Snow | Licianas Pakt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Snow Licianas Pakt


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-384-01981-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-384-01981-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Vor vielen tausend Jahren kamen die Todesengel nicht länger ihrer Aufgabe nach, die Seelen der Verstorbenen ins Jenseits zu geleiten. Zur Strafe wurden sie verstümmelt und als geächtete »Wesen« in die irdische Welt Madayas verbannt. Dort ruhen sie in Ketten, bis sie erwachen, um sich an einen menschlichen Meister zu binden. Verona erwacht früher als geplant aus ihrem Dämmerschlaf und erwählt die junge menschliche Magierin Liciana. Doch jemand hat es auf Liciana abgesehen - und so muss das ungleiche Paar zusammenarbeiten, um herauszufinden, was hinter den rätselhaften Anschlägen steckt, die den geheimen Orden erschüttern ...

D. Snow, 1999 in Rostock geboren, hat das Gymnasium beendet und studiert. Schreiben gehörte für sie seit ihrer Kindheit zu ihrem Leben. Mit 14 trat sie in ihrer Heimatstadt einem Literaturkreis bei, um sich mit Gleichgesinnten über das kreative Schreiben auszutauschen. Bis heute ließ das Autorendasein sie nicht los und mit Hilfe ihrer ausgeklügelten Fantasie hat sie eine komplexe Fantasy-Welt erschaffen. Momentan sucht sie für ihre Hauptreihe einen Verlag.
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Kapitel 1 – Das Erwachen

Als Liciana zu sich kam, erblickte sie zunächst einen Kronleuchter, der grelles Licht verströmte. Geblendet kniff sie die Augen zusammen. Die Dunkelheit war so sanft und einladend zu ihr gewesen. Wie eine tröstlich wärmende Decke, in die sie sich an einem kalten, bedrohlichen Winterabend warm eingekuschelt hatte.

Sie war noch am Leben. Das grenzte an ein Wunder, wenn man bedachte, dass das Feuer sie von den anderen getrennt hatte. Die Bilder der letzten Nacht überrollten sie, schoben sich vor ihr inneres Auge und brachten die Erinnerung an beißenden Rauch mit sich, der in ihren Atemwegen brannte, an wabernde Hitze, die Panik und die Angst, dem Feuer womöglich nie mehr zu entrinnen und in seinem flammenden Schlund unterzugehen. Dann erinnerte sie sich an die verschwommene Gestalt, die ihr inmitten des Flammenmeers begegnet war, und die Erleichterung über ihr Erwachen verblasste. Sie war sich nicht sicher, ob sie es sich womöglich nur eingebildet hatte, aber da war jemand gewesen – jemand, der ihr geholfen, sie geführt hatte.

Aber wer hätte das sein sollen? Inmitten einer brennenden Versammlungshalle … kein Mensch wagt sich dorthin … mein Verstand muss mir etwas vorgegaukelt haben …

Ein letztes Mal holte Liciana tief Luft, um sich zu sammeln, dann schlug sie erneut ihre Augen auf.

»Hat sie sich bewegt? Ja, hat sie!«, ertönte eine aufgeregte Stimme, die sie sofort erkannte. »Ich dachte schon, du überstehst das nicht. Ich bin so erleichtert.«

Liciana stemmte sich auf den Ellenbogen empor und sah Ido an ihrem Krankenlager sitzen. Er war größer als Liciana, beunruhigend groß für sein Alter. Seine sandfarbenen Haare, genauso geschnitten wie ihre eigenen, fielen ihm in zerzausten Strähnen in die Stirn. Ihre eigenen Haare waren dunkler, schokoladenbraun, wie Ido sie häufig bezeichnete, und ihre Augen leuchtend grün.

