Spiegel | Tagebuch 1939-1942 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 480 Seiten

Spiegel Tagebuch 1939-1942


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7317-6204-1
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 480 Seiten

ISBN: 978-3-7317-6204-1
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Renia Spiegel ihr Tagebuch begann, war sie noch keine fünfzehn Jahre alt und gerade zu ihren Großeltern nach Przemysl übersiedelt. Sie vermisste das väterliche Landgut und die Mutter, die sich mit der jüngeren Schwester Ariana häufig in Warschau aufhielt, um Ariana eine Bühnenkarriere aufzubauen. Auf rund 700 Heftseiten schildert Renia den Alltag im Gymnasium und Erlebnisse mit Freundinnen, bald aber auch das Leben und die Nöte in einer geteilten Stadt nach dem Einmarsch der Deutschen und der Sowjets. Vor allem schüttet sie dem Tagebuch ihr Herz aus und fasst ihre Empfindungen in berührende Gedichte. Ihre erste große Liebe zu dem Mitschüler Zygmunt wühlt sie innerlich auf, während um sie herum die Nazis vorrücken und die Schrecken des Ghettos über sie hereinbrechen.Zygmunt, der Zwangsarbeit und Lagerhaft überlebte, gelang es nicht nur, das Tagebuch vor der Zerstörung zu bewahren, sondern er ruhte nicht, bis er Renias Mutter in New York ausfindig gemacht und es ihr übergeben hatte. Wie durch ein Wunder ist uns so ein einzigartiges Zeitzeugnis erhalten geblieben.

Renia Spiegel (1924-1942), geboren im polnischen Uhry?kowce, wuchs nach der Trennung der Eltern bei ihren Großeltern in Przemy?l auf. Dort besuchte sie das Maria-Konopnicka-Gymnasium und verliebte sich in Zygmunt Schwarzer. Nach der Internierung im Ghetto konnte Zygmunt Renia für kurze Zeit auf dem Dachboden eines Hauses verstecken. Durch einen Verrat flog das Versteck auf, und Renia wurde erschossen. Sie war gerade erst 18 Jahre alt geworden.
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Anmerkungen
von Renias Schwester Elizabeth Bellak
(Ariana Spiegel)

2. Februar 1939

Renia war erst vierzehn Jahre alt, als sie ihr Tagebuch begann. Sie war in sich gekehrt, nachdenklich, gefühlvoll und was ein »braves Mädchen« in der weiterführenden Schule sonst so ist. So waren wir wohl alle. Bis die Deutschen und die Sowjets einmarschierten, konnte man Anfang 1939 noch so sein.

Damals lebte ich nicht in Przemysl bei meinen Großeltern wie Renia. Ich war zusammen mit meiner Mutter unterwegs durch Polen und trat in Filmen und Theaterstücken auf. Ich wirkte mit in dem Film Gehenna sowie in einem weiteren mit dem Titel Granica und hatte ein festes Engagement am Cyrulik Warszawski, einem berühmten Warschauer Theater, wo ich sang, tanzte und Werke berühmter polnischer Dichter wie Jan Brzechwa und Julian Tuwin rezitierte.

Renia lebte seit 1938 bei unseren Großeltern. Unser Vater Bernard, den wir Ticio nannten, wohnte damals noch auf dem Landgut unserer Familie in Stawki. Unser Dorf war winzig, aber es lag in der Nähe des größeren Ortes Zaleszczyki an einer Biegung des Dnjestr ungefähr dreihundert Kilometer südwestlich von Przemysl. Vom Vater getrennt zu sein war in diesen Tagen nichts Besonderes. Ticio musste sich um seine Angestellten kümmern, Weizen und Zuckerrüben anbauen und ernten und viele Hektar Land verwalten. Er sorgte für uns, wie es sich für einen guten Vater gehörte, aber er hatte wenig freie Zeit, die er mit uns verbringen konnte. Väter waren damals ohnehin weniger präsent und überließen das Aufziehen der Kinder den Müttern.

