Sorensen Einander verfallen. Violet & Luke
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-18066-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Callie und Kayden 4 - Roman
E-Book, Deutsch, Band 4, 288 Seiten
Reihe: Callie und Kayden
ISBN: 978-3-641-18066-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Luke und Violet sind sich aus dem Weg gegangen, seit sie herausgefunden haben, dass ein ein schweres Verbrechen zwischen ihren Familien steht. Doch als Luke in Schwierigkeiten gerät, ist für Violet sofort klar, dass sie ihm beistehen muss. Sie empfindet so viel für Luke, aber wird sie jemals wieder fähig sein, jemandem zu vertrauen?
Die Bestsellerautorin Jessica Sorensen hat bereits zahlreiche Romane verfasst. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in den Bergen von Wyoming. Wenn sie nicht schreibt, liest sie oder verbringt Zeit mit ihrer Familie.
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Kapitel 1
VIOLET
Ich bin kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren, drifte immer wieder ab, während mich zwei Monate falscher Entscheidungen beschweren und tiefer ins Wasser drücken. Mein ganzer Körper ist durchnässt, meine Lunge droht zu platzen, aber ich tauche nicht auf, um Luft zu holen. Ich habe mich damit abgefunden, nicht allzu sehr am Leben zu hängen, und erlaube mir hierzubleiben, bis ich mich leicht und schwerelos fühle. Ein, zwei Sekunden noch. Mehr brauche ich nicht. Ich schaffe das. Ich will den Trost nur noch einen Moment länger spüren, bevor ich in die Realität zurückkehre und wieder den Schmerz spüre.
Nur noch eine Sekunde.
Halte den Atem an.
Noch einen kurzen Moment.
Fange den Schmerz ein.
Ertränke ihn.
Nicht denken.
Atmen.
Nicht leben.
Manchmal frage ich mich, was passieren würde, sollte ich es zu weit treiben. Einen Atemzug zu lange unter Wasser bleiben. Einen Zentimeter zu dicht an den Abgrund treten. Ein klein bisschen zu schnell die Straße hinunterfahren. Der Tod. Würde er wehtun? Oder wäre er schwerelos? Befreiend? Am Ende besser als das Leben? Wäre ich endlich, ganz zum Schluss, imstande, wieder frei zu atmen? Das finde ich nur heraus, indem ich es durchziehe – von dieser Kante kippe. Zu schnell fahre. Auf den Grund sinke und nicht wieder auftauche. Ich bin so kurz davor, es herauszufinden, und doch bin ich noch nicht richtig bereit, mein Schicksal zu besiegeln.
Also greife ich nach dem Wannenrand, ziehe mich aus dem Wasser und keuche nach Luft. Mein Brustkorb schmerzt, aber ich bin dankbar, noch am Leben zu sein. Ich setze mich auf, halb im, halb aus dem Wasser, atme ein, atme aus. Blut rauscht durch meine Adern und vermischt sich mit Adrenalin. Meine Gefühle sind immer noch betäubt, und ich konzentriere mich auf den nächsten Atemzug. Doch je länger ich atme, je leichter es wird, umso schwerer wird es abzuschalten. Gefühle und Gedanken zum Tod meiner Eltern tauchen auf, stechen mir ins Herz. Ihre Ermordung. Und das, was mich jedes Mal beinahe umbringt, wenn ich daran denke. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede verdammte Sekunde frisst es mich innerlich auf.
Luke Price. Der eine Junge – der einzige Mensch –, den ich jemals an mich herangelassen habe. Der einzige Mensch, bei dem ich mich sicher fühlte. Und jetzt ist das alles fort. Er ist fort. Er wurde mir weggenommen, geraubt vom kranken, perversen Humor des Schicksals. Erst führt es uns zusammen, dann lässt es uns erkennen, dass es schon längst eine Verbindung zwischen uns gibt. Enthüllt uns, dass seine Mutter eine von denen war, die für den Mord an meinen Eltern verantwortlich sind. Dass wir die ganze Zeit nie hätten zusammenkommen können. Obwohl das Schicksal uns genau das suggerierte, als ich aus jenem Fenster fiel und ihm ins Gesicht trat. Und nun fühle ich mich schrecklicher als je zuvor.