Liciana zwang sich zu einem Lachen, wobei ihre Stimme ein wenig kratzig klang, als sie erwiderte: »Es war wohl etwas zu früh, um mein Testament zu verfassen.«

Jetzt grinste auch Ido. »Deinen Humor hast du jedenfalls nicht eingebüßt. Wie geht es dir?«

»Ich hab’ Kopfschmerzen und mir tut alles weh. Was ist passiert, als ich von euch getrennt wurde?«

Ido strich sich unsicher eine Haarsträhne aus den Augen. »Nun ja, wir haben Panik bekommen, sind zum Ausgang gerannt und niemandem ist aufgefallen, dass du fehlst. Als wir endlich draußen waren, hat Magistra Maive uns durchgezählt und festgestellt, dass wir nicht vollständig sind. Mir ist sofort aufgefallen, dass du nicht dabei warst. Als ich der Magistra davon berichtet habe, ist sie im Dreieck gesprungen. Ich wollte gerade selbst zurück, um nach dir zu suchen, da kamst du bereits rußverschmiert aus dem Gebäude gewankt. Den Rest kennst du.«

Liciana runzelte die Stirn. »War da noch jemand? Hinter mir?« »Nein«, erwiderte Ido verwirrt. »Da war niemand. Warum fragst du?«

»Ach, nur so«, nuschelte Liciana in sich hinein und zupfte nervös am Saum ihrer Bettdecke herum, Idos neugierigem Blick ausweichend.

Aus den Augenwinkeln nahm sie sein Lächeln wahr, als er eine Hand hob und ihr eine Haarsträhne aus der Stirn strich. »Liciana, im gesamten Orden betrachten sie es als ein Wunder, dass du so etwas überhaupt überlebt hast! Du bist eine richtige Legende! Alle fragen sich, was vorgefallen ist. Du hast …«

Dann begann er, über Ruhm und Ehre zu schwadronieren, wovon Liciana zum einen nichts verstand und woran sie zum anderen keinerlei Interesse verspürte. Sie ließ sich zurück in die weichen Kissen sinken und starrte an die stuckverzierte Decke. Da war doch jemand gewesen, da war sie sich sicher. Diese Gestalt, die sie gefunden und gerettet hatte.

Stirnrunzelnd dachte sie darüber nach, während Idos anhaltender Monolog zu einem Hintergrundgeräusch verblasste. Vielleicht hatte sie sich das alles doch nur eingebildet. Ja, so musste es sein. Es gab sie nicht.

* * *

Sie hatte sich auf der Kommode niedergelassen, hockte dort wie ein Vogel auf einem Ast. Draußen war das Zwitschern ebenjener verklungen; sie alle hatten bei ihrem Erscheinen die Flucht ergriffen. Überall standen Fenster offen. In den steinernen Korridoren hatte sie keine Menschenseele angetroffen. Es war so leicht gewesen, sie hatten es ihr so leicht gemacht.

Abermals ließ sie ihren Blick schweifen. Das Zimmer war klein verglichen mit den imposanten Hallen des geheimen Ordens, und doch riesig im Vergleich zu dem merkwürdigen, metallischen Gestell, in dem sie dieses Mal erwacht war. Ohne Freiraum für ihren Flügel. Ohne eine Möglichkeit, der unangenehmen Steifheit zu entrinnen, die sich in ihren Gelenken festgesetzt hatte.

Dieses Zimmer verdiente zumindest diese Bezeichnung, obgleich es vergleichsweise schlicht eingerichtet war. Einige festgetretene Matten nebeneinander auf dem Boden, eine Anrichte in der Ecke, die sicherlich für die Morgentoilette gedacht war, ein Schrank, den sich die Novizen anscheinend teilten. Keine wirkliche Privatsphäre…

Unter diesen Voraussetzungen erschien es ihr unwahrscheinlich, dass die Novizen Geheimnisse voreinander wahren konnten. Sie waren gezwungenermaßen miteinander verbunden, auf künstliche Art zu dem zusammengeschweißt, was menschliche Kreaturen als »Familie« bezeichneten.

Dieses Mädchen, stahl sich ein Gedanke in ihren Kopf, sie gehört zu ihnen. Und doch wirkt sie… anders. Sie war sich sicher. Ihre verborgenen Instinkte hatten sofort angeschlagen – und diese belogen sie nie. Womöglich war das Mädchen einen zweiten Blick wert, nach so vielen Jahren, in denen sie jeden Anwärter stets abgelehnt hatte.

