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E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Springer Der Fall des rätselhaften Reifrocks

Ein Enola-Holmes-Krimi: Band 5
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95728-591-1
Verlag: Knesebeck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Enola-Holmes-Krimi: Band 5

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-95728-591-1
Verlag: Knesebeck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Enolas Vermieterin, die fast taube und manchmal etwas zu neugierige Mrs Tupper, ist Enola in ihrer Zeit in London, in der sie ansonsten recht einsam ist, sehr ans Herz gewachsen. Da sitzt der Schock tief, als Enola eines Tages nach Hause kommt und feststellen muss, dass Mrs Tupper entführt wurde! Wer würde diese alte Dame verschleppen und warum? Nachdem Enola das durchwühlte Haus untersucht hat, kommt sie zum dem Schluss, dass es die Entführer offenbar auf einen von Mrs Tuppers alten Reifröcken abgesehen hatten, in dem sich eine geheime Botschaft verbirgt. Verfolgt von einer unbekannten Person, führt die Spur Enola bis zu Florence Nightingale. Was hat die ehemalige Krankenschwester und englische Nationalheldin mit dem Verschwinden der Vermieterin zu tun? Enola stößt auf ungeheuerliche Dinge und eine Spionageaffäre aus der Vergangenheit …

Der Film mit Millie Bobby Brown, Henry Cavill und Helena Bonham Carter war 2020 einer der erfolgreichsten Filme auf Netflix!

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Kapitel 1


»Miss Meshle«, sagte Mrs Tupper, als sie meinen leeren Teller abräumte, »wenn Sie wohl Zeit hätt’n, sich mit mir hinzusetzen und ’n Weilchen zu plausch’n …«

Noch bevor meine ältliche, stocktaube Vermieterin den Satz beendete, hatte sie meine volle Aufmerksamkeit, nicht nur, weil sie anstatt wie sonst zu brüllen, leise redete, sondern vor allem, weil aufgrund ihrer Taubheit jeder Ansatz zu einem Gespräch höchst ungewöhnlich war. In der Tat hatte sie mich bisher noch nie um einen »Plausch« gebeten. Für gewöhnlich nickte ich ihr nach unserem bescheidenen Abendessen (da gerade Frühlingszwiebelsaison war, hatte es heute Zwiebelfischsuppe und Brotauflauf gegeben) dankend zu und zog mich hinter die geschlossene Tür meines Zimmers zurück, wo ich mich der Auspolsterungen, Spielereien und Unterfütterungen von »Miss Meshle« entledigen, mit hochgelegten Füßen in meinem mehr als dick gepolsterten Lehnsessel sitzen und es mir bequem machen konnte.

»Ich könnt Ihren Rat brauchen«, fuhr Mrs Tupper fort, während sie die weiße Suppenterrine aus Porzellan wie einen Topf auf den Herd stellte und den übrig gebliebenen Brotauflauf statt in den Katzennapf in den Abfalleimer kratzte. Ich wunderte mich gewaltig, was sie so durcheinanderbringen mochte, nickte und gab ihr mit einer Geste zu verstehen, dass ich gewillt war, ihr zuzuhören.

»Setz’n wir uns«, sagte Mrs Tupper.

Natürlich saß ich bereits, und zwar am Tisch, doch wir wechselten in die schäbige »Gute Stube« am anderen Ende von Mrs Tuppers einzigem Zimmer – ihr Haus war zwar sauber, aber wenig mehr als eine armselige Hütte –, wo sich Mrs Tupper auf die Kante ihres Rosshaarsofas hockte, vorneigte und mich mit ihren wässrigen grauen Augen fixierte, während ich mir einen Stuhl nahm.

