E-Book, Deutsch, 1056 Seiten
Smith Was aus den Menschen wurde
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-13501-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen - Mit einem Vorwort von John J. Pierce
E-Book, Deutsch, 1056 Seiten
ISBN: 978-3-641-13501-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Willkommen in der fernen Zukunft der Menschheit! Dies ist die Geschichte der "Alten Kriege"; die Geschichte, wie die "Instrumentalität der Menschheit" entstand; die Geschichte der Scanner und Habermänner und ihrer legendären Reisen durch das All; die Geschichte, wie hinter dem Weltraum neue Räume entdeckt wurden; die Geschichte von der Fast-Unsterblichkeit und von Kreaturen, die die Menschen einst erschaffen haben; die Geschichte unseres Tanzes durch Raum und Zeit - dies ist die Geschichte, was aus den Menschen wurde!
Cordwainer Smith war das Pseudonym von Paul Linebarger. 1913 in Milwaukee, Wisconsin geboren, verbrachte Linebarger seine Kindheit in den unterschiedlichsten Ländern. Sein Vater war pensionierter Richter und politisch aktiv; unter anderem pflegte er Beziehungen zu dem chinesischen Politiker Sun Yat-sen, der Pauls Taufpate war. Linebarger studierte Politikwissenschaft und wurde später Professor für Internationale Politik. Er arbeitete für den militärischen Geheimdienst der USA als Asien-Experte und gehörte dem Beraterstab von Präsident John F. Kennedy an. Er verfasste ein Handbuch über psychologische Kriegsführung, das bis heute als Standardwerk gilt. Daneben schrieb er unter verschiedenen Pseudonymen Kurzgeschichten und Romane; für seine SF-Erzählungen wählte er Cordwainer Smith. »Cordwainer« ist eine veraltete Bezeichnung für Schuster, Smith bedeutet Schmied. Wie ein Handwerker baute Linebarger nach und nach sein Universum von der »Instrumentalität der Menschheit« auf, mit dem er in den Fünfziger- und Sechzigerjahren bekannt wurde. Er gilt als einer der intelligentesten und ungewöhnlichsten Science-Fiction-Autoren. Paul Linebarger starb im August 1966 und ist auf dem Nationalfriedhof in Arlington beerdigt.
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Vorwort von John J. Pierce
Im Jahr 1950 erschien in einem obskuren und äußerst kurzlebigen Magazin namens Fantasy Book eine Kurzgeschichte mit dem Titel »Scanner leben vergebens«. Niemand hatte zuvor jemals von dem Verfasser dieser Geschichte gehört: Cordwainer Smith. Und es schien damals, dass man auch niemals wieder in der Welt der Science Fiction von ihm hören würde.
»Scanner leben vergebens« jedoch war eine Story, die sich dagegen wehrte, in Vergessenheit zu geraten, und ihre Wiederveröffentlichung in zwei Kurzgeschichtenanthologien ermutigte den Autor ganz offensichtlich, sich nicht nur anderen Publikationsmärkten zuzuwenden, sondern um diese Story herum eine gigantische Geschichte der Zukunft zu errichten.
Heute gilt Cordwainer Smith als einer der kreativsten Science-Fiction-Autoren der modernen Zeit. Aber auch als einer der am wenigsten bekannten oder verstandenen. Nicht dass sich Dr. Paul Myron Anthony Linebarger (1913–1966) – das Pseudonym wurde ein Jahrzehnt nach dem Erstabdruck von »Scanner leben vergebens« gelüftet und war doch bis zu seinem Tod ein streng gehütetes Geheimnis – der Science Fiction geschämt hätte. Ganz im Gegenteil: Er war stolz auf das Genre und hat in einem Interview sogar einmal geschwärmt, dass die Science Fiction mehr Wissenschaftler angezogen hat als jedes andere Gebiet der Literatur.
Aber Linebarger war ein äußerst empfindsamer, ja »emotionaler« Schriftsteller, und es widerstrebte ihm, in eine enge Beziehung zu seinen Lesern zu treten; aus Furcht, sich in einer Form »erklären« zu müssen, die womöglich die Spontaneität seines Werkes zerstören konnte. Außerdem bereitete es ihm offenbar ein Vergnügen, als geheimnisvoller Mann zu gelten, so schwer zu fassen wie manche seiner Geschichten. Cordwainer Smith war ein Mythenschöpfer der Science Fiction – und vielleicht war eine mythische Gestalt erforderlich, um solche Mythen zu schaffen.
