Sommer | gerade mal Halbzeit | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 204 Seiten

Sommer gerade mal Halbzeit


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-9324-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 204 Seiten

ISBN: 978-3-7534-9324-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ellen Herbst ist Ende 40 und wird von Selbstzweifeln und der Frage nach dem Sinn ihres Lebens und ihrer Ehe geplagt. Ihre lebenshungrige, egozentrische Freundin Louise überredet sie zu einem Kurztrip nach Wesum, auf die Insel, auf der beide zusammen aufgewachsen sind. Nach etlichen Ansprachen und Bemerkungen ihrer überheblichen Freundin ist sich Ellen schnell sicher, dass ihre Ehe am Ende und sie hoffnungslos alt und überflüssig ist. Dann trifft sie ihre Jugendliebe wieder. Die Gefühle flammen sofort wieder auf. Auf beiden Seiten. Ist das eine glückliche Fügung für einen wunderbaren Neuanfang? Oder spielt ihr nur die Torschlußpanik einen Streich, die viele Frauen nach der `Halbzeit´ überfällt? Der Hunger nach Abenteuer und Leidenschaft macht es ihr schwer, klar zu sehen. Dann überschlagen sich die Ereignisse und schließlich beginnt auch Louises Fassade zu bröckeln. Womöglich ist doch nicht alles Champagner, was sprudelt...?!

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-2-


In der Praxis angekommen, wurde Ellen herzlich von Sprechstundenhilfe Birgit empfangen.

„Schön, dich mal wieder zu sehen. Dein Herr Doktor hat noch eine Patientin, dann könnt ihr gleich los.“

„Alles klar, vielen Dank! Ich bin auch etwas in Eile.“, erwiderte Ellen. „Ich möchte heute noch nach Hause auf die Insel fahren und Holger weiß noch gar nichts davon.“

„Oha, ist was passiert? Oder warum muss das so plötzlich sein?“

„Nein. Zumindest nicht, dass ich wüsste. Das ist mal wieder eine von Louises Spontanaktionen.“, erklärte Ellen, setzte sich auf einen Stuhl im leeren Wartezimmer und wühlte in den Zeitschriften.

Birgit lehnte sich an den Türrahmen und verschränkte die Arme.

„Also, beim besten Willen, kann ich nicht verstehen, dass du mit dieser schrecklichen Person befreundet bist.“

„Ich weiß, Birgit. Aber, wie ich schon so oft erzählt habe, ist sie nun mal meine älteste Freundin und die einzige, die ich noch von der Insel habe. Als sie damals nach der Schule auch nach Hamburg gekommen ist, habe ich mich riesig gefreut. Sie hatte hier nur mich. Wir hatten eine Wohnung zusammen und auch das hat wirklich gut geklappt.“

„Ja klar!“, sagte Birgit und ging wieder hinter ihre Theke.

„Weil du zu gut bist für diese Welt.“

Ellen lachte. „Das nehme ich jetzt mal als Kompliment!“

Die Sprechzimmertür ging auf. Arzthelferin Helene und die Patientin kamen heraus und begrüßten Ellen freundlich.

„Das ist übrigens auch so eine!“, flüsterte Birgit Ellen zu. „Bei der müssen wir auch vorsichtig sein. Die ist scharf auf deinen Doktor!“

Ellen lachte und verdrehte die Augen. Birgit tratschte für ihr Leben gern und sah überall Skandale. Außerdem, so glaubte Ellen, war sie selbst schon seit Jahren ein bisschen verliebt in ihren Chef und daher grundsätzlich auf jede neue Kollegin eifersüchtig.

Dann folgte auch Holger. Ellen liebte seinen Anblick, wenn er den weißen Arztkittel trug. Er war immer noch ein attraktiver Mann. Bis auf einen leichten Bauchansatz hatte er seine gute Figur erhalten und auch sein Haar war zwar leicht grau, aber keines Falls weniger geworden.

Er holte seine Jacke aus dem Schrank, gab Ellen einen Kuss und schob sie mit einem „Bis gleich!“ aus der Tür.

„Du hast es aber eilig.“, wunderte sich Ellen, „Hast du so großen Hunger?“

„Allerdings! Und ich freu mich riesig, mal wieder mit dir essen zu gehen.“, antwortete Holger und nahm sie in den Arm.

Als die beiden im Restaurant ihre Bestellung aufgegeben hatten, erklärte Holger seiner Frau noch einmal, wie sehr er sich freute, dass sie diese Idee gehabt hatte.

„Vielleicht sollten wir diese Mittagssache sowieso mal überdenken. Es kommt meistens doch eh keiner mehr zum Essen nach Hause.“, meinte er.

Ellen durchfuhr ein kurzer Stich, den sie sich eigentlich nicht wirklich erklären konnte. Und obwohl sie selbst auch schon den Gedanken hatte, das tägliche Kochen aufzugeben, stieg Wut in ihr auf.

„Also, heute haben sich gleich zwei Leute beschwert, dass es kein Essen gab und außerdem … noch geht Jan zur Schule und braucht eine vernünftige Mahlzeit, wenn er nachhause kommt. Wenn du dich lieber rumtreibst, statt bei deiner Familie zu essen: Bitte!“ Beleidigt nahm sie einen hastigen Schluck aus dem Glas.

Holger sah sie verwundert an.

„Ich dachte, du freust dich, wenn du kein Essen mehr machen musst. Eigentlich dachte ich sogar, dass du nur darauf wartest…“

„Um dann was zu tun?“

„Ja, keine Ahnung! Was Frauen so machen… ähm…“

Ellen sah Holger erwartungsvoll an. Oder vorwurfsvoll? Er konnte es nicht deuten.

„Mehr Zeit für dich selbst? Oder ein nettes Hobby?“

„Ich hab kein Hobby!“, brummelte Ellen.

