Sprenger / Haupt | Der wahre Schimanski | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Sprenger / Haupt Der wahre Schimanski

Meine spektakulärsten Fälle als Duisburger Chefermittler
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95971-519-5
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Meine spektakulärsten Fälle als Duisburger Chefermittler

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-95971-519-5
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



L E D E R J A C K E . S C H N A U Z E R . M O R D S K E R L . Heinz Sprenger ist der »Schimanski« unter den deutschen Kriminalhauptkommissaren. Nicht nur weil er mit diesem die Initialen und die Wirkungsstätte teilt, sondern auch weil er seinen Beruf mit derselben Leidenschaft ausgeübt hat wie der legendäre »Tatort«-Kommissar. Eines unterscheidet die beiden jedoch voneinander: Sprenger folgte nie einem Drehbuch, er leitete die Mordkommission in Duisburg im realen Leben. In seiner über vierzig Jahre währenden Einsatzzeit war Heinz Sprenger einer der erfolgreichsten Ermittler Deutschlands. Er war es, der die Mafiamorde von Duisburg aufgeklärt hat, bei denen im Jahr 2007 sechs Menschen vor einem italienischen Restaurant erschossen wurden. Er war es auch, der erfolgreich einen Mord ohne Leiche vor Gericht brachte und einen wichtigen Etappensieg im Duisburger Rockerkrieg erzielen konnte. Seine Fälle haben ihn bis in die Niederlande, die Schweiz, nach Frankreich, Italien und Spanien geführt. Und einmal musste er sich sogar als Obdachloser getarnt neben eine Telefonzelle legen, um einen Täter zu fassen. In diesem Buch berichtet »der wahre Schimanski« von Fällen, die ein »Tatort« nicht spannender erzählen könnte. Er führt hinab in menschliche Abgründe und stellt auf erschütternde Weise klar, dass Menschen zu allem fähig sind.

Heinz Sprenger ist ein Kind des Reviers. Aufgewachsen in Mülheim an der Ruhr zog es ihn 1971 zur Polizei. Über zwei Jahrzehnte leitete er Mordkommissionen in Duisburg und war von 2002 bis 2010 Leiter des Kriminalkommissariates 11 in Duisburg. Während seiner 45-jährigen Laufbahn klärte er u.a. die Duisburger Mafia-Morde auf und bekämpfte erfolgreich den Rockerkrieg zwischen Hells Angels und Bandidos. Er ist Mitbegründer des Kinderschutz-Vereins RISKID und wurde 2009 vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) mit dem Orden »Bul le mérite« ausgezeichnet.
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DIE MAFIAMORDE VON DUISBURG – TEIL 1: DIE TAT


Wenn ich von Parallelen zwischen den Fällen des Horst Schimanski und meiner beruflichen Realität spreche, dann trifft das in gewissem Maße auch auf den sicherlich aufwändigsten Fall zu, den ich zu bearbeiten hatte. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser noch an die 1990 ausgestrahlte Folge »Schimanskis Waffe«. Darin ging es grob gesagt um einen Schusswechsel in einem italienischen Restaurant und um Mafiakiller. Genau mit dieser Kombination sollte ich es fast zwanzig Jahre später ebenfalls zu tun bekommen.

Der reale Fall wurde später unter dem Oberbegriff »Mafiamorde von Duisburg« bekannt und er nahm seinen Anfang in den frühen Morgenstunden des 15. August 2007. Genau in jener Woche hatte ich den Bereitschaftsdienst bei der Mordkommission in Duisburg übernommen – und ich erhielt nun in der Nacht einen Anruf von einem Kollegen des Kriminaldauerdienstes. Es war etwa halb drei am Morgen, als mir dieser Kollege von einer Schießerei in Duisburg berichtete. Die Schüsse sollten im Bereich der Mülheimer Straße gefallen sein, an einem als Klöckner-Hochhaus bekannten Gebäude. Der Anrufer berichtete mir weiter, man habe inzwischen bereits fünf tote Personen gezählt, eine sechste Person werde derzeit noch reanimiert, habe allerdings kaum Überlebenschancen.

Ich fragte, ob man schon wisse, aus welcher Richtung die Tat gekommen sei, ob also schon eventuelle Hintergründe bekannt seien, was der Anrufer jedoch verneinte. Mein nächster Gedanke war dann einer, der sich schon bald als falsch herausstellen sollte: Ich dachte mir nämlich, ich hätte hier ein Tötungsdelikt eines Einzelnen vorliegen und es sei im Grunde für die Ermittlungsarbeit zweitrangig, ob ich es mit einem oder eben mit mehreren Getöteten zu tun habe. Von den Ermittlungen her macht es keinen Unterschied, sagte ich mir also in meiner anfänglichen Naivität.

