Sotiropoulos | Was bleibt von der Nacht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Sotiropoulos Was bleibt von der Nacht

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98568-180-8
Verlag: Kanon Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-98568-180-8
Verlag: Kanon Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eros und Poesie: Paris im Juni 1897

Konstantinos Kavafis verbringt drei Tage in Paris. Der 34-Jährige ist noch nicht der bahnbrechende Dichter, der er einmal sein wird. Voller Selbstzweifel und Ambitionen ringt er um seine künstlerische Befreiung. Muss man nicht dichten wie ein Duellant, der das Leben herausfordert? Währenddessen geht Griechenland gedemütigt aus dem Krieg mit der Türkei hervor, Frankreich wird durch die Dreyfus-Affäre erschüttert, und Kavafis’ Familie erlebt den wirtschaftlichen Niedergang. – Ersi Sotiropoulos zeichnet das Bild des pulsieren den Paris des Fin de Siècle und beleuchtet die komplexe Beziehung zwischen Kunst, Leben und Erotik – den Ursprung der Schaffenskraft.
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Die Erde schien damals noch flach zu sein, und die Nacht brach jäh herein bis ans Ende der Welt, wo Jahrhunderte später jemand – gebeugt im Licht der Lampe – würde sehen können, wie die rote Sonne über Ruinen verlischt, jenseits von Meeren und verwüsteten Häfen die Länder würde sehen können, die in der Zeit vergessen leben, im Glanze des Triumphs, im zähen Ringen mit der Niederlage. Die Geschichte wiederholt sich, sagte er sich, wenn er auch nicht sicher war, dass es sich tatsächlich um Wiederholung handelte. Er würde es nur dank seines Talents und mit steter Beharrlichkeit sehen können. Die Füllfeder fest im Griff, lauschte er. Klänge, Lichter, Gerüche, alles kehrte zurück. Es war wieder Nacht auf der flachen Erde. Die Flamme der Lampe flackerte im gelblichen Schein. Stimmen drangen an sein Ohr. Billige Musik aus dem Attarin-Viertel, das noch wach war, der Klang einer Drehorgel, aus der eine süßliche Melodie quoll und die verdreckte Treppe hinaufschwappte. In den Zimmern über ihm verschlungene Körper auf verschlissenen Laken. Für eine halbe Stunde vollkommenen Genusses, eine halbe Stunde äußerster Lust. Glieder, Lippen, Lider auf dem schäbigen Bett, keuchende Münder, Küsse. Danach verschwanden sie getrennt wie Gejagte, wohl wissend, dass diese halbe Stunde sie für den Rest ihres Lebens beschleichen würde und dass sie zurückkämen, um sie erneut zu erleben. Doch jetzt hoffte jeder nur, die Nacht möge ihn verschlingen, und während er die Stufen hinuntereilte, empfing ihn wieder diese unerträgliche Dudelei, ein ausgeleiertes Klimpern, das den tyrannischen Herzschlag verhöhnte. Die Straße draußen war verlassen, etwas weiter unten hallten die Schritte eines unsichtbaren Schattens und verklangen. Er blieb einen Moment auf der Schwelle stehen, knöpfte seine Jacke zu und entfernte sich rasch, dicht an der Wand entlang, den Kopf gesenkt, den Kragen hochgeschlagen. Und manchmal konnte es geschehen, es war schon geschehen, dass sich sein Blick mit dem eines anderen kreuzte, der wie eine Ratte durch das Dunkel huschte, eines verschämten, gut gekleideten Herrn, der aus der entgegengesetzten Richtung kam und wie hypnotisiert zu derselben Treppe strebte, um sich in demselben Zimmer auf demselben fleckigen Laken zu wälzen.

Und wenn die Liebhaber reglos sind?, dachte er. Wenn sie Statuen sind, aufgeheizt, mit zarter Haut, die jegliche Liebkosung mit der Ungerührtheit eines Kunstwerks hinnehmen? Diese platonische Idee reizte ihn, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Das Objekt der Begierde war so fern, so nah. Lippen Glieder Körper. Lippen, keuchende Münder. Darüber musste er schreiben. So nah, so fern. Die Distanz aufheben, das war die Aufgabe der Kunst.

