Späth | Das Spiel des Sommers neunundneunzig | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 177 Seiten

Späth Das Spiel des Sommers neunundneunzig


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-85787-955-5
Verlag: Lenos Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 177 Seiten

ISBN: 978-3-85787-955-5
Verlag: Lenos Verlag
Format: EPUB
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Heinrich R., ein Schweizer Geschäftsmann, braucht nach einem Herzinfarkt absolute Ruhe. Da kommt das Angebot von Freunden gerade recht: sich in ihrem Haus in Maidenford, im äussersten Westen Irlands, von der Welt eine Zeitlang zurückzuziehen. Seine Frau geht unterdessen auf die schon länger geplante Weltreise mit ihren Freundinnen. Doch den Strohwitwer erwarten alles andere als ruhige Verhältnisse. In der Abgeschiedenheit der Grünen Insel begegnet er allerhand skurrilen, mitunter gar unheimlichen Gestalten. Darüber hinaus machen erotische Phantasien und Todesangst seinem 'Herzen aus Papier' arg zu schaffen.

Gerold Späth wurde 1939 als Spross einer Orgelbauerdynastie in Rapperswil am oberen Zürichsee geboren. Ausbildung zum Kaufmann, weit gereist. Der mehrfach ausgezeichnete Autor (1979 Alfred-Döblin-Preis, 1992 Preis der Schweizerischen Schillerstiftung u.v.a.m.) debütierte mit dem inzwischen legendären Roman 'Unschlecht' (1970). Sein Werk umfasst Romane, Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke. Er lebt in Italien, Irland und Rapperswil.
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Angekommen am Rand der westlichen Welt.

Vom Haus zum See geht’s unter Bäumen durch Gesträuch, Efeu, Spinnweb und zwischen Schilf und Binsen auf einen schmalen Bohlensteg hinaus, dran vertäut ein Kahn, voraus die Bucht, leicht drüberhin ein Wind.

Das Schilf rispelt, in der Luft Gesummse, am Himmel Hochsommerwolken, hinterm Haus ein kleiner Gewürzgarten und Blumenrabatten vor einer brusthohen Mauer aus Ackersteinen, dann Wiesen, Hecken, Weideland, zum Dorf sind es fünf grüne Meilen.

Der Mann hieß Heinrich R und war in seinem neunundfünfzigsten Jahr, er hatte eine Tochter und einen Schwiegersohn, seine erste Frau war vor acht Jahren gestorben, seine zweite mit ihren dreiundvierzig lustigen Jährchen seit drei Wochen unterwegs mit einer Schar bunter Hühner, nichts zu sagen über die schöngefärbten Gockel: Hühnerhof auf Grand Tour – ohne ihn! genug gereist überall hin! geschenkt!

Aber es war ihm, allein zu Hause, bald langweilig geworden, stinklangweilig schon nach ein paar Tagen – was sollte er spazieren durch die Stadt, durch Alleen, durch Museen.

Er hatte einen Laden hochgebracht, in zweieinhalb Jahrzehnten zum Geschäft gemacht, er und seine Frau Rosetta und die günstigen Umstände, sie hatten etwas draus gemacht und also auch aus ihrem Leben – aber dann war sie krank geworden und immer schwächer, immer weniger, und war nach vier elenden Jahren elend gestorben: da war es Nacht geworden und erst wieder hell, als er Suzanne kennengelernt hatte – und jetzt, eines lauen Sommerabends vor kaum einem Jahr, flattert und knattert und knallt es auf einmal in ihm drin und zerreißt ihn, er fuchtelt in die Luft hinauf und sackt zusammen, und ein paar Wochen später heißt es:

Du bist grad noch davongekommen, Heiri, aber knapp, absolute Ruhe jetzt, keinerlei Aufregung, keine Anstrengung, laß allein weiterrennen die Welt, niemand wird jünger! – und so weiter, lauter wohlgemeinte dumme Sprüche seines guten Freundes Moritz, aber Moritz Hoffmann war sein Arzt – »Suzanne, gut, ein neuer Anfang, aber man hat nur eine Pumpe und deine macht nicht mehr mit. Ein Herz wie ein Schmetterling. Ein Herz aus Papier, du weißt, was ich meine und was es geschlagen hat?«

Jawohl, begriffen, Papiertüte, Knall, Schluß.

Er fragte sich, wie lange man mit einem Herz aus Papier leben könne, und schonte sich, wie geheißen, und lebte fortan leise dahin, und seine junge Frau schaute besorgt und blickte stumm, derweil er, sich schonend, alt geworden war, blöd, sauer.

