Smith | Zone der Entfremdung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Smith Zone der Entfremdung


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7568-9909-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-7568-9909-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Geisterjäger Jason Harper lebt gefährlich. Außer mit übellaunigen Geistern muss er sich immer noch mit der geheimnisvollen Organisation herumschlagen, die ihn unter ihre Kontrolle bringen will. Zu seinem Glück hat er in den ukrainischen Zwillingen Daria und Bohdan treue Freunde gefunden, der Geist seiner Jugendliebe Charlie steht ihm auch weiterhin zur Seite, und so hat er es bis jetzt irgendwie geschafft, nicht draufzugehen. Jason genießt die Zeit mit seiner neuen Freundin, als ihn ein merkwürdiger Anruf der Zwillinge erreicht. In ihrer Heimat in der Gegend um Tschernobyl verschwinden auf mysteriöse Weise immer mehr Menschen. Daria und Bohdan wollen aus ihren eigenen Gründen nie wieder dorthin zurück, sodass ihm nur eine Wahl bleibt: sich in die radioaktive Sperrzone zu schleichen. Dort muss er feststellen, dass die Schattenwelt eine fürchterliche Überraschung für ihn bereithält. Von Unbekannten verfolgt, stellen Jason und Charlie sich gemeinsam der Zone der Entfremdung, um deren grausames Geheimnis zu ergründen. Band II J.C. Smith

J.C. Smith, geboren 1978, sesshaft im Süden Hamburgs, lebt allein und hat eine Tochter. Seit seiner frühen Kindheit begeistern ihn Geschichten jedweder Form. Seine große Liebe ist bis heute ein gutes Buch. Über Klassiker bis zu den modernen Werken ist ihm nichts entkommen. Persönlich schreibt er bevorzugt im Grusel- und Horror-Genre. Dabei entwickelt er sich stets mit Begeisterung und Neugier weiter. Im beruflichen Alltag als Spezialist im Zoll- u. Steuerrecht studierte er nebenberuflich BWL. So staubtrocken sein Beruf ist, so abwechslungsreich sind seine weiteren Betätigungen: Kampfsport, Live-Rollenspieler, Airsoft und das Besuchen verlassener Orte liefern ihm Inspiration und Anregungen für seine Werke. Die spannendste Reise bisher führte ihn in die Sperrzone um Tschernobyl. Aktuell arbeitet er an seiner Serie um den Geisterjäger Jason Harper. Begonnen als Kurzgeschichte, in der er neue Techniken ausprobierte, mauserte sich die Begeisterung für den fluchenden Kettenraucher zu einem Buch bis hin zu einer dreiteiligen Reihe. Band I - "Am Anfang Allein" erschien im August 2021. Band II "Zone der Entfremdung" setzt die Geschichte fort.
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First Cut – Gefräßige Dunkelheit


Mikhael legte den Zeigefinger auf die Lippen. Dimitrie und seine Freundin machten große Augen und versuchten, so leise wie möglich zu atmen. Sie pressten sich gegen den kalten, rauen Beton in ihrem Rücken. Mikhael sah sich aufmerksam um und lauschte in die Finsternis hinein. Das einzige Licht kam von den Sternen, die über ihnen wie gierige Augen glitzerten. Nur selten hörte man ein leises Knacken in der Stille.

Mikhael war ein Stalker und seine beiden Begleiter waren Touristen, die er gegen einen Obolus hierher in die Geisterstadt Prypjat geführt hatte. Er rückte seine dunkle Wollmütze zurecht und vergewisserte sich, dass die Stirnlampe richtig saß. Dann holte er aus der Seitentasche seiner in Flecktarn gehaltenen Armeehose ein paar fingerlose Handschuhe. Während er sie überzog, lauschte er in die Dunkelheit. Die Touristen waren auf sein Anraten ebenfalls in dunkle Farben gekleidet. Die frische Frühlingsnacht war windstill. In dem wenigen Licht konnte er ihren Atem sehen.

