Spiegel | Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 271 Seiten

Spiegel Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit

Grundlagen und Arbeitshilfen für die Praxis
7. durchgesehene Aufl 2021
ISBN: 978-3-8463-8798-6
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Grundlagen und Arbeitshilfen für die Praxis

E-Book, Deutsch, 271 Seiten

ISBN: 978-3-8463-8798-6
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bereits in 7. Auflage Berufliches Können braucht zentrale, auch wissenschaftlich begründbare Arbeitsregeln. Oft fehlt Praktikern, aber auch den Studierenden das Rüstzeug für die Planung und Nachbereitung ihrer Arbeit. Berufliches Handeln erfolgt überwiegend intuitiv und mit Rückgriff auf Erfahrungen und Routinen. Ob und warum dieses aber in einer gegebenen Situation angemessen ist, bleibt unklar. Das Buch zeigt hier Auswege auf, indem es Anregungen für ein systematisch geplantes und am wissenschaftlichen Vorgehen orientiertes methodisches Handeln bietet. Es begründet und beschreibt Arbeitshilfen, die die berufliche Handlungsstruktur und die für Soziale Arbeit relevanten Wissensbestände in einen reflexiven Zusammenhang bringen. Unter Mitarbeit von Benedikt Sturzenhecker. utb+: Ergänzend zum Buch erhalten Leser:innen als digitales Zusatzmaterial Arbeitshilfen, Checklisten und Vorlagen, um das erlernte Wissen praxisnah anzuwenden. Erhältlich über utb.de.

Prof. Dr. Hiltrud von Spiegel, lehrte an der FH Münster, Fachbereich Sozialwesen; Schwerpunkte: Theorien der Sozialen Arbeit, methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit (incl. Qualitätsentwicklung und Selbstevaluation)
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1Das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit

Das erste Kapitel thematisiert Strukturelemente des Handlungsfeldes, auf die sich das methodische Handeln bezieht. Diese konstituieren den Kontext, innerhalb dessen sich die Soziale Arbeit vollzieht. Im ersten Teilkapitel (Kap. 1.1) werden vorwiegend gesellschaftliche Faktoren wie Aspekte der historischen Herausbildung des Handlungsfeldes der Sozialen Arbeit und deren Position im Kanon der sozialstaatlichen Aufgaben skizziert. Die gesellschaftliche Funktion wird von Wissenschaftlerinnen vielfach analysiert, bewertet und in Theorien der Sozialen Arbeit überführt. Das spiegelt sich in Vorschlägen für einen spezifischen Gegenstand der Sozialen Arbeit, auf den sich ? Disziplin und Profession beziehen können und der zur Ausbildung einer beruflichen Identität der Berufsangehörigen beitragen kann, wider. Im zweiten Teilkapitel (Kap. 1.2) werden die Besonderheiten der beruflichen Tätigkeit charakterisiert, die sich als gesellschaftlich organisierte, institutionalisierte Hilfe zwischen den beiden Polen der sozialstaatlichen Auftragserfüllung und der Bearbeitung individueller Problemlagen bewegt. Sie kann nicht auf Technologien zurückgreifen und ist daher im höchsten Maße auf eine dialogische Verständigung und eine ? Koproduktion mit ihren Adressaten angewiesen. Im vorliegenden Buch werden diese Besonderheiten als „Charakteristika der beruflichen Handlungsstruktur“ bezeichnet, auf die das methodische Handeln abgestimmt sein muss.

1.1 Gesellschaftliche Aufträge und disziplinäre Positionen

Das vorliegende Kapitel skizziert die historische Herausbildung des heterogenen Handlungsfeldes (Kap. 1.1.1) und thematisiert anschließend die Bedeutung und die spezifischen Schwierigkeiten, Funktion und Gegenstand der Sozialen Arbeit zu bestimmen. Um den Nutzen solcher theoretischen Arbeiten für die Klärung des Selbstverständnisses von Professionellen zu verdeutlichen, wird je eine einflussreiche Funktions- und Gegenstandsbestimmung in ihrem theoretischen Kontext vorgestellt (Kap. 1.1.2).

1.1.1 Historische Herausbildung des Handlungsfeldes

Die Abgrenzung der Sozialen Arbeit zu anderen sozialen Berufen fällt schwer, und auch die Berufsbilder der verwandten Berufe (Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziale Arbeit, Diplompädagoge, Erzieherin, Sozialtherapeutin, Heilerziehungspfleger u.a.) überschneiden sich. Das gesamte Handlungsfeld bildet keinen systematisch strukturierten Bereich, sondern ist aus verschiedenen „Wurzeln“ und Traditionen zusammengewachsen, die im Folgenden kurz dargestellt werden.

