Sommer | Explosion | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 402 Seiten

Sommer Explosion


4. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-2417-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 402 Seiten

ISBN: 978-3-6957-2417-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach einem Schlaganfall muss Michael wieder sprechen und laufen lernen. Doch merkt er bald: Diese Katastrophe ist nicht nur bitter, sie birgt auch eine schiefe Komik und die unerwartete Chance, die eigene Biografie aus einem ganz neuen Blickwinkel zu betrachten. Ein poetisch-surrealer Roman über Identität, Verletzlichkeit und das leise Wunder, weiterzuleben. Aus dem Vorwort: In den vergangenen Monaten habe ich viel Zeit in Betten verbracht. Zusammengekrümmt, stöhnend, desorientiert. Und während ich so dalag und nicht weiter wusste, habe ich, in helleren Momenten, auf mich herabgesehen und mich gefragt: Wer ist dieser Mann, der nur noch aus Zerfall besteht? Ich hatte doch ein warmes, übervolles Leben. Wo ist das alles hin? Was ist davon geblieben? Ich wollte Katja und meinen Sonnenaufgangstöchtern nicht als Trümmerhaufen in Erinnerung bleiben. Als es dann langsam wieder bergauf ging, begann ich, mich zu erinnern. Alles aufzuschreiben: das Innige und das Verstörende, das Unverschämte und das Hoffende. Und während des unermüdlichen Schreibens, Streichens und Neuformulierens wurde mir eines klar: Trotz aller Defizite spüre ich inmitten des Chaos einen kugelrunden Frieden. Zum Buch: In EXPLOSION verweben sich zwei Erzählstränge ineinander. Da ist zum einen der einjährige Krankheitsverlauf: eine Hirnblutung/Schlaganfall, immer neue medizinische Ereignisse und Herausforderungen, ein fortgesetztes Abrutschen, so weit, dass man irgendwann glaubt, das Maß des Erträglichen müsse längst überschritten sein. Und parallel dazu kehrt der Erzähler zurück zu seinen Wurzeln. In prägende Jugenderinnerungen. In die staunende Zeit an der Schauspielschule. In den beflügelnden, später zunehmend ernüchternden Theateralltag. In das verzweifelte Suchen nach der einen Liebe, die allem einen Sinn verleiht - und schließlich in das Finden der absoluten Lieblingsmenschin. Familie taucht auf. Geburten. Depression. Alkohol. Offene Beziehung. Alles steht nebeneinander, fällt ineinander, hält sich fest oder rutscht weg und bildet gemeinsam dieses Leben, das gleichzeitig zerbricht und neu zusammengesetzt wird.

Michael Sommer. Geboren 1967 in Hamburg. Die Prägung: Marzipan und Elbe. Ein süßer Start in ein Leben, das sich weigerte, linear zu verlaufen. Michael Sommer ist Schauspieler, Regisseur, Demokrat. Und: seit Kurzem Überlebender. Einer, der heute noch ungläubig davorsteht und staunt, welche Wendungen und Intensitäten in ein einziges Schicksal passen. Er pendelt. Rhein-Main-Rauschen gegen die unberührte Einsamkeit des spanischen Hinterlands. Dort wird das Dasein auf seinen Brennwert reduziert: das Lagerfeuer als einzige verlässliche Antwort auf die Nacht. Und die Gewissheit, dass ein Leben ohne Hund zwar theoretisch möglich ist, aber eben absolut keinen Sinn ergibt.
Sommer Explosion jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Prolog


Das Universum steht still. Über mir hängt eine Art Mobile von der Decke herunter. An unterschiedlich langen Fäden sind Kugeln befestigt. Sie muten wie Planeten an. Durch das geöffnete Fenster kommt ein Luftzug. Aber die Konstruktion dieser sonderbaren Galaxie trotzt allen physikalischen Gesetzmäßigkeiten und bewegt sich nicht. Je länger ich das Gebilde ansehe, desto verstörender wirkt es. Beängstigend und gleichzeitig in den Bann ziehend. Eine kreiselnde Albtraumspirale, die mich hypnotisiert und willenlos macht. Aber vielleicht täusche ich mich auch, und bei dieser Erscheinung handelt es sich nur um eine Spiegelung oder um komplette Imagination.

Da ich meine Brille nicht aufhabe und sehr stark kurzsichtig bin, sehe ich alles verschwommen. An diese verschobene Wahrnehmung bin ich gewöhnt und sie beunruhigt mich nicht weiter. Was mich jedoch irritiert, ist die Tatsache, dass ich in dem Bett, in dem ich liege, um meine eigene Achse wirble. Wie ein Grillhähnchen oder ein Quirl, der waagerecht gehalten wird. Anscheinend muss man mich mit Gafferband an meine Liege gebunden haben, denn sonst würde ich bei den stetigen 360-Grad-Drehungen ja herausfallen.

