Soule | Oracle Year. Tödliche Wahrheit | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Soule Oracle Year. Tödliche Wahrheit

Thriller
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-21417-3
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Thriller

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

ISBN: 978-3-641-21417-3
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was wäre, wenn du heute schon wüsstest, was morgen passiert?

Will Dando erwacht eines Morgens mit dem Gefühl, vielleicht noch zu träumen – denn ihm schwirren Prophezeiungen durch den Kopf. Totaler Quatsch, denkt er, und widmet sich weiter seiner bescheidenen Karriere als Musiker. Doch als erste Visionen sich bewahrheiten, wird Will die Brisanz und der Wert seiner Gabe bewusst. Zusammen mit seinem besten Freund, einem Investmentbanker, beschließt er, mit den Prophezeiungen Geld zu verdienen. Dafür jedoch müssen sie an die Öffentlichkeit gehen – und die Menschen reagieren zutiefst verunsichert. Als erste Unruhen ausbrechen, beginnt Will zu ahnen, wie gefährlich sein Wissen wirklich ist ...

Charles Soule hat sich als Autor von Marvel Comics (u.a. »Daredevil«, »Star Wars«)einen Namen gemacht und arbeitet außerdem als Musiker und Anwalt. Er lebt in Brooklyn, New York.
Gemeinsam mit Cavan Scott, Justina Ireland, Claudia Gray und Daniel Jose Older entwarf er das Konzept von »Star Wars – Die Hohe Republic« und schrieb den ersten Band »Das Licht der Jedi« gleich an die Spitze der »New York Times«-Bestsellerliste.
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Kapitel 2

Leigh Shore starrte auf ihren Salat. Sie hatte sich ein bisschen was gegönnt. Croutons, Käse, gebratene Hühnerbruststreifen und das gute Dressing – das man ehrlicherweise lieber als Nachtisch bezeichnen sollte. Stimmungsaufheller im Wert von knapp fünfzehn Dollar vom Selbstbedienungsbüffet. Sie hatte gerade mal zwei Bissen geschafft.

Leigh legte die Gabel auf den Teller und wischte sich die Hände an einer Papierserviette ab, die sie anschließend zusammenknüllte und auf das Tablett warf. Reflexartig griff sie zu ihrem Smartphone und wischte über das Display. Ein Reddit-Thread mit einem einzigen Posting erschien auf dem Bildschirm.

Oben auf der Seite zwei kurze Sätze:

Morgen ist heute.

Das sind die Dinge, die passieren werden.

Darunter eine Liste. Zwanzig Ereignisse. Mit wenigen Sätzen knapp beschrieben. Jeweils mit Datum versehen. Insgesamt erstreckten sich die Daten über einen Zeitraum von etwa sechs Monaten. Diese Liste kursierte überall im Internet – jede Feedreader-Website hatte eine eigene Version, jede mit einem begleitenden Thread aus Tausenden Kommentaren darunter. Aber auf Reddit war die Liste ursprünglich aufgetaucht, über ein anonymes Pastebin-System.

Die Site. Jeder wusste, was damit gemeint war, wenn man sie erwähnte.

Leigh scrollte nach unten zum Ende der Liste. In den fünf Minuten, seit sie dasselbe Manöver zuletzt durchgeführt hatte, war keine Änderung eingetreten. Sie schaute von ihrem Telefon auf. Die meisten Leute im Café hatten ihr Handy gezückt. Allein in ihrem Blickfeld konnte sie die Site auf mindestens zwei der Displays ausmachen.

Leigh wischte die App weg und rief stattdessen ihre E-Mails auf. Nichts – zumindest nicht die E-Mail, auf die sie wartete.

Sie zögerte, mit gerunzelter Stirn, dann rief sie ein anderes Dokument auf, einen Artikel, ihren Artikel – ungefähr dreitausend Wörter, ergänzt um Bilder, Links … Alles, was anspruchsvolle Leser von Urbanity.com erwarteten.

In dem Artikel ging es um die Site. Leigh hätte sich alles Mögliche aussuchen können. Aber die Site war … faszinierend. Seit sie aufgetaucht war, schien sie das Einzige zu sein, das wirklich zählte. Das einzige Rätsel, das es wert war, gelöst zu werden.