Der Stalker deutete mit einer langsamen Bewegung in das Unterholz vor ihnen. Mikhael bemerkte, wie die Frau Luft holte, vielleicht um eine Frage zu stellen. Er schüttelte schnell den Kopf, legte den Zeigefinger nachdrücklicher auf die Lippen und signalisierte den beiden, sich hinzuknien. Mit angehaltenem Atem rutschten die Touristen vorsichtig an der Wand herunter. Mikhael horchte weiter in die Finsternis. In Gedanken überschlug er die Zeit, die sie von ihrem Versteck in dem verlassenen Wohnhaus bis zum Krankenhaus gebraucht hatten. Der Mond verbarg sich hinter Wolken, also blieb ihm nur zu schätzen, dass es weit nach Mitternacht sein musste. Er war sich sicher, dass die Zisterne drüben bei der alten Maschinenhalle überwacht wurde. Die Soldaten waren sehr viel aufmerksamer als sonst. Seit diese furchtbaren Sachen passiert waren, gab es sogar nachts Patrouillen in der Stadt. Hoffentlich würden sie später nicht mehr da sein, damit er und seine Begleiter dort Wasser holen konnten.

Mikhael wusste nur zu gut, dass die zwei, die zum ersten Mal einen Ausflug in die Zone machten, die beiden Wachen nicht bemerkt hatten. Er hatte schon vor einiger Zeit mitbekommen, dass jemand in der Nähe war. Bis zum Schluss war er unsicher gewesen, ob es sich um andere Stalker handelte oder um eine Streife. Doch die Art, wie sie gingen, hatte die Wachleute verraten. Angestrengt lauschte er auf die Schritte. Sie entfernten sich langsam. Mikhael verharrte regungslos, bis er nichts mehr hören konnte. Er ließ noch einen Moment verstreichen, ehe er seinen Begleitern bedeutete aufzustehen.

Er flüsterte: „Es sind viele Wachen unterwegs. Aber keine Sorge: Noch zehn Meter die Wand entlang, dann sind wir am Eingang. In das Krankenhaus gehen sie nicht. Allerdings können da andere sein. Also seid leise, geht direkt hinter mir und seid aufmerksam. Tippt eurem Vordermann auf die Schulter, wenn ihr etwas bemerkt. Wenn euer Vordermann stehen bleibt, dann bleibt ihr auch stehen. Wir haben es gleich geschafft.“

„Warum gehen sie nicht in das Krankenhaus?“, wisperte die blonde Ivanka so leise, dass Mikhael sie kaum verstand.

„Einsturzgefahr. Und natürlich die Strahlung im Keller.“

Dimitrie nickte eifrig. „Jaja, da liegen die Kleider der Feuerwehrleute. Schwer verstrahlt, der Kram.“

„Ja, das auch“, flüsterte Mikhael. „Kommt jetzt.“

Er ging an ihnen vorbei. Vorsichtig schlichen die Touristen dem Stalker nach, der sich dicht an der Wand hielt. Geschickt wich er den Ästen aus, die als fahle, graue Schemen vor ihnen auftauchten. Mit leisem Rascheln folgten ihm seine Begleiter.

Nach kurzer Zeit erreichten sie eine alte, verrostete Doppeltür, zu der drei Stufen hinaufführten. Als Dimitrie den Griff anfassen wollte, tippte Mikhael ihm auf die Schulter und wies auf das eingeschlagene Fenster daneben. Mit geübten Bewegungen packte der Stalker den Sims, wuchtete sich lautlos durch die Öffnung und verschwand in die Dunkelheit jenseits des alten Holzrahmens. Geduldig wartete er in dem kleinen Raum, der früher die Rezeption gewesen war. Von draußen erklang leises Schaben, und ein blonder Schopf tauchte im Fenster auf. Sie schnaufte leise und quälte sich durch das Fenster. Mikhael war schon zu oft mit Anfängern unterwegs gewesen, um sich über die seltsamen Verrenkungen zu wundern. Er reichte ihr eine Hand und half ihr. Sekunden später schuftete sich Dimitrie durch die Öffnung. Er landete knirschend in den Scherben der vor langer Zeit zerbrochenen Scheiben.

„Wo sind wir jetzt?“, wisperte der Tourist.

Mikhael beugte sich vor. „Wir gehen jetzt in die Pathologie, und von da wandern wir zum anderen Ende.“ Er deutete zu dem Türrahmen. Das Türblatt lag quer im Durchgang am Boden. „Aufpassen. Es wackelt“, warnte er.

Der Führer balancierte über die Tür und glich sein Gewicht aus, um Lärm zu vermeiden. Die Touristen folgten ihm, und tatsächlich gelang es beiden, lautlos in den Flur zu kommen. Mikhael nickte, wurde sich dann aber bewusst, dass Dimitrie und seine Freundin das in der Finsternis nicht sehen konnten.