Manchmal werde ich im Schneckentempo gewendet und dann wieder blitzschnell wie in einer Zentrifuge. Diese Rhythmuswechsel haben zur Folge, dass mir derart übel ist, als würde ich mich auf einem Fischerboot befinden, das zu kentern droht. Die verzweifelt abgesetzten SOS-Funksprüche bleiben jedoch unerhört.

Als die Maschinerie, in die ich eingeschnallt bin, für einen Moment auf niedriger Stufe läuft, sehe ich, wie aus den Kugeln über mir ein Reh herunterschwebt und vor mir liegen bleibt. Es ist blutüberströmt und brüllt markerschütternd. Beide Vorderläufe sind gebrochen. Aus der rechten Flanke quellen Gedärme. Es hat schwere innere Verletzungen. Das Tier versucht, auf die Beine zu kommen. Aber es sackt wieder und wieder in sich zusammen, unfähig zu fliehen, gefangen in der eigenen Ausweglosigkeit.

Mit einem scharfen Messer schneide ich dem Bock den Bauch der Länge nach auf und lege mich vorsichtig in ihn hinein. Dort ist es warm. Ich bin wohlig ummantelt. Irgendwie weniger allein. Das Reh beginnt, ruhiger zu atmen. Unsere Herzschläge gleichen sich allmählich an. Wir verschmelzen, werden zu einer Symbiose, und ich denke: „Zuhause, das bist immer nur du.“ Merkwürdig, dass mir diese Fynn-Kliemann-Textzeile gerade jetzt in den Sinn kommt. Während ich noch darüber grübele, warum mir kein Zitat eines anerkannten Poeten einfallen will, ist ein unterdrücktes Glucksen zu vernehmen. Das Tier flüstert: „Du kitzelst. Von innen.“ Ich rolle mich behutsam zusammen, sodass die Knie meine Stirn berühren. „Ist es jetzt besser?“, frage ich. „Das wäre dann die Embryonalstellung. Ich könnte mich auch so platzieren, dass mein Kopf weiter links liegt, aber dann würde ich dein Herz berühren und ich möchte das bisschen Leben, das noch in dir steckt, nicht gefährden.“ Das Reh nickt und fügt beinah unhörbar hinzu: „Alles gut. Aber kannst du bitte etwas weniger reden? Das macht den Moment kaputt.“ Das darauffolgende Schweigen entwickelt den tiefen Frieden, der im Inneren eines frisch gelegten Eis herrscht, gepaart mit dem Rauschen der Gezeiten.

Dann blitzt plötzlich ein grelles Licht auf. Hektische Schritte und eine ins Schloss fallende Tür. Hände berühren meine Schulter. Minimale Schüttelimpulse eines landenden Kolibris. Eine extrem verlangsamte Stimme bohrt sich in mein Bewusstsein: „Herr Sommer, können Sie mich hören?“ Die Frage wird wiederholt, aber es scheint, als würde sich die Person dabei immer weiter entfernen, bis schließlich nur noch ein sanftes Surren durch den Raum weht. Das Reh ist auf einmal verschwunden und ich stehe nackt in einem Himmelsraum, in dem es keine Richtungen mehr gibt. Nur bruchstückhafte Erinnerungen. Die Vögel beginnen, rückwärts zu singen.

1979. Ich bin zwölf Jahre alt und trage stolz mein erstes Fan-T-Shirt. Mit Textilstiften habe ich in unterschiedlich großen Buchstaben den Bandnamen „Bay City Rollers“ gekritzelt. Mein Vater öffnet mir die rechte Hintertür des nagelneuen VW-Golfs. Grünmetallic. Er ist mir beim Anschnallen behilflich, dann startet er den Wagen. Testfahrt über Land. Die Polster, der Deckenhimmel und die Konsolen haben noch diesen überhygienischen Geruch. Ein Gemisch aus Chemiefabrik und der Textilabteilung eines Kaufhauses. „Der Motor muss langsam eingefahren werden und es ist wichtig, dass man ihn in den ersten Monaten sorgsam behandelt“, verkündet mein Vater. „Ab und an sollte man ihn mit Superbenzin betanken, das ist dann eine Wellnesskur für die Ventile und Zylinder.“ Mein Vater erzählt mir alles, was er über den Umgang mit Neuwagen gehört oder gelesen hat. Seine Begeisterung ist ansteckend, auch wenn ich nicht alles verstehe. Dann ebbt die Unterhaltung ab. Mein Vater scheint sich aus der Gegenwart zu verabschieden und konzentriert sich nur noch auf die Schaltvorgänge und den Verkehr.