Meine Schwester und ich liebten es, öffentlich Gedichte vorzutragen, und als ich fünf Jahre alt war, nahm meine Mutter uns zum Vorsprechen bei einem Radiosender mit nach Lemberg (das heutige ukrainische Lwiw, das damals zu Polen gehörte), eine Großstadt etwa zweihundert Kilometer nordöstlich von Zaleszczyki. Die Produzenten fanden uns sehr begabt, und so wurden wir engagiert. Renia entschied sich bald dafür, ausschließlich zu schreiben, aber mich nahm meine Mutter zu weiteren Vorsprechen mit nach Warschau. Innerhalb von zwei Jahren war ich zu einem Kinderstar auf der Bühne und der Kinoleinwand geworden. Meine Mutter wurde meine Managerin, und ich folgte ihr überallhin.

Anders als Renia war ich immer bei ihr, und wenn wir nicht auf Tournee waren, teilten wir uns ein Zimmer an einer schönen Straße Warschaus. Mir kam die Stadt riesig und prächtig vor mit ihren alten Kirchen, Synagogen, Konzerthäusern und Museen – die im Krieg größtenteils zerstört wurden. Da ich so viele Auftritte absolvieren musste, besuchte ich keine reguläre Schule. Stattdessen übte die Hauslehrerin Frau Arciszewska mit mir Gedichtvortrag, ich bekam Unterricht in einer Tanzschule, und jede Woche ging ich zu einer Dame zum Klavierunterricht. Wenn ich heute darüber nachdenke, hatte ich damals großes Glück mit diesem Leben einer kleinen Berühmtheit. Mein Bild war in Zeitschriften und auf Filmplakaten, sodass die Leute mich auf der Straße erkannten. Meine Mutter ließ hübsche Kleider für mich schneidern, und eins davon hatte eine Reihe mit sechs Knöpfen vorne drauf, auf denen ARIANA stand.

Unsere Mutter war groß und elegant, mit dunklen Haaren und hellblauen Augen wie meine. Sie hatte auch sehr schöne gerade Zähne. Die Leute sahen sie bewundernd an und fragten: »Wer hat Ihnen die Zähne gemacht?«, und darauf pflegte sie lachend zu antworten: »Es sind meine eigenen!« Sie besaß eine ungeheure Präsenz und trug modische Schuhe, die ihre langen Beine betonten. Obwohl wir den größten Teil meiner Kindheit auf dem Land gewohnt hatten, sah ich sie niemals in Hosen. Sie trug stets Kleider, Kostüme und Oberteile mit Korsett darunter, das Renia und ich ihr gerne festziehen halfen.

Sie war keine Adlige, aber ihre Freunde nannten sie »die Baronin«. In Warschau ließ sich meine Mutter einmal bei Telimena, einem sehr exklusiven Geschäft mit einer ganzen Riege von Schneiderinnen, ein grünes Wollkostüm mit Lederknöpfen anfertigen. Dazu trug sie eine Seidenbluse. Selbst wenn sie nur zu einer Besorgung aus dem Haus ging, sah sie aus wie eine Dame. »Mach dich für dich selber fein«, wies sie mich immer an. Bis heute sage ich das auch zu meinen Kindern.

Renia hatte ebenfalls die hellblauen Augen meiner Mutter, aber sie sah Bulus (wie wir sie nannten) weniger ähnlich als ich. Renia legte manchmal ein bisschen zu, während unsere Mutter immer schlank blieb. Renia war klug und nachdenklich, aber sie war nicht so extrovertiert wie Mama und ich. Diese Unterschiede fielen jedoch nicht ins Gewicht. Renia betete unsere Mutter geradezu an.

Auch wenn sie keine klassische Schönheit gewesen sein mochte, war Renia doch innerlich wie äußerlich einfach nur wunderbar und liebenswert. Sie hatte ein freundliches, gewinnendes Lächeln, und andere fühlten sich von ihr angezogen. Aus ihren Zöpfen machte sie Schnecken, die sie am Hinterkopf befestigte. Auf vielen der Fotos, die ich von ihr besitze, hat sie geknöpfte Stiefeletten an. Sie beklagte sich manchmal, dass die anderen Mädchen schönere Kleider hätten als sie, aber das machte ich auch. Denn sobald ich in Przemysl festsaß, war unsere Mutter ja nicht mehr da, um uns hübsche Kleider und Mäntel zu kaufen.

