Sonnenberg | Die Erben der Toten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Sonnenberg Die Erben der Toten

Mord, Steuerbetrug und unerwartete Vermögen. Erlebnisse eines Testamentsvollstreckers | Ein Nachlasspfleger berichtet von seinen spannendsten Fällen | True Crime
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7453-2631-4
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mord, Steuerbetrug und unerwartete Vermögen. Erlebnisse eines Testamentsvollstreckers | Ein Nachlasspfleger berichtet von seinen spannendsten Fällen | True Crime

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-7453-2631-4
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wo andere vom großen Erbe träumen, beginnt für Marcel Sonnenberg die Arbeit: Als Nachlasspfleger und Testamentsvollstrecker wird er gerufen, wenn Erbschaften kompliziert, undurchsichtig oder gefährlich werden. Mit Witz und Scharfsinn gewährt er nun Einblicke in die kuriosesten und brisantesten Fälle seiner Laufbahn. Ob Mordverdacht, plötzlich auftauchende Erben oder jahrelange Steuervergehen - Sonnenberg ist nicht nur Anwalt, sondern auch Krisenmanager und Vermittler in einem hochexplosiven Umfeld. In packenden Geschichten zeigt er, wie gravierend sich Familienmitglieder für ein paar Münzen zerstreiten können, aber auch, wie eine Erbschaft reibungslos organisiert werden kann. Eine lohnende Lektüre für alle, die von unerwarteten Erbschaften träumen - und für jene, die sich fragen, ob sie diesen Wunsch vielleicht lieber aufgeben sollten.

Katja Miti? arbeitet seit fast 30 Jahren als Journalistin. Sie hat Politikwissenschaften in Bonn studiert und eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München abgeschlossen. Seit 2006 arbeitet sie für »Die Welt«, derzeit als verantwortliche Redakteurin im Ressort »Nachrichten und Gesellschaft«. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin. Marcel Sonnenberg, Jahrgang 1972, studierte an der Universität Gießen Jura und ist seit 2000 als Rechtsanwalt tätig. Seit 2009 arbeitet er als Nachlasspfleger in Hessen und den angrenzenden Bundesländern und kümmert sich in dieser Funktion um das Erbe von Verstorbenen ohne Angehörige. Er lebt mit seiner Ehefrau und zwei Kindern in einer hessischen Kleinstadt.
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Unerwartetes Vermögen und geldgierige Erben


Stellen Sie sich vor, in Ihrem Briefkasten steckt eines Tages Post von einem Nachlasspfleger, vielleicht von einem Rechtsanwalt wie mir. »Was will der denn?«, fragen Sie sich vermutlich, reißen neugierig das Kuvert auf und lassen Ihre Augen über die Zeilen fliegen. In dem Schreiben steht, dass jemand, dessen Name Ihnen bis zu diesem Zeitpunkt vollkommen unbekannt war, seit Kurzem nicht mehr lebt. Eine Person wie Anne Rose, die vor ein paar Jahren in einem Pflegeheim kurz vor ihrem 100. Geburtstag gestorben ist. Sie besaß ein Vermögen, von dem sie vermutlich selbst nichts ahnte und hatte obendrein keine direkten Erben. Und deshalb steht in diesem Schreiben nun, dass eine bislang nicht näher genannte Summe in einer Erbengemeinschaft aufgeteilt werden muss. Und zu der gehören nun auch: Sie.

Na, wird gerade ein Traum wahr? Ich weiß, was Ihnen jetzt durch den Kopf geht. Denn ich bin derjenige, der Ihnen das Geld überweisen wird.

Jedes Jahr werden in Deutschland bis zu 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt. Reiche Erben erben reich, heißt es. Und in der Tat entsteht größerer Reichtum laut Studien oft erst durch einen Nachlass. Statistisch gesehen beläuft sich in Deutschland zwar jede Erbschaft durchschnittlich auf »nur« etwa 305 000 Euro, bei jeder 50. Testamentseröffnung geht es aber bereits um mehr als eine Million Euro. Auch deshalb wünschen sich viele eine unbekannte Erbtante wie Anne Rose, die einen aus heiterem Himmel ein sorgenfreies Leben beschert. Doch so einfach, wie man sich das vorstellt, ist es wie schon erwähnt dann meist auch wieder nicht.

Die Akte von Anne Rose war bemerkenswert dünn. Es gab nur wenige Informationen über das Leben der Verstorbenen. Das Dorf, in dem sie geboren worden war, liegt an einem von Hessens schönsten Wanderwegen. Es gibt dort einen Rathausplatz mit Fachwerkhäusern und ein Café, in dem sich die Touristen gerne ausruhen und die Kulisse fotografieren. Anne Roses Eltern hatten an Rande dieses Dorfes einen Bauernhof bewirtschaftet, der sich seit Generationen im Familienbesitz befand. Ein hell gestrichenes Hauptgebäude mit Fensterläden, ein Vorgarten mit Holzbank und Zaun, dazu zwei große Seitenflügel, die einst als Ställe dienten. Die Einfahrt zum Hof wurde verschlossen von einem schweren Holztor, das man zur Seite aufschieben musste. Es war so hoch, dass eine mit Heu beladene Kutsche hindurchpasste, um zur Scheune zu gelangen.