„Na, da lässt sich ja drankommen. Was machen denn die anderen so, mit denen du gern zusammen bist?“

„Die arbeiten oder haben sonst irgendwelche sinnvollen Aufgaben.“

„Also, wenn du willst, such dir einen Job. Ich hätte nichts dagegen.“

„Mit Ende vierzig?“

„Du wärst nicht die erste, die in dem Alter wieder in den Beruf einsteigt.“

„Wenn ich einen hätte, würde ich das gerne tun. Ich könnte natürlich kellnern gehen. Das wäre ein Traum!“

„Ach Ellen, dass du damals dein Studium abgebrochen hast, war deine freie Entscheidung.“

„Ich weiß. Ich dachte irgendwie, ich hätte noch so viel Zeit…“

Das Essen kam. Eine Zeit lang aßen beide still vor sich hin.

„Warum genau habe ich heute die Ehre, dass du mich zum Essen abholst?“, fragte Holger dann vorsichtig.

„Das mit dem Kochen hat heute … zeitlich alles nicht so gepasst. Und ich habe was mit dir zu besprechen. Louise will mit mir auf die Insel. Heute Nachmittag.“

„Tse typisch! Da hätte sie dich nicht vorgestern schon mal nachfragen können?“, meinte Holger amüsiert.

„Du kennst sie doch! Was sie sich in den Kopf setzt muss gleich passieren. Sie hat alles schon gebucht. Für drei Tage. Was sagst du?“

„Natürlich kannst du mitfahren. Von mir aus gerne. Ich komm schon klar.“

Als Ellen keine Miene verzog, schob er schnell hinterher:

„Jan kann doch vielleicht bei deinen Eltern essen und wenn mein Hunger zu groß wird, lade ich mich auch einfach da ein. Und in drei Tagen können wir im Haushalt auch nicht so viel Schaden anrichten.“

Um die Stimmung etwas aufzulockern, erzählte Holger von seiner Arbeit. Er erzählte viel und Ellen hörte zu.

Er war ganz süß, wenn er so redete. So gut gelaunt. Erzählte er zuhause auch so viel? Wahrscheinlich nicht, weil Ellen immer irgendwas zu tun hatte und weil immer jemand kam oder ging. Oder hörte sie zuhause einfach nicht so zu? Vielleicht sollte man sowas doch mal öfter machen. Sich woanders treffen. Ob sie Holger dann wieder ganz anders wahrnehmen würde? Vielleicht würden ihre Gefühle zu ihm wieder leidenschaftlicher. Waren sie denn überhaupt noch leidenschaftlich? Wenn Ellen ihren Alltag verändern würde, wäre das gut für die Beziehung? Oder würden am Ende Missstände aufgedeckt, die besser unerkannt geblieben wären?

„…oder warum will sie jetzt so plötzlich auf die Insel? Ellen? Hörst du mir überhaupt zu?“

Ellen schreckte aus ihren Gedanken: „Was? Ja klar. Wie war die Frage?“

„Ob Louise und Martin wieder Stress haben.“, wiederholte sich Holger.

Ellen verteilte den Rest aus der Wasserflasche gerecht auf ihre beiden Gläser.

„Ich weiß es nicht. Ich glaube, sie will einfach mal wieder unter andere Leute.“

„Hoffentlich nicht im wahrsten Sinne des Wortes!“ Ellen sah ihren Mann böse an.

„Wirklich!“, sagte Holger weiter, „Manchmal habe ich Martin gegenüber immer noch ein schlechtes Gewissen, dass wir ihm Louise damals vorgestellt haben. Er hatte auch einige treue und pflegeleichtere Mädels zur Auswahl. Aber sie hat ihn sich einfach genommen. Jetzt hat er den Salat.“

„Naja, da gehören ja immer zwei zu“, antwortete Ellen.

„Nicht bei Louise. Die nimmt sich immer, was sie will.“

„Ich glaube, bei ihm lief das auch nicht ganz selbstlos. Für ihn war die Heirat mit Lou immerhin ein riesiger Karrieresprung.“

„Ich weiß nicht.“, meinte Holger, „so ganz ist der Plan noch nicht aufgegangen, soweit ich weiß. Die Anwaltskanzlei von Louises Vater heißt auch nach seinem Tod noch `Hambacher und Partner´ und nicht `Kramer´, wie er und Louise. Ich glaube, er ist nach wie vor nur angestellt.“

„Am Hungertuch nagen sie jedenfalls nicht. Außerdem arbeitet Louise ja auch noch erfolgreich als Galeristin. Er hat schon in eine sehr angesehene Familie geheiratet. Ein gemachtes Nest, würde ich sagen.“

„Das stimmt.“, sagte Holger, als ihm die Rechnung vorgelegt wurde. „Außerdem sieht sie ja auch echt immer gut aus. Und, auch wenn´s ne Stange Geld kostet, sie wirkt zehn Jahre jünger als sie ist.“

Holger blätterte in seinem Portemonnaie, suchte das Geld zusammen und führte dabei fort:

„Da geht sicher auch eine Menge Zeit bei drauf. Da braucht man dann kein Hobby. Immer top gestylt, die Haare schön, die Nägel gepflegt…aber hübsch war sie ja schon immer…Da wird eben auch jetzt noch so mancher Kerl mal schwach.“

Jetzt hatte er das Geld zusammen und sah zum Kellner auf.

„65 Euro, bitte. Stimmt dann so!“

„Danke!“, sagte der Kellner leise und deutete mit seinen Augen auf Ellen. Darauf sah Holger in ihr fassungsloses Gesicht.

„Was ist?“, fragte er.

„Soll das ein Vorwurf sein? Oder ein Geständnis?“ Der Kellner drehte schnell...



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