Schrecklicher als in meinem ganzen Leben. Vor Luke wusste ich nicht, wie es ist, wenn jemandem wirklich etwas an mir liegt und wie es sich anfühlt, jemand anderen wirklich zu mögen. Und ich begreife inzwischen, dass es schwierig ist, meine Gefühle zu beherrschen, seit ich weiß, wie fantastisch sich Dinge anfühlen können.
Aber ich versuche durchzuhalten, und sei es nur, um das Ende mitzuerleben. Endlich zu sehen, wie jemand für den Tod meiner Eltern bezahlt. Es könnte allerdings unmöglich sein, denn es ist noch eine Person dabei gewesen, und die ist nach wie vor unbekannt. Ich hasse es, nicht zu wissen, wer das ist; gleichzeitig hasse ich es zu wissen, wer eine von ihnen ist, vor allem weil es bislang noch keine Gerechtigkeit gibt. Ich hasse, dass es meine Chance auf Glück ruiniert hat, und ich verachte mich, weil ich so denke. Das ist selbstsüchtig. Meine Eltern sind tot, und ich sollte einzig daran denken, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Trotzdem kann ich nicht aufhören, an die Gefühle zu denken, die Luke in mir geweckt hat. Zufriedenheit und Glück. Etwas, das ich nicht mehr hatte, seit ich fünf Jahre alt war. Ich will es wiederhaben, fast genauso sehr, wie ich mir Gerechtigkeit für meine Eltern wünsche. Und das fühlt sich falsch an; als würden meine Eltern mich hassen, wenn sie noch da wären. Und vielleicht tun sie es jetzt. Womöglich hassen sie mich aus dem Grab heraus, das ich nie besucht habe, weil ich mich nicht durchringen kann, dorthin zu gehen.
»Violet, was zur Hölle machst du da drin?« Preston, mein Pflegevater, seit ich fünfzehn war und bis ich achtzehn wurde, hämmert an die Tür. Er ist acht Jahre älter als ich, doch der Altersunterschied juckt ihn nicht. Er nutzt ihn eher immer wieder zu seinem Vorteil. Früher hat er sich nicht so für mich interessiert, jedenfalls nicht so extrem. Aber dann hat seine Frau ihn verlassen, und jetzt scheint er völlig fixiert auf mich. Mir wird schlecht, wenn ich bloß seine Stimme höre, weil sie mich an alles erinnert, was in den letzten zwei Monaten, die ich hier wohne, passiert ist. Das Wohnen ist nicht umsonst, und Geld will Preston nicht. Also deale ich, um mir die Miete zu verdienen, und dann zahle ich mit meinem Körper für jeden Fehler, den ich mache.
Ich hasse mich dafür, dass ich mich von meiner Verzweiflung hinreichend abtöten lasse, um diesen Kram mitzumachen.
»Ich nehme ein Bad«, antworte ich, streiche mit den Händen über mein nasses Haar und neige den Kopf nach hinten gegen den Wannenrand, weil Erbrochenes in meiner Kehle brennt.
»Wenn du nicht bald rauskommst, muss ich das Schloss aufbrechen und dich rausholen«, sagte er hinter der Tür. Er klingt amüsiert. Und geil. Vor Lust. Und Verlangen.
Ich hasse ihn.
Ich brauche ihn.
Ich wünschte, ich wäre irgendwo anders.
»Ich bin gleich draußen«, rufe ich zurück und beobachte, wie der Hahn tropft und Ringe in die Wasseroberfläche malt. Ich lehne einen Fuß auf den Wannenrand und starre die gelblichen Blutergüsse an, die von meinem Schienbein bis zu meinem Oberschenkel verlaufen. Doch als Bilder von dem auftauchen, was sie verursacht hat, schüttle ich den Kopf und ziehe meine Mauer wieder hoch. Ich weigere mich, daran zu denken. Ich muss überleben, egal, was geschieht. So, wie ich es schon den Großteil meines Lebens tue, von einer Pflegefamilie zur nächsten. Schließlich hatte ich schon schlimmere.
