Sánchez | Die Witwe der Brüder van Gogh | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Sánchez Die Witwe der Brüder van Gogh

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30858-9
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-293-30858-9
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Paris im Jahr 1890: Johanna van Gogh Bonger ist mit Vincent van Goghs jüngerem Bruder Theo verheiratet, der Vincent finanziell aushält, damit dieser sich ganz seiner Kunst widmen kann. Als der Maler sich das Leben nimmt, stirbt kurz darauf auch Theo, erfüllt von tiefer Trauer. Johanna widmet sich fortan van Goghs umfangreichem ?uvre und erkennt die Bedeutung seiner Werke. Ihr Leben verändert sich von Grund auf, als sie sich in van Goghs Briefwechsel mit seinem Bruder vertieft und dessen Kunst zum Erfolg verhilft.

Camilo Sánchez, geboren 1958 in Mar del Plata, Argentinien, studierte Journalismus und Geisteswissenschaften. Als Journalist und Herausgeber ist er für verschiedene Zeitungen und Magazine tätig. Er hat bereits mehrere Gedichtbände veröffentlicht, Die Witwe der Brüder van Gogh ist sein Debütroman.
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1


Im schweren Schatten, der sich hinter ihm die Treppe hinaufschleppte, kündigte es sich an: Als Theo van Gogh hereinkam, war ihm der Tod auf den Fersen.

Johanna sah ihn an. In drei Tagen war er um zehn Jahre gealtert.

Seine Frau würdigte er kaum eines Blickes, eine Begrüßung gab es nur für das Kind. Äußerst behutsam schob er die letzten Arbeiten seines Bruders unters Bett: mehrere aufgerollte Leinwände, die Farbe war noch kaum getrocknet. Anschließend legte er den Brief, der zwischen Vincent van Goghs Kleidern steckte, als er sich die Kugel in die Brust schoss, in die Schatulle aus Eichenholz. Danach kroch er zwischen die Laken und schlief ein.

Das Pferdegetrappel, das von der Straße zu hören ist, treibt Johanna van Gogh-Bonger an den Schreibtisch. Doch bevor sie mit ihren Aufzeichnungen beginnt, sorgt sie für Ordnung in der Wohnung, ihrer kleinen Welt, deren Existenz immer unsicherer wird.

Über dem Tisch aus Kirschholz, im vierten Stock des Hauses Rue Pigalle 8 in Montmartre, verklingen die Geräusche des Tages, die Stadt kommt zur Ruhe. Die zunehmende Dunkelheit löscht die Farbtöne aus, und was jetzt auf sie zukommt, ist schwer zu erkennen – was wird ihr die Zukunft bringen?

Sie beginnt, in ihr neues, unberührtes Tagebuch zu schreiben. Am Anfang steht die Nachricht, dass ihr Schwager gestorben ist.

Über Vincents Todeskampf wollte Theo nicht sprechen. Er erzählte bloß, er habe ruhig ausgesehen, wie er in dem Sarg auf dem Billardtisch der Auberge Ravoux lag, und es sei eine gute Idee gewesen, um ihn, den gerade erst Verstorbenen, herum einige seiner letzten Arbeiten aufzubauen.

Fast hätte ich einen unanständigen Gedanken geäußert, der mir darauf durch den Kopf ging: Also hat er es endlich doch noch zu seiner ersten Einzelausstellung gebracht. Aber ich schwieg, und Theo legte sich schlafen. Seit sechs Stunden ruht er nun schon aus, zum ersten Mal seit sein Bruder nicht mehr auf dieser Welt ist.

An anderer Stelle hat sie geschrieben: »Ich hatte immer ein wenig das Gefühl, als würde ich mich zwischen die Brüder van Gogh drängen, aber auch, als könnte ich vielleicht manchmal zwischen ihnen vermitteln.«

Während der vergangenen vier Jahre hat sie immer wieder weggesehen, wenn Theo Monat für Monat einen Umschlag mit einhundertfünfzig Francs auf den Weg brachte. Wie sie auch besänftigend auf ihren Mann eingewirkt hat, wenn er den Bruder wieder einmal aus Wut seinem Schicksal überlassen wollte.

