Snela Milchgesicht
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-608-10926-9
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Bestiarium der Liebe
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-608-10926-9
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Snela, geboren 1980 in München, studierte Komparatistik, Slawistik und Rhetorik. Seine Texte erschienen in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften und wurden bereits mehrfach ausgezeichnet, u. a. gewann er den Open-Mike-Wettbewerb. »Milchgesicht« ist sein Debüt.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
Neulich im
Verschiedentlich um gehn die Geister, die Menschen mit ihnen (als wärn sie sie …). Manche erkennen einander nicht an den Merkmalen, die klar zu Tage liegen, und bleiben blind, auch dann noch, wenn sie sich längst entschweben spüren, in scheele Sphären. Bis schließlich alles – auch noch der Spuk! – zum Spuk wird. Ich muss es wissen und kann Euch davon ein Liedchen singen, verehrte Leser der Zeitschrift SPOOKY SPEAKER. Verfolgt das Fürchterliche, das mir jüngst widerfuhr!
Es war zur Stoßzeit, so um halb acht Uhr früh. Die S-Bahn war voller Menschen in kurzen Röcken, knallengen Hosen und knappen Shirts, mit gepiercten Stellen an den ins Surren der Stromesschnellen getauchten, aphrodisierten Leibern, die in die Arbeit fuhren. Ein blaues Blühen, an dem wir brachial vorüberpreschten, lag in der Luft. Ein Glühen. Ich sah sie beben – besagte Leiber – und wusste schon, wo es herkam, dieses Vibrieren, das denen, die fleisch-und-blutlich waren unter den Mitfahrgästen, ihre Gewebe wummern machte. Vom frühen Frieren, weil man zu leicht betucht war, kam es jedenfalls nicht die Tage … Ihr Delirieren war, was sie zittern machte, und »Wie die stieren!« war, was der Beau sich dachte, für den man recht schnell gehalten wurde in diesen Frühwindwochen. Der Zahl der Blicke nach zu schließen, die mein Gesicht befühlten, musste ich wahrlich passabel ausgesehen haben damals. Aber ich kümmerte mich gar nicht um ihre Schmachttiraden! War ich doch viel zu vertieft.
Ich las im SPOOKY SPEAKER (Heft Nummer hundertsieben). Er war mir erst nachts zuvor geliefert worden. Ich hatte ein Rascheln gehört, ein Flattern, das Kollisionsgeräusch von Papier mit Fliesen, doch, als ich die Wohnungstüre aufstieß, dann nichts gesehen außer der Zeitschrift mit ihrem Hochglanzeinband und der verblassten Schrift. So erging es mir jedes Mal! Unmöglich, ihn zu stellen, den mysteriösen Boten, der sie mir – der ich doch nie ein Abo abgeschlossen hatte – brachte, sich einen Sport draus machte. O er war schnell!
Der Artikel, der mehr mich verschlang, als dass ich ihn verschlungen hätte, verhandelte die Verdammnis tief im Detail. Ich las, was man tun kann, um zu erlösen, was, um zu bannen, und was man meiden sollte, um nicht letztendlich selber »umzugehen, ewig, im Gram«. Ein guter Beitrag, den ich wegen der allerdings kaum erfassten, auch schon verpufften Wörter des Stils des Autors nochmal von vorne lesen wollte, als sich abrupt mein Kopf bewegte. Wohl weil das Hirn darin meinen Muskeln (longus capitis, rectus capitis, sternocleidomastoideus und wie sie nicht alle heißen) einen Befehl zufunkte, da ihm die Sinne offenbar etwas durchgegeben hatten, das der Beachtung wert schien. Jedenfalls sah ich auf.
Mein Blick fiel auf eine drei Sitzgruppen entfernte Schöne, die mich, schon seit wer weiß wie langem, ansah – und mir sofort gefiel! Etwas an ihr war anders als an den andren Frauen, die sich in Tanktops (auf die Don’t Touch! gedruckt war) lasziv um Stangen wanden und sich den Hals verrenkten nach amouröser Anerkennung egal von wem. Das keusch geblümte, fast transparente Kleidchen, dessen Dekolleté ein schlicht gerüschtes Bustier oder Mieder freigab, stand ihr ausnehmend gut. Die vollen Lippen, auf denen kein Hauch von Lippgloss gleißte, waren wie im Erschrecken aufgeworfen, und ihr Gesicht verzog sich zu einer Art Schmerz-der-Verzückungs-Miene, die mir ad hoc das Herz zuschnürte. Das redlich Unverwandte ihres Mich-Ansehns zwang mich, es zu erwidern. Erstarrt im Hinstarrn saß ich da, krallte mich fest am SPOOKY SPEAKER, in den ich vergeblich versuchte, wieder den Blick zu senken. Ich war ihr bereits verfallen. Und dabei weiß ich noch, dass ich mich an jenem Morgen seltsam erfrischt und luzide fühlte, nachdem ich Stunden am Stück geschlafen hatte. (Verstummt die Stimmen erträumter Ungeheuer … Verblasst das Schimmern gramgrauer Nachtgesichte …) Es ist mir wichtig, bei allem, was folgt, dies einzuflechten: Ich war bei Sinnen.