Leise sagte er: „Ihr könnt jetzt die Taschenlampen benutzen.“

Er selbst griff an die Stirnlampe. Mit einer Hand verdeckte er die Leuchte und drückte dreimal schnell hintereinander den Knopf, bis das Rotlicht zwischen seinen Fingern schimmerte. Dimitrie und die Blondine schalteten ihre Lampen ein und richteten sie auf den Boden, so wie er es ihnen gezeigt hatte.

Die drei Eindringlinge befanden sich in einem langen Flur, von dem alle paar Schritte eine Tür abging. Alte Lampenfassungen hingen von der Decke, vergilbte Akten lagen hier und da auf dem Boden. Ein kaputter Stuhl, von dem nur noch das Metallgestell übrig war, stand einsam und verloren in der gefräßigen Dunkelheit. Die Lichtkreise ihrer Lampen wurden so scharf abgeschnitten, als würde die Mitternachtsstunde keine Helligkeit dulden. Die junge Frau erschauderte und auch Dimitrie sah sich mit verkniffenem Gesicht um. Mikhael beobachtete ihre Reaktion und lächelte. Er war schon so oft hier gewesen, aber das Krankenhaus von Prypjat in der Nacht zu besuchen, war immer noch von seltsamen Gefühlen begleitet. Die langen, seit mehr als dreißig Jahren verlassenen Korridore, die halb offen stehenden Türen, die Reste der Krankenbetten und medizinischen Gerätschaften schufen eine morbide Stimmung, besonders nachts. Spritzen lagen auf alten Tischen. Patientenakten steckten vergessen in den Halterungen. Zurückgelassene Geräte, Gläser, Bettpfannen, Diagramme und Schaubilder schufen eine Atmosphäre wie in einem billigen amerikanischen Horrorfilm.

Die Stille und die Finsternis trugen ihr Übriges dazu bei.

„Lasst uns losgehen. Hier drinnen können wir vorsichtig Licht machen und reden. Aber seid trotzdem leise und haltet die Ohren offen“, ermahnte Mikhael seine Schützlinge.

Er winkte ihnen zu folgen und drang in die nur widerwillig zurückweichende Dunkelheit vor. Sie passierten den einsamen Stuhl und schoben sich durch den Gang, vorbei an verlassenen Krankenzimmern. In einigen stand nichts mehr, in anderen gab es noch die Reste von Betten oder zurückgelassene Gegenstände. Frühere,

heimliche Besucher hatten ihre Spuren hinterlassen. Liegen gebliebene PET-Flaschen und Verpackungsmüll tauchten im Licht ihrer Taschenlampen auf, um danach wieder von der gierigen Schwärze verschlungen zu werden.

„Ich habe Angst“, wimmerte Ivanka leise.

„Das ist doch total spannend“, hielt Dimitrie dagegen.

Er grinste aufgeregt und ließ seinen Blick in alle Richtungen wandern. Mikhael kommentierte das nicht. Irgendetwas war anders als sonst. Dem Stalker gefiel das nicht. Die Luft schien ihm den Atem rauben zu wollen, und jedes Geräusch wurde sofort erstickt. Er ließ das rote Licht seiner Stirnlampe langsam umher schweifen, lauschte und ignorierte die leise Unterhaltung hinter sich, in der Dimitrie Ivanka zu beruhigen versuchte. Das merkwürdige Gefühl blieb. Mikhael schaute sich aufmerksam um. Der rote Schein fiel auf die Touristen und erschuf blutige Schatten auf ihren Gesichtern. Dann stockte Mikhael.

„Wo ist der Stuhl hin?“, murmelte er leise zu sich selbst. Bemüht, seine Stimme ruhig klingen zu lassen, sagte er etwas lauter: „Lasst uns weitergehen. Der Gang ist hinten blockiert, wir müssen also durch das Obergeschoss. Da vorne führt eine Treppe nach oben. Auf der anderen Seite können wir raus und rüber zur Maschinenhalle, Wasser holen.“

„Alles in Ordnung?“, fragte Ivanka mit zittriger Stimme.

Mikhael nickte. „Na klar.“

„Hab doch nicht so eine Angst, Mädchen“, frotzelte Dimitrie.

Mikhael blickte den Korridor hinab in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Plötzlich ertönte ein dumpfes Krächzen. Die heimlichen Besucher fuhren zusammen. Der Stalker starrte den Gang entlang. Eine Tür nach der anderen öffnete sich völlig lautlos. Die Türblätter schwangen langsam auf und Finsternis strömte aus dunklen Schlünden hervor. Seine Augen weiteten sich und er fühlte seinen Mund trocken werden. Kaltes Entsetzen kroch sein...



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