»Du solltest dich hier draußen anziehen«, sagt er, und beim Klang seiner Worte brennen die Blutergüsse. »Als Ausgleich für das Achtel, das du letzte Woche verloren hast.«
Ich krümme mich bei der Erinnerung. Letzte Woche habe ich richtig Mist gebaut. Ich war abgelenkt, weil das Semester in wenigen Tagen anfing, was bedeutet, dass ich Luke in den Korridoren und wahrscheinlich auch in einigen Kursen wiedersehen würde. Und da verkaufte ich irgendeinem Typen ein Achtel, ohne erst zu kassieren. Er ist mit dem Stoff abgehauen.
»Ich dachte, dafür verkaufe ich am Samstag und Sonntag für dich.« Ich erwähne nicht, dass ich schon etwas anderes getan habe, um es wiedergutzumachen. Aber nur, weil ich fürchte, dass ich kotzen muss, wenn ich es laut ausspreche. Ich lehne mich zurück, starre an die Decke und nehme mir fest vor, seine Worte nicht an mich heranzulassen, genauso wenig wie die Übelkeit, die gar nicht mehr weggehen will.
»Du wirst immer mehr zu einer Spaßbremse, Violet Hayes«, sagt er. »Das Leben könnte so viel leichter sein, wenn du dich einfach entspannst und tust, was ich dir sage.«
»Das tue ich schon«, erwidere ich mit zusammengebissenen Zähnen. Ich mochte es noch nie, wenn jemand meinen Nachnamen ausspricht – oder ich ihn auch nur nennen muss. Es erinnert mich zu sehr an meine Eltern und wie sie starben. Der einzige Mensch, bei dem es mich nicht gestört hat, war Luke. Normalerweise würde ich Preston die Hölle heißmachen, weil er ihn sagt, aber in letzter Zeit bin ich emotional viel zu labil, um mich zu wehren.
Ich atme erst wieder, als ich Preston von der Tür weggehen höre. Dann steige ich aus der Wanne, trockne meine schrumpelige Haut ab und ziehe mir ein lila Top, eine schwarze Weste und eine passende Hose an. Ich verteile etwas Gel in meinem Haar, lege Lipgloss und ein wenig Kajal auf, ehe ich aus dem Bad gehe. Von dem Adrenalinrausch durch das Beinahe-Ertrinken fühle ich mich ein bisschen high.
In der Küche nehme ich mir ein Pop-Tart aus dem Schrank und eine Wasserflasche aus dem Kühlschrank und hoffe, dass Preston keine Schwierigkeiten macht, wenn ich ihn bitte, mich zum College zu fahren. Bitte, sei kooperativ.
Aber er ist nicht in seinem Zimmer, was wohl bedeutet, dass er unter dem Haus in dem Kriechkeller ist, wo er seine Drogen aufbewahrt. Der Eingang ist immer verriegelt, doch ich würde sowieso nie da runtergehen. Das Letzte, was ich will, ist, in einem unheimlichen, engen, niedrigen Raum unterm Haus allein mit Preston zu sein. Also gehe ich ins Wohnzimmer, ziehe meine Stiefel an und warte auf ihn.
Der Trailer, in dem wir wohnen, ist ziemlich sauber, auch wenn es drinnen nach Zigarettenqualm und Gras riecht. Wenigstens liegt kein Müll herum, und alles ist ordentlich und an seinem Platz. Ich habe schon in Pflegefamilien gewohnt, die in regelrechten Dreckslöchern hausten, wo Schmutz, Abfall und Staub alles bedeckten. Das war nicht so klasse.
»Und, was hast du heute vor?«, fragt Preston, als er ins Haus kommt, sich eine karierte Kapuzenjacke anzieht und sich den Staub aus dem Haar schüttelt.
Es juckt mich in den Fingern, eine Faust zu machen und ihm diese Gleichgültigkeit aus dem...