In einem der Schlafzimmer dieses Hofes war Anne Rose mit ihrer Zwillingsschwester zur Welt gekommen, ausgerechnet in einem Rekordwinter, bei dem es über Wochen kälter als minus 20 Grad war und die Grippe grassierte. Die Zwillinge müssen sich schon als Babys so ähnlich gesehen haben, dass ihre Eltern auf die kuriose Idee kamen, sie auch auf fast identische Namen taufen zu lassen: Die eine hieß Anne Lore, die andere Anne Rose. Das hatte den Vorteil, dass man nur einen Namen rufen musste, wenn man die beiden schon nicht auseinanderhalten konnte, erklärte ich mir diese Entscheidung und sah zwei kleine Mädchen mit blonden Zöpfen wie bei Erich Kästners Doppeltem Lottchen vor mir, die alle an der Nase herumführten. Ein Blick in Anne Roses Akte bestätigte meine Vermutung. Es gab ein schwarz-weißes Familienfoto, das die Zwillinge mit ungefähr 20 Jahren zeigt: Zwei junge Frauen in knielangen Röcken und weißen Blusen lächelten den Betrachter an. Es war, als sähe man doppelt. Die beiden glichen sich wie ein Ei dem anderen – bis auf die Haarfarbe. Die eine war heller als die andere. Die Zwillinge umrahmten ihre Mutter, eine zahnlose Frau mit verhärmten Zügen, ganz in Schwarz gekleidet. Eventuell war das Bild kurz nach dem Tod von Anne Roses und Anne Lores Vater gemacht worden. Er war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach einem medizinischen Notfall gestorben, wie der Arzt in seiner Sterbeurkunde festgehalten hatte. Vermutlich waren es die Nieren. So alte Bauernhäuser sind oft zugig und nur schwer zu heizen, dachte ich nur.

Der Tod des Vaters muss ein schwerer Schlag für die Familie gewesen sein, denn die Mutter war von diesem Zeitpunkt an allein mit ihren Kindern. Die Zwillinge mussten deshalb höchstwahrscheinlich gemeinsam mit ihrem Bruder, der ein paar Jahre älter gewesen war, noch mehr mit anpacken als vorher. Ställe ausmisten, Kühe melken, Tiere versorgen, Gemüse aus dem Garten ernten und einkochen. Es war das einfache Leben von Selbstversorgern im Rhythmus der Jahreszeiten. Vielleicht verpassten die drei Geschwister deshalb den Zeitpunkt, eigene Familien zu gründen. Oder es fehlten geeignete Kandidaten, die sich auf so ein bäuerliches Leben einlassen wollten. Möglicherweise waren sich die Geschwister aber auch selbst genug und jede außenstehende Person hätte das fein austarierte Familiengefüge gestört. Auf den Gedanken kam ich, als ich bei meinem Rundgang durch den Hof Anne Roses Schlafzimmer betrat. In dem Raum standen zwei schwere Holzbetten aus den Fünfzigerjahren, ganz nah beieinander. Die Bettbezüge sahen identisch aus, bis auf einen winzigen Unterschied: Das eine hatte rosafarbene Blümchen, das andere orange – wieder war es nur eine farbliche Nuance, die die beiden unterschied. Anne Rose hatte offenbar auf der linken Seite der Betten geschlafen, denn ihre schwarzen Socken lagen noch auf der Decke. Selbst als ihre Schwester nicht mehr lebte, hatte sie noch ihr Bett gemacht.

Die beiden Schwestern hatten zum Schluss völlig allein in diesem alten Haus gewohnt. Ihre Mutter war in den Siebzigerjahren gestorben, kurz vor der Jahrtausendwende auch der ältere Bruder. Über die Jahre war das Vieh längst verkauft worden, der Garten fing an, zu verwildern. Gelegentlich fuhren die Zwillinge mit einem alten Wagen, den ich in der Garage fand, zum Einkaufen oder zum Arzt. Sie versorgten sich offenbar bis ins hohe Alter selbst, wie mir Nachbarn berichteten. Viel Geld gaben die Schwestern dabei nicht aus. Wenn, dann nur für das absolut Nötigste, stellte ich beim Blick in ihre Kontoauszüge fest, die ich mir nach dem Tod von Anne Rose von der Bank hatte schicken lassen. Geheizt wurde mit Öl, verriet mir eine der letzten Rechnungen. Mich würde aber nicht wundern, wenn sie stattdessen lieber den Holzofen angefeuert hatten, der in der Küche stand. Ganz so, wie sie es schon in den Vierzigerjahren gemacht hatten.

