Spyri | Im Rhonetal | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 108 Seiten

Reihe: nexx classics

Spyri Im Rhonetal

Eine Erzählung von Versöhnung und Mitgefühl
2. Auflage 2026
ISBN: 978-3-95870-573-9
Verlag: nexx verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Eine Erzählung von Versöhnung und Mitgefühl

E-Book, Deutsch, 108 Seiten

Reihe: nexx classics

ISBN: 978-3-95870-573-9
Verlag: nexx verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine Reise, die das Leben verändert

Als Hedwig zu einem Kuraufenthalt ins Rhonetal reist, begegnet sie einer Landschaft von seltener Schönheit – und Menschen, deren Leben von Schuld, Einsamkeit, Hoffnung und Sehnsucht geprägt sind. Aus Begegnungen, Erinnerungen und Geständnissen entfaltet sich eine eindringliche Geschichte über Mitgefühl und Versöhnung.

Mit psychologischer Genauigkeit und bemerkenswerter Naturdarstellung zeigt Johanna Spyri eine reifere, weniger bekannte Seite jenseits von »Heidi«. »Im Rhonetal« ist ein tief bewegender Schweizer Klassiker über Frauenleben, Gewissen und seelische Reifung.

Entdecken Sie einen atmosphärischen Roman über Selbstfindung, Verantwortung und die Frage, was das Leben wirklich ausmacht.

nexx classics – WELTLITERATUR NEU INSPIRIERT

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Vorwort des Verlegers
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel


Erstes Kapitel


Auf den schmalen Kieswegen im Garten am stillen Landhause, das seit uralter Zeit ins Tal herniederschaute, schritt das achtjährige Töchterchen des Hausherrn auf und nieder, die Wege sichtlich in der Erwartung irgend eines Ereignisses messend, denn von Zeit zu Zeit stand es aufhorchend still, dann ging es wieder weiter rundum.

Jetzt ertönte in der Ferne das Rollen von Wagenrädern; in hohen Sprüngen rannte das Kind durch den Garten der schmalen Fahrstraße zu, die am Hause vorbeiführte. Hier stand es still und schaute die Straße hinab nach der Stelle hin, wo gleich ein Pferdekopf, oder deren zwei, in Sicht kommen mussten, gefolgt von einer Kutsche, die Besuch bringen sollte. Diesmal hatte die Erwartende keinen Begriff davon, wer die Fremden sein möchten. Am Abend vorher war ein Brief angekommen, der den Besuch ansagte; das Kind hatte einen Namen nennen gehört, der ihm ganz unbekannt war. Alle seine zahlreichen weiteren Fragen über die Sache waren in der allgemeinen Überraschung und in den sofort sich anbahnenden Vorbereitungen zum Empfang des Besuches unbeachtet verklungen. Umso spannender war die Erwartung, und etwas Besonderes musste an dem Besuch sein, denn oben im Zimmer stand alles bereit, jemanden zu empfangen, der weit herkam und einer festlichen Begrüßung würdig war.

Jetzt wurden die Pferdeköpfe sichtbar. Blitzschnell war das Kind über den Platz weg, die Treppe hinauf und in der Hausflur angelangt, wo es nun mit voller Kehle ausrief: »Sie kommen! Sie kommen!«

Dann rannte es zurück nach der Straße, um mit seinen Augen zu sehen, wie die ersehnte Kutsche wirklich angefahren kam. Nun traten auch die übrigen Glieder des Hauses zum Empfang heraus. Der schwere, kofferbeladene Wagen lenkte in den Hof ein; nun hielt er stille. Der Schlag wurde geöffnet, und heraus trat eine große, schwarzgekleidete Dame, die krank und vornehm aussah, so dass sie dem mit Spannung zuschauenden Kinde gleich einen außerordentlichen Respekt einflößte. Dann stieg die begleitende Gesellschafterin heraus, auf deren Arm sich die Dame sogleich stützte, nachdem sie mit großer Freundlichkeit die Frau des Hauses und die übrigen Glieder begrüßt hatte. Jetzt sprang ein Junge aus dem Wagen mit einem so gewaltigen Anlauf, dass es ihn erst fast überschlug und dann weit über das notwendige Ziel des Absteigens hinausjagte, so dass er erst eine Strecke zurückkehren musste, um der Familie des Hauses seinen Gruß zu bieten.

»Otto, wie kannst du?« hatte die Dame sanft mahnend bemerkt, als der Sprung vor sich ging und die Begrüßungen etwas unterbrochen hatte.

