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E-Book

E-Book, Deutsch, 613 Seiten

Reihe: beHEARTBEAT

Spieler Die Mätresse des Papstes


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-1700-8
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 613 Seiten

Reihe: beHEARTBEAT

ISBN: 978-3-7325-1700-8
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Rom, 1773: Die junge Antonia erregt durch ihre Schönheit die Aufmerksamkeit von Papst Pius VI. Er nimmt sie zu sich, sorgt dafür, dass ihr eine für ein Mädchen in dieser Zeit ungewöhnlich gute Bildung zukommt - und macht sie zu seiner heimlichen Mätresse. Von jetzt an ist Antonia von Luxus umgeben, aber sie ist einsam und muss ein Leben im Verborgenen führen. Und doch gibt es jemanden, der Liebe und Leidenschaft in ihr entfacht - und zugleich einer der größten Gegenspieler des Papstes ist.

Mit dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789 jedoch werden Kirche und Papst in ihren Grundfesten erschüttert. Antonias Leben im Vatikan findet ein jähes Ende, als der Papst in französischer Gefangenschaft schließlich stirbt. Sie muss ein neues Leben beginnen - aber ganz anders, als sie gedacht hatte -

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Kapitel 2


Die Audienz


Hätte ich an jenem Tag nicht am Brunnen auf dem großen Platz vor unserem Haus gespielt, wäre mein Leben wahrscheinlich völlig anders verlaufen. Denn an jenem Tag am Brunnen entschied sich mein Schicksal. Aber vielleicht war es auch das Leben, das mir der Allmächtige vorherbestimmt hatte, der einzige Herr, vor dem ich noch das Knie beuge. Vielleicht war es Sein Wille, Sein unergründlicher Plan, den Er mit mir hatte.

Es war an einem warmen Sommertag im Jahr 1775. Ich war damals gerade elf Jahre alt. Die Sonne schien vom Himmel und brannte auf die Pflastersteine auf der Piazza Scossacavalli. Meine Eltern waren wohlhabend genug für Gesinde. So mussten wir Mädchen nur gelegentlich im Haushalt helfen, zum Beispiel am Waschtag, beim Plätten der Wäsche und beim Zusammenlegen des Leinens. Da wir Mädchen nicht zur Schule gingen, hatten wir viel freie Zeit, Zeit, in der uns niemand sonderlich zu beachten schien. So liefen wir an diesem Tag über die Piazza Scossacavalli, um an dem Brunnen zu spielen. In der Nachmittagshitze zog es uns zum Wasser, denn es versprach Kühlung. Den Brunnen umgab ein Ring aus steinernen Pfosten, miteinander verbunden durch ein eisernes Geländer, als ob Kinder sich beim Ringelreihen an den Händen fassten. Der Brunnen selbst hatte ein großes Wasserbecken von bauchig geschwungener Form, in dessen Mitte sich auf einer verzierten Säule ein zweites kleineres, rundes Becken erhob. Das Wasser lief von dem höheren Becken hinab in das untere. Meine kleine Schwester versuchte, Wasser mit einem schadhaften Becher aus dem Brunnen zu schöpfen. Ihre widerspenstigen Locken glänzten dabei in der Sonne wie Gold. Es machte uns viel Spaß, wenn das Wasser aus dem Loch in dem Becher auf die heißen Pflastersteine lief. Übermütig rafften wir die Chemisenkleider und rannten immer um den Brunnen herum, sodass uns der Wassernebel in der Luft am Brunnen tatsächlich ein wenig Kühlung an unseren nackten Beinen verschaffte. Ins Spiel vertieft, bemerkte ich gar nicht, was um uns herum vor sich ging. Ich sah die Sänfte nicht, die auf den Platz getragen wurde, sah die vier Träger nicht und auch nicht das Gefolge. Die drei Männer, die neben der Sänfte einherschritten, trugen lange, dunkle Gewänder, wie ich sie von den katholischen Priestern der umliegenden Gemeinden kannte. Die Sänfte hatte schwere Vorhänge aus teurem Brokat. Die Vorhänge wurden ein Stück zur Seite gezogen, und ein Mann, sicher schon über fünfzig, was mir damals uralt vorkam, mit leicht ergrautem, aber immer noch vollem Haar, beugte sich würdevoll aus der Sänfte heraus, winkte mir zu und rief: »Hallo, mein Kind, gesegnetes Kind, komm zu mir! Komm zum Heiligen Vater!«