Als die Station all derer nahte, die sich ihr Brot verdienen im Industriegebiet, stürzten die Mitfahrgäste sich ins gewohnte Handgemenge um die paar Knöpfe, auf denen HALT stand, und stiegen aus. Die S-Bahn setzte sich ruckelnd erneut in Bewegung, nunmehr fast leer. Die Schöne und ich waren allein im Abteil zurückgeblieben. Nichts als das Sirren schwelnder Elektrik im Schliff der Schienen und dumpfes Räderrumpeln sowie das Summen der Lieder, die meine Minne morphte, war mehr zu hören, und gelegentlich ihre Hüstelstimme. Ich sah sie glühend vor Glück durchs Fenster stieren: Statt frommen Frondiensts am Bruttoinlandsmammon würden wir heute zu zweit aufs Land rausfahren … Das schien ihr so klar wie mir!
In der nur ab und zu von der S-Bahnfahrerstimme unterbrochenen, surrenden Stille preschten wir aus der Stadt. Draußen hing Nebel. Kauernde Häuser, Weiblein mit Kräuterkörben, die über Wiesen staksten, stakende Vogelscheuchen, verblurrte Kühe geisterten fad vorüber im Dunst der Diesigkeiten. Ich merkte, wie mir zusehends flauer wurde, und auch die Fremde schien mir mit einem Mal bang umfangen. »Was, wenn er statt Fisimatenten anzuleiern doch nur zur Tante möchte, in eins der Bauernhäuser?«, spürte ich’s stumm herübermunkeln aus ihrer Miene, mit der sie Stirn an Stirn an der Scheibe klebte. In neuer Scheue, die – wiewohl frivoler, inkognitätsintimer, als ein Gespräch gewesen wäre – jeden von uns auf sich selbst zurückwarf, sahen wir raus ins Grau. Wie lau war, zum Lohn fürs Weiterfahren, uns aber dann die Luft denn bitte, als wir, uns jäh erhebend, zu zweit ins Freie traten, in die von Hummeln brummelnde, uns den Azur vom Himmel schummelnde Pracht dieses Tags.
»Oh! Splendidissimo!«, jubilierte ich in die Morgenhelle über dem Quai der Haltestelle, und ihre Augen antworteten im Duett ihres Flirrens: »Du kannst hispanisch?! Che admirabellissimo! Was für ein Mann!« Nach einer Andockphase, die von Verbalem bebte, das uns die Stimmen umschlug, spazierten wir nebeneinander her. Jeder ging seinen eigenen, zufällig sich mit dem des andern deckenden Weg ohne Ziel. (Nun ja … Das Ziel war, dass unsre Zungen föchten und wir die Haare ineinander flöchten im Tête-à-tête-Getümmel verkeilter Glieder. Was auch alsbald geschah …) Ein Hüne, der uns ins Gras zwang, mit seinen Wolkenmuskeln und seinem blauen Schauen, machte uns die Textilien fleckig. Bukolisch balgten wir, prallten wieder und wieder mit unseren Leibesstellen gegeneinander und, über Hügel talwärts rollend, lallten wir Lieder von Huld und Muld. Bis wir, es wurde Abend, erschöpft im Bachbett lagen, wie zwei Pantoffeltierchen fluxfusioniert im Überfließen, innig vereint.
Wir lauschten aufs Kieselschuckern am Grund des Gluckerns, sahen Forellen, die ihre Schnauzen, so sagt man glaub ich, zwischen den Strängen der Strömung hindurch in die Lüfte steckten, um nachzusehen, ob nicht irgendwo vielleicht eine Mücke schwirre, nach der man gemütlich schnappen könne. Und so viel andres Schönes. Zum Beispiel Hasen, die über die Wiese hoppelten. Und einen Reiher. Die Bäume entlang des Baches, der sicherlich einem – an seinem fernen Ende ins weite Meer einmündenden – Fluss zuströmte, wiegten sich wie Korallen. Ich hätte mich durchaus noch eine Weile treiben lassen können und dachte, das sei auch ihre Vorstellung vom Fortverlauf unseres Schäferstündchens. Doch weit gefehlt.
Beim ersten Schrei eines Käuzchens begann sie mich seltsam eindringlich anzusehen. Ihr Gesicht illuminiert vom Liebesfeuer, wie ich noch dachte … Und dann geschah’s. Sie fragte mich, erst ein erstes und dann, in mein erstauntes Schweigen hinein, noch ein zweites Mal, diesmal schon ziemlich drängend, geradezu quengelnd: »Gehn wir zu dir?«. Ich wusste, dass das nicht drin war, und zwar aus Gründen, die ich ihr leicht erklären hätte können, was aber auch nicht so wirklich drin war, weshalb ich »Gut, gut, wir gehen« seufzte. Wir standen auf. Die Wege, die ich durch Wälder wählte, vorbei an Weilern, in denen Weh sang, sollten uns mehr in die Irre führen als bald zum Bahnhof, wie ich hier gern gestehe. Irgendwann hätte dann eine Scheune kommen sollen, in der sie, am nächsten Morgen, mit einem Heuballen in ihren Armen, den ich dort sachte platziert hätte, glücklich erwachen würde, wär es nach mir gegangen. Es ging aber nicht nach mir.
Nach einer Weile des Durch-die-Gegend-Tingelns auf falschen Pfaden schwang sie sich auf meinen Rücken und sagte wieder – zum dritten Mal jetzt: »Gehn wir zu dir!« Sie hauchte es mir ins Ohr, an dem sie zugleich zu knabbern anfing, mir ihre Schenkel derart fest um die Hüfte schlingend, dass es mir fast die Luft abdrückte. Sie kletterte ...