Andererseits bin ich sicher, dass die anderen Mädchen gar nicht darauf achteten oder Wert darauf legten, was Renia anhatte. Ich glaube, sie beneideten sie um ihre Fähigkeiten. Denn in der Schule war sie in allen Fächern gut, die sie interessierten: Mathematik, Erdkunde, Russisch, Latein, Französisch, Polnisch und Deutsch. Sie nahm auch zu Hause Polnischunterricht bei Professor Jerschina, von dem sie lernte, sich schriftlich schön auszudrücken. Zu Hause und in der Schule las sie alle möglichen berühmten polnischen Autoren und Dichter, und ich glaube, davon waren ihre eigenen Gedichte inspiriert.

Ihr Gymnasium befand sich an der Ecke gegenüber dem Wohnhaus meiner Großeltern. Es war ein riesiges Gebäude mit einem großen, von einem hohen Drahtzaun umgebenen Schulhof. Heutzutage gehen Jugendliche entweder am Wochenende aus – ins Kino oder zum Shoppen –, oder sie bleiben zu Hause und spielen mit ihren Smartphones. 1939 war das etwas ganz anderes. Wenn man abends zu Hause blieb, schrieb man Tagebuch, oder man malte, spielte ein Instrument, las oder beschäftigte sich mit etwas anderem für sich allein. Rausgehen hieß, man war in der Schule, wo immer irgendwelche Aktivitäten oder Feste stattfanden. Wenn Renia gesellig zumute war, ging sie also zur Schule – und es kam mir so vor, als wäre sie ständig dort gewesen.

Renia hatte viele Freunde, und alle liebten und verehrten sie. Ich weiß, dass sie über ihre Probleme geschrieben hat, aber ich glaube, das waren Bagatellen und etwas Normales bei Heranwachsenden. Das ging uns ja allen so. Ihre beste Freundin hieß Nora, und Renia nahm mich manchmal mit zu ihr. Ich mochte es dort, und ich mochte Nora. Unsere Großväter arbeiteten zusammen in einem Maler- und Baubetrieb, sodass wir einige Gemeinsamkeiten hatten.

1942, nachdem meine Schwester umgekommen war, schrieb Nora meiner Mutter einen zwei Seiten langen Brief. Darin schilderte sie meine Schwester als das beste, tiefgründigste, einzigartigste menschliche Wesen, das sie je gekannt habe, und hob hervor, wie sehr sie aneinander hingen. Ich weiß, dass Renia sich manchmal auch mit ihr stritt, aber Nora war ihre beste Freundin, und da spielte das keine große Rolle. Ihr Brief hat mich zutiefst berührt, und ich musste beim Lesen weinen.

Renia war auch Vorsitzende des Literaturclubs. Sie gewann sämtliche Preise. Und sie schrieb wunderschöne Gedichte, die ihre Freundinnen und Lehrer ihr geradezu aus den Händen rissen.

26. Februar 1939

Vor der Besatzung durch die Deutschen und die Sowjets besuchten meine Mutter und ich Renia in Przemysl immer wenn wir nicht in Warschau oder auf Tournee waren. Ich erinnere mich nicht mehr, wie oft wir dorthin fuhren, aber ich weiß, wie sehr Renia sich darüber freute. Auch mir ging es so, denn ich vermisste meine Schwester die ganze Zeit, und im Heimatort meiner Mutter zu sein, war etwas Besonderes. Przemysl war eine malerische alte Stadt an den Ausläufern der Karpathen. Der San schlängelte sich hindurch, und die Kathedrale ragte als Blickfang über ihr auf. Es war kein großer Ort – vor dem Krieg lebten etwa sechzigtausend Menschen dort –, aber durch den großen Markt im Zentrum der Altstadt am rechten Ufer des San besaß es eine geschäftige Atmosphäre.