Vor fünf Wochen war sie aufgebrochen. Mit einer alten Freundin. Gruppenreise rings um den Planeten. Ein alter Plan aus der Zeit, bevor sie ihn kennengelernt hatte.

Abschied am Flughafen. »Mach’s gut!« Und so weiter. Gerede wie in einem alten Film – »Ich denke an dich!« – sie denkt an ihn, und er dachte an sie und machte Spaziergänge.

Da hieß es: Warum reist du nicht für eine Zeit in die Rosefields? einmal etwas anderes, ein ganz anderes Land, für dich eine neue Welt, du kannst Ausflüge machen, die Distanzen sind klein, du kannst spazieren, kannst nichts tun, kannst fischen – und schon ruft Freund Moritz den Freund Walter an und Freund Walter den Paddy Swift, drum war der Mann jetzt in dem fremden Haus am See und ging umher zwischen fremden Möbeln und Wänden voller Bilder, sein guter Freund Walter war Malermeister und ließ ein paar Pinsel für sich arbeiten und malte, wenn’s niemand sah, Bilder, die er für Kunst hielt, und hämmerte, wenn ein Klavier zur Hand war, schaurig in die Tasten, drum gab es auch ein Klavier in dem stillen Haus, das ein gewisser Stoddart geplant und gebaut hatte vor etwa zwanzig Jahren:

Arthur Stoddart, Engländer, sein Leben lang Agronom in Afrika, in den ehemaligen Kolonien, im Commonwealth: Kaffee, Gewürze, Hölzer, Negerschweiß – und wurde eines Tages pensioniert und hatte genug von Staub und Hitze, Händel und Geschrei, fern von Menschen und Märkten richtet er sich’s hier an dieser offenen Bucht bequem ein mit seiner Frau und rechnet mit hohem Alter, aber schon nach zwei Jahren ist der Schnitter mit der sausenden Sense vorbeigekommen und hat einen Schnitt gemacht, ich kenne das: sssst! so geht der schnelle Sauseschnitt;

die Tochter in Südafrika, der Sohn in London, die Frau überlebt ihn um Jahre, wohnt meistens in dem Haus, manchmal auch in England, stirbt schließlich in London: Krebs, die Pest –

keins der Kinder wollte das Haus haben, da kam ein gewisser Malermeister daher mit seiner guten Mathilde, die beiden suchten schon lange so ein Haus weitab von Trubel und Lärm, der pensionierte Landwirtschaftler Stoddart hatte es für sie gebaut und nichts von ihnen gewußt und sie nichts von ihm – ihr Haus am See! es hatte eine Weile leergestanden, es mußte hergerichtet und aufgemöbelt werden, aber Walter und Mathilde brauchten kaum eine halbe Handvoll zusammenzuklauben: schon gehörte es ihnen! – so geschehen vor ein paar Jahren.

Der Mann war in seinem neunundfünfzigsten Jahr und hatte ein Herz aus Papier und war Strohwitwer und hieß Heinrich R und konnte weder Bilder malen noch Klavier spielen wie seine daheimgebliebenen guten Freunde, die Besitzer dieses Hauses, die ihn Heiri nannten, der Makler Patrick Swift nannte ihn Mister Henry.

»Paddy Swift holt dich am Flugplatz ab, und wenn du irgend etwas brauchst: er ist der Mann für alles.«

Der Flugplatz ist ein Hoppelfeld neben einer Wellblechbaracke, die Passagiere schleppen ihr Gepäck, man hält sich dran fest, der Pilot läßt die Propeller seiner grauen Kiste, kaum daß sie ausgehottert und gewendet hat und schütternd steht, gleich zum Rückflug blasen, der Rückenwind treibt dich aufs Türloch zu und samt Gepäck hinein in die Baracke mit der kühnen Aufschrift Airport quer drüberhin.

Suzanne wird sich jetzt irgendwo in Thailand herumtreiben oder schon in Singapur oder auf Bali, meine Surabaja-Suzanne.

»He, sind Sie Mister Henry?« – ja, kann man sagen, und er also dieser vielberedete Mister Swift, Patrick sein Vorname, man habe ihm am Telefon gesagt, ich wolle eine Zeitlang bleiben. »Mehr will ich nicht wissen«, sagt er, und die Neugierde springt ihm aus dem Gesicht, es sei eine gute Idee, für ein paar Wochen in den Westen zu kommen – ich sehe eine dicke Brille und graugelbliche Bartborsten und kurzes, struppiges Haar – »Was sagen Sie zu unserem Wetter heut, Mister Henry?«

Mister Swift ist klein und flink mit seinen Äuglein hinter der Brille mit Gläsern so dick wie das Glas der Lupe meines letztverstorbenen Onkels Rupert – besessener Rappenspalter, versessener Briefmarkensammler –, und schon sind Koffer und Köfferchen eingeladen, sind wir eingestiegen, abgefahren, Mr Patrick Swifts Auto ist ein feuerrot durchs gar nicht so grüne Land rasender verbeulter Karren, bis Maidenford sind’s sechzehn Meilen, sechzehn mal einskommasechseins sind wie viele Kilometer? – rechne!