»Wir mögen uns zwar von der Leidenschaft leiten lassen, aber überkochen darf sie trotzdem nicht«, sagt sie sich einmal mehr, während sie die Windeln ihres kleinen Sohns wechselt. Und weil ihr Mann keine Anstalten macht, das Bett zu verlassen, fasst sie einen Entschluss: Sie selbst wird die Todesanzeige aufsetzen, die an die Druckerei geschickt werden muss.

Da Johanna nichts von falscher Zurückhaltung hält, setzt sie Theos Namen an die Spitze der Liste der Abschiednehmenden, schließlich hat er sich als Einziger bis zuletzt um alles gekümmert. Ihrem diplomatischen Fingerspitzengefühl folgend, führt sie allerdings zwei Traueradressen an: die Wohnung in der Rue Pigalle 8 in Montmartre, die sie mit ihrem Gatten und dem Kleinen teilt, und, obwohl es ihr fast wie ein Zugeständnis vorkommt, die Adresse der Mutter der Brüder van Gogh: Herengracht, Leiden, in Holland.

Dann kommt ihr ein unangenehmer Gedanke in den Sinn. In der drückenden Pariser Sommernacht fragt sie sich zum ersten Mal, ob es gut war, zugestimmt zu haben, dass ihr Sohn seinem Onkel, dem Maler, zu Ehren Vincent genannt wurde.

Meine Brustwarzen sind rissig, weil der Kleine ständig danach verlangt. Ich versuche, mir mit Calendulasalbe Linderung zu verschaffen. Der übrige Körper beruhigt sich, wenn ich schreibe.

Mein Sohn, der kleine Vincent, schläft in seiner Eichenholzwiege. Er wird stark sein müssen, um den Fluch zu bannen, der auf seinem Namen liegt.

Es lässt ihr keine Ruhe, dass sie sich – es war im dritten oder vierten Monat der Schwangerschaft – nicht widersetzt hat, als ihr Mann Theo mit der Idee kam, die Familientradition fortzuführen und, falls es ein Sohn war, ihn Vincent zu nennen.

Wie viel Unglück auf dem Namen lastete, wusste sie damals allerdings nicht. Erst vor wenigen Tagen hat sie die ganze Geschichte in Erfahrung gebracht. Jetzt weiß sie, dass ihr Schwager nicht der Erstgeborene war.

Vor Vincent und Theo gab es bereits einen Sohn, der auch Vincent hieß. Er starb bei der Geburt, oder wenige Stunden danach – die Einzelheiten sind Johanna nicht bekannt.

Ein Jahr später, auf den Tag genau, kam wie durch höheren Beschluss jener van Gogh zur Welt, der eben erst gestorben ist.

Johanna weiß aber – und die Vorstellung will ihr seither nicht aus dem Kopf –, dass der erste Vincent auf dem kleinen Friedhof in Zundert begraben wurde, neben der Kirche mit den hohen roten Mauern und dem kleinen Glockenturm, der kaum über das Ziegeldach hinausragt, nur wenige Meter vom Haus der Familie van Gogh entfernt. Und sie weiß, dass der zweite Vincent, der, der sich gerade das Leben genommen hat, als kleiner Junge regelmäßig Blumen auf ein Grab legte, auf dem sein Name und sein Geburtsdatum zu lesen waren.

Eine schreckliche Vorstellung. Vincent soll in diesem Tagebuch ab sofort nur noch der Name für meinen Sohn sein.

Der andere, der Tote, der mit dem Kobaltblau und dem Gelb, der der Welt seine reifen Weizenfelder und Sonnenblumen entgegenhielt, wird auf diesen Seiten künftig van Gogh heißen.

Johanna muss den nun schon seit fast zwei Tagen im Bett liegenden Theo dazu bringen, seiner Mutter ein paar von den Todesanzeigen zu schicken.

Einfach ist das nicht.

Seit die Schwiegermutter Anna Cornelia Carbentus – eineinhalb Jahre ist es jetzt her – beim Aussteigen aus einer Kutsche der Transportgesellschaft Van Gend & Loos gestürzt ist, schmerzt ihre Hüfte, und gesehen haben sie sie seither nicht. Ihre schroffe und abweisende Art hat sich dadurch wohl noch verschärft. Johannas Bruder André, Theos bester Freund, nennt sie seit jeher »die Frau mit dem eisigen Blick«.