Mit einem Satz entspannte sie ihren mächtigen Flügel, stieß sich ab und schwebte durch das Fenster nach draußen, wobei sie erneut einen Vogelschwarm aufscheuchte, der voller Panik Reißaus nahm.

* * *

Als Liciana und Ido die Gesuchte Halle betraten, die gewaltige Speisehalle der Novizen, war sie bereits gut gefüllt. Es gab neun runde Tische, die je nach Altersstufen und Mondgeist besetzt waren.

Zuversichtlich steuerten sie den Tisch der aufsteigenden Saturnperlen an, wo sie einige ihrer Freunde entdeckten. Liciana glaubte nicht wirklich daran, dass die Saturnperlen etwas bewirkten. Die echten Perlen waren in mit Stuck verzierten Ornamenten in der Decke eingearbeitet, hatten aber noch nie eine Wirkung entfaltet – und als Licianas Blick emporglitt, fragte sie sich erneut, ob es sich womöglich nicht einfach um Attrappen handelte.

Womöglich halten uns hier alle zum Narren, dachte sie, wobei sich ein Lächeln auf ihre Lippen stahl.

Leises Gemurmel begleitete sie, als sie zum Tisch der aufsteigenden Saturnperlen ging und sich auf einen Stuhl fallen ließ. Ido ließ sich neben ihr nieder. Augenblicklich spürte sie die Blicke der anderen auf sich gerichtet. Die Nachricht, dass sie das Feuer überlebt hatte, musste sich schnell herumgesprochen haben. Sie versuchte, die unangenehme Aufmerksamkeit zu ignorieren, während sie sich welken Salat auf den Teller lud. Bis heute hatten sie Liciana nie sonderlich beachtet, sie sogar absichtlich ausgegrenzt und blöde Spielchen mit ihr getrieben, wenn ihnen langweilig war. Lediglich Ido hatte immer zu ihr gehalten und ihr damit Mut gemacht.

Der Tisch der Magister grenzte an die Tische der älteren Novizen. Ordensmeister Eloar thronte auf einem erhöhten Stuhl in der Mitte, von wo aus er die Halle überblicken konnte. Er war bereits alt, seine dichten schwarzen Haare waren ergraut und seine schmalen Augen leuchteten gelb wie die eines Falken. Seit jeher hatte Liciana diesem erhabenen, geduldigen Mann einen gewaltigen Respekt entgegengebracht.

Neben Eloar speiste Magistra Jiar, die Giftmeisterin, die die Novizen im Brauen von altertümlichen Tränken unterwies. Im Gegensatz zum Meister des Ordens war sie noch sehr jung und hatte lange, wallend rote Haare, die ihr bleiches Gesicht umrahmten. Einen Platz weiter nippte Magister Lerto, der Meister der mystischen Künste, an seinem Getränk. Liciana ließ ihren Blick weiterwandern und hielt bei einem kleinen dicken Mann inne, der Unmengen von Hühnchen in sich hineinstopfte. Magister Eyven. Er war das genaue Gegenteil von ihr: ungeheuerlich stark und grobschlächtig. Sie mochte ihn nicht, was nicht zuletzt daran lag, dass er die Novizen jeden Morgen ohne Rücksicht auf Verluste durch den Trainingszirkel scheuchte.

Plötzlich tippte ihr jemand auf die Schulter und sie wandte sich um. Es war Una, die sich neben sie gesetzt hatte und sie mit falschliebreizender Attitüde anstrahlte. »Du hast das Feuer überlebt, hm? Du musst uns verraten, wie du das geschafft hast.«

Sie runzelte die Stirn. »Was? Ich weiß doch selbst nicht -«

»Sie glauben, du hast magische Feuerkräfte«, fiel Una ihr ins Wort. »Und bist dadurch noch am Leben.«

»Sie?«, fragte...



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