E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Spermann / Zimmermann / Kraus Erfüllt leben
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-451-81962-9
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein ignatianisches Fitnessbuch
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-451-81962-9
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Johann Spermann SJ, geb. 1967, Theologe und Psychologe, Direktor des Heinrich Pesch Hauses in Ludwigshafen und Leiter des Zentrums für Ignatianische Pädagogik. Tobias Zimmermann SJ, Philosoph und Kunstpädagoge, war Rektor des Canisius-Kollegs Berlin. Seit 9/2019 leitet er das Zentrum für Ignatianische Pädagogik und das Heinrich-Pesch-Haus in Ludwigshafen. Er ist Chefredakteur der Zeitschrift 'Jesuiten'.
Autoren/Hrsg.
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Teil 2:
Dein Leben in die Hand nehmen
Gewinne Abstand
»exercitia spiritualia – non multa sed multum« – Damit du deine innere Mitte findest
»Die Kraft fließt einem Jedi von der Macht zu.
Aber hüte dich vor der dunklen Seite der Macht. Zorn,
Furcht, Aggressivität, die dunklen Seiten der Macht sind sie.
Besitz ergreifen sie leicht von dir. Folgst du einmal diesem
dunklen Pfad, beherrschen wird auf ewig die dunkle Seite
dein Geschick. Verzehren wird sie dich, wie einst den Schüler
von Obi-Wan.«
»Vader ... Ist die dunkle Seite stärker?«
»Nein! Nein. Nein. Schneller, leichter, verführerischer.«
»Aber wie kann ich die gute Seite von der schlechten unterscheiden?«
»Erkennen wirst du es. Wenn du Ruhe bewahrst. Und Frieden.
Passiv. Ein Jedi benutzt die Macht für das Wissen, zur Verteidigung.
Niemals zum Angriff.«
»Aber sag mir, warum ich nicht ...«
»Nein, nein, es gibt kein warum. Und mehr werde ich heute
dich nicht lehren. Von allen Fragen befreie deinen Geist.«
Meister Yoda
Oft sind wir in unserer Gedankenwelt gefangen. Unsere eigenen Muster zu erkennen und dadurch innere Freiheit zu gewinnen, gelingt uns nur, wenn wir den nötigen Abstand zu uns selbst haben. Sich selbst in seinem Denken und Empfinden zu verstehen, braucht Übung und bleibt eine permanente Herausforderung. Was passiert gerade bei mir, wie gestalte ich mein Leben? Worauf baue ich und worauf setze ich? Und warum sollte ich mich all das überhaupt fragen? Um diesen Fragen strukturiert nachzugehen und Entscheidungen für die Zielrichtung des Lebens nicht dem Zufall zu überlassen, bieten ignatianische Exerzitien Struktur und Methoden.
Iggys Beobachtung
An einem warmen Septembertag machte sich Ignatius auf den Weg zum Ufer des Flusses Cardoner. Hinter ihm lag eine stürmische Zeit. In einer Höhle im Montserrat-Gebirge hatte er versucht, mit rigoroser Askese seinen Weg als Einsiedler zu finden. Er musste dabei die Erfahrung machen, dass sein Ehrgeiz, der »beste Asket« zu werden, ihn körperlich und geistig beinahe zerstört hätte. Im Rückblick begriff er nun, dass ihn ein Muster getrieben hatte. Er wollte der beste Ritter sein, er wollte der Beste am Hofe sein, und nun wollte er auch noch der beste Asket sein. Er musste erkennen, dass er sein Leben lang Getriebener seines Ehrgeizes und Stolzes gewesen war.
Nun befand er sich auf dem Weg der Erholung. Er setzte sich ans Flussufer und träumte vor sich hin – erschöpft und erleichtert zugleich. Während er sich entspannte, begann er auf einmal Zusammenhänge zu sehen, die ihm bisher verborgen geblieben waren. Er sah die Welt und ihr Schicksal mit ganz anderen Augen.