Johanna hilft ihrem Mann aus dem Bett und stößt ihn dann geradezu in eine Wanne voll kaltem Wasser. Er muss ein wenig zu Kräften kommen. Anschließend schreibt Theo an seine Mutter und lässt den Brief danach absichtlich auf dem Tisch liegen:

Vincents Tod ist ein Schmerz, der mir ewig nachgehen wird und den ich mein Leben lang mit mir herumtragen werde. Das einzig Gute, was man darüber sagen könnte, ist, dass er nun den gewünschten Frieden hat.

Das Leben wurde ihm schwer; aber es ist wie so oft: Jetzt rühmen sie alle sein Talent.

Johanna wundert sich, dass das Wort »jetzt« mit einer nervösen Linie unterstrichen ist. Ihr scheint dies jedoch falsch – Theo übertreibt, wenn er behauptet, jetzt würde alle Welt van Goghs Talent anerkennen.

Der kleine Vincent ist zwei Tage lang fast durchgehend weinerlich und fiebrig. Am Ende dieser Zeit zeigt sich ein winziges weißes Pünktchen an seinem Unterkiefer. Dass sein erster Zahn hervorkommen will, macht ihn so unleidlich.

Johanna stellt fest, dass sein Aufbegehren ein klares Ziel verfolgt: Es ist, als wolle ihr Sohn den Schmerz mit den Tränen aus sich herausfließen lassen. Theo dagegen, mit seinem wirren Bart und in dem dunkelgrauen Anzug, den er nicht einmal zum Schlafen auszieht, scheint sich geradezu wohlzufühlen in der Tiefe des Abgrunds, in den er sich hat sinken lassen.

Ich bemühe mich, dem Kummer meines Mannes so gut als möglich entgegenzuwirken.

Mit dem Tod hat sich eine weihevolle Untergangsstimmung in unserer Wohnung breitgemacht. Und ein Gefühl von Unwirklichkeit bei allem, was wir tun.

Johanna van Gogh-Bonger ergreift die Initiative. Dabei stützt sie sich vor allem auf Zuleica, eine junge Spanierin, die ihr im Haushalt zur Hand geht. Sie hat sich mehrere Exemplare des Artikels beschafft, den Maurice Beaubourg am Tag nach der Beerdigung veröffentlicht hat. »Um van Gogh zu begreifen, genügt es nicht, eins seiner Werke zu betrachten, man muss sie alle sehen«, hat er in der Revue Indépendante geschrieben.

Nirgendwo sonst in der Presse findet der Tod ihres Schwagers Erwähnung.

Johanna legt den Artikel in eine Mappe, zu den anderen – vier sind es –, die auf die jüngste Flut von Bildern eingehen, die Johanna so gut sie kann in der Wohnung in der Rue Pigalle unterzubringen versucht.

Sie glaubt zu wissen, wie ihr Schwager auf Beaubourgs Äußerungen reagiert hätte. Dessen Lob hätte ihm maßloses Unbehagen bereitet und ihn dazu gebracht, sich voll wilder Selbstkritik auf all das zu stürzen, was es in seinen Augen zu verbessern galt.

Immer diese dramatisch übertriebene Bescheidenheit.

Später hätte es ihm leidgetan, und er hätte Beaubourg, wie um den Auftritt wiedergutzumachen, eins seiner so anrührenden Bilder geschenkt.

Der Streik der Pariser Droschkenkutscher – ihre Arbeitgeber weigern sich, neue Fahrzeuge anzuschaffen – wird lückenlos befolgt. Die Zeitungen berichten von der Unruhe, die die Stadt ergreift: Die Reichen...


Sánchez, Camilo
Camilo Sánchez, geboren 1958 in Mar del Plata, Argentinien, studierte Journalismus und Geisteswissenschaften. Als Journalist und Herausgeber ist er für verschiedene Zeitungen und Magazine tätig. Er hat bereits mehrere Gedichtbände veröffentlicht, Die Witwe der Brüder van Gogh ist sein Debütroman.

Kultzen, Peter
Peter Kultzen, geboren 1962 in Hamburg, studierte Romanistik und Germanistik in München, Salamanca, Madrid und Berlin. Er lebt als freier Lektor und Übersetzer spanisch- und portugiesischsprachiger Literatur in Berlin.



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