E-Book, Deutsch, Band 5, 459 Seiten
Spencer-Fleming Miller's Kill: Die letzte Stunde der Furcht
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-621-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Fergusson & Van Alstyne ermitteln - Band 5
E-Book, Deutsch, Band 5, 459 Seiten
Reihe: Fergusson & Van Alstyne ermitteln
ISBN: 978-3-98952-621-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Julia Spencer-Fleming wurde 1961 in der Plattsburgh Airforce Base in New York geboren und verbrachte ihre Kindheit als Tochter eines Soldaten auf verschiedenen Armeestützpunkten, u.a. auch in Deutschland. Sie studierte Geschichte und Rechtswissenschaften und promovierte schließlich an der University of Maine, bevor sie sich ihrer Leidenschaft für die Schriftstellerei zuwandte. Für ihr Roman-Debüt »Das weiße Kleid des Todes« wurde sie direkt mit mehreren renommierten Krimi-Preisen ausgezeichnet. Die Autorin bei Facebook: facebook.com/juliaspencerfleming/ Die Autorin auf Instagram: instagram.com/juliaspencerfleming Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre packende Spannungsserie MILLER'S KILL mit den Einzeltiteln: »Das weiße Kleid des Todes« »Die rote Spur des Zorns« »Der kalte Schrei der Schuld« »Das dunkle Netz der Rache« »Die letzte Stunde der Furcht« »Der schwarze Tag der Sünde«
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Kapitel 1
Montag, 14. Januar
Auf halbem Weg des Menschenlebens fand ich mich in einen finstern Wald verschlagen, weil ich vom rechten Weg mich abgewandt.
Als Erstes roch Clare den Rauch. Sie blieb stehen und sog die eisige, windstille Luft ein. Kiefernharz und feuchte Wolle und der Geruch des Schnees nach gefrorenem Trinkwasser. Und Rauch. Vor ihrem Aufbruch heute Morgen hatte sie so viele Scheite wie möglich in den Holzofen der Hütte gelegt, doch diese mussten mittlerweile zu glimmender Asche heruntergebrannt und ihr Rauch schon lange in der Luft verschwunden sein.
Aha. Jemand hatte den Holzofen geschürt. Sie war nicht allein. Sie umklammerte ihre Skistöcke und wäre beinah – beinah – in die Wälder zurückgekehrt. In ihrem Rucksack befanden sich Lebensmittel und Streichhölzer und eine Decke und ein Messer. Sie konnte entkommen.
Sie fuhr zusammen, als etwas Kaltes ihre Hand berührte. Eine einzelne dicke Schneeflocke schmolz auf ihrer Haut. Während sie zusah, fiel eine weitere. Und noch eine. Sie seufzte. Es gab kein Entkommen. Sie stapfte vorwärts, brach zwischen den letzten Schierlingstannen und Kiefern hindurch und kletterte über einen steinharten Schneewall, den der Räumdienst hinter sich aufgetürmt hatte.
Sie nahm die beiden Stöcke in eine Hand, löste die Bindungen, trat aus den Schneeschuhen und hob sie mit der freien Hand auf. Ihre Beine fühlten sich wackelig und substanzlos an, als sie auf die Hütte zuwankte.
Gott sei Dank, Gott sei Dank kannte sie den Geländewagen nicht, der neben ihrem Auto parkte. Es war ein sauberer, ganz neuer Scout, anonym in einer Gegend, in der jedermann den Winter in einem Fahrzeug mit Allradantrieb verbrachte. Sie nahm an, dass er einem Verwandten des Hüttenbesitzers gehörte. Mr. Fitzgerald hatte ihr die Hütte angeboten, als sie in der Gemeindeversammlung erzählte, dass sie nach einer nachweihnachtlichen Rückzugsmöglichkeit suchte, doch er war bereits über achtzig und hatte vielleicht vergessen, dass er sie schon einem Enkel versprochen hatte.
Sie erklomm die Stufen zur offenen Veranda und hängte die Schneeschuhe und -Stöcke an zwei Haken, die an der Bohlenwand angebracht waren. Bitte, Herr, lass es niemanden aus meiner Gemeinde sein. Jeder, der die anderthalbstündige Fahrt von Millers Kill auf sich nahm, musste ziemlich verzweifelt sein. Im Augenblick kann ich mich einfach um niemanden kümmern. Sie öffnete die Tür.