Nun war die Ordnung wiederhergestellt und die Gesellschaft stieg hinauf zum gastlich bereiten Empfangszimmer, wo bald Gäste und Hausbewohner im traulichen Gespräch am blumengeschmückten Tische saßen. Das Töchterchen des Hauses hatte sich hinter dem Stuhl seiner Mutter aufgestellt, um aus dem sicheren Verstecke teils die schwarze Dame auf dem Sofa, teils ihre Begleiterin in der Zimmerecke zur Rechten und den Jungen zur Linken mit Muße betrachten zu können. Aus dem Gespräch konnte das Kind entnehmen, dass die Dame aus dem Norden von Deutschland kam, dass sie mit ihrem Söhnchen auf einer Badereise begriffen sei und sich vorbehalten hatte, auf dem Wege dahin kurze Zeit in dem Hause zuzubringen, das durch langjährige Bande der Freundschaft mit einer ihr nahe verwandten Familie verknüpft war.

Schon mehrere Male im Verlauf des Gesprächs hatte das Kind von seinem Versteck aus bemerkt, wie der Junge sich bemühte, seinen Stuhl auf die beiden Hinterbeine zu stellen, so dass die vorderen in der Luft schwebten und es eines außerordentlichen Kunstgriffs bedurfte, sich dabei im Gleichgewicht zu erhalten. Die erschrecklichen Gebärden des Jungen zeugten auch von der großen Anstrengung, die ihn das Werk kostete. Das Kind hielt den Atem an vor Erwartung der ungeheuren Dinge, die sich ereignen konnten. Jetzt musste der Junge rücklings überschlagen, mit seinen Füßen den kleinen Tisch hinter sich umwerfen und die große Blumenvase, die drauf stand, mit ins Verderben reißen.

Nein – er hielt sich wieder, aber er war dunkelrot, fast blau vor Anstrengung. Jetzt sah das Kind, wie die Dame sich vorbeugte, um hinter den Stuhl der Mutter sehen zu können, es verkroch sich noch etwas besser; aber sie winkte deutlich mit ihrer Hand, dass es zu ihr kommen sollte. Etwas erschrocken kam es aus seinem Versteck hervor, ging an dem gefährlich schaukelnden Stuhl vorbei und trat zu der Dame heran.

»Liebes Kind«, sagte diese, freundlich seine Hand ergreifend, »willst du meinen Jungen in den Garten führen und ihm deine Blumen zeigen?«

Sofort sprang der Junge vom Sessel; die Kinder traten miteinander aus der Türe. Das Heruntersteigen der hohen Treppe, die nach dem unteren Stockwerk führte, begann der Junge mit einem solchen Sprung, dass er viel schneller unten anlangte, als er selber vermutet hatte. Er kam zwar schließlich auf seine Füße zu stehen, aber mit ziemlicher Erschütterung.

Nun standen sie draußen. Der helle Sonnenschein lag auf dem freien Platz vor dem Hause. Wie ein abgeschossener Pfeil rannte der Junge über den ganzen Hof hin bis zum äußersten Ende, wo ein alter Birnbaum stand mit knorriger Rinde und weit ausgebreiteten Ästen. Hier hielt er an, lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm und schaute mit weit offenen Augen das Mädchen an, das ihm nachgegangen war und nun, bei ihm angelangt, stille stand. Eine Weile guckten sich die beiden starr an. Der Junge stand unbeweglich an den Stamm gedrückt, seine runden blauen Augen wurden immer größer. Der Gespielin wurde etwas verlegen zu Mute.

Einmal stand sie ohne Halt im Rücken da, dann stieg ein mahnendes Gefühl in ihr auf, den ersten Schritt zu tun gegen den Gast zu irgend einer Unterhaltung. Was konnte sie nur tun? Er sah nicht aus, als ob er Blumen ansehen wollte. Sie sollte doch wenigstens etwas zu ihm sagen, aber wie nur anfangen? Es kam ihr absolut nichts in den Sinn. Die blauen Augen sahen sie immer strammer an, und die blonden Haare standen ganz struppig und wie eine Drohung auf dem Kopf des Jungen. Die Pause wurde immer peinlicher. Die Kleine schaute ringsum; war denn nichts da, worüber man etwas sagen könnte? Wenn sie sagen würde: Du hättest auch ein Bein brechen können, wie du so die Treppe hinabfuhrst. Nein, da konnte er böse werden, dass sie meinte, er sei so ungeschickt. Oder sie könnte sagen: Siehst du, wie viel Birnen es an dem Baum hat! Nein, das war ihm ja ganz gleich, er bekam doch keine davon. Aber jetzt – ein herrlicher Gedanke kam ihr in den Sinn, drauf musste er doch antworten. »Wie heißest du?« fragte sie mit entschlossenem Ton.

