E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Soppa Mirmar
2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8412-3221-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-8412-3221-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein atmosphärisches Debüt über eine ungewöhnliche Mutter-Tochter-Beziehung.
In »Mirmar« halten sich Mutter und Tochter mit Untervermietungen ihrer Wohnungen, digitalen Aushilfsjobs und einer Massageliege über Wasser. Bis die Mutter eines Tages verschwindet. Die Tochter vermutet sie an einem Stück Strand am Meer, wo sie mit anderen Frauen in Unterkünften von ehemaligen Pauschalreiseanbietern leben soll. Sie macht sich auf die Suche. Auf ihrer Reise erinnert sie sich an die Mutter, ihre Ängste und Sehnsüchte, das prekäre, brüchige Leben, dem sie sich mit großem Mut gestellt hat, und trifft auf eine Bewegung von Frauen, die am Meer in einem Kollektiv zusammenfinden und ein Leben jenseits von Carearbeit, Altersarmut und erfahrener Ungleichheit erproben.
»Ein faszinierendes und hellsichtiges Debüt. Die berührende, sprachlich eindringliche Mutter-Tochter-Geschichte zeigt Solidarität unter Frauen als möglichen Ausweg aus einer von Kapitalismus und Ausbeutung erschöpften Welt. Großartig!« Verena Güntner.
»Soppas Held:innen leben und lieben im Stakkato, zwischen Job, Jobverlust und Altersarmut. Doch so erschöpft sie auch sind, so frisch liest sich dieses Debüt. Die Frauen sind bereit für den Traum von einem Ozean-Kollektiv.« Daniela Dröscher.
Josefine Soppa, geboren 1988 in Oberhausen, lebt in Leipzig. Sie studierte Philosophie der Künste und Medien in Dresden und Hildesheim. 2020 erhielt sie den Prosapreis des open mike und war Stipendiatin der Jürgen-Ponto-Stiftung. »Mirmar« ist ihr Debütroman.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Bevor die Privatisierung der Privatisierung losging, bekamen meine Mutter und ich es durch die Buchungen hin. Ich verwaltete unsere beiden Buchungskalender, wir besuchten uns häufiger, als es gut für uns war, weil wir gierig wurden.
Weil wir es nicht glauben konnten, dass wir mit etwas, was wir nicht besaßen, Geld verdienen konnten. Wenn sie in meiner Stadt war, vermieteten wir ihre Wohnung, wenn ich bei ihr war, meine. Da wir beide nur Ein-Zimmer-Wohnungen hatten, konnten wir nicht vermieten, während wir selbst anwesend waren. Aber ich weiß, dass wir beide die Optionen durchgingen, dass wir am liebsten solange spazieren gegangen wären, während einer mietet, den Atem angehalten hätten, während einer mietet, nur um dann begeistert zu sein, dass wir nur unentwegt spazieren gehen mussten, nur unentwegt den Atem anhalten mussten, um Geld zu bekommen. Dass wir keinen Besitz, nur Dauer oder Zähigkeit brauchten und uns arrangieren können mussten.
Es blieben immer Dinge übrig. Kabel, Unterwäsche, Notizen, Verpackungsmüll von selten gesehenen Marken, Kerne von Obst, die eingewickelt in Taschentüchern auf dem Nachttisch lagen, eilig Weggesaugtes von einem Malheur, das wir im Inneren des Staubsaugers nachvollziehen konnten. Einmal ein kompletter Anzug, den meine Mutter sorgfältig zusammenlegte, um ihn in ihrer Stadt eine Zeit lang täglich zu tragen.