Er rief sich die Gestalt eines jungen Mannes ins Gedächtnis, von früher, war es in Konstantinopel gewesen? In Yeniköy? Ein noch bartloser Junge, er arbeitete als Lehrling in einer Schmiede. Er beugte sich halb nackt über den Amboss, die Funken prasselten auf seine verschwitzte Brust, und er sah sein Gesicht, heroisch beleuchtet, er sah ihn mit Weinlaub und Lorbeer bekränzt. Sie hatten damals nicht miteinander gesprochen, er hatte ihn auch nie wiedergesehen. Wer würde über ihn schreiben? Wer würde ihn aus der Vergessenheit der Geschichte holen?

Jahre später, jemand gebeugt im Licht der Lampe … Er würde sehen können, wie die rote Sonne über den mythischen Städten erlosch und zwischen verrosteten Eisenteilen die Gräser versengte, dort, wo einst ein Marmorbecken Wasser ausspie und die letzten Tropfen im Abendlicht versiegten. Er würde sehen können, wie die purpurroten Strahlen auf dem jugendlichen Körper des Lehrlings aus Yeniköy schimmerten und flüchtig eine Möglichkeit aufblitzen ließen, ja, eine Möglichkeit, die Gestalt annahm, eine beinahe materielle Gestalt, denn dieser junge Mann schritt nun inmitten der Menschenmenge durch die Säulenhalle einer antiken Agora in Antiochia oder in Seleukia, und es gab viele, die seine Schönheit priesen.

Dieses »Jahre später« ist jetzt, sagte er sich. Nur er konnte es sehen. Noch war er aber nicht bereit. Oft nagte die Ungeduld an ihm. Armselige, reizlose Gedichte brachte diese Ungeduld hervor, er zerriss sie und haderte mit sich. Und dann gab es da noch dieses schwergängige Machwerk … eine Anhäufung von Adjektiven und hochtrabenden Wortfügungen, die überschäumenden Ergüsse eines Lyrismus, der ihn anwiderte, ohne dass er wusste, wie er ihn abschütteln sollte. Wie soll ich mich von dieser sentimentalen Bürde befreien?, fragte er sich. Im Laufe des Tages fühlte er sich oft nutzlos, willenlos, erfolglos. Schuld daran war Alexandria, das ihm schlechterdings die Luft abschnürte. Schuld war das provinzielle Leben, der ihn umgebende Zirkel der Geistlosen mit ihrem unerschütterlichen Selbstbewusstsein, und gleich nebenan die Feluken und Fellachen, wie der von Spinnweben überzogene Abklatsch einer Landschaft, deren schwüle Feuchtigkeit einem bis ins Mark drang. Das alles schwächte sein Nervenkostüm. Und oft kam er zu dem Schluss, ohne es selbst wirklich zu glauben, dass er Alexandria in sich auslöschen musste, um schreiben zu können.

Doch jetzt war er in einer fremden Stadt, die ihn ebenso anzog wie abstieß. Eine Metropole, die vor Kultur erstrahlte, wo jede Ecke an etwas Großes und Bedeutendes erinnerte. Er musste seine üble Laune bekämpfen, die letzten Tage der Reise genießen. Kein Hin und Her mehr, sagte er sich, ich werde ein Tagesprogramm aufstellen und mich daran halten. Er rückte mechanisch seine Krawatte zurecht und ging die drei Treppenstufen hinunter, die zur Rezeption des Hotels führten.

»Monsieur Cavafy!« Er hörte jemanden seinen Namen rufen.

Der große Saal war leer, der zentrale Kronleuchter strahlte über dem Marmorboden, der wie die Oberfläche eines Sees glänzte. Der alte Portier kam langsam auf ihn zu.

»Monsieur Cavafy, Ihr Bruder hat auf Sie gewartet und ist gerade hinausgegangen. Er ist auf dem Weg ins Café de la Paix.«

Es war ein lauer Sommernachmittag. Die Temperaturen um die 80 Grad Fahrenheit. Mildes Wetter mit einer wohltuenden Brise. Genau richtig für seinen leichten Gehrock. Zum Glück habe ich nicht das dicke Leinensakko angezogen, sagte er sich, ja, zum Glück, und er schritt aus. Doch während er zügig weiterging und dem Strom des Boulevards mit den Kutschen folgte, die unter Peitschenschwingen zur Oper hinunterrollten, wusste er, dass der Stachel, der ihn peinigte, wieder da war, und dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ihn die vertraute Niedergeschlagenheit erneut erfasste.