»Pass mal auf!« entgegnete der Junge, immer noch strammen Blickes. »Ich heiße O. v. K. Was kannst du draus machen?«

Dem Mädchen kam augenblicklich ein Spiel in den Sinn, da man sich die Namen zu erraten gibt, aus deren Anfangsbuchstaben irgend welche mehr oder weniger sinnvolle Bezeichnungen des Namenträgers gebildet werden. Ohne langes Besinnen erwiderte es: »Daraus mache ich: O Vogel Kakadu! Jetzt ist's an dir: Ich heiße H. H., und daraus kannst du nichts machen.«

»Nicht? So pass mal auf!« Nun machte der Junge seinen Mund auf, und als ob ihn ein unwiderstehliches Lachen ergriffe, begann er: »Haha, haha, hahaha, hahahaha!« Das künstliche war in ein völlig natürliches Gelächter übergegangen, das nun auch die Zuhörerin ergriff und sie unaufhaltsam mit fortriss, so dass eine gute Weile lang die beiden Kinder aus vollem Halse drauf los lachten, eins immer das andere ansteckend.

»Jetzt siehst du, welch ein Gelächter dein Name gibt«, sagte endlich der Junge triumphierend. »Nun kannst du mich Kakadu nennen, und ich nenne dich Haha.«

Die Bekanntschaft war vollständig geschlossen. Wie einen alten Freund nahm Haha – eigentlich Hedwig genannt – den Jungen bei der Hand und führte ihn zu den sauber geschälten Baumstämmen, die an der äußeren Wand der Scheune aufgeschichtet lagen, weiterer Bearbeitung harrend.

»Wir wollen uns hier auf den Stamm setzen, so kann man viel besser schwatzen«, bemerkte Hedwig.

Der Junge war's zufrieden. Auf dem trockenen, sonnenbeschienenen Platz zu den Füßen der Kinder hüpften Scharen von Vögeln umher, die Körner aufpickend, welche öfters aus den Futtertrögen der nahen Scheune mit und ohne Absicht für die fröhlichen Tiere abfielen. Die Kinder schauten vergnügt auf das pickende, hüpfende, zwitschernde Völkchen.

»Kannst du die Vögel voneinander unterscheiden und weißt du, wie sie heißen?« fragte jetzt Hedwig ihren Kameraden.

»Ich kenne die Kanarienvögel«, entgegnete er mit wichtiger Kennermiene. »Die Kanarienvögel leben in Käfigen, sind gelb und schreien fürchterlich.«

»Ja, aber es gibt noch viele andere Vögel, die leben auf den Bäumen. Da gibt es Amseln und Lerchen, Rotkehlchen und Distelfinken – o! jetzt kommt mir etwas in den Sinn«, unterbrach sich das Kind. »Denk, wir haben auch einen Vogel im Käfig, es ist ein Distelfink, aber jetzt ist er krank, seit sechs Tagen, und pfeift nicht mehr und steckt den Kopf immerfort in die Federn und frisst kein Futter mehr. Heute hab' ich ihn aber ganz vergessen, nun will ich gleich gehen und sehen, was er macht.«

Hedwig sprang von der Holzschicht herunter.

»Bring ihn einmal hierher«, rief der Junge nach, »ich weiß ein Mittel, wir können ihn gleich gesund machen.«

»Gewiss, gewiss?« fragte Hedwig zurück, vor Freude in die Höhe springend. Sie wartete keine Antwort mehr ab, schon war sie ins Haus hinein gerannt und verschwunden. Jetzt kehrte sie langsam trippelnd zurück. Sorgfältig hielt sie den zusammengekauerten Vogel in der hohlen Hand, die andere schützend...

Vorwort des Verlegers

Nicht alle Bücher, die bleiben, treten laut auf. Manche wirken leise und sind gerade darum tief. Johanna Spyris »Im Rhonetal« gehört zu diesen stillen, eindringlichen Werken. Was den Leser hier erwartet, ist keine bloße Landschaftserzählung und auch keine gefällige Idylle, sondern ein Roman von feiner seelischer Beobachtung, von innerer Bewegung und von jener unaufgeregten Menschlichkeit, die Spyris besten Büchern ihre bleibende Kraft verleiht.