»Mich geht’s ja nix an, aber aufgefallen is mir doch, dass Sie zu mehr fähig sind, als man auf’n ersten Blick meinen könnt«, sagte sie, als hielte sie es für nötig, zu erklären, warum sie sich einem solchen Grünschnabel wie mir anvertraute. »Sie sind kein Arbeitermädchen nich, auch wenn Sie so tun, als ob – nich, wenn Sie als Bettelgöre oder feine Dame aus gutem Hause loszieh’n oder sich gar mit so viel Müh als Nonne …«

Ich versuchte gar nicht erst, meinen Schrecken zu verbergen – nichts von all dem hätte sie wissen sollen. Sollten meine Brüder Mycroft und Sherlock je davon erfahren und dadurch meine Unterkunft im Londoner East End ausfindig machen, wäre meine Freiheit in größter Gefahr.

Doch Mrs Tupper schien meine Erschütterung nicht zu bemerken. »… mitten in schwärzester Nacht raus auf die Straße trau’n, um denen zu helfen, die frieren und hungern«, fuhr sie fort. »Und woher Sie das Geld dazu haben, weiß der Himmel.« Sie linste zu mir hoch, denn groß war sie nie gewesen und ein Witwenbuckel hatte sie noch kleiner gemacht. Dann kam sie zum Punkt: »Jedenfalls sind Sie ’n guter Mensch, Miss Meshle – oder wie Sie auch heißen mögen …«

»Enola Holmes«, flüsterte ich unwillkürlich. Doch da sie mich unmöglich verstehen konnte, sprach sie wie erwartet weiter, ohne von mir Notiz genommen zu haben.

»… und haben was auf’m Kasten – ich kann nur hoffen, dass Sie mir auch helfen können.«

Oft genug hatte sie geholfen, mich gepflegt, während Erkältung oder Fieber mich plagten, einmal sogar nachdem ich beim Angriff durch einen Würger verwundet worden war. Sie hatte ein mütterliches Auge auf mich – obwohl ich mir nur ausmalen konnte, wie es wohl wäre, eine normale Mutter zu haben, ähnelte Mrs Tupper, die mir zum Frühstück Blutwurst aufzwang und mich aus meinen Anflügen von Melancholie riss, gewiss einer richtigen Mum. Keine Frage, natürlich wollte ich ihr helfen. »Du meine Güte«, rief ich und beugte mich nun meinerseits vor, »was ist denn nur geschehen?«

Sie griff in ihre Schürzentasche, holte einen Briefumschlag heraus, der offenbar mit der Tagespost gekommen war, und reichte ihn mir. Sie nickte und gestikulierte, als wäre nicht sie, sondern ich taub, und ermutigte mich, ihn zu öffnen, damit ich las, was sich darin befand.

Das Tageslicht, das durch Mrs Tuppers Erdgeschossfenster fiel – auf das sie zu Recht stolz war, da Fenster besteuert wurden –, schwand bereits, jedoch war das Schreiben mit tiefschwarzer Tusche so heftig aufgedrückt verfasst, dass ich keinerlei Schwierigkeiten hatte, es zu entziffern. Auf dickem Papier stand in so schlitzender, brutaler Handschrift, wie ich noch keine gesehen hatte, eckig, borstig und mit der Wucht einer Waffe, als wäre jeder Federstrich auf der einen Seite mit einem Knüppel und auf der anderen Seite mit einem Degen in das Papier getrieben worden:

Scutari? Auch nachdem ich die Nachricht ein zweites Mal gelesen hatte, wurde ich nicht schlauer daraus, abgesehen von der offensichtlichen Drohung darin. Dennoch, so fesselnd diese Botschaft auch war, alarmierte mich mehr noch die schroffe Schrift.

»Kennen Sie diese Handschrift?«, fragte ich.

»Hä?« Mrs Tupper hielt sich das Hörrohr ans Ohr.

Dort hinein brüllte ich: »Kennen Sie die Handschrift?«, auch wenn ich mir die Antwort bereits denken konnte, denn wäre der anonyme Drohende davon ausgegangen, dass sie seine Schrift kannte, hätte er sie verborgen und vielleicht aus Zeitungen ausgeschnittene Buchstaben aneinandergeklebt, wie es die Bösewichte in beliebten Geschichten häufig taten.