Der feierliche Ernst, mit dem er das tat, seine Stimme, seine Haltung – alles an ihm flößte mir Ehrfurcht ein. Mein Herz pochte mit einem Mal noch viel wilder, als es das während unseres Brunnenlaufs getan hatte. Gott musste es besonders gut mit mir meinen, mich besonders lieben! Eilig lief ich zu der Sänfte hin. Wie oft hatte ich zu der Muttergottes gebetet und zum Herrn Jesus, sie mögen mich segnen und mich zu einem frommen Kind machen. Meine Gebete waren anscheinend erhört worden. Der Heilige Vater kam auf den Platz vor unserem Haus und rief mich zu sich!

Meine Mutter musste die Szene vom Haus aus beobachtet haben, denn sie eilte hinaus auf den Platz. Sie war an jenem Tag einfach und schlicht gekleidet, eine Schürze über dem grauen Kleid. Sie war mit Arbeit in Haus und Küche beschäftigt gewesen, das hellbraune Haar hochgesteckt. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, wie sie nach ein paar hastigen Schritten vor dem Haus stehen blieb. Der Blick des Papstes ruhte allein auf mir. Mir war, als könnte ich diesen Blick auf der Haut spüren. Zögernd trat ich auf die Sänfte zu. Der Papst musterte mich eindringlich und sagte:

»Welch edle Gesichtszüge … welch Anmut der Gestalt … welch vollkommene Physiognomie …«

Er löste den Blick von mir und sah prüfend zu meiner Mutter hinüber. Dann wandte er sich wieder mir zu.

»Mein Kind, wie ist denn Dein Name?«

»Antonia Francesca Bernini«, erwiderte ich laut und deutlich.

»Ein schöner Name.«

Etwas verlegen und scheu musterte ich den Mann in der Sänfte, den mächtigsten Fürsten der Kirche. Ich vermeinte eine geheimnisvolle Aura zu spüren, die ihn umgab. Er trug ein weißes Gewand, nicht die bei gewöhnlichen Priestern übliche schwarze Soutane, darüber einen leichten roten Mantel; ich sah Goldstickereien aufblitzen. Auf dem Kopf trug er ein Pileolus, eine kleine, runde Kappe, die ebenfalls weiß war. Sanft berührte er mit der rechten Hand meine Wange und sagte:

»Du bist ein gutes Kind, ein braves, bist ein sehr schönes Mädchen. Deine Eltern können wirklich stolz auf dich sein.«

Bei den letzten Worten blickte er hinüber zu meiner Mutter, als wüsste er, wer sie war. Immer mehr neugierige Menschen wurden auf die Szene aufmerksam und kamen herbei. Der Papst gab den Sänftenträgern ein Zeichen, schloss den Vorhang, und die Sänfte wurde davongetragen. Noch lange schaute ich der Sänfte nach, so verwundert war ich.

In der folgenden Zeit fragte ich mich häufig, ob ich die Begegnung mit dem Heiligen Vater nur geträumt hatte oder ob sie sich wirklich ereignet hatte. Im Nachhinein erschien mir alles so unwirklich. Doch dann, einige Wochen später, geschah etwas Unerwartetes, so unerwartet, dass meine Eltern den ganzen Tag von nichts anderem mehr sprachen: Es wurde uns eine Audienz beim Papst gewährt. Eine Audienz war ein großes Privileg, und meine Eltern waren unglaublich stolz darauf. Sie wähnten sich auserwählt von Gott. Meine Mutter überlegte immer und immer wieder aufs Neue, welches Kleid wohl bei der Audienz angemessen und schicklich wäre und wie sie sich zu verschleiern habe.