Doch das Unausweichliche konnte nicht aufgehalten werden: Kurz vor ihrem gemeinsamen 99. Geburtstag musste Anne Rose ihre Schwester begraben. »Trennung ist unser Los, Wiedersehen unsere Hoffnung«, hieß es in einer Todesanzeige der Lokalzeitung, die ich in ihren Unterlagen fand. Die Schwester verabschiedete sich in »tiefer Dankbarkeit« von ihrem Zwilling – für die vielen gemeinsamen Jahre.

Nach dem Tod ihrer Schwester war Anne Rose komplett auf sich gestellt. Bald verschlechterte sich auch ihr Gesundheitszustand. Sie wurde zunehmend dement. Mehrfach wurde sie von ihrem Hausarzt ins Krankenhaus eingewiesen, wo der Sozialdienst dafür sorgte, dass sie einen Betreuer erhielt. Der sollte einen Pflegedienst engagieren, damit die Frau zu Hause bleiben konnte. Doch dann ging plötzlich alles ganz schnell: Anne Rose verletzte sich und musste in ein Heim. Kurz vor ihrem 100. Geburtstag, nicht einmal ein Jahr nach dem Tod ihrer Schwester, starb die alte Dame. Dabei hatte sie gehofft, bis zum Schluss auf dem elterlichen Hof bleiben zu dürfen, wie sie in ihrem Testament geschrieben hatte. Zum Glück war das Familiengrab durch den Tod der Schwester um weitere 25 Jahre verlängert worden, so konnte Anne Roses Urne dort ebenfalls bestattet werden. Nun waren wieder alle beisammen, wenn auch auf dem Friedhof, dachte ich. Für Anne Rose hatte allerdings niemand mehr eine Traueranzeige aufgegeben. Denn es gab niemanden mehr.

Nach dem Tod seines Pfleglings übergab der Betreuer die Akte von Anne Rose dem Gericht, das wiederum mich beauftragte, ihr Erbe abzuwickeln. Der Rechtspfleger fand bei einer ersten Recherche nämlich heraus, dass es zwar ein Testament gab, in dem die alte Dame jedoch eine Überraschung für die Nachwelt bereithielt: Für den Fall ihres Todes hatte Anne Rose ihre Zwillingsschwester zur Alleinerbin erklärt und zugleich ausdrücklich ihre einzigen noch bekannten Angehörigen – die Nachfahren eines bereits verstorbenen Cousins – ausgeschlossen. Das Problem war bloß: Die Schwester war ja vor Anne Rose verstorben und die einzigen noch bekannten Verwandten, die nach der gesetzlichen Erbfolge erbberechtigt wären, sollten nichts erhalten. Wem also stand jetzt Anne Roses Vermögen zu?

Dass die alte Dame die gesetzliche Erbfolge außer Kraft setzte, ist juristisch erlaubt. In Deutschland gibt es die sogenannte Testierfreiheit: Jeder darf selbst bestimmen, wer etwas im Fall seines Todes vom Kuchen abbekommen soll und wer nicht. Um gültig zu sein, muss ein Testament handschriftlich verfasst und mit Datum sowie Unterschrift versehen sein. Ich bin ein großer Freund davon, dass Testamente so unmissverständlich wie möglich formuliert sind, um so wenig Interpretationsspielraum wie möglich zu bieten. Am besten wird das Testament dann noch notariell beglaubigt und beim zuständigen Gericht hinterlegt, so ist man wirklich auf der sicheren Seite, wie Anne Rose in diesem Fall. Nur hatte sie ihr Testament offenbar nach dem Tod ihrer Schwester nicht mehr aktualisiert. Ich vermute, dass die Frau ganz andere Probleme hatte, als sich Gedanken um ihr Erbe zu machen – und deshalb war ihr Testament, auch wenn veraltet und etwas kompliziert, aus Sicht des Gerichts weiterhin gültig. Meine Aufgabe war also: Erben finden.

Was Anne Rose dabei vermutlich...


Katja Mitic arbeitet seit fast 30 Jahren als Journalistin. Sie hat Politikwissenschaften in Bonn studiert und eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München abgeschlossen. Seit 2006 arbeitet sie für »Die Welt«, derzeit als verantwortliche Redakteurin im Ressort »Nachrichten und Gesellschaft«. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Marcel Sonnenberg, Jahrgang 1972, studierte an der Universität Gießen Jura und ist seit 2000 als Rechtsanwalt tätig. Seit 2009 arbeitet er als Nachlasspfleger in Hessen und den angrenzenden Bundesländern und kümmert sich in dieser Funktion um das Erbe von Verstorbenen ohne Angehörige. Er lebt mit seiner Ehefrau und zwei Kindern in einer hessischen Kleinstadt.



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