Leigh hatte in einer Starbucks-Filiale in der Warteschlange gestanden, als ihr Handy mit einer Nachricht vibriert hatte – ein Link, geschickt von ihrer Freundin Kimmy Tong. Als sie dem Link folgte, verstand sie zunächst nicht, wieso Kimmy glaubte, so etwas könne sie interessieren. Sie gab ihre Bestellung auf, googelte, während sie auf ihren Latte wartete, und las. Schließlich begriff sie, was die Site zu sein behauptete. Sie las den Text erneut, wieder und wieder. Sie hörte nicht einmal ihren Namen, als der Barista ihn rief, bis er ihn ihr – ziemlich genervt – fast schon ins Gesicht schrie.

Die Site drang so rasant ins öffentliche Bewusstsein, als wäre ein UFO über Washington erschienen. Von einem Tag auf den anderen wurde sie praktisch zum einzigen Gesprächsthema.

Zwanzig Ereignisse, alle mit einem Datum versehen. Die beiden ersten waren bereits eingetreten, als sich die Site wie ein Virus im Internet verbreitete, aber alle übrigen Ereignisse sollten in der Zukunft stattfinden. Seither waren vier weitere Daten verstrichen, und an jedem war das auf der Site genannte Ereignis eingetreten, haargenau wie beschrieben. Oder präziser ausgedrückt: wie prophezeit – von einer unbekannten Person, einem Wesen, einem Supercomputer oder einem Alien. Von irgendetwas, das als »das Orakel« bekannt geworden war, während die Website selbst schlicht »die Site« genannt wurde.

Leigh überflog weiter den Text des Artikels, überprüfte ihn ein letztes Mal auf Satzbau und Tippfehler. Gerade weil das Thema bereits so erschöpfend abgehandelt worden war, hatte sie entschieden, über das Orakel zu schreiben. Eine strategische Überlegung. Wenn es ihr gelänge, neue Perspektiven, neue Interpretationen einzubringen, wäre das weit beeindruckender als ein Artikel über etwas weniger Bekanntes.

Sie glaubte, es womöglich geschafft zu haben. Sie hatte versucht, sich in den Kopf des Orakels hineinzuversetzen, woran die meisten anderen Artikel gar kein Interesse zu haben schienen. Leighs Ansatz bestand darin, nicht die Auswirkungen der Prophezeiungen der Site auf die Welt zu erörtern, sondern sich darauf zu konzentrieren, wie sie sich auf den Propheten niederschlagen könnten. Zumindest war das der Grundgedanke. Mittlerweile hatte sie den Text zu viele Male gelesen, um sich noch sicher zu sein, worum er sich wirklich drehte – aber ihre Absichten waren gut.

Leighs aktuelles Aufgabengebiet bei Urbanity.com hieß »Stadtkultur« – eine Umschreibung für Klickbaits im Listenformat. Es ging um New Yorker Clubs und Shows, um Promi-Geplänkel und die besten Bagels in Brooklyn. Urbanity.com brachte auch richtige Reportagen – nicht viele, aber immerhin einige, unter anderen Rubriken, und ihr Artikel über das Orakel war so etwas wie ein Bewerbungsschreiben, um in den inneren Kreis aufgenommen zu werden.

Leigh wechselte zurück zu ihrem E-Mail-Konto – immer noch nichts. Frustriert runzelte sie die Stirn, dann tippte sie mehrmals auf ihr Handy, und der Artikel ging online, frei zugänglich für jeden der Millionen Leser der Website. Damit waren die Würfel gefallen.

Sie stand auf, leerte ihr Tablett in den Mülleimer und verspürte instinktiv den Anflug eines schlechten Gewissens wegen der Verschwendung. Mit rumorendem Magen ging sie die zwei Blocks zu ihrem Büro zurück.

Urbanity.com war in zwei Geschossen eines unscheinbaren Gebäudes an der Ecke Fünfzigste und Dritte Straße untergebracht. Ein von Besprechungsräumen gesäumtes Großraumbüro im fünften Stock, die Büros der Führungsriege im zehnten.

Leigh nahm an ihrem Schreibtisch Platz und blickte in den kleinen Spiegel an der Trennwand ihrer Nische. Ihre Beziehung zu ihrem Spiegelbild entwickelte sich in eine frustrierende Richtung, je deutlicher sie auf die dreißig zuging. Jeden Blick begleitete ein angehaltener Atemzug. Dabei wusste sie gar nicht, was sie zu sehen erwartete. Vielleicht das Gesicht ihrer Mutter – weiße Strähnen im Haar oder fächerförmig ausstrahlende Fältchen in der dunklen Haut um die Augen.

