E-Book, Deutsch, 560 Seiten
Spitzer Eine musikalische Geschichte der Menschheit
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7453-0901-0
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von unseren frühesten Vorfahren bis heute
E-Book, Deutsch, 560 Seiten
ISBN: 978-3-7453-0901-0
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Spitzer ist Professor für Musikwissenschaften an der Universität von Liverpool. Er ist einer der weltweit angesehensten Beethoven-Experten und forscht über die Philosophie und Psychologie der Musik. Spitzer spielt ausgezeichnet Klavier und lebt mit seiner Frau und den beiden Töchtern ganz in der Nähe der Penny Lane, wo Lennon und McCartney aufwuchsen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
KAPITEL 1
VOYAGER
Stellen wir uns vor, dass in einigen Milliarden von Jahren, wenn die Erde vielleicht längst von der Sonne verschlungen worden ist, Außerirdische die Raumsonde Voyager 1 finden, die vor 40 Jahren von der NASA ins All geschickt wurde, und die Goldene Schallplatte anhören, auf der sich 27 Beispiele irdischer Musik sowie Grußbotschaften in 51 verschiedenen Sprachen finden (siehe Abb. 1.1, 1.2).1 Angenommen, unsere Außerirdischen könnten die auf der Metallscheibe eingravierten, hieroglyphischen Bedienungsanweisungen entziffern, dann stünde ihnen eine schwindelerregende Bandbreite unterschiedlichster Klänge zur Auswahl: Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 2, Gamelan-Musik aus Java, Perkussionsinstrumente aus dem Senegal, »Johnny B. Goode« von Chuck Berry, Beethovens Fünfte Sinfonie, Panflöten von den Salomonen und vieles mehr. Was würden diese Außerirdischen wohl dazu sagen? Der Komiker Steve Martin verkündete in einem Sketch, man habe eine außerirdische Botschaft empfangen und entschlüsselt: »Schickt mehr Chuck Berry!«2
Abbildung 1.1: Voyager 1 …
Wahrscheinlicher ist freilich, dass wir das nie erfahren werden. Die ernüchternde Erkenntnis dieses Gedankenexperiments ist jedoch, dass es musikalische Größen in einen Topf wirft und die lächerlichen Grabenkämpfe zwischen den einzelnen Musikströmungen ins rechte Licht rückt. Aus interstellarer Distanz betrachtet, mag es auf der Erde keine einheitliche musikalische Sprache geben – ebenso, wie es unwahrscheinlich ist, dass alle Außerirdischen dieselbe Sprache sprechen. Aber wir können getrost davon ausgehen, dass alle Musik der Erde etwas spezifisch Menschliches besitzt. Die menschliche Kultur aus der Perspektive einer nicht-menschlichen Spezies zu betrachten, kann durchaus heilsam sein. Der Philosoph Thomas Nagel stellte unsere Bewusstseinstheorie mit seinem berühmten Essay »Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?« infrage.3 Was können uns Außerirdische darüber sagen, wie es ist, ein musikalischer Mensch zu sein?
Abbildung 1.2: … und die Goldene Schallplatte
Setzen wir Beethoven (1770–1827), Duke Ellington (1899–1974) und Nusrat Fateh Ali Khan (1948–1997), den König des Qawwali (siehe Abb. 1.3) in eine Bar, bestellen ihnen etwas zu trinken und fragen sie, woher Musik eigentlich kommt. Ihre Antworten würden nicht so weit voneinander abweichen, wie man vielleicht glauben möchte. »Es bedeutet nichts, wenn es nicht swingt«, sagt Ellington. »Von Herzen, möge es wieder zu Herzen gehen«, erwidert Beethoven. Khan zufolge muss man bereit sein, »Geist und Seele vom Körper zu lösen, um Ekstase durch Musik zu erlangen«.4 Sie alle sagen, dass es in der Musik um Leben, Gefühle und Stimmungen geht. Dass sich, was Musik in uns auslöst, nicht in Noten niederschreiben lässt. Dass Musik etwas ganz und gar Menschliches ist, und dass sie uns menschlich macht.
Musik ist eng mit unseren Ursprüngen als Spezies verwoben. Daher ist es unwiderstehlich, ein dickes und kühnes Buch darüber zu schreiben, eine »große Geschichte«. Solch ein historisches Werk würde tiefer gehen als die übliche Aufzählung, wer was und wann verfasst hat (Bach, 1685– 1750, schrieb seine Matthäuspassion im Jahre 1727). Es wäre vielmehr eine Party, zu der alle eingeladen sind: König David mit seiner Leier und die Komponisten der Psalmen; Pythagoras; die Australopithecus-Dame Lucy; singende Affen und tanzende Papageien. Sie müsste bei der kosmischen Sphärenmusik beginnen und davon berichten, wie einfache Organismen auf Klänge reagieren. Sie würde die protomusikalischen Sprachen des frühen Homo sapiens beleuchten und fragen, was sie vom Vogelgezwitscher und den Rufen der Gibbons unterscheidet. Sie würde der Verbreitung und parallelen Entwicklung verschiedener Musiken auf dem ganzen Planeten nachspüren und schließlich den Fokus darauf richten, wie und warum sich die westliche Musik als Gesetz für sich von alledem abspaltete, nicht als unausweichlicher Triumph, sondern mit allen guten und schlechten Folgen. Eine dieser Folgen ist etwa, dass die westliche Musik stets vor dem Hintergrund der weißen Vorherrschaft zu betrachten ist.