Herausbildung staatlicher Institutionen

Institutionen und methodische Vorgehensweisen der Sozialarbeit und der Sozialpädagogik haben sich im Zusammenhang der modernen Gesellschaft herausgebildet (Thiersch 1996; Münchmeier 2018). Mit der Weiterentwicklung der Produktionsformen entstanden neue Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und neue soziale Ungleichheiten. Parallel und immer auch in Reaktion auf diese Entwicklungen entzündeten sich Proteste (z.B. die Arbeiterbewegung), die gewachsene Herrschafts- und Produktionsverhältnisse bedrohten und die Angst vor sozialen Unruhen schürten. Um die individuellen Folgen für die arbeitenden Menschen (z. B. mangelnde Ausbildung, Verelendung, Deklassierung) und auch die gesellschaftlichen Folgen (soziale Unruhen) abzufedern – und nicht zuletzt, um den wachsenden Ansprüchen der Industrie an die Qualifikation der Arbeitskräfte gerecht zu werden – wurden dem Staat als „Vermittlungsinstanz“ zwischen Wirtschaft und Gesellschaft immer mehr Aufgaben übertragen. Folgende Tendenzen lassen sich im Laufe des 19. Jahrhunderts verzeichnen:

¦Der Staat definierte sich als Sozialstaat mit dem Anspruch, den Bürgern Gleichheit, Freiheit und Solidarität zu ermöglichen.

¦Die Gesellschaft akzeptierte nach und nach bestehende Probleme als gesellschaftlich zu bearbeitende Aufgaben und entwickelte rechtliche, institutionelle und professionelle Konzepte für deren Bewältigung.

¦Die sozialstaatliche Bearbeitung der Probleme und Aufgaben wurde schrittweise rechtlich festgeschrieben und von gesicherten Institutionen und wissenschaftlich fundierten Berufen wahrgenommen.

Zeitlich versetzt bildeten sich folgende Institutionen heraus:

¦Der Staat organisierte und finanzierte das schulische Ausbildungssystem, um den differenzierten Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden.

¦Im Hinblick auf vorhersehbare Grundrisiken in verschiedenen Lebenslagen (Krankheit, Unfall, Altersversorgung, Arbeitslosigkeit, Verelendung und Pflegebedürftigkeit) etablierten sich die Sozialversicherungen, die auf der Basis einer individuell erworbenen Anspruchsberechtigung agieren.

¦Hinzu kam die Sozialhilfe im engeren Sinne als materielle Unterstützung derjenigen, die von diesen Versicherungssystemen nicht erfasst werden.

¦Unvorhersehbare und unversicherbare Risiken der Lebensführung wurden und werden zunehmend durch personenbezogene Hilfen der Sozialarbeit und der Sozialpädagogik bearbeitet (Thiersch 1996).

Dies wird von Sachße / Tennstedt (1991) als „Doppelstruktur des Sozialstaates“ beschrieben: die Sozialpolitik ist für die Absicherung der Lebensrisiken sowie auch sozial gerechte Chancen zuständig, während die Soziale Arbeit sich auf personenbezogene Dienstleistungen konzentrieren kann (n. Münchmeier 2018).

Sozialarbeit und Sozialpädagogik blicken auf unterschiedliche Traditionslinien zurück: Ausgangspunkt der Sozialarbeit war die massenweise materielle Verelendung der Arbeiter im Zusammenhang mit der Industrialisierung. Armut galt zuvor als ein gesellschaftlicher Status, der auf Unterstützung angewiesen war und von den Armen Demut und Abhängigkeit forderte. Im Kontext sozialer Bewegungen veränderte sich dieser Status zögerlich und immer auch mit Einschränkungen zugunsten eines Anspruches auf Hilfe durch die Gesellschaft. Sozialarbeit etablierte sich nach Thiersch (1996) als Hilfe zur Selbsthilfe angesichts materieller Verelendung, als Unterstützung und Beratung bei psychosozialen Problemen und der Alltagsgestaltung sowie als Förderung und Stabilisierung in menschenwürdigen Verhältnissen. Das Armutsproblem wurde insofern pädagogisiert, als dass man die Probleme der Armen „als Störungen der Entwicklung, des Lernens, der Motivation oder Moral“ definierte (Münchmeier 2018, 532). Die Sozialarbeit sollte eine Verhaltensänderung der Armen bewirken, damit sie ihre Probleme selbst lösen könnten – wodurch dann auch das Phänomen der Armut verschwände.

Annäherung der Traditionen

Die Sozialpädagogik entstand im mittelalterlich-frühneuzeitlichen Waisenwesen in Form von Konzepten der Armenerziehung. Thiersch (1996) kennzeichnet die Sozialpädagogik mit Bezug auf Natorp und Nohl als gesellschaftliche Reaktion auf die „Entwicklungstatsache“, also auf das Phänomen, dass Menschen in ihrem Heranwachsen unterstützt werden müssen. Daraus ergab sich ein Anspruch auf Erziehung und Bildung, insbesondere für Kinder in belasteten Lebensverhältnissen. Im Gesamtrahmen der allgemeinen Erziehung / Pädagogik entwickelte sich die Sozialpädagogik als Unterstützung bei der Bewältigung von Anpassungsund Normalitätserwartungen der Moderne und als Hilfe für das Individuum bei der Entfaltung seiner Bildungs- und Entwicklungschancen.

Die eigenständigen Traditionen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik näherten sich einander und verbanden sich in den 1960er Jahren. Der Begriff „Soziale Arbeit“ bestätigt das Ergebnis dieser Entwicklung, denn

Verbindung der Traditionen

¦Sozialarbeit als Arbeit mit materiell Verelendeten befasst sich zwangsläufig mit...



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