»Hä? Den Mann kennen? Woher denn?«

Verflixt noch eins, zu solchen Gelegenheiten wünschte ich wirklich, ich könnte ihr einfach etwas aufschreiben. Doch wie die meisten schlichten Leute konnte Mrs Tupper nur sehr langsam und schlecht lesen.

»Die !«, versuchte ich es noch einmal.

»Nie geseh’n. Und an so eine Sauklaue würd man sich auf jeden Fall erinnern, nich?« Mit vielen Gesten drückte sie Sorge und Verstörung aus. »Ich meine ja, der verwechselt mich mit jemand andrem.«

»Möglich«, sagte ich, hatte jedoch Zweifel, da Tupper kaum als gängiger Name gelten konnte. Tatsächlich hatte ich noch keinen anderen Tupper je getroffen. Andererseits war es natürlich der Name ihres lange verstorbenen Gatten, von dessen Verwandten es in London durchaus noch ein paar geben könnte. »Hatte Mr Tupper Angehörige?«

»Hä?« Sie führte das Hörrohr ans Ohr.

Ich brüllte hinein: »Mr Tupper!«

»Is in Scutari gestorben.« Mrs Tupper schlang die Arme um sich, als ob ihr kalt wäre, obwohl es ein schöner Maiabend war. »Schon fast fünfunddreißig Jahre is es her und ich werd’s nie vergessen. Schlimmer Ort. Wie die Hölle auf Erden.«

Ich lehnte mich in meinem unbequemen Stuhl zurück und schalt mich selbst: Scutari. Natürlich. Das britische Hauptquartier in der Türkei während des Krimkriegs.

Ich fragte: »War Mr Tupper in der Armee?«

»Hä?«

Um dem geneigten Leser noch Weiteres hiervon zu ersparen, will ich die Geschichte, die sie mir innerhalb der folgenden Stunden in höchst verworrener Weise erzählte (was man ihr nicht verdenken kann, da der Krimkrieg einer der verworrensten Konflikte war, den menschliche Dummheit bislang hervorgebracht hat), chronologisch und an einem Stück wiedergeben: England und (von allen denkbaren Verbündeten ausgerechnet!) das napoleonische Frankreich schlossen sich mit (was sogar noch undenkbarer war) der heidnischen Türkei zusammen, um dem bereits im Sterben liegenden Giganten die Stirn zu bieten, der Russland gewesen war. Zum Sterben verdammte Männer, die nicht nach dem fragen durften, sondern gehorchen mussten, rannten geradewegs ins Kanonenfeuer, zum Wohle einer gottverlassenen Halbinsel im Schwarzen Meer: der Krim, vornehmlich besiedelt von Läusen so groß wie Spinnen, großen fetten Springflöhen und Ratten, so enorm, dass selbst Terrier vor ihnen die Flucht ergriffen.

Mr Tupper jedoch (wie Mrs Tupper mir erklärte) hatte sich im Rahmen eines geschäftlichen Unterfangens zur Krim aufgemacht, nämlich als Säumer, der den Soldaten diejenigen Waren verkaufte, die ihre eigenen diebischen Lieferanten ihnen nicht zur Verfügung stellten. Er ergriff die Gelegenheit beim Schopf, nahm seine Braut mit sich und brach auf, ohne sich auch nur im Geringsten darüber den Kopf zu zerbrechen. Beide waren praktisch noch grün hinter den Ohren. Sie sahen nur, wie die Offiziersfrauen ihre...


Springer, Nancy
Nancy Springer hat bereits über 50 Romane und Krimis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene geschrieben. Ihre Bücher wurden in zwölf Sprachen übersetzt und weltweit schon über zwei Millionen Mal verkauft. Nancy Springer lebt mit ihrem Mann in Florida, USA.



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