Die Straße zwischen Hecken, Borden, Feldsteinmauern ist eine enge hohle Gasse, doch furchtlos prescht Mr Swift durch die ihm wohlbekannte Unübersichtlichkeit, furchtbar schrammt er über Kanten und Löcher, mehrmals sind frontale Zusammenstöße unvermeidlich, man erstarrt, man verspannt verkrampft versperrt sich, Mr Paddy Swift aber hält so kalt drauflos, wie immer mal wieder einer auftaucht und vorbeiflitzt, millimeterdicht, und nicht ohne dabei zu vergessen, den Zeigefinger kurz übers Steuerrad zu heben: so grüßen sie einander, jeder ein Todesfahrer und jeder kennt jeden –

»Ein schnelles Vehikel, Ihr Auto.«

»Ja, ist es«, sagt er, und da ich frage, ob es viele Unfälle gebe: »Oh nein, Sir! Nur wenn die Kerle besoffen sind« – es stehe nachher eine Tafel am Straßenbord, er sagt: »Mit einem großen schwarzen Punkt drauf.«

Sein Punkt prangt silbrig am Armaturenbrett: eine Sankt Christophorus Plakette, ich nehme an, daß er sich auf diesen Heiligen verläßt.

»Ja, warum nicht?« sagt Mr Swift.

Mir ist aber, ich hätte schon vor Jahren sagen hören, Rom habe herausgefunden, diesen Sankt Christophorus habe es gar nie gegeben – da grinst Mr Patrick Swift und schnalzt und meint, wenn sie ihn dort nicht mehr brauchten, habe er jetzt alle Zeit für das gute irische Volk, nicht wahr, das gute irische Volk könne jeden vernünftigen Heiligen gut brauchen.

Ich bin zum ersten Mal in seinem Land – auch das hat man dem quicken Mr Swift am Telefon gesteckt –, er sagt: »Sie sind gut in Form, ich meine, Sie sehen gut aus, Sie werden sich bei uns prächtig erholen« – man ist gesprächig gewesen, und er bläht sich und spielt den hiesigen Vertrauensmann meiner geschwätzigen Freunde, hier gezeugt empfangen geboren worden vor über sechzig Jahren und hat sich nie länger wegbewegt, er sagt, Lugano sei sehr schön, Luzern, Genf, hübsche Städte, da sei er gewesen, auf der Hochzeitsreise – »When we was young« – Phoenix, Arizona, und San Diego, California, auch sehr hübsch, sicher fliege er irgendwann wieder einmal nach New York, Seattle, Vancouver, seine Frau reise gern, genau wie meine, er weiß allerhand und läßt es mich wissen, nach Chicago allerdings oder nach Mexico City oder Hongkong bringe ihn niemand mehr:

da ist das Sechzehnmeilenrennen nach Maidenford zu Ende, und Mr Swift, weitgereist und stets hier geblieben, zeigt mir jetzt, daß er auch langsam dahintuckern kann, er schaltet auf Spazierfahrt, es geht von Maidenford durchs nun sprichwörtlich Grüne zum See, fünf Meilen lang zwischen Hecken und Weiden gondelt er durch die Landschaft, voraus die Rosefields, die glitzernde Wasserfläche voller Inseln, dahinter das andere Ufer, dunkelgrün, fern rechtsab die Joyce Mountains, rundliche Schultern, sanftgrün, direkt vor Mr Swifts roter Kutsche einmal ein paar davonbeinelnde Schafe, einmal eine...


Gerold Späth wurde 1939 als Spross einer Orgelbauerdynastie in Rapperswil am oberen Zürichsee geboren. Ausbildung zum Kaufmann, weit gereist. Der mehrfach ausgezeichnete Autor (1979 Alfred-Döblin-Preis, 1992 Preis der Schweizerischen Schillerstiftung u.v.a.m.) debütierte mit dem inzwischen legendären Roman 'Unschlecht' (1970). Sein Werk umfasst Romane, Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke. Er lebt in Italien, Irland und Rapperswil.



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