Dabei verliert er aber immer wieder die Kontrolle über das Fahrzeug. Er driftet langsam über die Mittellinie, korrigiert dann diese Unachtsamkeit, um wenige Augenblicke später beinahe im Straßengraben zu landen. Permanent mutet es an, als würde er in einen Sekundenschlaf fallen, wieder erwachen, sich verwirrt orientieren, um dann abermals den Kopf auf die Brust sinken zu lassen.

Ich kann nicht einordnen, was da gerade vor sich geht, aber ich spüre, dass dieser Mix aus Schlangenlinien und heftigem Bremsen nichts Gutes verheißen kann. In einer Kurve lenkt mein Vater dann, ohne Not, in den Gegenverkehr. Ein lauter Knall. Metall reibt sich an Metall. Das Auto wird hin und her geschleudert, windet sich um die eigene Achse und kommt mitten auf der Fahrbahn zum Stehen. Noch bevor der Schock in meinen Vater einfahren kann, dreht er sich nach mir um und ruft: „Michi, geht es dir gut?“ Ich bin so verdattert, dass ich nur nicken kann. Der Wagen ist schwer demoliert und hat innerhalb von wenigen Sekunden erheblich an Wert verloren, aber uns ist nichts passiert. Wenig später trifft ein Streifenwagen ein. Um bei den polizeilichen Nachforschungen keinen Verdacht zu erwecken, zieht mein Vater geistesgegenwärtig den Blister mit den restlichen Schlaftabletten aus der Brusttasche seines Hemdes und versteckt ihn im leeren Handschuhfach. Er beugt sich zu mir runter, streichelt mir über den Kopf und sagt: „Wenn die Polizisten fragen, ob dir etwas aufgefallen ist, dann sag bitte nichts. Zur Belohnung bekommst du dann auch was.“ Ich nicke wieder. Als die Männer mit den Mützen mich separat vernehmen, zittere ich etwas, verliere aber kein Wort darüber, dass diese Tabletten zu unserem Alltag gehören und dass ich es eigentlich ganz lustig finde, wenn ich hin und wieder dabei helfe, unseren in Seifenblasen schwebenden Vater die Treppe hochzuziehen. Der Unfall hat keinerlei Konsequenzen. Ich bekomme fünf Mark, kann mir davon viermal die „Bravo“ kaufen und Teile des Starschnitts von „Status Quo“ an die Wand hängen.

Meine Erinnerung, mein Traum, meine Realität oder was immer das ist, wo ich mich gerade befinde, wird jäh unterbrochen. Ich nehme peripher wahr, dass ich umgelagert werde und man mich in einen anderen Raum rollt. Überall ist etwas an mir befestigt oder läuft in mich hinein. Immer wieder werde ich mit Fragen bombardiert: „Herr Sommer, können Sie mir sagen, wo Sie sich hier gerade befinden? Welches Jahr haben wir? Nehmen Sie Medikamente?“ Ich schaffe es nicht, darauf zu antworten. In dem Moment, in dem diese Worte an mein Ohr dringen, lösen sie sich schon wieder auf und mutieren zu einem seltsamen Kauderwelsch. Ich bekomme eine Art Maske auf Mund und Nase gesetzt. Ich atme tief ein und spüre bald eine wunderbare Leichtigkeit.

Für eine Weile werde ich umringt von drei weiblichen Amazonen, unter deren eng anliegenden Lederpanzern sich außerordentliche Proportionen erahnen lassen. Sie sind fixiert auf meine Achselhöhlen und untersuchen die gekräuselten Haare. Alsbald verlieren sie das Interesse und schließen sich einem Trupp Feuerwehrmännern an, die auf Dali-Wesen mit endlos langen Beinen vorbeireiten.

Dann finde ich mich übergangslos am Schreibtisch in meinem Jugendzimmer wieder. Ich bin achtzehn Jahre alt. Es ist weit nach Mitternacht. Nachdem ich auf einer Party literweise Bier getrunken und ein paar Züge von einer Marihuana-Zigarette geraucht habe, fährt mich eine Freundin nach Hause. Jetzt tippe ich auf einer Kugelkopf-Schreibmaschine wirre Texte.

„Ich habe dich eingeatmet, als du geschlafen hast. Langsam verdampft das Zimmer. Ich falle schon. Diese Luft, ich gebe sie nicht mehr her.“ Oder ich steigere mich in Gedankengebilde wie dieses hinein: „Als hätte er noch nie geschienen, so scheint er heut, der alte Mond. Wir wollen zu ihm wachsen, ihm unsere Namen nennen, mit den Wolken um ihn toben. Drei Tage lang, mein ganzes Leben, nehme ich dich in meinen Arm.“

Weil ich der Meinung bin, dass der aktuelle Vollrausch noch nicht ausreicht, um auf die absolute Wahrhaftigkeitsebene zu gelangen, schütte ich mir weitere Gläser einer...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.