Als ihre Rente gestrichen wurde, versuchten wir es mit Messeeinsätzen. Wir machten Messe in meiner Stadt, während wir die Wohnung in ihrer Stadt vermieteten. Auf den Porträtbildern, die sie mir zur Weiterleitung an die Agentur gesendet hatte, sah sie zehn Jahre jünger aus, als hätte sie die Bilder schon länger in petto gehabt. Für die Agentur war es praktisch, dass wir im Doppelpack kamen, wir fühlten uns familiär, wenn die Einsatzleiter*innen uns selbstverständlich zusammen einteilten und die Kommunikation über mich ging. Meine Mutter musste keine hohen Schuhe tragen, wir hatten dieselbe Größe bei den T-Shirts, die entweder mit den Namen und Farben der Konzerne, für die die Agentur gebucht war oder mit den Namen und Farben der Agentur, die uns gebucht hatte, bedruckt waren. Manchmal behielten wir die Shirts im Anschluss, und es kam uns vor wie ein Scherz, wenn wir sie gleichzeitig zum Schlafen trugen. Wenn sie in einer anderen Position war als ich, machte ich mir Sorgen, dass sie nicht genügend Pause bekam oder sich nicht traute zu sagen, was sie brauchte. Meistens waren das verschwendete Sorgen, sie konnte viel besser sagen als ich, wenn ihr etwas unangenehm war, wenn sie schon wieder auf Toilette musste, wenn sie an die Kiste mit den Giveaways nicht drankam, und es war kein Problem. Ich sagte ihr Bescheid, wenn sie den Lippenstift erneuern musste, dann trank sie einen Kaffee, wischte die Mundwinkel aus, spiegelte ihren Mund in etwas Vorhandenem, zog die Lippen nach, manchmal biss sie zum Abschluss mit den Lippen auf eine Serviette, in die vorher beispielsweise ein immer gleicher Muffin gewickelt war. Manchmal tat ich es ihr nach.
Die auf kurze Zeit gebauten Stände an den Messen blieben nicht, aber ich wünschte bei jedem Abschluss eines Auftrags, sie würden. Die kleinen Kästen, die eingebauten Treppen zu den Konferenzzimmern für drei Wochen. Die nachgeahmten Büros auf Zeit bei den großen Konzernen mit den nachgeahmten architektonischen Hierarchien. Alles mit den günstigsten Materialien, aber solide verbaut von den wechselnden Teams mit den immer gleichen Vorarbeitern. War der Knick im Teppich nicht schon letztes Jahr genau an dieser Stelle? Ja, aber der Teppich hatte eine andere Farbe, der Konzern ist übernommen worden. Jede Messe brachte neues Wissen: Die besten Butterbrote, die noch nach 5 Stunden in den Rucksäcken schmeckten, die Treppe in der Sonne zum Rauchen, hinter der Box für die Aufbauhelfer*innen, wo unsere Chefin nie hinkam, die Art von Witz, die die Person beim Catering veranlasste, am Ende des Tages Reste für uns einzupacken, hier und da kleine Besorgungen anzubieten, um mal aus den Hallen rauszukommen. Das Wissen um die Nischen wurde von Messe zu Messe erweitert, verfeinert, abgeguckt und abgesichert.
Dann wollten die Messeagenturen meine Mutter nicht mehr buchen, sie verwiesen nicht verklausuliert auf Bedenken oder Regelungen der Konzerne, sie sagten geradeheraus, dass meine Mutter zu alt war. Ich setzte auch ein paar Messen aus, dann sagte meine Mutter, das sei falsch verstandene Solidarität, die ich mir vor allem nicht leisten könnte, und ich antwortete wieder auf die Ausschreibungen, die per Messenger kamen und wie Einladungen zu Junggesellinnenabschieden klangen. Und meine Mutter reiste trotzdem zur Messezeit an, um ihre Wohnung zu vermieten, um in meiner Wohnung zu sein und mir die Butterbrote zu schmieren und meine Laune zu bessern und brachte mich wie ein Rennpferd, auf das keiner setzt, morgens zur Bahn, um im Café an der Haltestelle einen Cappuccino zu trinken und leere Seiten vollzuschreiben, und abends aß sie mit mir die Reste vom Catering, erzählte ihre Beobachtungen vom Café an der Haltestelle, fragte die richtigen Fragen zu den Vorgängen in den Messehallen, bezog sich auf die Personen, die wir beide kannten, und spülte die Gläser und Behälter aus für den nächsten Tag.
