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E-Book, Deutsch, Band 3, 176 Seiten

Reihe: Ein Enola-Holmes-Krimi

Springer Der Fall der verhängnisvollen Blumen

Ein Enola-Holmes-Krimi: Band 3
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95728-627-7
Verlag: Knesebeck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Enola-Holmes-Krimi: Band 3

E-Book, Deutsch, Band 3, 176 Seiten

Reihe: Ein Enola-Holmes-Krimi

ISBN: 978-3-95728-627-7
Verlag: Knesebeck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dr. Watson, Sherlock Holmes’ Rechte Hand, ist verschwunden. Der Meisterdetektiv ist ratlos. Enola, die den freundlichen Dr. Watson mag, möchte der trauernden Ehefrau helfen. Doch sie zögert – Ermittlungen im unmittelbaren Umfeld ihres Bruders könnten ihre Freiheit gefährden, denn wenn sie entdeckt wird, werden ihre Brüder Mycroft und Sherlock sie sicher ins Internat schicken. Als sie aber einen geheimnisvollen Blumenstrauß in Dr. Watsons Haus bemerkt, dessen Blüten allesamt den Tod symbolisieren, muss sie schnell handeln. Denn offenbar steht Dr. Watsons Leben auf dem Spiel. Sie schlüpft in ihre bisher anspruchsvollste Verkleidung und macht sich auf die Suche. Kann sie Dr. Watson rechtzeitig aufspüren? Und was haben die beiden seltsamen Schwestern mit dem Verschwinden des Doktors zu tun?

Der Film mit Millie Bobby Brown, Henry Cavill und Helena Bonham Carter war 2020 einer der erfolgreichsten Filme auf Netflix!

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Kapitel 1


Sich einen neuen Namen zu überlegen ist schwierig. Noch schwieriger, kann ich mir denken, als einen Namen für ein neugeborenes Kind auszuwählen, da man sich selbst so verwirrend gut kennt, während man mit einem Baby bei seiner Ankunft noch kaum vertraut ist. Gewiss war es irgendeine Künstlerflause, die meine Mutter dazu veranlasst hatte, mich »Enola« zu taufen, was rückwärts »alone«, also »allein« bedeutet.

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Obwohl die große Prellung in meinem Gesicht verheilt war, traf das auf die viel größere Verletzung meiner Gefühle nicht zu. Daher blieb ich am ersten schönen, sonnigen Tag im März 1889 in meiner Unterkunft. Papier und Stift in den Händen saß ich am offenen Fenster (Wie willkommen nach einem langen Winter frische Luft doch ist – selbst jene Londons!) und schaute hinaus auf die brodelnden Straßen des East End. Das Geschehen unten hatte meine Aufmerksamkeit erregt: Aufgrund mehrerer Hammel, die zu Huf unterwegs waren, standen alle möglichen Arten von Fahrzeugen – darunter Kohlewagen, Eselkarren und Schubkarren von Straßenhändlern – dicht an dicht und steckten fest. Ich hörte, wie die Fahrer sich gegenseitig die schlimmsten Flüche an den Kopf warfen. Anwerber fürs Militär in roten Uniformen und andere Faulenzer sahen grinsend zu, während ein blinder Bettler, geführt von einem Kind in Lumpen, versuchte, an diesem Stau vorbeizukommen. Straßenkinder kletterten auf Laternenpfähle, um johlend zu gaffen, und Frauen in rußigen Schals gingen eilig ihren Besorgungen nach.

Sie – die schlimm überarbeiteten Frauen der Elendsviertel – hatten ein Ziel, anders als ich.

Als ich auf den Zettel in meinem Schoß blickte, stellte ich fest, dass ich geschrieben hatte:

Hastig und heftig strich ich ihn durch, meinen eigenen Namen, den einen, den ich definitiv nicht nutzen konnte. Meine Brüder Mycroft und Sherlock durften mich nämlich nicht finden, da sie sich in den Kopf gesetzt hatten, sich meiner anzunehmen und mich zu verwandeln – durch Gesangsstunden und ähnliche Hirngespinste –, und zwar in eine Zierde für die feine Gesellschaft. Was ihnen per Gesetz durchaus zustand – mich gegen meinen Willen in ein Internat zu stecken, meine ich. Oder in ein Kloster, ein Waisenhaus, eine Akademie für Porzellanmalerei für junge Damen, wonach auch immer ihnen der Sinn stehen mochte. Dem Gesetz nach könnte Mycroft, der Ältere der beiden, mich sogar lebenslang in ein Irrenhaus einsperren lassen. Eine solche Haft benötigte lediglich die Unterschriften zweier Ärzte, von dem einer der »Irrenarzt« wäre, der es allein auf Geld abgesehen hatte, um seine Anstalt führen zu können. Und dann noch die Unterschrift von Mycroft selbst – ich würde ihm jede Intrige zutrauen, um mir meine Freiheit zu rauben.

