkeit war.
Dieses andere Gefühl, das Casher wie ein Schemen erschien, war tatsächlich sehr ungewöhnlich. Auf all seinen Reisen von einer besiedelten Welt zur anderen war Casher vielen merkwürdigen Männern und Frauen begegnet. Aber noch nie war er auf jemanden wie diesen Administrator gestoßen – brillant, verschroben, überheblich. Seine Anrede lautete »Commissioner«, und er war ein Exlord der Instrumentalität, der auf dem Planeten Henriada lebte, dessen Bevölkerung von sechshundert Millionen Menschen auf vierzigtausend gesunken war. Die lokale Regierung existierte nicht mehr, und dieser seltsame Mann mit dem Titel eines »Administrators« war die einzige Autorität, die dieser Planet kannte.
Er würde jedenfalls Casher O'Neill einen seiner Großkreuzer zur Verfügung stellen, und dieser war fest entschlossen, mit dessen Hilfe nach Hause zu seinem Heimatplaneten zu segeln und Colonel Wedder, den Usurpator von Mizzer, abzusetzen.
Der Administrator blickte Casher scharf und wachsam an, dann hob er ebenfalls sein Glas. Das grüne Zwielicht färbte den Likör und ließ ihn wie ein fremdartiges Gift erscheinen. Es war nur irdischer Byegarr, und trotzdem ein wenig stark.
Nach einem Schlückchen, einem einzigen Schlückchen, entspannte sich der ältere von beiden ein wenig. »Sie wollen mich vielleicht betrügen, junger Mann. Sie denken vielleicht, ich sei ein alter Narr, der auf einem fast verlassenen Planeten herumläuft. Vielleicht glauben Sie sogar, dass der Tod dieses Mädchens eine Art Verbrechen ist. Aber es ist keineswegs ein Verbrechen. Ich bin der Administrator von Henriada, und ich habe in jedem der letzten achtzig Jahre befohlen, das Mädchen zu töten. Sie ist ja noch nicht einmal ein richtiges Mädchen, kein Wahrer Mensch. Nur ein Untermensch. Ein Tierabkömmling, der in einen Diener umgewandelt wurde. Ich kann Sie auch zu einem Hilfspolizisten ernennen, wenn Ihnen das Ihren Auftrag leichter macht. Oder zum Chef der Polizei. Vielleicht ist das sogar noch besser. Ich habe seit über hundert Jahren keinen Polizeichef mehr gehabt. Sie sind mein Polizeichef. Sie werden morgen mit Ihrer Arbeit beginnen. Das Haus ist leicht zu finden. Es ist das größte und schönste aller auf diesem Planeten noch verbliebenen Häuser. Gehen Sie morgen früh dorthin. Fragen Sie nach ihrem Herrn und achten Sie darauf, dass Sie die korrekte Anrede ›Herr und Meister Murray Madigan‹ benutzen. Die Roboter werden Ihnen sagen, dass Sie draußen warten sollen. Wenn Sie hartnäckig bleiben, wird sie zur Tür kommen. Dann werden Sie ihr Herz durchbohren, genau auf der Türschwelle. Mein Bodengleiter wird eine Minute später zur Stelle sein. Sie springen hinein und kehren zu mir zurück. Wir haben das doch schon vorhin besprochen. Warum sind Sie denn nicht einverstanden? Wissen Sie denn nicht, wer ich bin?«
Casher lächelte. »Ich weiß genau, wer Sie sind, Commissioner und Administrator. Sie sind der Ehrenwerte Rankin Meiklejohn und lebten einst auf Erde Zwei. Nun, die Instrumentalität selbst gab mir die Erlaubnis, auf diesem Planeten zu landen. Sie wissen auch, wer ich bin und was ich will. An dieser ganzen Sache erscheint mir einiges seltsam. Warum sollten Sie mir den Großsegler geben – das beste Schiff Ihrer ganzen Flotte, wie Sie selbst sagten –, nur damit ich ein modifiziertes Tier töte, das wie ein Mädchen aussieht und spricht? Warum ich? Warum der Besucher? Warum der Mann von der Außenwelt? Wie können Sie sicher sein, dass dieses Mädchen tot ist? Wenn Sie den Befehl für ihre Ermordung schon achtzigmal in achtzig Jahren gegeben haben, warum ist er nicht schon lange ausgeführt worden? Doch ich sage natürlich nicht Nein. Ich will diesen Kreuzer. Ich will ihn sogar sehr. Aber was ist der Sinn all dessen? Wo ist der Haken? Wollen Sie vielleicht dieses Haus haben?«
»Beauregard? Nein, ich will Beauregard nicht. Der alte Madigan kann von mir aus darin verfaulen. Es liegt zwischen Ambiloxi und Mottile, am Golf von Esperanza. Sie können es nicht verfehlen. Die Straße ist in gutem Zustand. Sie können dort selbst fahren.«
»Was ist es dann?« Cashers Stimme enthielt einen Hauch von Beharrlichkeit.