Erhält man als Leiter einer Mordkommission eine Nachricht wie in jener Nacht, dann sind ohnehin erst einmal viele verschiedene Einzelheiten zu berücksichtigen, die unabhängig von Faktoren wie der Zahl der Getöteten sind. Ich hatte zu überlegen, welche Leute ich brauchte, welche Kollegen den Tatort abarbeiten sollten, wie viele Kollegen ich für Hausbefragungen benötigte. Ich musste mich mit Fragen beschäftigen wie der, ob es Zeugen des Geschehens gab. Existierten außerdem vielleicht Aufnahmen von Überwachungskameras? Befanden sich in der Nähe Tankstellen, die uns ihr Videomaterial zu Verfügung stellen konnten? Bei diesen möglichen Materialien handelte es sich schließlich um vergängliche Daten, von denen wir wussten, sie würden in der Regel nach gewisser Zeit überspielt oder gelöscht. Also wird meist versucht, möglichst schnell an diese Dinge zu denken, und vor allem das Material dann in die Hände zu bekommen. Das Gleiche gilt für den Bereich der Telekommunikation, die Auswertung der Funkzellen. Dahinter verbirgt sich natürlich die Frage, wer sich zum Tatzeitpunkt mit seinem Handy in der Nähe des Tatortes aufgehalten hat und unter Umständen ein Zeuge sein könnte. All das ging mir sofort durch den Kopf, während ich auf der anderen Seite darüber nachdachte, wen ich nun noch zu benachrichtigen hatte, wer möglichst umgehend von der Tat erfahren musste. Also die Staatsanwaltschaft und die Behördenleitung.

Während ich diese Gedanken dachte, war ich allerdings noch nicht einmal am eigentlichen Tatort. Den sollte ich nach rund acht Minuten Autofahrt erreichen. Vor Ort sah ich zunächst vor allem ein Blaulichtgewirr, außerdem erschien bereits ein von der Feuerwehr angeforderter sogenannter LiMaKw – also Lichtmast-Kraftwagen –, der die gesamte großräumig abgesperrte Szenerie noch einmal deutlich heller ausleuchtete. Außerdem war schon damit begonnen worden, über den Körpern der Toten Pavillons zu errichten. Es war zwar eine sehr warme Augustnacht, doch es war nicht vollkommen klar, wie sich das Wetter entwickeln würde. Natürlich war der Tatort weiträumig mit Flatterband abgesperrt, und zwar aus gutem Grund: Unmittelbar nach mir tauchten bereits die ersten Medienvertreter auf, die über den Polizeifunk von den Geschehnissen erfahren hatten und sich eine große Schlagzeile für den kommenden Tag versprachen. Kurz darauf stellten sie bereits unzählige Fragen, die zu diesem frühen Zeitpunkt allerdings niemand beantworten konnte. Für mich ging es zunächst vor allem darum, die aktuelle Sachlage festzustellen. Inzwischen war die sechste Person trotz aller Reanimierungsbemühungen verstorben.

Darauf folgten nun zunächst einmal Absprachen, wohin wir die Leichen bringen konnten, welche Rechtsmedizin hinzugezogen werden sollte. Als nächster Punkt stand eine Besprechung im Polizeipräsidium Duisburg an, bei der über das weitere Vorgehen in dem Fall beraten werden sollte – dieses Präsidium befindet sich übrigens nur rund tausend Meter Luftlinie entfernt vom Tatort.

Inzwischen hatte ich erfahren, dass die Getöteten auf dem Weg zu ihren Fahrzeugen waren, als das Feuer auf sie eröffnet wurde. Ein erster Gedanke an die Mafia kam bei mir auf, als der Name des italienischen Restaurants »Da Bruno« ins Spiel kam, das im Erdgeschoss des besagten Klöckner-Hochhauses untergebracht war.