Tief in seinem Innern verstand er in dieser mystischen Grunderfahrung, dass Gott der tiefste und schönste Kern aller kosmischen Prozesse ist. Gott ist nie draußen oder abwesend, sondern immer drinnen und im Hier und Jetzt. Nichts weniger als das Schicksal der Welt entscheidet sich buchstäblich vor seinen Augen. Diese spirituelle Erfahrung war für Ignatius prägend. Er war davon überzeugt, dass diese Gotteserkenntnis nicht erklärbar, sondern nur erlebbar ist. Deswegen sprach er auch nur sehr zurückhaltend über seine eigenen Erlebnisse. Vielmehr beschrieb er den Weg, der ihn zu dieser Erkenntnis geführt hatte, und wie andere Menschen auf diesem geführt werden können.
Iggys Ziel
Ignatius war fest von der Möglichkeit überzeugt, anderen die Augen öffnen und sie in die wirkliche Freiheit führen zu können. Dies bedeutete für ihn, sich von Jesus Christus faszinieren zu lassen und daraufhin sogar das eigene Leben vollständig zu ändern – sich zum Dienst an Gott und der Welt zu motivieren.
Er entwickelte über viele Jahre hinweg Übungen als Anleitung für einen Selbstfindungsprozess. Das so entstanden Buch nannte Ignatius »Exercitia spiritualia«, »Geistliche Übungen«, mit Methoden und Vorgehensweisen für den Prozess der »Weg zur Erleuchtung«. Bis heute sind sie als »Exerzitien« bekannt und werden noch immer praktiziert. Die Übungen sind in einem Buch gesammelt und stellen einen prägenden Teil der Jesuitenausbildung dar.
Wie auch bei den Entscheidungen gilt für die Exerzitien: Sie sind nicht alleine machbar, das Buch ist also nicht selbsterklärend. Es braucht einen Begleiter, der sich mit dir auf diesen Weg begibt.
Iggys Weg
Wir haben in unserer Gesellschaft oft das Gefühl, immer schneller funktionieren zu müssen. Leistung und Performance scheinen die entscheidenden Faktoren zu sein. Konditioniert durch unser Umfeld, sind wir und damit unser Leben an vielen Stellen fremdbestimmt. Selten stellen wir dies in Frage.
Bei den Exerzitien geht es für dich darum, deine eigenen Muster zu verstehen und dich grundsätzlich mit deinen Zielen, Wertvorstellungen und Antreibern auseinanderzusetzen. Dafür musst du aus dem Hamsterrad des Alltags aussteigen. Nur mit ausreichendem Abstand kann eine Selbstreflexion jenseits des bisherigen Lebensmusters gelingen.
Menschen lernen in den Exerzitien, sich zu öffnen und zu empfangen. Alle Dimensionen des Menschen spielen bei den Übungen eine Rolle: Denken, Fantasie, Bilder, Ideen, Gefühle, Wahrnehmung, Leib und Geist. Es geht um das Leben und seine Beziehungen, um das große Ganze. Aus den Exerzitien erwachsen Klarheit und die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, zu lieben und entschlossen zu handeln.
Es gibt in den Exerzitien des Ignatius sowohl Übungen, die sehr offen sind und dem Geist helfen, sich finden zu lassen, als auch solche, die durch ihre klare Struktur den Geist zwingen, sich von bestimmten Mustern zu lösen. Es geht auf dem gesamten Weg um die Frage, worauf du dein Leben baust.
Heute gibt es eine Reihe von verschiedenen Formen der Exerzitien, die zwischen einer und vier Wochen dauern. Inzwischen werden sogar Varianten angeboten, die sich berufsbegleitend über ein Jahr erstrecken. Aber alle Formen sind noch immer durch die geistlichen Übungen inspiriert, die aus den Lebenserfahrungen von Ignatius von Loyola entstanden sind.