Warum hast du das gemacht?, fragte sie sich.

Immerhin hatte sie einen Job in New York, verdiente ihren Lebensunterhalt mit Schreiben und konnte sogar ihren Abschluss in Journalismus nutzen. Mehr oder weniger. Sie konnte ihre Rechnungen bezahlen, kam – abgesehen von gelegentlichen Engpässen am Monatsende – zurecht. Das konnten nicht alle ihrer Freunde von sich behaupten.

Warum hast du es also gemacht?, wiederholte sie die Frage in Gedanken.

Ein Kopf tauchte über der Trennwand auf – Eddie, einer der hauseigenen Fotografen und zugleich Kameramann. Er hatte die dreißig längst überschritten, schien damit aber keine Probleme zu haben, und war sehr gut in seinem Job. Eddie hatte einige der Fotos für ihren Artikel über die Site geschossen und ihr beim Layout geholfen.

Er lächelte. »Hab gerade gesehen, dass dein Artikel online gegangen ist, Leigh. Freut mich für dich. Ich hab dir ja gesagt, der hat Hand und Fuß. Ist geplant, dich in die Nachrichtenabteilung zu versetzen, oder bleibt das eine einmalige Sache? So oder so, die nehmen sonst fast nie Arbeiten von Leuten an anderen Schreibtischen. Kannst stolz auf dich sein, dass du grünes Licht bekommen hast.«

Leigh sah ihn an und erwiderte nichts. Eddies Augen verengten sich.

»Du hast kein grünes Licht bekommen«, sagte er.

Es gab da ein Problem in ihrem Leben – das wusste sie nicht erst seit heute, aber sie konnte es anscheinend nicht ändern, ganz gleich, ob sie sich damit schadete oder nicht – aber es interessierte sie nun einmal nichts weniger als das, was sie bereits hatte. Und nichts fand sie interessanter als das, was man ihr vorenthielt.

»Ich hatte das Warten satt, Eddie. Ich habe ihnen den Artikel vor über einer Woche per E-Mail geschickt, und sie haben noch nicht mal geantwortet. Du weißt doch, was ich draufhabe. Du hast es selbst gesagt. Ich musste ihnen etwas zeigen. Ich bitte seit bald zwei Jahren um ein anderes Ressort, und sie schicken mich trotzdem immer wieder zu dämlichen Lokaleröffnungen oder so. Wenn die Rückmeldungen zu diesem Artikel kommen, wird er für sich selbst sprechen. Klar, es ist vielleicht ein bisschen gewagt, aber …«

Eddie atmete laut aus, mehr ein Grunzen als ein Seufzen. »Diese Website gehört einem multinationalen Unterhaltungskonzern, ist dir das eigentlich klar? Du kannst nicht einfach … irgendwelche Dinge veröffentlichen. Das ist nicht dein persönliches Tumblr-Konto. Wegen so etwas kann man verklagt werden, Leigh, und ganz sicher kann man dafür gefeuert werden.«

Eddie wandte sich ab. »Ich seh mir jetzt deinen gottverdammten Artikel genauer an und bete, dass du mich nirgends erwähnt hast.«

Leigh öffnete den Mund, um zu sprechen. Sie wollte anbieten, den Text von der Website zu nehmen. Aber was würde das schon bringen? Er war bereits draußen im Netz.

Die erste Vorhersage, die sich erfüllte, als die Menschen bereits darauf achteten, war die Behauptung, dass am 8. Oktober im Northside General Hospital in Houston vierzehn Babys zur Welt kommen würden, sechs Jungen und acht Mädchen. Stimmte haargenau. Und das, obwohl das letzte Kind zwei Minuten vor Mitternacht geboren wurde und die Mutter erst ungefähr eine halbe Stunde davor im Krankenhaus aufgetaucht war. Sie stammte nicht einmal aus der Gegend, sondern war mit ihrem Ehemann...


Soule, Charles
Charles Soule hat sich als Autor von Marvel Comics (u.a. »Daredevil«, »Star Wars«) einen Namen gemacht und arbeitet außerdem als Musiker und Anwalt. Er lebt in Brooklyn, New York.Gemeinsam mit Cavan Scott, Justina Ireland, Claudia Gray und Daniel Jose Older entwarf er das Konzept von »Star Wars – Die Hohe Republic« und schrieb den ersten Band »Das Licht der Jedi« gleich an die Spitze der »New York Times«-Bestsellerliste.



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