Wer Johanna Spyri allein mit den heiteren Tönen ihrer bekannteren Werke verbindet, begegnet in diesem Buch einer anderen, ernsteren Seite ihrer Kunst. »Im Rhonetal« erzählt von Erinnerung und Begegnung, von Krankheit und Hoffnung, von stiller Güte, von Schuld, Trost und der Möglichkeit innerer Wandlung. Gerade darin liegt seine besondere literarische Eigenart: Das Äußere bleibt schlicht, doch unter der ruhigen Oberfläche entfaltet sich ein reiches menschliches Leben. Spyri zeigt, wie eng Schmerz und Mitgefühl, Prüfung und Reifung miteinander verbunden sein können, und sie tut dies in einer Sprache, die Wärme besitzt, ohne je gefällig zu werden.

Für diese Ausgabe war uns wichtig, den eigenen Ton des Werkes zu bewahren: seine Sanftheit, seine Klarheit, sein Zeitkolorit. Wo ältere Ausdrucksweisen dem heutigen Leser unnötig im Wege standen, haben wir den Text behutsam geglättet.

Denn auch heute vermag »Im Rhonetal« etwas zu schenken, was selten geworden ist: die Erfahrung eines stillen, ernsthaften Erzählens, das den Menschen in seiner Verletzlichkeit sieht und ihn doch nicht preisgibt. Wer sich auf dieses Buch einlässt, wird in ihm nicht nur ein Dokument seiner Zeit finden, sondern eine lebendige, anrührende und kluge Lektüre, die weit über ihre Entstehungszeit hinausreicht.

Ich wünsche Ihnen eine erfüllte Lektüre.

Ihr Verleger
Joachim Feser


Spyri, Johanna
Johanna Spyri (1827–1901) gehört zu den prägenden Stimmen der Schweizer Literatur des 19. Jahrhunderts. Geboren als Johanna Heusser im Zürcher Oberland, wuchs sie in einer gebildeten Familie auf – ihr Vater war Arzt, ihre Mutter Schriftstellerin. Naturerfahrung und kulturelle Offenheit prägten früh ihr Denken und Schreiben.

1852 heiratete sie den Juristen und Redakteur Johann Bernhard Spyri und zog nach Zürich. Die Ehe galt als eher nüchtern und war von längeren Phasen der Distanz geprägt. Das Paar hatte einen Sohn, Bernhard. Sein früher Tod traf Johanna Spyri tief und hinterließ deutliche Spuren in ihrem Werk.

Erst mit über 40 Jahren begann sie zu veröffentlichen – mit großem Erfolg. Weltberühmt wurde sie mit »Heidi«, doch ihr Gesamtwerk umfasst über 40 Erzählungen und Romane.

1880 erschien »Im Rhonetal« – im selben Jahr wie »Heidis Lehr- und Wanderjahre«. »Im Rhonetal« zeigt eine andere Seite der Autorin: differenzierter, gesellschaftsnaher und stärker auf die Lebensrealität von Frauen gerichtet.

Johanna Spyri verbindet eindrucksvolle Naturbilder mit einem feinen Gespür für soziale Spannungen und persönliche Entwicklung. Ihre Geschichten erzählen von Verantwortung, Selbstbestimmung und der Suche nach einem erfüllten Leben – Themen, die bis heute aktuell sind.

Johanna Spyri (1827–1901) gehört zu den prägenden Stimmen der Schweizer Literatur des 19. Jahrhunderts. Geboren als Johanna Heusser im Zürcher Oberland, wuchs sie in einer gebildeten Familie auf – ihr Vater war Arzt, ihre Mutter Schriftstellerin. Naturerfahrung und kulturelle Offenheit prägten früh ihr Denken und Schreiben.

1852 heiratete sie den Juristen und Redakteur Johann Bernhard Spyri und zog nach Zürich. Die Ehe galt als eher nüchtern und war von längeren Phasen der Distanz geprägt. Das Paar hatte einen Sohn, Bernhard. Sein früher Tod traf Johanna Spyri tief und hinterließ deutliche Spuren in ihrem Werk.

Erst mit über 40 Jahren begann sie zu veröffentlichen – mit großem Erfolg. Weltberühmt wurde sie mit »Heidi«, doch ihr Gesamtwerk umfasst über 40 Erzählungen und Romane.

1880 erschien »Im Rhonetal« – im selben Jahr wie »Heidis Lehr- und Wanderjahre«. »Im Rhonetal« zeigt eine andere Seite der Autorin: differenzierter, gesellschaftsnaher und stärker auf die Lebensrealität von Frauen gerichtet.

Johanna Spyri verbindet eindrucksvolle Naturbilder mit einem feinen Gespür für soziale Spannungen und persönliche Entwicklung. Ihre Geschichten erzählen von Verantwortung, Selbstbestimmung und der Suche nach einem erfüllten Leben – Themen, die bis heute aktuell sind.



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