»Kostis, ich habe es fertig«, sagte John, als er ihn sah.

Er schien bester Stimmung zu sein, hielt das Manuskript in der Hand und wedelte damit wie mit einem Beutestück durch die Luft.

Der Kellner stellte die Tassen mit der dampfend heißen Schokolade auf den Tisch.

»Danke, dass du auch an mich gedacht hast«, sagte er, obwohl ihm ein eisgekühlter Tee lieber gewesen wäre.

»Nun?«, fragte John mit einem breiten Lächeln.

»Ich bin spät dran. Muss wohl noch mal eingeschlafen sein.«

»Das hat dir bestimmt gutgetan.«

Er bemerkte eine alte Frau, die mit ausgestreckter Hand herumschlurfte. Ihr Haar war zerzaust, und sie stolperte ständig.

»Gib ihr etwas. Ich kann den Anblick nicht ertragen.«

Die Alte kam an ihren Tisch und warf einen gierigen Blick auf den Dessertteller mit den Petits Fours.

»Gib ihr etwas«, sagte er wieder. Er betrachtete das gerollte Manuskript, das sein Bruder in der Hand drehte. Er konnte die Buchstaben erkennen, leicht geneigt, die Unterlängen des p und des y kunstvoll nach oben geschwungen.

John stand auf und ließ der Frau etwas Kleingeld in die Hand fallen.

»Dieu vous bénisse«, sagte sie. Ihr fehlten ein paar Zähne.

»Über dich scheint Gottes Segen ja nicht gekommen zu sein, du armes Ding.«

Die Alte, ein einziges Lumpenbündel, schleppte sich weiter zum Nachbartisch und streckte wieder flehend die Hand aus.

»Warum eigentlich?«, fragte John. »Warum nur nehmen wir das Elend hin, wenn es in einem Gemälde dargestellt ist, und loben seine Ästhetik? Wenn wir es doch im wirklichen Leben ablehnen? Diese Alte könnten wir als schön bezeichnen. Alles kann schön sein. Es hängt vom Auge des Betrachters ab oder besser gesagt von seiner geistigen Befindlichkeit.«

»Wir können nicht alles und jedes als schön ansehen«, unterbrach er ihn.

»Doch, alles, was uns berührt, warum denn nicht?«

»Selbst ein Tier? Diese Alte ist so schön wie eine Sau, die sich im Schlamm gesuhlt hat.«

»Es gibt nicht nur eine Art von Schönheit«, setzte John an und verstummte. Immer, wenn er versuchte, die richtige Formulierung zu finden, verlor er sich in diversen Assoziationen. Er trank einen Schluck heiße Schokolade und rührte dann langsam mit dem Teelöffel darin. »Warum bist du nur so absolut«, sagte er, als sei es keine Frage. »Manchmal frage ich mich … Letztendlich ist es ziemlich ungerecht.« Er sah ihn nicht an. Er hätte sich genauso gut an jemanden wenden können, der gerade auf der Straße vorüberging, oder an ganz Paris.

»Lass es mich lesen«, sagte er und streckte die Hand nach dem Manuskript aus.

Das war nun also ihr freier Nachmittag. Sie hatten es beim Mittagessen im Procope so beschlossen. Es sollte eine Gelegenheit sein, sich auszuruhen und eine Bilanz der Reise zu ziehen, sich an Momentaufnahmen dieser anderthalb Monate weitab von zu Hause zu erinnern und Details zu rekapitulieren, die sie...


Wille, Doris
Doris Wille arbeitet seit 1998 als selbstständige Übersetzerin und Dolmetscherin. Sie studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin und ist Kuratoriumsmitglied – als Beraterin für Griechenland?– im Internationalen Literaturfestival Berlin, in der Programmsparte Kinder- und Jugendliteratur. Sie lebt in Kefalonia.

Sotiropoulos, Ersi
Ersi Sotiropoulos wurde 1953 in Patra geboren. Sie studierte Philosophie und Kulturanthropologie und arbeitete als Kulturattaché in Rom. Heute lebt und arbeitet sie in Athen. Ihr Werk wurde in viele Sprachen übersetzt und zweimal mit dem Nationalen Buchpreis Griechenlands sowie mit dem Preis der Buchkritik und dem Preis der Athener Akademie ausgezeichnet.



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