Die Antwort des Administrators war in der Tat sonderbar. Er füllte sein großes Glas mit dem starken Byegarr. Er blickte Casher über das volle Glas hinweg an, als sei er ein Feind. Dann leerte er das Glas. Casher wusste, dass zu viel und zu schnell getrunkener Likör dieser Art ein normales menschliches Wesen töten konnte.
Aber der Administrator brach nicht tot zusammen.
Er war nicht einmal sichtlich betrunken.
Sein Gesicht färbte sich rot, und seine Augen traten fast hervor, als der scharfe 160-Promille-Likör wirkte, aber er sagte noch immer nichts. Er starrte Casher nur an. Casher, der während seines Exils gelernt hatte, sich auf die unterschiedlichsten Spielchen einzulassen, starrte zurück.
Der Administrator gab zuerst auf.
Er beugte sich vor und brach in ein vogelähnliches kreischendes Gelächter aus. Das Gelächter dauerte an und wollte nicht mehr aufhören, bis es schien, als habe der Mann alle Heiterkeit der Galaxis an sich gerissen. Casher lachte leise und kurz, aber mehr aus Nervosität als aus Vergnügen, und wartete darauf, dass der Administrator sein Gelächter beendete.
Schließlich gewann der Administrator die Selbstbeherrschung zurück. Er schenkte Casher ein breites Lächeln und ein Blinzeln, goss vier Fingerbreit Byegarr in sein Glas, leerte es, als sei es ein Schluck Wasser, und dann – nur leicht schwankend – stand er auf, trat zu Casher und klopfte ihm auf die Schulter. »Sie sind ein kluger Kopf, mein Junge. Ich habe Sie belogen. Es ist mir egal, ob ich einen Schnellkreuzer habe oder nicht. Ich gebe Ihnen etwas, das überhaupt keinen Wert für mich besitzt. Zu diesem Planeten wird keiner mehr kommen und um einen solchen Kreuzer bitten. Er ist ruiniert. Er ist aufgegeben worden. So wie ich. Gehen Sie. Sie können den Kreuzer haben. Für nichts. Nehmen Sie ihn nur. Umsonst.«
Diesmal war es Casher, der aufsprang und dem fiebrigen, zügellosen kleinen Mann ins Gesicht blickte. »Ich danke Ihnen, Administrator«, rief er und versuchte, die Hand des Administrators zu ergreifen, um den Handel perfekt zu machen.
Rankin Meiklejohn wirkte furchtbar nüchtern für einen Mann, der solche Mengen von Likör zu sich genommen hatte. Er verbarg seine rechte Hand hinter dem Rücken und wollte nicht einschlagen.
»Sie können den Kreuzer haben. Ohne Bedingungen. Ohne Frist. Ohne Vertrag. Er gehört Ihnen. Aber töten Sie zuerst dieses Mädchen! Nur um mir einen Gefallen zu tun. Ich bitte Sie. Töten Sie das Mädchen. Um zwei Uhr fünfundsiebzig morgen früh. Morgen.«
»Warum?«, fragte Casher; seine Stimme war laut und kalt, und er versuchte einen Sinn aus dem Gestammel des Mannes herauszuhören.
»Nur … nur … nur weil ich es sage …«, sagte der Administrator stockend.
»Warum?«, fragte Casher, der nicht locker ließ, kalt und laut.
Plötzlich überwältigte der Likör den Administrator. Er griff nach der Sessellehne, setzte sich unvermittelt und blickte dann zu Casher auf. Er war tatsächlich sehr betrunken. Der seltsame Ausdruck, die flüchtige, verzweifelte Müdigkeit, war aus seinem Gesicht verschwunden. Er sprach geradeaus. Nur seine überdeutlichen Artikulationsbemühungen hätten einem Unbeteiligten verraten, dass er betrunken war.
»Weil«, sagte Meiklejohn, »diese Leute, Sie Narr, mehr als achtzig in achtzig Jahren, die ich mit dem Befehl nach Beauregard geschickt habe, dieses Mädchen zu töten … Diese Leute …« Er verstummte, presste die Lippen zusammen.
»Nun, was ist ihnen zugestoßen?«, fragte Casher ruhig und überredend.
Der Administrator lächelte wieder und schien am Rande eines seiner wilden Gelächter zu stehen.
»So reden Sie doch!«, rief Casher jetzt.
»Ich weiß es nicht«, gestand der Administrator. »Bei meinem Leben, ich weiß es nicht. Keiner von ihnen ist jemals zurückgekehrt.«
»Was ist ihnen denn zugestoßen? Hat sie sie getötet?«
»Woher soll ich das wissen?«, fragte der betrunkene Mann, der offenbar immer schläfriger wurde.
»Warum haben Sie das nicht gemeldet?«
Das schien den Administrator zu ernüchtern. »Melden, dass ein kleines Mädchen mich besiegt hat, mich, den planetaren Administrator? Ein kleines Mädchen, das nicht einmal ein menschliches Wesen ist! Man hätte mir Unterstützung geschickt und mich ausgelacht. Bei der Glocke, junger Mann, ich bin genug ausgelacht worden! Ich benötige keine Hilfe von außen. Sie werden morgen früh dorthin gehen. Um zwei Uhr fünfundsiebzig, mit einem...