Dabei war Paul Linebargers Leben ohnehin schon aufregender als das der meisten anderen Menschen. In Milwaukee geboren – sein Vater, ein pensionierter Richter, der die meiste Zeit in politischer Mission rund um die Welt unterwegs war, wollte sichergehen, dass der Sohn als ein in den USA geborener Bürger zumindest theoretisch einmal würde Präsident werden können – verbrachte er die prägenden Jahre in Japan, China, Frankreich und Deutschland. Er war Patensohn von Sun Yat-sen, des Gründers der chinesischen Republik, den sein Vater juristisch beriet, lernte sechs Sprachen und machte sich mit den unterschiedlichsten Kulturen vertraut. Mit dreiundzwanzig Jahren erhielt er den Doktor in Politikwissenschaft an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore – wo er später auch viele Jahre lang Professor für Internationale Politik war – und veröffentlichte, neben der Herausgabe der Bücher seines Vaters, einige vielbeachtete Arbeiten über fernöstliche Politik.
Daneben arbeitete er für den Geheimdienst der U.S. Army – trotz partieller Blindheit und einem allgemein schlechten Gesundheitszustand –, und als der Zweite Weltkrieg ausbrach, nutzte er seine Stellung im »Operation Planning and Intelligence Board«, um für die Teilnehmer an einer Geheimdienstoperation in China Qualifikationen zu verlangen, die nur er allein erfüllen konnte. So kam er als Army Lieutenant nach Chungking und setzte seine theoretischen Kenntnisse in psychologischer Kriegsführung in die Praxis um; nach Kriegsende schrieb er ein Buch über das Thema, das noch immer als eine der wichtigsten Arbeiten auf diesem Gebiet gilt. Später arbeitete er für die CIA und war Berater der britischen Streitkräfte in Malaya und der US-Armee in Korea, führendes Mitglied der »Foreign Policy Association« und einer der Asienexperten im Beraterstab Präsident Kennedys. Erst mit dem Vietnamkrieg änderte sich Linebargers Einstellung zur Außenpolitik seines Landes – er hielt das dortige amerikanische Engagement für einen großen Fehler.
Dies war das eine Leben von Paul Linebarger. Das andere war das eines Schriftstellers. Schon in seiner Kindheit hatte er sich der Literatur, insbesondere der Science Fiction, zugewandt – da er lange Jahre in Deutschland lebte, standen auf seiner Favoritenliste neben den Klassikern von Jules Verne und H. G. Wells Werke wie Alfred Döblins »Berge, Meere und Giganten« – und mit fünfzehn in einem Schulmagazin seine erste Story »Krieg Nr. 81-Q« veröffentlicht (die er später vollständig überarbeitete). In den dreißiger Jahren dann schrieb er Geschichten, die im alten oder modernen China spielten. Keine davon wurde jemals publiziert, aber ihre Qualität ist bemerkenswert – in einigen verwandte er die gleichen chinesischen Erzähltechniken, die später in Science-Fiction-Arbeiten wie »Die tote Lady von Clowntown« zum Einsatz kamen.
Und schon früh begann auch das Spiel mit den Pseudonymen: »Krieg Nr. 81-Q« erschien unter dem Namen Anthony Bearden, einem Pseudonym, das Linebarger später vor allem für Gedichte benutzte; als Felix C. Forrest – ein Spiel mit seinem chinesischen Namen Lin Bai-Lo (»Wald des strahlenden Glücks«), der ihm von Sun Yat-sen verliehen worden war – schrieb er in den späten dreißiger Jahren zwei Novellen, die nach dem Krieg veröffentlicht wurden; und Carmichael Smith war der offizielle Verfasser des Spionagethrillers »Atomsk«, der in der Sowjetunion spielte.
Die Karriere in der Science Fiction allerdings – die Karriere von Cordwainer Smith – begann eher unvermittelt. Linebarger mag während des Krieges amerikanischen Science-Fiction-Magazinen einige Stories angeboten haben, erschienen ist nie etwas davon. Auch die Geschichte »Scanner leben vergebens«, die er nach seiner Rückkehr in die USA 1945 in den Arbeitspausen im Pentagon schrieb, wurde von allen großen Genre-Magazinen abgelehnt. Fantasy Book, wo er sie fünf Jahre später als letzte Möglichkeit anbot, zahlte nicht einmal für die Veröffentlichung, und so begann Linebarger schwer daran zu zweifeln, dass man ihn in der Science Fiction je willkommen heißen würde.