Relativ schnell war uns in diesem Fall auch klar, dass es eine Verbindung zu diesem Restaurant gab. Wir haben daher noch in der Nacht Kollegen verständigt, die bei uns im Bereich der organisierten Kriminalität ermitteln. Diese Kollegen wiederum konnten mir sehr schnell bestätigen, dass es sich bei dem Restaurant »Da Bruno« um ein Etablissement handelte, das zur kalabrischen Mafia ’Ndrangheta gehörte – oder vielmehr, dass es Personen gehörte, die der Mafia zuzurechnen waren. Auch wussten wir so recht bald, dass die Opfer möglicherweise ebenfalls diesem Umfeld zuzuordnen waren. Zunächst allerdings handelte es sich bei alldem allein um Hypothesen, die es nun sauber abzuklären galt.

Ich dachte also an tote Italiener, und ich dachte dabei in der Nacht schon an die Mafia – nur hatte ich mich bis zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise intensiv mit ebendieser Mafia und speziell der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta beschäftigt. Es herrschte bei mir also in diesem Zusammenhang ein wirkliches Informationsdefizit, das ich jedoch in den kommenden Wochen in der Form abbauen sollte, dass ich alles las, was ich zu dem Themenkomplex in die Finger bekommen konnte – nicht zuletzt Berichte von Kollegen, die sich mit der Thematik sehr gut auskannten. Ich habe also versucht, meine Informationslücken so schnell es ging und so gut es ging zu schließen.

Noch ein paar Anmerkungen zum Tatort und dessen Umfeld: Neben dem Restaurant »Da Bruno« befindet sich ein weiteres Gebäude, das sogenannte »Fernmeldehaus«. Zu diesem Haus gehört eine größere Durchfahrt, in der die zwei Fahrzeuge geparkt waren, in denen die Opfer gesessen hatten. Bei dem einen Fahrzeug handelte es sich um einen Lieferwagen der Marke Opel, der dem »Da Bruno« zuzuordnen war, denn er gehörte Sebastiano S., dem Wirt des »Da Bruno«. Ebenfalls in der Durchfahrt stand ein schwarzer VW Golf mit Pforzheimer Kennzeichen. Dieser Golf war ein Mietwagen, der von einem der Erschossenen, einem Mann namens Marco M., angemietet worden war.

Was tatsächlich in dieser Nacht an diesem Ort geschehen war, das wussten wir so kurz nach der eigentlichen Tat natürlich noch nicht, doch wir konnten diese Tat schließlich sehr genau rekonstruieren: Die späteren Opfer haben in der Nacht um 2.20 Uhr gemeinsam das Lokal »Da Bruno« verlassen, sie haben das Restaurant auch noch abgeschlossen. Dann sind diese insgesamt sechs Männer zu den zwei abgestellten Fahrzeugen gegangen.

Die Identität der Getöteten konnte bald ermittelt werden. Wir hatten Sebastiano S., den Besitzer und Wirt des »Da Bruno«. Bei zwei weiteren Opfern, zwei Brüdern, handelte es sich um Beschäftigte aus dem »Da Bruno«. Das vierte Opfer war der schon erwähnte Marco M., ein sehr korpulenter Mann, der in Italien den Ruf eines Auftragsmörders innehatte. Neben diesen vier Männern zählten zu den Toten zwei Personen, die sich am besten als Randfiguren beschreiben lassen: der erst 16-jährige Francesco G. sowie der 18-jährige Tommaso Francesco V.

Wie sich bald herausstellen sollte, handelte es sich bei Francesco G. um das Patenkind des »Da Bruno«-Inhabers Sebastiano S. Wie schon früher half er in diesem Sommer während der Ferien im Betrieb seines Onkels. Francesco G. lässt sich aufgrund seines Alters sicherlich nicht dem festen Kern der ’Ndrangheta zuordnen. Anders sah es bei dem getöteten Tommaso Francesco V. aus, der spätestens an seinem Todestag auf dem besten Weg dahin gewesen war. Denn dieser Tag war gleichzeitig sein Geburtstag, an dem er in die ’Ndrangheta aufgenommen werden sollte – wofür wir später noch Beweise finden...


Heinz Sprenger ist ein Kind des Reviers. Aufgewachsen in Mülheim an der Ruhr zog es ihn 1971 zur Polizei. Über zwei Jahrzehnte leitete er Mordkommissionen in Duisburg und war von 2002 bis 2010 Leiter des Kriminalkommissariates 11 in Duisburg. Während seiner 45-jährigen Laufbahn klärte er u.a. die Duisburger Mafia-Morde auf und bekämpfte erfolgreich den Rockerkrieg zwischen Hells Angels und Bandidos. Er ist Mitbegründer des Kinderschutz-Vereins RISKID und wurde 2009 vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) mit dem Orden »Bul le mérite« ausgezeichnet.



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