Der Mann, der unter dem Küchentresen kramte, stand langsam und umständlich auf, ehe er sich zu ihr umdrehte. »Miss Fergusson. Endlich. Ich gestehe, ich habe allmählich begonnen, mir ein wenig Sorgen zu machen.«
Clare zwinkerte. »Father Aberforth?« Sie schaute sich um, als könnte sie jemanden finden, der ihr erklärte, warum der leitende Diakon der Diözese Albany an einem Montagnachmittag mit einem Kessel in der Hand in der Küche stand. Der offene Grundriss bot jedoch wenig Möglichkeiten, sich zu verbergen, es sei denn, der amtierende Bischof lauerte im Badezimmer. »Was machen Sie denn hier?«
Father Aberforth stellte den Kessel in die Spüle und drehte den Hahn auf. »Tee kochen.« Er wies zur Tür. »Vielleicht sollten Sie die schließen, ehe die ganze Wärme entweicht.«
Ohne sich umzudrehen, trat sie die Tür zu. »Ich bin in Klausur.« Ihre Stimme klang zittrig, als wollte sie sich für die Abwesenheit von ihrer Gemeinde entschuldigen. Willard Aberforth war als der Auftragskiller des Bischofs von Albany bekannt, eine Vogelscheuche in Schwarz, die sich diskret, doch nachdrücklich um Problem-Priester kümmerte. Und sie war, wie sie beide wussten, eine Problem-Priesterin. Oder zumindest eine Priesterin mit einem Problem.
»Das habe ich nicht vergessen«, entgegnete er trocken, während er den Hahn abdrehte und den Kessel auf den Herd stellte. »Ich habe mit Father Lawrence gesprochen, ehe ich hierhergefahren bin, um zu hören, wie die Dinge laufen. Er erzählte mir, Sie hätten ihn angerufen und gesagt, dass Sie früher zurückkommen?«
»Morgen früh.«
»Sie hatten von Mittwoch bis Mittwoch, das wissen Sie doch?«
»Ich weiß. Ich ... Ich habe erledigt, weswegen ich hierhergekommen bin. Jetzt glaube ich, dass es mir guttun wird, zurück an die Arbeit zu gehen.«
Aberforth hob die Augenbrauen, was eine große Fläche schlaffer Haut entknitterte. »Zweifeln Sie an Father Lawrences Fähigkeiten? Ich war derjenige, der ihn als Stellvertreter für diese Woche empfohlen hat, wissen Sie.«
»Aha. Nein. Keineswegs. Er schien ziemlich« – geriatrisch – »nett, als ich ihn eingeführt habe. Erfahren. Sehr erfahren.«
»Er war ein guter Freund Ihres Vorgängers.«
Der verstorbene, vielbetrauerte Father Hames, der seine Priesterstelle in St. Albans angetreten hatte, als Betty Grable noch Pin-up-Girl gewesen war.
»Ich bin davon ausgegangen, dass er und Ihre Gemeinde gut miteinander auskommen würden.«
Sie hatte nach den Ereignissen der vergangenen Nacht geglaubt, dass ihre Reserven an Kummer und Angst erschöpft waren, doch bei seinen Worten spürte sie erneut Furcht in sich aufsteigen. »Sind Sie ... will der Bischof mich suspendieren?«
Father Aberforth sah sie an. Einst war er jünger und fülliger gewesen, und sein Gesicht legte sich in trügerisch schwere Falten, doch seine schwarzen Augen verrieten, dass er nach wie vor aus Ecken und Kanten bestand. »Macht Ihnen diese Vorstellung zu schaffen?«
»Ja!« Sie war überrascht, wie sehr. In den vergangenen vier Monaten hatte sie um ein Zeichen gebetet, dass sie das Richtige tat, dass Gott sie lieber als Gemeindepriesterin denn als Sozialarbeiterin oder Kaplanin oder Helikopterpilotin sah – ihr alter, einfacher Beruf. Gott hatte sich in dieser Angelegenheit gründlich ausgeschwiegen. Vielleicht sprach Er jetzt zu ihr, in Form des Aufruhrs in ihren Eingeweiden.