Als auch die Vermietungen weniger wurden, weil wir nicht besonders wettbewerbsfähig waren, selbst als wir einen Spätsommer Marmelade einmachten, von dem, was die Sträucher auf den alten Industriebrachen hergaben, die keine Brachen, sondern Naherholungsgebiete geworden waren, die sich verliefen und in denen sich die kleinen Hunde verliefen, übernahm meine Mutter die Zwischenreinigungen und Check-ins für andere Vermieter*innen. Sie war dafür in einer täglichen Logistik, wann sich das Busticket lohnte, wann sie es sich leisten konnte, welche Wohnungen in der Nähe und zu Fuß zu erreichen waren. Sie fuhr durch ihre Stadt, wartete zu lange an den Bushaltestellen, wurde auf dem Weg nach Hause doch noch von einer spontanen Buchung überrascht, immer im Körper, dass sie es nicht rechtzeitig schaffte, dass sie einen Schlüssel verwechselte.
Das Gefühl, dass sie irgendetwas Maßgebliches vergessen hatte wegzuräumen, mitzunehmen, abzuschließen, auszumachen weitete sich von ihrer eigenen Wohnung auf viele Wohnungen im gesamten Stadtraum aus.
In unseren regelmäßigen Telefonaten ging sie die Zahlungen und Stornierungen noch einmal durch, listete auf, was nachzukaufen war, mit welchen Mitteln sie die Putzmittel billiger herstellte und umfüllte. Erwähnte im gleichen Atemzug die Bekanntschaft der Frauen, mit manchen von ihnen hatten sich ihre Wege schon einmal gekreuzt, ob ich mich erinnern könnte an die Gemeinschaftscafés und Halbtreffen in den unterschiedlichsten Hinterhöfen und Leerständen. Aber ich hörte nicht richtig zu, ich sah sie nur vor mir, wie sie ihre geregelten täglichen Wege ging, wie die Häuser so klein waren und trotzdem die Erdgeschosswohnungen höher lagen als in meiner Stadt, wie alle Parkplätze leer waren, dort auf ihren täglichen Routen, dort in meiner Vorstellung von ihren täglichen Routen, mit ihrer ziehbaren Einkaufstasche, wie sie alle grüßte und manche ihr hinterherschauten, welchen Hut sie heute trug.
Ich sah sie nur vor mir und dachte wie immer, sie muss raus aus dieser Stadt, ab von diesen täglichen Routen, die ihr diese Stadt zum Dorf machten, weg von diesem täglichen Ablauf, aufhören, jeden möglichen Auftrag, der per Pushnachricht kam, anzunehmen, oder zu denken, ihn annehmen zu müssen und mit diesem Gedanken den ganzen Tag zu verbringen und mit fortschreitendem Tag noch den Gedanken hinzuzufügen, dass der Auftrag jetzt möglicherweise schon anderweitig vergeben war, ohne noch einen Sinn dafür zu haben, ob sie ihn überhaupt schaffen würde, sie schaffte alle.
Meine Mutter hielt nie inne, sie begann immer gegenzusteuern. Es wirkte, als hätte sie immer schon vorher begonnen gegenzusteuern. Und sie hatte wahrscheinlich immer schon vorher begonnen gegenzusteuern, weil sie ihr ganzes Leben gelernt hatte gegenzusteuern, durchzukommen, Behörden zu bitten, zu arbeiten, um die Behörden nicht mehr zu bitten, um zu wissen, dass sie sie wieder würde bitten müssen.
Sie wusste, dass die Privatisierung der Privatisierung auch bedeutete, zu wissen, dass beispielsweise das eigene Versagen keine private Angelegenheit ist und sich trotzdem schuldig zu fühlen. Sie wusste um den Zusammenhang von Schuld und Schulden.
Und ich antwortete am Telefon wie ein schlecht gelaunter Teenager,...