Doch es gab Leser, die aufmerksam wurden. Unabhängig davon, dass Fantasy Book zuvor kaum je eine wirklich anspruchsvolle Geschichte veröffentlicht hatte, unabhängig davon, dass der Autor völlig unbekannt war – »Scanner leben vergebens« gefiel ihnen.
»Martel war zornig. Er war so aufgebracht, dass er noch nicht einmal auf die Idee kam, seinen Blutdruck nachzujustieren …« Es war mehr als die bizarre Ausgangssituation in »Scanner leben vergebens«, die die Aufmerksamkeit auf sich zog, es war die Art, wie sie behandelt wurde. Von den ersten Zeilen an wurden die Leser Teil von Martels Universum – eines Universums, das trotz all seiner Fremdartigkeit so wirklich wie unser eigenes erschien. Sie waren gefesselt und ganz bestimmt auch verzaubert. Wer war diese »Instrumentalität der Menschheit«, die selbst den Scannern Furcht einflößte? Wer waren die »Bestien« und die »Manshonyagger« und die »Heillosen«? Man konnte ihre Bedeutung für den Helden spüren, aber davon abgesehen … konnte man sich nur wundern.
Linebarger wusste weitaus mehr über sein Universum, als er verriet – ja, mehr, als er jemals verraten würde. Dieses Universum hatte sich in seinem Kopf zu bilden begonnen seit der Zeit, als er »Krieg Nr. 81-Q« schrieb, und es gewann seine entscheidende Form in den Jahren zwischen 1930 und 1940, in denen er in einem geheimen Notizbuch seine Geschichte der Zukunft skizzierte – Notizen, auf die er später immer wieder zurückgreifen würde. Tatsächlich hatte er bereits in »Krieg Nr. 81-Q« Anspielungen auf die »Instrumentalität« eingeflochten – jene allmächtige elitäre Hierarchie, die zum Zentrum der Cordwainer-Smith-Stories werden sollte.
Diese Bezeichnung hatte, typisch für Linebarger, mehr Bedeutung, als es zunächst schien. Er war in einer Familie streng gläubiger Anglikaner aufgewachsen, und das Wort »Instrumentalität« besitzt einen ganz besonderen religiösen Unterton: In der römisch-katholischen und der episkopalischen Theologie vollführt der Priester das Sakrament in der »Instrumentalität« Gottes. So hat in Cordwainer Smith’ Zukunftsepos die Instrumentalität der Menschheit Merkmale einer politischen Elite wie auch einer Priesterkaste. Ihre Hegemonie ist nicht die eines galaktischen Imperiums – wie es in der Science Fiction jener Zeit eigentlich üblich war –, sondern sie ist weitaus kunstvoller und umfassender, gleichzeitig politisch wie spirituell. Die Lords der Instrumentalität sehen sich nicht nur als einfache Herrscher oder Politiker oder Bürokraten, sondern als Instrument des menschlichen Schicksals.
Linebargers Sinn für Religion erfüllte sein Werk auf mannigfaltige Weise und erschöpfte sich nicht nur in Anspielungen auf die »Alte Starke Religion«. So gibt es eine Betonung quasi-religiöser Rituale (man vergleiche nur den Kodex der Scanner mit dem Spruch des Gesetzes in H. G. Wells’ »Die Insel des Dr. Moreau«); so gibt es das ausgeprägte Modell der Berufung in Gestalt der Scanner, Segler, Lichtstecher, Go-Kapitäne und der Lords der Instrumentalität selbst – etwas sehr Spirituelles, auch wenn es nicht in religiösen Begriffen ausgedrückt wird.
Doch Linebarger war kein christlicher Apologet, der die Science Fiction als Medium für orthodoxe religiöse Botschaften benutzte wie etwa C. S. Lewis. Er war vor allem ein sozialer und psychologischer Denker, dessen Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Kulturen der Welt ihm einzigartige und scheinbar widersprüchliche Ideen über die menschliche Natur und Moral vermittelt hatten. So bewunderte er beispielsweise Samurai-Werte wie Schöpferkraft, Mut und Ehre und zeigte in seinen Texten generell seine Verbundenheit...