Father Aberforth nickte. »Das dachte ich mir. Die Antwort lautet nein, der Bischof suspendiert Sie nicht von Ihren Pflichten.«
Sie atmete aus, und mit dem Atem entwich das letzte bisschen Energie aus ihrem Körper. Clare ließ ihren Rucksack zu Boden fallen und warf sich auf das nächste Sofa, ohne ihren Parka auszuziehen. Sie hörte das Klicken des Brenners, als Aberforth das Gas aufdrehte, und das Zischen, als das Streichholz den Ring in Flammen setzte. »Ich weiß, dass Sie eine Kaffeefanatikerin sind, aber hier muss doch irgendwo Tee sein«, meinte er.
»In der Speisekammer. In einer der Tupperdosen.« Sie lauschte Aberforth beim Herumkramen, dem Klappern und Klirren von Bechern und Löffeln und der Zuckerdose, und sie konnte ihre Großmutter Fergusson hören, die sie schalt, aufzustehen und die Gastgeberin zu spielen, aber dieses eine Mal konnte sie sich nicht dazu aufraffen, das Richtige zu tun. Sie kauerte dumpf da, während ihre Hände über die weichen Bezüge der Sofakissen glitten.
Der Wasserkessel schrillte und verstummte. »Trinken Sie Ihren Tee genauso wie Ihren Kaffee? Lächerlich süß?«
»Meine Güte«, sagte sie, »dass Sie sich daran erinnern!« Sie wartete reglos, während er zu ihr herüberkam und den Becher vor sie auf den Tisch stellte. Er ließ sich in einen der an Eames erinnernden Ledersessel gegenüber dem Sofa sinken. Dieser war nicht für Aberforth’ storchenähnliche eins achtundneunzig konstruiert, und so kämpfte er einen Moment um eine bequeme Haltung, ehe er sich eines der Kelimkissen vom Nachbarsessel schnappte und unter seine Knie stopfte.
»Idiotische Möbel«, bemerkte er. »Wie sind Sie an diese Hütte gekommen?«
»Sie gehört einem Mitglied meiner Gemeinde«, sagte sie. »Er nutzt sie nur noch selten, seit seine Frau vor einigen Jahren gestorben ist.«
Father Aberforth grunzte. »Trinken Sie Ihren Tee. Sie sehen halb tot aus.«
Sie griff mit so wenig Aufwand wie möglich nach dem heißen Becher und schaffte es, ein paar Schlucke zu trinken. »Was machen Sie hier, Father Aberforth? Soweit ich weiß, wollten wir uns erst wieder zum Plaudern treffen, nachdem ich hier oben mit mir ins Reine gekommen bin.«
»Mein Besuch dient zwei Zwecken.«
Clare lächelte in sich hinein. Wer außer Willard Aberforth redete so?
»Zum einen hat der Bischof einen neuen Diakon für Sie ernannt.«
Sie barg den warmen Becher in ihren Händen. »Ich brauche keinen Assistenten.«
»Es ist eine Vollzeitstelle, das Gehalt wird die Diözese übernehmen.«
Clare sah den alten Mann scharf an. »St. Albans ist weder alt noch wohlhabend genug, um einen Vollzeitdiakon zu rechtfertigen.«
»Dennoch.«
Der Groschen fiel. »Ich bekomme einen Babysitter.«
»Betrachten Sie sie eher als Hilfe, um Sie auf dem rechten Weg zu halten.«
»Mit Betonung auf rechten Weg.« Ursprünglich war es ihre Segnung einer schwulen Beziehung gewesen, die ihr vor zwei Jahren die Aufmerksamkeit des Bischofs – und die von Aberforth – eingetragen hatte. Sie hatte ihr Gehorsamsgelübde gebrochen und sich über die Haltung des Bischofs zur Homosexualität hinweggesetzt, beides Fehler, die sie eingestand, sich aber zu bereuen weigerte. Seit letztem November wartete sie auf die Reaktion des Bischofs, doch ihr Privatleben, das eher einem lodernden Verkehrsunfall glich, hatte sie ständig abgelenkt. Jetzt stürzte sie sich auf etwas anderes, das Aberforth erwähnt hatte. »Sie?«
»Reverend Elizabeth de Groot. Sie ist aus St. James in Schuylerville versetzt worden. Da Sie morgen schon zurückfahren wollen, werde ich ihr Bescheid geben, dass sie sich am Dienstag zum Dienst melden kann.«
»Bereitet sie sich auf die Weihen vor?« Was Clares Chancen erhöhen würde, dass man die Frau nach einem Jahr zu einer anderen Gemeinde...