Ich wünschte, ich hätte geahnt, wie traurig Renia darüber war, dass Bulus und ich so selten bei ihr waren; vielleicht hätte ich dann deutlichere Erinnerungen. Vielleicht hätte ich ihr dann deutlicher gezeigt, wie sehr ich sie liebte. Aber ich war noch nicht mal zehn Jahre alt, und die wenigsten Menschen können sich an alltägliche Dinge erinnern, bevor sie elf oder zwölf sind. Ich erinnere mich an die großen Ereignisse und allgemeinen Eindrücke, wie etwa, dass unser Zimmer in Warschau an einer schicken Straße lag und mit Biedermeiermöbeln eingerichtet war. Ich weiß noch, dass meine Mutter mit ihrem strahlenden Lächeln und ihren Pelzmänteln dort wie zu Hause war. Ich erinnere mich, wie sie mich von einem Ort zum anderen, von einem Termin zum nächsten durch ganz Warschau schleppte. Ich hatte mehrmals die Woche Auftritte und musste stets pünktlich sein! Ich erinnere mich daran, wie ich abends mit Frau Arciszewska Gedichte durchging. Sie hatte einen glatten Porzellanteint und wohnte in einer Art Schloss mit einem prächtigen Bett und perlengeschmückten Wänden. Dort gab es einen Diener, eine Köchin und eine...


Bellak, Elizabeth
Elizabeth Bellak, 1930 als Ariana Spiegel geboren, war Kinderschauspielerin und galt als polnische Shirley Temple. 1942 floh sie mit ihrer Mutter aus Warschau zunächst nach Österreich und emigrierte dann nach New York City, wo sie heute lebt.

Spiegel, Renia
Renia Spiegel (1924–1942), geboren im polnischen Uhrynkowce, wuchs nach der Trennung der Eltern bei ihren Großeltern in Przemysl auf. Dort besuchte sie das Maria-Konopnicka-Gymnasium und verliebte sich in Zygmunt Schwarzer. Nach der Internierung im Ghetto konnte Zygmunt Renia für kurze Zeit auf dem Dachboden eines Hauses verstecken. Durch einen Verrat flog das Versteck auf, und Renia wurde erschossen. Sie war gerade erst 18 Jahre alt geworden.

Manc, Joanna
Joanna Manc, geboren 1959 in Gdynia, lebt seit 1968 in Frankfurt am Main. Sie studierte Germanistik, Romanistik und Slawistik und ist seit 1994 Übersetzerin aus dem Polnischen. 2006 erhielt sie den Förderpreis des Europäischen Übersetzerpreises Offenburg, 2010 zusammen mit Wlodzimierz Nowak den Georg-Dehio-Ehrenpreis.

Renia Spiegel (1924-1942), geboren im polnischen Uhrynkowce, wuchs nach der Trennung der Eltern bei ihren Großeltern in Przemysl auf. Dort besuchte sie das Maria-Konopnicka-Gymnasium und verliebte sich in Zygmunt Schwarzer. Nach der Internierung im Ghetto konnte Zygmunt Renia für kurze Zeit auf dem Dachboden eines Hauses verstecken. Durch einen Verrat flog das Versteck auf, und Renia wurde erschossen. Sie war gerade erst 18 Jahre alt geworden. Elizabeth Bellak, 1930 als Ariana Spiegel geboren, war Kinderschauspielerin und galt als polnische Shirley Temple. 1942 floh sie mit ihrer Mutter aus Warschau zunächst nach Österreich und emigrierte dann nach New York City, wo sie heute lebt. Joanna Manc, geboren 1959 in Gdynia, lebt seit 1968 in Frankfurt am Main. Sie studierte Germanistik, Romanistik und Slawistik und ist seit 1994 Übersetzerin aus dem Polnischen. 2006 erhielt sie den Förderpreis des Europäischen Übersetzerpreises Offenburg, 2010 zusammen mit Wlodzimierz Nowak den Georg-Dehio-Ehrenpreis.



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