Ignatius entwickelte für die 30 Tage Auszeit einen Ablauf, der bis heute angewendet wird. Zu Beginn der Exerzitien wird eine Art Fundament gelegt. Hier wird die positive Beziehung und Liebe zwischen Schöpfer und Geschöpf meditiert, die Ausrichtung der ganzen Welt auf Gott und dessen Liebe zur gesamten Schöpfung. Im Kern geht es darum, dem nachzugehen, wie ich liebe und wie ich Liebe in mich hineinlassen kann – beides! Aus dieser Perspektive ordnet sich dann alles neu. Das »müssen müssen müssen« tritt hinter einer neu gewonnenen Gelassenheit und Freiheit eines »nichts zu sehr wollen« zurück. Ignatius nennt diese Haltung Indifferenz.
Als Wellness lässt sich die folgende Zeit in den Exerzitien nicht bezeichnen, denn nun geht es um die ernsthafte Beschäftigung mit den Schatten im eigenen Leben. Der Mensch muss lernen, es auszuhalten, dass er in vielem der Liebe nicht gerecht wird. Versöhnung wird erst dann möglich, wenn er entdeckt, dass er trotz seiner Fehler angenommen ist.
Die nächsten Wochen meditiert man das Handeln und Leben Jesu – bis hin zu seinem Tod. Es gilt zu verstehen, was ihm wichtig war und woraus er lebte, um von ihm zu lernen und sich von seinem Beispiel berühren zu lassen. Die letzte Woche ist der Auferstehung gewidmet. Leise wächst in der Meditation die Überzeugung, dass die Liebe stärker ist als der Tod und dass dies auch für den Übenden gilt. Den Abschluss bildet die Meditation »zur Erlangung der Liebe«. Sie ist ganz der mystischen Grunderfahrung von Ignatius am Fluss Cardoner angelehnt: Alles ist durchströmt von Gottes Gegenwart, alles ist miteinander verbunden, und ich bin Teil dieses Lebensstroms. Die »Meditation zur Erlangung der Liebe« ist eine Aussendung in die Welt, die den Übenden dazu drängt, mit offenen Augen zu leben und Gott in der Schöpfung »in allen Dingen« zu finden. Es ist dies die Erfahrung der Verbundenheit und Versöhnung mit sich, dem eigenen Leben und der Welt. Daraus erwachsen die Energie und die Entschiedenheit, sich für Liebe und Gerechtigkeit einzusetzen.
Wer sich auf diesen Exerzitienprozess einlässt, schweigt in diesen Tagen. Einmal täglich gibt es ein Gespräch mit einem Mentor, der den Erfahrungen zuhört und kurze Impulse für das weitere Meditieren gibt.
Jede der vielen täglichen Meditationen folgt einer gut durchdachten Struktur:
- In der Vorbereitung vergewissere ich mich des Themas und fokussiere meine Aufmerksamkeit. Die geeignete Atmosphäre und innere Bereitschaft stärkt ein kurzes Gebet im Stil von: Gott führe mich in dieser Meditation dorthin, wo du mich treffen willst.
- Die eigentliche Meditationszeit kennt dann verschiedene Methoden:
- Da gibt es das klassische Meditieren im Sinne des Durcharbeitens eines Stoffes. Das hat etwas mit »Wiederkäuen« zu tun: Worum geht es? Was bedeutet das Ganze – auch für mich? Welche Auswirkung hat es, wenn ich die Erfahrung aus der Meditation auf mein Leben anwende? Welche Emotionen und körperlichen Reaktionen werden dazu wach?
- Aber auch die Kontemplation eines absichtslosen Bleibens bei einem Wort oder inneren Bild ohne Nachdenken kennen die Exerzitien.
- Besonders wichtig war Ignatius die sogenannte »Anwendung der Sinne«. Ich lasse mich dabei auf eine biblische Geschichte ein, indem ich sie wie einen inneren Kinofilm entwickle. Ich werde Teil des Geschehens, indem ich mir eine Rolle...