Die Audienz fand im Apostolischen Palast in einem großen, zu diesem Zweck eingerichteten Saal statt. Schüchtern betrat ich mit meiner Familie den prunkvoll ausgestatteten Raum. Mein Vater trug über einer Weste seinen besten Justaucorps, einen Rock aus schwarzem Moiré, und wirkte noch steifer und strenger darin als sonst. Meine Mutter trug eine grau-schwarz geblümte Contouche, ein lockeres Gewand mit schwarzer Borte, und die dazu passende Jupe, den Reifrock, über gleich mehreren Unterröcken, damit der Reif nicht einmal zu erahnen wäre. Das Dekolleté bedeckte sie mit einem Brusttuch. Ein schwarzer Spitzenschleier bedeckte das Haar, wie es für nicht-adelige Frauen bei einer Papstaudienz üblich war. Der Schleier stand ihr nicht gut zu Gesicht; er ließ sie älter erscheinen als sie eigentlich war. Auch wir Kinder trugen unsere besten Kleider; meiner Schwester und mir hatte man die Haare zu kunstvollen Frisuren aufgesteckt; meine allerdings verbarg ein schwarzer Schleier. Weil meine Mutter fand, meine Schwester sei noch zu jung dafür, brauchte sie noch keinen Schleier zu tragen. Ich war ganz von dem Anblick gefangen, der sich mir im Palast bot: Vergoldeter Stuck, verzierte Decken und Wände, die herrlichste Gemälde zierten. Der Prunk überwältigte mich und wirkte zugleich einschüchternd auf mich. Außer uns waren noch andere Privilegierte zur Papstaudienz gekommen, die sich alle in den Raum drängten. Papst Pius VI. saß auf einem mit goldener und roter Seide bespannten Thron, gekleidet in ein weißes Gewand, das so wunderbar fiel, dass der Stoff nur von auserlesener Qualität sein konnte. Er winkte uns mit würdevoller Geste zu sich. Seine Haare waren formvollendet frisiert, der Pileolus saß, als wäre der Kopf des Heiligen Vaters für keine andere Kopfbedeckung gemacht. Außer dem Fischerring trug er noch einen zweiten Ring. Ich kniete vor ihm nieder, küsste den Ring und verneigte mich tief vor dem Heiligen Vater. Er legte mir die Hände auf den Kopf und sprach einen Segen. Meine zwei Geschwister knieten ebenfalls nieder und taten es mir gleich, danach meine Eltern; auch sie erhielten den päpstlichen Segen. Die vielen anderen Leute hinter uns drängten sich zum Papstthron vor, aber ich bemerkte es kaum. Pius VI. war ein hochgewachsener Mann mit edlen Gesichtszügen und zwei wachen braunen Augen. Ich weiß noch ganz genau, dass ich ihn trotz seines Alters damals für einen schönen Mann hielt. Er strahlte obendrein so viel Würde aus, dass ich vor lauter Ehrfurcht wie erstarrt war. Der Papst wandte sich mit väterlichen Worten an meinen Vater. Er sprach ihn mit ›mein Sohn‹ an und lobte überschwänglich seine vortreffliche Handwerkskunst. Er sagte ihm, dass er beabsichtige, noch mehr Möbel für seine Privatgemächer bei ihm fertigen zu lassen, und ihn dafür reich entlohnen werde. Dann fragte der Heilige Vater nach uns Kindern. In seiner tiefen melodischen Stimme lag Wärme. Meine Mutter ergriff das Wort, als habe sie nur auf das Stichwort gewartet. Sie hatte wohl die ganze Zeit über nur darauf gehofft, mit dem Heiligen Vater über das zu sprechen, was sie am meisten beschäftigte: meine Heirat. Der Sohn werde Nachfolger des Vaters, antwortete meine Mutter mit gesenktem Blick. Nur um mich mache sie sich Sorgen. Ich sei die Älteste und sie müsse bald daran denken, mich zu verheiraten, und es sei schwer, für mich einen guten Ehemann zu finden. Der Papst richtete seinen Blick fest auf mich; mir war, als sähe er direkt in meine Seele.

»Kannst Du lesen und schreiben, Antonia?«

»Ich … nein«, stotterte ich, unfähig einen zusammenhängenden Satz hervorzubringen. Am liebsten wäre ich in diesem Moment im Boden versunken. Zum Glück sprang mir meine Mutter bei: »Sie ist ein kluges Mädchen, Eure Heiligkeit, mein Mann war nur der Meinung, lesen und schreiben zu lernen sei für ein Mädchen...



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