Eine Evolution der Musik ist ein spannendes Unterfangen. Doch stößt man dabei auf eine Hürde nach der anderen. Bis Edison 1877 seinen Phonographen erfand, wurden keine Tonaufnahmen gemacht. Erst seit dem Jahre 800 unserer Zeitrechnung wurden durchgehend musikalische Werke geschaffen. Die älteste griechische Notation stammt aus dem Jahre 500 v. Chr. Davor herrscht sozusagen Stille. Musikhistoriker können Archäologen nur darum beneiden, dass sie mit Überresten und Fossilien arbeiten dürfen. Es gibt keine Musik-Fossilien, abgesehen vielleicht von der einen oder anderen Knochenflöte, die man in alten Höhlen findet. Wollte man die Evolution der Musik anhand physischer Objekte darstellen, wäre das wie Hamlet ohne Prinz, und zwar hoch zehn. Der Rest ist tatsächlich Schweigen.
Einige Vorüberlegungen
Glücklicherweise ist das Unterfangen wesentlich vielversprechender, als es auf den ersten Blick erscheint. Betrachten wir aber zunächst ein paar grundsätzliche Einschränkungen. Man kann vermutlich davon ausgehen, dass es Musik gibt, seit es Menschen gibt. Es erscheint also naheliegend, eine Evolutionsgeschichte der Musik zu schreiben. Das Problem dabei ist jedoch, dass wir praktisch über die gesamte Zeitspanne ihrer Existenz keinerlei Ahnung haben, wie die Musik geklungen hat.
Abbildung 1.3: Nusrat Fateh Ali Khan
Die erste Tonaufzeichnung eines Musikstücks war das knisternde Kornett-Solo eines unbekannten Musikers, das im Jahre 1878 im US-amerikanischen St. Louis auf eine Walze gebannt wurde.5 Was die Zeit davor angeht, müssen wir uns mit Zeichen auf Papier begnügen, sogenannten Partituren. Wir tun gerne so, als wüssten wir, wie man solche Zeichen in Klänge umsetzt. Tatsächlich aber beruht diese Darbietungspraxis auf einem wackeligen Fundament verschiedenster Konventionen. Institutionen wie Record Review oder Building a Library auf BBC Radio 3 gehen davon aus, dass keine zwei Versionen eines Werks gleich klingen. Die Interpretation unterliegt einem steten Wandel. Die Freiheiten, die sich die Opernsänger zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen, etwa das Portamento (bei welchem die einzelnen Töne mit einem Glissando miteinander verbunden werden), bringen uns heute zum Lachen.6 Vergleicht man Serge Koussevitzkys Aufnahme von Tschaikowskis Sinfonie Pathétique aus dem Jahre 1930 mit der modernen Version eines Simon Rattle, stellt man fest, dass sie schneller geworden ist.7 Tschaikowski wird schneller. Die Chöre des St. John’s und des King’s College in Cambridge sind stolz auf ihren jeweils einzigartigen Klang, der zum Teil durch die unterschiedliche Akustik in den beiden Kapellen bedingt ist. Wenn man in Cambridge von einer Abendandacht zur anderen geht, hat man zwei unterschiedliche Klangerlebnisse, selbst, wenn die Chöre dieselben Stücke singen.
Das Ganze wird noch verzwickter, wenn man bedenkt, wie viel – oder wie wenig – die Partitur eigentlich aussagt. Beginnen wir unsere Zeitachse im Jahre 1786, als Mozart ein wundervolles Klavierkonzert in A-Dur komponierte, KV 488. Nehmen wir der Einfachheit halber an, dass die uns heute vorliegende Partitur mehr oder weniger akkurat das abbildet, was das Wiener Publikum bei einem der AbonnementKonzerte hörte, die Mozart selbst im Frühjahr jenes Jahres gab (und sehen wir darüber hinweg, dass Mozart seinen Piano-Part vermutlich wie ein moderner Improvisator »aufjazzte«).8 Von da aus gehen wir in der Musikgeschichte so weit wie möglich zurück. Dabei können wir beobachten, wie die Zeichen in den Partituren eins nach dem anderen verschwinden, bis nichts mehr übrig ist.
Vor 300 Jahren
Robinson Crusoe erscheint 1719. Im selben Jahr malt Jean-Antoine Watteau Die Freuden der Liebe. Bach stellt 1722 den ersten Teil seines Wohltemperierten Klaviers fertig. Die Partitur gibt Auskunft über Melodie, Harmonie und Rhythmus. Wir wissen jedoch nicht, wie laut oder wie schnell die Musik gespielt wurde. Das C-Dur-Präludium, mit dem die Sammlung beginnt, wird heutzutage entweder sanft (piano) oder etwas selbstbewusster (forte) und in allen möglichen Geschwindigkeiten gespielt. Die Zeichen für Tempo und Dynamik sind verschwunden.
Vor 500 Jahren
Im Jahre 1508 beginnt Michelangelo mit dem Ausmalen der Sixtinischen Kapelle. Während seines Aufenthalts in Ferrara schreibt der große flämische Komponist Josquin des Préz (um 1450–1521) 1505 eine Messe zu Ehren seines Herrschers Herzog Ercole I. d’Este, seine Missa Hercules dux Ferrariae. Nicht nur, dass es...