Ich schrieb:

Der Name, den ich während der sechs Monate benutzt hatte, in denen ich auf der Flucht gewesen war, auf mich allein gestellt. »Ivy«, weil Efeu für Treue stand, »Meshle« als Wortspiel, ausgehend von »Holmes«: – und dieser Name hatte mir gefallen. Zu gern hätte ich ihn behalten. Doch ich hatte Angst. Wie sich herausgestellt hatte, wusste Sherlock, dass ich Ivy als Codenamen nutzte, wenn ich mit Mum durch die Kleinanzeigen der Zeitungen kommunizierte.

Was wusste mein ach so schlauer Bruder Sherlock – der im Gegensatz zu dem tatenlosen, dicken Mycroft tatsächlich Jagd auf mich machte –, was wusste Sherlock über mich? Was hatte er im Lauf unserer höchst unregelmäßigen Aufeinandertreffen erfahren?

Ich notierte:

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Beim letzten Satz seufzte ich, denn Dr. Watson bewunderte ich durchaus, obwohl ich dem guten Arzt erst dreimal begegnet war: das erste Mal, als er den Perditor (einen professionellen Sucher vermisster Personen) aufsuchte und zum Wohle seines Freundes Sherlock Holmes um Hilfe bat; das zweite Mal, als ich in seine Praxis kam, um ihm eine Frage zu stellen, und er mir Bromid gegen meine Kopfschmerzen verabreichte; das dritte Mal, als ich überraschend eine verwundete Lady in seine Obhut übergab. Dr. Watson war der Inbegriff eines galanten, robusten englischen Gentleman, der jedem gern behilflich war. Ich mochte ihn sehr, fast so sehr wie meinen Bruder – denn trotz allem himmelte ich Sherlock an, auch wenn ich ihn überwiegend aus den beliebten Geschichten kannte, die sein Freunds Watson über ihn verfasste und die ich ebenso begeistert las wie jeder andere in England.

Warum nur schienen ausgerechnet die, die mir lieb und teuer waren, mich regelmäßig ins Unglück zu stürzen?

Seufzend presste ich die Lippen aufeinander und kreuzte mit mehreren dicken Strichen aus.

Was also dann?

Nicht nur das Finden eines neuen Namens stellte mich vor ein Rätsel, sondern auch das allumfassende Problem, was ich tun und wer ich sein sollte. In welche Art von Frau sollte ich mich als Nächstes verwandeln? In eine gewöhnliche wie Mary oder Susan? Wie öde. Doch die Blumennamen, die ich so sehr liebte (wie etwa Rosemary, Symbol für das Gedenken, oder Violet, Symbol für versteckte Schönheit und Tugend), standen außer Frage, da Sherlock von der Geheimsprache wusste, die Mutter und ich verwendeten.

Genauso wenig konnte ich einen meiner Mittelnamen nutzen. Selbstverständlich hatte ich das übliche adelige Kontingent davon – getauft war ich auf: Enola Eudoria Hadassah Holmes. Enola E.H. Holmes: E. E. H. H. Eehh. Genau so fühlte ich mich gerade. Hadassah war der Name der verstorbenen Schwester meines Vaters, den Sherlock auf der Stelle erkennen würde. Und Eudoria – noch schlimmer – war der Name meiner Mutter.

Nicht, dass es mir in irgendeiner Weise wichtig gewesen wäre, meiner Mutter nachzueifern.

Oder doch?

»Verflixt und zugenäht! Himmel Herrgott!«, murmelte ich ungezogen und schrieb:

Der Mädchennamen meiner Mutter – Vernet – würde Sherlock aber natürlich auch sofort auffallen. Vielleicht rückwärts?

Nein, eher nicht. Aber wenn ich ein wenig mit den Buchstaben spielte?

. Für immer was?

Für immer allein?

Für immer verloren?

, sagte ich mir feierlich. . Eine Rebellin, eine Träumerin und eine Perditorin, Finderin des Verlorenen. Mir kam der Gedanke, dass ich als Schritt in diese Richtung, um nämlich an Neuigkeiten zu gelangen, die letztlich nicht gedruckt wurden und die mir als Perditorin nützlich sein konnten, versuchen sollte, eine Anstellung bei einem der Verlage in der Fleet Street zu bekommen …

Rein zufällig hörte ich just in diesem Moment die Schildkrötenschritte meiner Vermieterin auf der Treppe. »Die Zeitungen, Miss Meshle!«, brüllte sie, noch bevor sie den Absatz erreicht hatte. Taub wie eine Runkelrübe, hielt Mrs Tupper es offenbar für nötig, eine Menge Lärm zu verursachen.

Während ich aufstand, durchs Zimmer lief und alles, was ich geschrieben hatte, ins Feuer warf, klopfte sie so kräftig an, als wollte sie Walnüsse knacken. »Zeitungen, Miss Meshle!«, schrie sie mir ins Gesicht, als ich die Tür öffnete.

»Danke, Mrs Tupper.« Natürlich konnte sie mich nicht hören, dafür konnte sie meine Lippen sehen, die – wie ich hoffte – ein Lächeln bildeten, als ich ihr...


Springer, Nancy
Nancy Springer hat bereits über 50 Romane und Krimis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene geschrieben. Ihre Bücher wurden in zwölf Sprachen übersetzt und weltweit schon über zwei Millionen Mal verkauft. Nancy Springer lebt mit ihrem Mann in Florida, USA.



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